KAMELE, FALKEN UND FUSSBALLSPIELER
KICKEN IN SAUDI-ARABIEN
Im März 1994 sollte es am Millerntor ein Freundschaftsspiel zwischen dem FC St.Pauli und der Nationalmannschaft von Saudi-Arabien geben, das sich erstmals für eine Fußball-WM qualifiziert hatte. Ein Spielevermittler mit Namen Telek war von den spielerischen Qualitäten unseres FC beim Hallenturnier in Cloppenburg damals derart angetan, daß er einen Kick zur Vorbereitung auf die WM in den USA ´94 verabreden wollte. Das Spiel fand dann allerdings doch nicht statt; die Gründe hierfür kenne ich leider nicht.
Doch die Saudis konnten sich auch ohne dieses Vorbereitungsspiel beim Turnier in den USA sehr gut in Szene setzen. Durch Vorrundensiege gegen Marokko und Belgien sowie eine knappe Niederlage gegen Holland erreichte das Team damals überraschend, als erste asiatische Mannschaft überhaupt (außer Nordkorea 1966), das Achtelfinale, wo die Elf gegen den späteren WM-Dritten Schweden mit 1:3 die Segel streichen mußte. Unvergessen bleibt allerdings das grandiose Solo des saudischen Superstars Saeed Al-Owairan gegen Belgien. Von der Mittellinie dribbelte sich der heute 30jährige bis vor den belgischen Keeper Preud'homme und erzielte das entscheidende 1:0, das dem Neuling den Einzug in die Zwischenrunde garantierte. Der Erfolg des Nationalteams führte in der saudischen Hauptstadt Riad zu fast umstürzlerischen Szenen und Situationen. Obgleich die Gesetze des Korans den Gläubigen während der Gebetszeiten jegliches weltliches Verhalten untersagen, waren die Fans in der Millionen-Metropole nicht mehr zu halten: Die TV-Geräte zeigten ununterbrochen die entscheidenden Spielszenen, der Jubel fand kein Ende. Ziemlich hilf- und machtlos mußten die Muttawa, mit Rohrstöcken ausgerüstete religiöse Moral- und Tugendwächter, dem Treiben zuschauen. Allerdings kam es auch zu einigen Verhaftungen, dort, wo es das Volk allzu doll trieb. Insbesondere jubelnde Frauen, die ihre langen Gewänder angeblich zu luftig trugen, wurden von der Muttawa gemaßregelt und teilweise verhaftet. Was aber insofern nicht verwundert, weil die Rechte der Frauen im islamischen Saudi-Arabien gegen Null tendieren. Ihnen ist es bspw. auch untersagt, sich ohne Begleitung oder schriftliche Genehmigung eines männlichen Familienmitglieds, außerhalb des Hauses zu zeigen. Selbstredend, daß Frauen beim Fußball im Königreich absolut ausgeschlossen sind; sowohl aktiv wie passiv. Doch auch WM-Star Al-Owairan mußte dem Königs-Regime seinen Tribut zollen: Weil der Shooting-Star Ende 1996 beim Alkohol-Konsum und dem Kontakt mit Callgirls erwischt wurde, durfte er zunächst eine Gefängniszelle sein Eigen nennen. Wahrscheinlich hätten seine Prominenz und seine guten Kontakte zum Königshaus noch das Schlimmste verhindern können, doch soll Owairan ausgerechnet den Anführer des islamischen Militärs niedergeschlagen haben. Folge: Hausarrest und Sperre für ein Jahr.
SPIELZEUGE FÜR DIE SCHEICHS
Bereits seit 1959 existiert der saudische Fußballverband, der heute rund 130.000 Spieler (bei ca. 12 Millionen Einwohnern) in 175 Vereinen umfaßt. Populärster und erfolgreichster Club ist das Hauptstadt-Team von Ittehad Jeddah, der bereits 1927 gegründet wurde und am Ende der 70er allein schon deshalb in die Schlagzeilen kam, weil Fußball-Weltenbummler Dettmar Cramer dort Trainer war und 2 deutsche Profi-Akteure dort unter Vertrag standen: Erich Beer (ehemals Hertha BSC) und Theo Bücker (Borussia Dortmund und MSV Duisburg). Und Bücker analysierte bereits damals messerscharf: "Ich glaube, gerade weil Fußball typische Männersache ist, kommt der hier so groß an". Und tatsächlich hat der Fußball seit dem Ende der 80er den bis dahin populärsten Sport, das Kamelrennen, vom ersten Platz verdrängt. Die beliebte Falkenjagd leisten sich die Besitzenden jedoch weiterhin nebenher. Heute darf jeder saudische Verein 3 ausländische Spieler in seinen Reihen haben. Nach seinem Split mit Barcelona kickt bspw. Superstar Hristo Stoitschkov für eine Gage von 100.000 Dollar für 2 Monate beim Erstligisten Al-Ansar. Umgekehrt funktioniert das jedoch nicht, weil Königs-Sohn und Fußball-Präsident Prinz Feisal Ibn Fahd es saudischen Spielern verboten hat, im Ausland zu spielen. "Geld spielt hier keine Rolle", konstatiert der deutsche Ex-Nationaltrainer Otto Pfister, der Ende 1997 durch den brasilianischen Erfolgstrainer Carlos Alberto Parreira abgelöst wurde, nachdem die Saudis beim Continental-Cup gegen Brasilien (0:3) und Mexiko (0:5) verloren hatten. Zwar hatte Pfister das saudi-arabische Team erst zur WM geführt (er übernahm die Elf in einer Situation, in der die WM-Quali fast schon abgehakt war), doch begreifen die saudischen Herrscher das Nationalteam als ihre Spielwiese, mithin die Spieler als menschgewordene Kamele. Trainer spielen in diesen Überlegungen eine eher untergeordnete Rolle; austauschbar sind sie allemal. Kein Wunder in einem Land, in dem der ugandische Ex-Diktator Idi Amin sein Exil in einer Marmor-Villa genießen kann.
DER WEG ZUR WM
In der ersten WM-Qualifikationsrunde im März 1997 konnten die Saudis mit 5 Siegen und einem Unentschieden -bei nur einem Gegentor- restlos überzeugen. Allerdings waren die gegnerischen Mannschaften aus Malaysia, Taiwan und Bangladesh auch eher nur Sparringspartner. In der anschließenden zweiten Vorrunde mit den Teams aus dem Iran (die sich ja bekanntlich später gegen Australien ihr WM-Ticket erkämpften), China, Kuwait und Katar, taten sich die Araber dann jedoch ein wenig schwerer. Vier Siege, zwei Niederlagen und zwei Remis reichten allerdings aus, um den Sprung nach Frankreich zu schaffen. Doch eigentlich hatten auch alle diesen Erfolg erwartet, schließlich ist die Elf von Saudi-Arabien eine echte Macht in Asien: Den Asien-Cup gewann die Mannschaft 1984, 1988 und 1996, 1992 wurde der zweite Rang erlangt. In der aktuellen FIFA-Weltrangliste rangiert das Land auf Platz 33, noch vor Bulgarien, Schottland, Belgien und Nigeria. Daß der inzwischen nicht mehr aktive Saudi Majed Abdullah die Weltrangliste bei den Länderspieleinsätzen unangefochten anführt (147 Spiele), sei hier allerdings nur am Rande erwähnt.
Vorzügliche Bedingungen findet der brasilianische Star-Trainer Parreira (seit Januar 1997), der Brasilien 1994 zum WM-Sieg führte, in Saudi-Arabien vor: Ein kolossales Stadion, das fast eine Milliarde Mark kostete, die bedingungslose Verfügungsgewalt über jeden Nationalspieler, eine sportliche Infrastruktur, die ihresgleichen sucht. Und die Spekulationen darüber, wieviel Gehalt der Südamerikaner für seinen einjährigen Vertrag erhielt, schwanken zwischen drei und fünf Millionen Mark. Aber über Geld und Sachzuwendungen wird im Land der Prinzen und Scheichs nicht viel Aufhebens gemacht. Die fünf- bis sechstelligen Gehälter der Spieler werden durch Autos, Häuser und andere unwichtige Dinge von Sponsoren ergänzt, so daß es sich für einen Kicker im Saudi-Land durchaus leben läßt. Allein für das Ereichen der WM-Endrunde soll es abermals einen sechsstelligen Betrag gegeben haben. Rund 70 Millionen Dollar jährlich soll das Land in die Entwicklung des Fußballsports stecken. Erstaunlich, daß professioneller Fußball erst seit 1992 im Wüstenstaat existiert.
AUSSICHTEN
Nachdem Ausnahme-Kicker Al-Owairan rehabilitiert wurde und wieder für die "Brasilianer Arabiens" spielen darf, erhofft sich das ganze Land einen ähnlichen Erfolg wie vor vier Jahren. Der Spielmacher der Araber soll ebenso gute Leistungen erbringen, wie in den USA. Ein Weiterkommen sei dann nur die logische Konsequenz. Ob das Team allerdings mit den zuletzt gezeigten Leistungen tatsächlich ein neues Wunder schaffen kann, ist bei diesen Vorrunden-Gegnern eher zu bezweifeln. Mit Dänemark (12.6. in Lens), Gastgeber Frankreich (18.6. in Saint-Denis) und Südafrika (24.6. in Bordeaux) kommen ganz schwere Brocken auf die Filigran-Techniker zu. Und auch das 0:3 gegen Deutschland in Riad im Februar (übrigens neben dem 0:6 beim 84er Olympischen Turnier in L.A. das erste offizielle Länderspiel gegeneinander) war eher nicht dazu angetan, den Saudis besonders viele Chancen auszurechnen. Außerdem plagen Parreira ein paar Wochen vor Turnierbeginn enorme personelle Sorgen: Beide Torhüter mußten beim Trainingslager in Frankreich wegen schwerer Verletzungen zurück in die Heimat geschickt werden, zudem sind weitere Stützen angeschlagen. Doch ändert dies wohl nichts an der euphorischen Einschätzung durch Ex-Trainer Pfister: "Saudi-Arabien kann in Frankreich Furore machen". Und Carlos Alberto Parreira sekundiert: "Technisch ist die Mannschaft sehr stark". Warten wir's ab und hoffen auf die eine oder andere Überraschung durch die Saudis.
ro.
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