"Folgt dem Schuh..."

   Zwölf Jahre ist es jetzt her. Mir kommt es vor, als ob es gestern war. In jenem Sommer des Jahres 1990 haben sich die Kicker der Nationalmannschaft Kameruns, die "Unbezähmbaren Löwen", in viele Herzen rund um den Erdball gespielt. So auch in meins. Unglaubliche Szenen spielten sich am 8. Juni in meinem Zimmer ab, nachdem Omam Biyik in der 67. Minute das 1:0 für Kamerun ggegen Argentinien geköpft hatte. Ein paar junge "Neu-Löwen" tanzten vor Freude mit sich selber, dem Nachbarn oder dem Fernseher (kein Scherz!). Spätestens nach dem Platzverweis von Massing, dem es bei seinem spektakulären Foul den Schuh auszog und diesen dann ungläubig aufgrund der Entscheidung des Schiris in die Luft hielt, als ob er sagen wollte: "Schau her, Mann des Regelwerkes. Der hat mir doch den Schuh ausgezogen. Der muss vom Platz gestellt werden, nicht ich", wussten wir, dass wir unwiderruflich dieser Equipe folgen würden. In diese Zeit fiel auch das erste Aufeinandertreffen mit dem "Leben des Brian". In diesem Streifen von Monty Python folgte eine Schar von Menschen auch schon einem Schuh, besser gesagt einer Sandale. Nun waren wir im Bann des Schuhs.

   Der Triumphzug des harten, energischen und lebhaften Fußballs Kameruns nahm seinen Lauf. Elegant wurde es erst dann, wenn unser Halbgott Roger Milla, den sie 38jährig aus dem Vorruhestand von der Insel R'Union hervorkramten, gezielt einnetzte und die Eckfahne zu einem rituellen Tänzchen einlud. Zauberhaft! Mit seinen Toren im zweiten Gruppenspiel gegen Rumänien (2:1) zog Kamerun ins Achtelfinale ein, er machte sich zum ältesten Torschützen der WM-Geschichte und zur lebenden Legende im eigenen Land. Für kurze Zeit war ein Land in Einheit und Ekstase. Und die Tänze gingen weiter.

   Im Achtelfinale war der Gegner Kolumbien, welches wieder durch zwei Tore von "Le bon Roger" nach Hause geschickt wurde (n.V.). Das entscheidende Tor zum 2:1 war auch eins der besonderen Art. In der 109. Min. wollte der exzentrische, kolumbianische Torwart René Higuita mal wieder den Libero mimen. In Sicherheit wähnend wollte er den Veteranen austanzen, was ihm aber bös misslang. Milla, der "Goaléador" spazierte allein auf das Tor zu und bevor er einschob, war schon seine Zahnlücke durch das fette Grinsen sichtbar. Viertelfinale! Wundervoll!

   Ach ja, ihr unbezähmbaren Löwen, ihr hattet es in der Hand, Deutschland im Halbfinale den Garaus zu machen. Knapp zehn Minuten vor Schluss führtet ihr 2:1 gegen England, dem dritten Treffer so nahe. Aber musstet ihr denn den Ball unbedingt über die Linie tragen wollen? Und so kam, was nicht kommen durfte, der Ausgleich kurz vor Spielende durch einen Elfmeter. Als ob die Kameruner nicht schon genug bestraft waren, wurden sie auch noch vom Schiri beschissen, der in der Verlängerung noch mal auf den Punkt zeigte, nachdem N'Kono angeblich Herrn "Ich-verlier-am-liebsten-immer-gegen-Deutschland" Lineker von den Beinen geholt haben soll. Pah! Wir waren bitter enttäuscht und so nahm dieser Tag ein jähes Ende.

   Nun gut, soviel zu den Erlebnissen einiger junger Heranwachsender und ihrer Helden. In den letzten zwölf Jahren ist im afrikanischen Fußball viel passiert. Längst sind einige Teams des schwarzen Kontinents (Kamerun, Nigeria, Marokko, Tunesien, Südafrika) zu ernstzunehmenden Gegnern bzw. echten Erfolgsgaranten avanciert. Das Abschneiden der Nationalmannschaft Kameruns bei der WM in den USA 1994 und 1998 in Frankreich kehren wir mal ganz schnell unter den Teppich. Die "Green Eagles" Nigerias schafften jeweils bei diesen Turnieren den Einzug ins Achtelfinale, wobei gerade in Frankreich mehr erwartet wurde, schließlich spielten in diesem Team so namhafte Spieler wie Okocha, Oliseh, Kanu oder West. Letztendlich scheiterten sie wohl, so wird gemunkelt, an taktischen Mängeln. Erfolgreicher sah es da schon auf internationaler Ebene bei den olympischen Spielen aus. 1996 gewann Nigeria und schaltete im Halbfinale Brasilien und im Finale Argentinien aus. In Sydney vier Jahre später waren es dann die Kameruner, die Spanien im Elfmeterschießen auf den zweiten Platz verwiesen. Und da waren sie wieder, die unbezähmbaren Löwen. Der Traum vom WM-Titel für ein afrikanisches Team. Für "unser" Team.

   Man mag es kaum glauben, aber das Schicksal eines Ex-Buli-Trainers ist nun eng mit dem des Nationalteams Kameruns verbunden. Seit knapp einem halben Jahr leitet der bei TeBe zuletzt tätige und dort gnadenlos gescheiterte Winnie Schäfer die Geschicke der "lions indomptables" (diesen Beinamen bekamen sie übrigens nach der Neuformierung des Teams, die nach einer fürchterlichen Pleite dringend notwendig wurde, altbekanntes Rezept also). Und bevor Kamerun beim Africa Cup im Januar erfolgreich den Titel verteidigen sollte, wurden sie beim letzten Training vor der Abreise frenetisch, später tumultartig von 50000 gefeiert. Und ich wette, Winnie hat sich beim Anblick dieser fußballverrückten Fans in die Hose gemacht und sich gefragt, ob dieses Märchen gut ausgehen wird. Wenn die Nationalmannschaft spielt, dann ist ein Land im kollektiven Ausnahmezustand und alle hoffen, dass der Zauber ewig anhält und der Fußball die Grenzen zueinander brechen kann. Der Gewinn der WM 2002 wäre ein passabler Anfang. Und ich glaube, dass diese Truppe mit ein bisschen Fortune und einer Portion taktischer Cleverness durchaus eine entscheidende Rolle bei der Vergabe des Titels spielen kann. Bleibt abzuwarten, ob Deutschland am Ende der Gruppenspiele nicht schon die Segel streichen muss: 1. Kamerun, 2. Irla.... Aber lassen wir das?!: - )

Web-Tip:
home.t-online.de/home/tschimmeck/kamerun.htm
www.soccerage.com/de/02/00585.html

Kamerun

Unser Vorrundenendspiel. Mit dem roten Winnie als Trainer und Cameroon Airlines als Transportgesellschaft noch unberechenbarer als eine schwangere Antilope.
Mein Tipp: Gesetzt für das Viertelfinale, wenn sie nicht ihre Trikots vergessen.

pelstinho

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