HOT DOGS

oder: Gerichts-Entscheidungen

   Das passt nun ja wirklich alles auch ins Bild des populistischen Jammerns und Anprangerns vermeintlich fremder Esskulturen, -sitten und -rituale: SPD-Ministerpräsident Kurt Beck (Rheinland Pfalz) empört sich über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (sic!) zum islamischen Schächten, bundesdeutsche Halb- bis C-Prominenz ereifert sich in der Tierschutz-Fachpresse ('Frau im Spiegel' bis 'Goldenes Blatt') über "liebe Lämmer die gequält werden" und Brigitte Bardot und Michael Owen starten anlässlich der Fußball-WM in Südkorea und Japan eine Kampagne gegen heiße Hundesuppe und Kläffer-Keule am Spieß.

   Worum aber geht's genau? Lassen wir die 'Bild am Sonntag' sprechen: "...Frisch gehäutet liegt ein Hund auf einem Kohlegrill, mit einer Lötlampe schürt ein Mann, der einen zweiten toten Hund in der Hand hält, die Glut ... Trotz internationaler Proteste hält das Land, in dem die Fußball-WM stattfindet, an der Tradition des Hundeessens fest". Ach so! Es geht also um das emotional sehr stark besetzte Thema "Welche Tiere darf man essen?"

   Gehen wir doch einmal gemeinsam von drei hoffentlich unstrittigen ethischen Grundthesen aus: Nicht zum Verzehr geeignet sind eigentlich Tiere, die entweder in irgendeiner Weise "heilig" oder in ihrem Bestand bedroht sind oder über die Maßen leiden, weil Menschen sie verzehren wollen. Okay, da bleiben dann natürlich nicht so viele Kreaturen übrig, die man roh, gekocht oder gebraten zu sich nehmen kann bzw. darf. Hunde und Katzen zählen für mich aber erst einmal grundsätzlich nicht dazu: weder ist die Spezies jeweils bedroht, noch sind die Tiere heilig - auch wenn der Kult ums Haustier hierzulande durchaus religiöse Züge angenommen hat. Bleibt also die Frage, ob diese Geschöpfe nur deshalb gequält werden, weil sie später verzehrt werden sollen. Und das ist wohl leider ziemlich sicher der Fall, aber eben nicht nur in Südkorea - und auch nicht nur bei Tieren, die bei uns als Haustiere ihr Dasein fristen.

EKEL IST KEIN KRITERIUM!

   Okay, ein merkwürdiges Gefühl hinterlässt das schon, wenn in anderen Kulturen Tiere verspeist werden, die bei uns mit Whiskas und Kitekat am Leben gehalten werden. Aber genauso abstoßend empfinden wohl auch Inder unsere Liebe zum Rindergulasch oder Moslems unser Schweinebraten-Faible. Alles eine Frage der Perspektive. Und es soll doch bitte mal jemand das Wort erheben und behaupten, Schweinemast, Hühnerzucht und Rinderhaltung hierzulande seien für die Viecher das Paradies auf Erden. Dies soll nun wirklich keine Rechtfertigung für enge Käfige, lichtfreie Ställe bei uns oder gar quälerische Tiermisshandlungen im asiatischen Kulturraum sein, aber zumindest will es zeigen, dass Essgewohnheiten mitnichten der Maßstab dafür sein können, ob ein Land "Kultur" hat oder zu den "Barbaren" zählt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ja auch noch der Umstand, dass es bspw. selbst in so "zivilisierten" Ländern wie der Schweiz und Österreich Kommunen gibt, in denen das Verputzen von Hundefleisch zum Alltag gehört.

   Der Ekel-Faktor dessen, was Menschen essen, lässt sich natürlich nicht daran messen, ob die Tiere Kulleraugen und ein plüschiges Fell haben oder nicht. Dort, wo Heuschrecken, Schlangen oder Frösche zur landestypischen Fauna gehören, werden diese "ekligen" Lebewesen eben auch zum alltäglichen Lebensmittel. Und selbst wenn Ratten zu den wenigen Dingen gehören, die hungerleidende Menschen essen müssen, dann ist dies zu akzeptieren. Wohl noch mehr, als roher Fisch, der von hippen Journalisten und Werbern als kleiner Imbiss zwischendurch genossen wird.

DIE SACHE MIT DER GLAUBWÜRDIGKEIT

   Einer Frau wie Brigitte Bardot, die bekennende Vegetarierin ist und auch die Froschfresserei ihrer Landsleute anprangert, nehme ich die Kritik an Südkoreas Speiseplan ja noch irgendwie ab (vielleicht sollte sie sich aber auch mal um 17 % Le-Pen-Wähler kümmern), aber wenn irgendwelche Pseudo-Betroffenen von den fiesen Essgewohnheiten der Asiaten faseln, dann hat das für mich immer auch ein ziemlich starkes rassistisches Moment. Gerne möchte ich deshalb die Anti-Hundefleisch-Protagonisten auf der nächsten Demo gegen tierquälerische Massenhaltung auf deutschen Bauernhöfen oder gar einer Manifestation contra menschenverachtender Asylbewerber-Massenunterkünfte sehen. Aber da erwarte ich wohl zu viel.

ro.

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