Es gibt Reis, Baby
Die Achse des Bösen
ist mehr als eine Viererkette
Nordkorea, 1966. "Die Partei hat beschlossen, dass ihr mindestens ein Spiel gewinnt. Nun ziehet aus und tut wie euch geheißen." So oder so ähnlich lautete der Befehl des Großen Führers Kim Il Sung, als er seine Gesandten zur WM jenseits des Bambusvorhangs verabschiedete. Und weil die Partei bekanntlich immer Recht hat, waren die roten Ameisen fest von ihrer kommunistischen Mission überzeugt. Schließlich hatten sie zwei Jahre in einem militärischen Camp abgeschottet trainiert, alle ledig. Ihr 9:1:1-System, sprich neun vorn oder elf hinten verlangte Unermüdlichkeit. Nicht umsonst verwendete irgendein Reporter beim Anblick ihres Spieles erstmals das Wort Pferdelunge. Kein Spieler konnte als Stürmer oder Abwehrspieler bezeichnet werden - die Nordkorea-Elf wurde 1966 ein einziges, nur scheinbar wuselndes Kollektiv.
Die Engländer wollten das Team um Trainer-Oberst Myung Re Hyun erst gar nicht einreisen lassen. Von 1950 - 53 noch im Korea-Krieg gekämpft, führten sie mit Nordkorea keine diplomatischen Beziehungen. Nach multilateralem Teetrinken und gemeinsamen Arirang-Massenturnübungen gab es dennoch Visa - und trotz Verbot wurde sogar die nordkoreanische Fahne gehisst.
Das Match gegen die Gesinnungsgenossen aus der UdSSR noch 0:3 verloren, ließen sich die überheblichen Chilenen vom Gerenne-Kollektiv verwirren. Li Dong Woon gelang das 1:1 aus 20 Metern und die roten Ameisen aus Choson Minjujuui In'min Konghwaguk, so der richtige Name Nordkoreas, hielten ihre Reiskammer bis zum Abpfiff dicht.
Richtig Reis, Baby, gab es im letzten Vorrundenspiel gegen die übermächtigen Italiener, was den Spielort Middlesborough kurzzeitig zur englischen Übersetzung von Pjöngjang werden ließ. In Middlesborough war man gerade in die dritte Liga abgestiegen und spielte genau wie die Ameisen in rot. Underdoggeübt viel es also leicht, sich mit den Fernöstlern zu verbrüdern. Als Reporter die enorme Sprungkraft der kleinen Koreaner immer wieder triumphieren sahen und die italienischen Grätschversuche stets gekonnt umhüpft wurden, hatte das Kollektiv den nächsten Tiernamen weg: die Springmäuse. Schon in der ersten Hälfte kleidete sich Genosse Pak Doo Ik in Legendenstoff, als er den Ball respektlos flach und natürlich links ins Netz drosch. Das hier abgedruckte Foto zeigt kein Daumenkino eines einzelnen Koreaoners beim Gewinn eines Kopfballduells. Nein, es sind tatsächlich fünf Springmäuse, eins geworden gemäß ihres kommunistischen Kollektivherzens. Andeutend, was Der Neue Mensch auch sein könnte, nämlich der asketische, sinneserweiternde Triumph des Gemeinsamen.
Italien schied aus, reiste geheim zu Hause ein und wurde trotzdem von einem Dörrobst- und Junggemüse-Hagel der Fans begrüßt. Trainer Fabbri wurde später regelrecht verprügelt. Auf eine Anfrage der Opposition, wie denn das fußballgroße Italien gegen den kommunistischen Wicht versagen konnte, antwortete der Regierungssprecher verzweifelt: "Fragen sie doch einen Mann namens Pak Doo Ik."
Die Nordkoreaner fuhren derweil zum Viertelfinale gegen Portugal nach Everton, mit ihnen 3000 Fans aus Middlesborough, die sie als "Die Unseren" bezeichneten und mit lauten "Korea, Korea"-Rufen nach vorne trieben. Sie sahen 24 Minuten von einem anderen kommunistischem Stern, in denen der erste asiatische Teilnehmer einer WM mit 3:0 in Führung ging. Trainer-Oberst "Streng-Strahlende-Sonne" Myung Re Hyun hatte ja nach dem Italien-Sieg dem Erstaunen der Journalisten keinerlei Verständnis entgegen gebracht. Er entgegnete völlig gefasst, dass es sich lediglich um das zu erwartende Ergebnis jahrelanger sozialistischer Planwirtschaft handelte: "Sie werden sich in der Zwischenrunde noch über unser Team wundern." No Happy-End aber, denn Portugal hatte Eusebio, der seiner Elf mit vier Toren (davon zwei Elfer) doch noch den Weg zu einem 5:3-Sieg ebnete.
Und dann waren sie weg wie ein Phantom, das laut antikommunistischen Gerüchten in den nordkoreanischen Gulags bestraft zu Grunde ging. Dabei wussten die Arbeiter und Bauern bereits beim Weinen in der Kabine nach dem Italien-Sieg, bis heute aus kapitalistischer Sicht einer der größten WM-Überraschungen, dass sie ihr parteiliches Soll erreicht und nichts zu befürchten hatten.
Gerne übt sich das Phantom im abtauchen: einmal wegen Unfairness für mehrere Jahre ausgeschlossen, manchmal wegen kapitalistischer Dominanz aus eigener Überzeugung nicht antretend. 2002 jedoch gewannen die Nordkoreaner den viel beachteten King's Cup im Elferschießen gegen Thailand, nachdem sie sich politisch stolz für die Qualifikation zur WM 2002 gar nicht erst angemeldet hatten. Die nordkoreanischen Frauen liefern seit 2002 ihrerseits mit 24:0 über Singapur den höchsten Sieg eines Nationalteams und lösten sogar das zweitbeste Team der Welt China als Asien-Meisterinnen ab.
Nordkorea hat orientiert am Geburtsjahr seines ewigen Führers Kim Il Sung eine neue Zeitrechung etabliert. Nordkorea wird vorgeworfen, staatlich organisiert mit Drogen und Zigaretten zu schmuggeln, mit Waffen zu handeln, Millionen gefälschte Dollarnoten in Umlauf zu bringen und politisch unliebsame Landsleute im Ausland zu entführen. Für Bush ist Nordkorea ein Schurken-Staat, der auf einer Achse des Bösen den Terrorismus unterstützt. Aber Buddha und Ultras sei Dank hat Politik ja nichts mit Fußball zu tun.
gerd
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