Uwe S. sacht mal: Auf jeden Fall können die Fußball spielen, doch ob sie mit so wenig Erfahrung bei einer WM bestehen können, erscheint mir fragwürdig. Solche Mannschaften sind immer in der Lage, für Überraschungen zu sorgen. Generell muß man jede Mannschaft ernst nehmen, die sich für die WM qualifiziert hat.

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JAMAIKANISCHE LÖWEN IM HÖHENRAUSCH

Die Nationalelf von Trinidad/Tobago befand sich 1989 in einer ähnlichen Situation. Ihre Ausgangslage war äußerst günstig, nach Kuba (1934 in Italien) und Haiti (1974 in Deutschland), als drittes karibisches Land überhaupt an einer Fußball-WM teilzunehmen. Doch diese Träume zerstörte ein Mann namens Paul Caligiuri, der mit einem Weitschuß stattdessen die USA zur WM nach Italien ballerte.

Doch hieran wollte am 16. November 1997 in Kingston/Jamaika niemand denken. Bereits am frühen Morgen begann die Party, die erst am nächsten Morgen enden sollte. Eine Woche zuvor hätten die Reggae-Boyz, so der Kosename der Nationalkicker der Karibikinsel, bereits alles klar machen können; mit einem Auswärtssieg in El Salvador wären die Tickets in die USA bereits sicher in den Taschen gewesen. Doch die Mittelamerikaner glichen 2 Minuten vor Spielende zum 2:2 aus und verschoben somit die Entscheidung, wer, neben Mexiko und den USA, als dritter Qualifikant aus der Concacaf-Gruppe (amerikanisch-karibischer Raum außer Südamerika) den Weg nach Europa antreten darf. Gast auf Jamaika war an diesem Sonntag der Gruppenerste Mexiko, gegen den schon ein Unentschieden gereicht hätte. Die Chancen standen trotz des hervorragenden Gegners gut, denn erstens hatte das heimische Team die letzten 5 Qualifikationsspiele nicht verloren, und zweitens lag die letzte Heimniederlage fast zweieinhalb Jahre zurück (im Juli 1995 1:2 gegen Kuba). Dies wußte natürlich auch ein großer Teil der 2,6 Millionen Jamaikaner, von denen heute Hunderttausende in Sachen Fußball auf den Beinen waren. Bereits Stunden vor Spielbeginn war das von der britischen Queen geschenkte 35.000 Zuschauer fassende Stadion mit knapp 40.000 Zuschauern nahtlos gefüllt. Auch rund um das Areal tummelten sich Zehntausende und feierten bei tropischen Temperaturen und satten Reggae-Rhythmen ihre Helden bereits vor dem Spiel. Das Match endete 0:0, und das ohnehin schon sehr feier-freudige Jamaika erlebte die größte Sause seit der Unabhängigkeitserklärung am 6.August 1962. Spieler und Trainer wurden auf Schultern vom Platz getragen, Premierminister Percival James Patterson erklärte den folgenden Montag zum nationalen Feiertag. Ausländische Beobachter wunderten sich allerdings nicht nur über die einmalige Partystimmung rund um das Spiel, sondern auch noch über das in Europa merkwürdig anmutende Fanverhalten während des Spiels. Es gab keine permanenten Fangesänge, sondern ausschließlich spielorientierte Äußerungen: War der Gegner am Ball, herrschte Totenstille, erst bei vergebenen Chancen der Gäste bzw. Ballgewinnen wie Torchancen des eigenen Teams entlud sich die Begeisterung lautstark; fulminante Solo-Aktionen einzelner Spieler wurden heftigst bejubelt, gelungenes Kombinationsspiel hingegen erzeugte im Rund nur ein kollektives Schweigen.

Ein paar Wochen nach diesem "National-Ereignis" nutzte Regierungschef Patterson die vorhandene Fußball-Euphorie seiner Landsleute, indem er die eigentlich erst für April 1999 vorgesehene Parlamentswahl flugs auf den 18.Dezember 1998 vorverlegte. Prompt erlangte seine "People's National Party" 47 von 60 möglichen Parlamentssitzen, Patterson selbst wurde zum dritten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt, ein Novum für das Land. Und neu war auch, daß es im Wahlkampf relativ gewaltfrei zuging: "Lediglich" 12 Menschen wurden bei einer 'kleinen Schießerei' Anfang Dezember verletzt. Vergleicht man diese Bilanz mit den 800 Toten im Wahljahr 1980, ist dies tatsächlich ein Erfolg. Vielleicht lag dies daran, daß die komplette Fußball-Nationalelf in einer großen Tageszeitung zum Gewaltverzicht im Wahlkampf namentlich aufgerufen hatte.

HILFE VON DER BRITISCHEN INSEL

Mit insgesamt 20 Spielen ist Jamaika die Mannschaft mit den allermeisten Qualifikations-Matches. Insgesamt galt es fünf Runden zu überstehen. Nachdem die Reggae-Boyz die ersten drei davon durch Freilos und K.o.-Siege gegen Surinam und Barbados recht souverän meistern konnten, war der Gruppensieg in der 4. Concacaf-Runde noch vor Mexiko und dem hoch eingeschätzten Honduras schon ein wenig überraschend. In der fünften und letzten Runde hießen die Gruppengegner dann USA, Mexiko, Kanada, Costa Rica und El Salvador. In den ersten vier Gruppenspielen erreichte die Elf lediglich zwei Unentschieden bei zwei Niederlagen (0:6 in Mexiko und 1:3 in Costa Rica) bei nur einem einzigen selbst geschossenen Tor. Und erneut entflammte die bereits bei Erreichen dieser Endrunde aufgekommene Diskussion um den Einsatz von Legionären. Der seit Oktober 1994 amtierende brasilianische Trainer Rene Simoes plädierte bereits damals für den Einsatz von Spielern, die im Ausland kicken, mußte sich allerdings der Mehrheitsmeinung, der sich dann auch der Verband anschloß, beugen: Nationalspieler nur, wenn auf der Heimatinsel die Buffer geschnürt werden. Doch nun schienen die Karten neu gemischt und Simoes hatte alle Trümpfe in der Hand. Bereits zum Heimspiel gegen Kanada (1:0) setzte der Schnauzbart vier Spieler aus England ein. Die Erfolge sollten dem Trainer recht geben: Es folgten zwei Siege und drei Unentschieden, vier der fünf erzielten Tore steuerte der 21jährige Deon Burton von Derby County bei! So konnten die zumeist in England geborenen Jamaikaner das Ruder noch herumreißen und mit Siegen gegen Kanada und Costa Rica, sowie Unentschieden gegen die USA, El Salvador und eben Mexiko den Weg nach Frankreich ebnen.

Niemand hätte noch im Frühjahr 1997 auch nur einen lausigen Jamaika-Dollar auf die Truppe gesetzt, zumal es zu jener Zeit auch ein paar Merkwürdigkeiten gab und den Reggae-Boyz deshalb auch das Attribut einer Skandaltruppe anhing. So gab es ein auswärtiges Freundschaftsspiel gegen Bolivien, bei dem die Rasta-Kicker eine eher komische Rolle spielten. Ziemlich willenlos droschen die Spieler bei diesem Match den Ball in alle Himmelsrichtungen, aber nicht in Richtung Tor oder zu den eigenen Mitspielern. Gelungene Aktionen der Bolivianer wurden mit kollektiven Lachsalven durch das jamaikanische Team quitiert; einige Spieler wälzten sich scheinbar betrunken auf dem Rasen. THC möchte man meinen, aber der Grund lag ganz woanders: Das Länderspiel wurde in Oruro durchgeführt, ein Ort, der 3.800 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Karibik-Soccer unterlagen einem sogenannten Höhenrausch, der die Sinne völlig verwirrt. Das Spiel endete folgerichtig 6:0 für die Südamerikaner.

Im April sollte es ein Freundschaftsmatch gegen den mexikanischen Erstligisten Neza Toros geben, das jedoch bereits nach 18 Spielminuten vom Schiri abgebrochen werden mußte. Nachdem sich ein paar Spieler Jamaikas rassistisch beschimpft fühlten, kam es zu einer Massenprügelei, die zwar, nachdem die Jamaikaner kurzfristig das Feld verließen, vorerst beendet schien, allerdings wieder neu entfachte, weil sich ein paar Gäste-Spieler, bewaffnet mit Holzlatten, zurück auf den Ground begaben. Die mexikanische Elf flüchtete in die Kabinen, der Schiedsrichter beendete das Match daraufhin endgültig.

Gern wurde das jamaikanische Nationalteam dann auch mit Korruptionsvorwürfen belegt, als Verbands-Präsident Horace Burrell sich ein paar Tage vor dem Spiel in El Salvador -unter angeblich falschem Namen- in einem Hauptstadt-Hotel eingemietet hatte. Anonyme Informationen sollen Hinweise auf Unregelmäßigkeiten für das Quali-Match gegeben haben. Tatsächlich reiste Burrell in das mittelameri-kanische Land, weil seinem Verband für das äußerst wichtige Duell lediglich 100 Eintrittskarten zugeteilt wurden und der sich nun auf eigene Faust (mit einem Koffer voll Bargeld, wie es heißt) um weitere Tickets für die Fans aus Jamaika bemühen wollte.

An Anekdoten sei abschließend noch diese erwähnt: Nachdem sich einige Nationalverbände über die katastrophalen Platzverhältnisse des Nationalstadions in Kingston bei der FIFA beschwert hatten, wies der Fußball-Weltverband die Jamaikaner im August 1997 an, für die Spiele gegen Kanada und Costa Rica für eine Anpassung der Rasenqualität an internationale Standards zu sorgen. Cool antworteten die Insulaner, daß sie hierfür leider keine Zeit hätten; auf eine mögliche und angedrohte Platzsperre warten die Grün-Schwarz-Gelben bis heute und profitieren noch immer von diesem Heimvorteil.

GESCHICHTE, TRADITION UND ZUKUNFT

Lange bevor unser FC gegründet wurde, gab es auf Jamaika den ersten Fußballclub. Bereits 1893 formierte sich das erste Team. Seit 1910 (!) gibt es einen offiziellen Landesverband. Die erste internationale Begegnung fand allerdings erst 15 Jahre hiernach statt: Gegen den karibischen Nachbarn Haiti gab es 1925 das erste Länderspiel überhaupt, das mit 1:0 gewonnen werden konnte. Seit der Unabhängigkeit 1962 ist Jamaika auch Mitglied der FIFA, und für die WM in England 1966 bestritt das Land 1965 erstmals auch die dafür notwendige Qualifikationsrunde. Nach Vorrundensiegen gegen Kuba und die Antillen scheiterten die Reggae-Boyz dann allerdings klar gegen Mexiko und Costa Rica. Es schlossen sich erfolglose Versuche für die WM 1970, 1978, 1990 und 1994 an. Für die Jahre 1974, 1982 und 1986 wurde kein Team gemeldet.

Heute wäre der Verzicht auf die Qualifikationsrunde undenkbar. Das Land ist fußball-infiziert, und der Tretsport hat den ehemaligen kolonialistischen Nationalsport Cricket eindeutig auf die Plätze verwiesen. Hierzu beigetragen hat sicher nicht nur Reggae-Papst Bob Marley, der jede freie Minute nutzte, um seinem Lieblingssport Fußball zu frönen. Dies war allerdings noch zu einer Zeit, als jeder Kicker, der Nationalspieler werden wollte, sich vorher die Rasta-Locken abschneiden mußte. Erst mit Trainer Simoes -der mit seinem tiefschwarzen Schnauzer und seiner dunklen Sonnenbrille übrigens genauso so aussieht, wie der verkleidete Vater von Woody Allen im Klassiker "Woody, der Unglücksrabe"- wurde jamaikanische Tradition wieder ernst genommen: Der Haarerlaß wurde zurückgenommen, die traditionell religiös verhafteten Spieler (in keinem Land der Erde gibt es so viele Gotteshäuser pro Quadratmeter) werden seither vor jedem Match mit einem Gebet in der Kabine eingeschworen. "Fußballspielen ist wie Tanzen", erklärte der Südamerikaner seinen Spielern, impfte ihnen aber gleichzeitig ein, daß sie einen Mannschaftssport betreiben, bei dem nur das Team gewinnen kann. Und so verknüpfte Simoes brasilianische Einzelkämpfer-Tugenden mit europäischen Elementen und formte somit eine Mannschaft, die in ihren besten Momenten fast jeden Gegner schlagen kann. Zuletzt bewiesen sie das beim Gold-Cup in den USA im Februar, als durch Siege gegen El Salvador und Guatemala, sowie ein grandioses 0:0 gegen Brasilien dort das Halbfinale erreicht wurde. Nicht zuletzt Weltklasse-Keeper Warren Barrett (hat übrigens mit 27 bereits mehr als 130 Länderspiele auf seinem Konto) sorgte für diesen Erfolg. Ein Torwart, der bei der WM noch für viel Furore sorgen wird. Ebenso wie der bereits genannte Deon Burton, Leistungsträger Theodore Whitmore, sowie der 20jährige Newcomer Ricardo Gardner, dem Trainer Simoes bereits jetzt Weltklasse-Qualitäten bescheinigt.

Zuletzt blieben die Leistungen der Karibik-Soccer allerdings recht blaß. Beim Vier-Nationen-Turnier im Iran (April) verabschiedeten sich die Reggae-Lions (so der Namens-Vorschlag eines jamaikanischen Internet-Surfers nach dem Erreichen des WM-Turniers) mit zwei Niederlagen gegen Mazedonien (!) und den Iran. In zwei Länderspielen gegen WM-Teilnehmer Süd-Korea Mitte Mai in Seoul reichte es nur zu einem 1:2 und einem 0:0. Die WM-Spiele im Einzelnen: Jamaika vs. Kroatien am 14.6. in Lens (mindestens 15 St.Paulianer werden dieses Spiel vor Ort verfolgen), Jamaika vs. Argentinien am 21.6. in Paris und Jamaika vs. Japan am 26.6. in Lyon. Wer ganz viel Geld verdienen will, sollte ganz schnell 10 Mark auf den WM-Sieg Jamaikas setzen, dafür gäbe es derzeit DM 2.500 zurück. Für das Erreichen des Finales gäbe es immerhin noch eine Quote von 100:1. Setzt ihr auf das Erreichen Jamaikas für das Viertelfinale, könnt ihr noch 350,- für 10,- Einsatz abzocken.

Die "Welt am Sonntag" formulierte bereits im November des letzten Jahres genau das, was wir uns alle erhoffen: "Warum sollte Jamaika nicht die Rolle des Spielverderbers übernehmen, wie das vor sieben Jahren in Italien Kamerun zum Entzücken der ganzen Fußball-Welt so überzeugend vorgemacht hat?" Rene Simoes geht sogar noch einen Schritt weiter: "Jamaika wird Weltmeister, denn Tradition bedeutet im Fußball gar nichts. Wenn immer nur die Realität siegen würde, das wäre langweilig".

P.S. Wer sich die neuesten Infos über die Reggae-Boyz beschaffen will, muß unbedingt die nun folgende Web-Adresse anwählen: http://www.thereggaeboyz.com Dort findet ihr wirklich alle nützlichen, aktuellen und relevanten Infos.

ro.

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