Skifahrer im Elchtest -
ein Schwede und die Bank von England

   Der 7. Oktober 2000 war (aus sportlicher Sicht) einer der schwärzesten Tage in der Geschichte des englischen Fußballs: Das allerletzte Spiel im altehrwürdigen Wembleystadion verlor das Nationalteam ausgerechnet gegen die verhassten Deutschen in der WM-Qualifikation mit 0:1. Mit einem Freistoß traf Didi Hamann nicht nur ins Tor von David Seaman, sondern auch ins Herz einer ganzen Nation. Nur wenige Augenblicke nach dem Schlusspfiff gab Nationaltrainer Kevin Keegan auf der Pressekonferenz unerwartet seinen Rücktritt bekannt. Nach der verkorksten EM in Belgien und den Niederlanden (genauso wie die DFB-Auswahl scheiterte England in der Vorrunde) und dem verpatzten Start in die WM-Ausscheidungsspiele lag das Mutterland des Fußballs am Boden, hätte tiefer kaum sinken können. Wer hätte damals schon gedacht, dass die Spieler mit den drei Löwen auf dem Hemd nicht einmal 12 Monate später einen historischen Sieg in München feiern dürfen und im Mai 2002 sogar als Geheimfavorit auf den Titelgewinn in Korea und Japan gehandelt werden würden? Und wer hätte schon im Traum daran gedacht, dass ausgerechnet ein Fußballlehrer aus dem Ausland auf der Insel das Sagen hat? Sämtliche Intimkenner des englischen Fußballs mit Sicherheit nicht. Vor allem die Geschichte mit dem ausländischen Trainer hätten jene ins Reich der Fabel verbannt...

   Nur 4 Tage nach dem 0:1 gegen Rudis Riesen trat England in der WM-Qualifikation in Finnland an. Auf der Bank saß Interimscoach Howard Wilkinson, und das unansehnliche Spiel endete torlos. Auf der Suche nach einem Nachfolger für Kevin Keegan holte sich die englische FA einen Korb nach dem anderen. Ganz oben auf der Wunschliste stand Arsenal-Trainer Arsene Wenger. Der Franzose (!) war hocherfreut über die Wertschätzung, die ihm zu Teil wurde, sagte allerdings ab, weil er seinen Vertrag bei den Gunners erfüllen wollte. Ex-Coach Terry Venables (1994-1996) brachte sich zwar immer wieder selbst ins Gespräch, traf bei den verantwortlichen Funktionären aber nur auf wenig Gegenliebe. Den Zuschlag erhielt überraschend ein Mann aus Schweden, den die wenigsten auf der Rechnung hatten: Sven-Göran Eriksson, damals noch bei Lazio Rom unter Vertrag. Die "Daily Mail" titelte am Tag der Unterschrift "Es ist ein Tag mit Trauerflor, an dem uns die FA auf das Niveau der Bananenrepubliken des Fußballs gebracht hat." Die Insulaner betrachteten Schweden als "Land der Hammerwerfer und Skifahrer, die die Hälfte des Jahres im Dunkeln verbringen."

   Die größenwahnsinnigen Briten hätten ruhig einmal einen Blick in die Vita des Herrn Eriksson werfen sollen - die Stimmen der Kritiker wären wahrscheinlich viel früher verstummt: Seine ersten großen Erfolge als Trainer feierte Eriksson Anfang der 80er Jahre mit dem IFK Göteborg. 1982 wurde er mit den Schweden Landesmeister, Pokalsieger und gewann als Außenseiter gegen den großen Favoriten HSV den UEFA-Cup. Im folgenden Jahr wechselte er zu Benfica Lissabon, mit denen er 1983 und 1984 Meister und 1983 Pokalsieger wurde. 1984 ging er das erste Mal nach Italien. "Eine sehr gute Erfahrung, doch ich muss zugeben, auch ein Fehler", wie er sich später über seine Zeit beim AS Rom (mit den Römern holte er 1986 immerhin den italienischen Pokal) und dem AC Florenz äußerte. Er floh vor dem ungeheuren Druck, den die Presse in Florenz auf ihn ausübte und kehrte 1989 zu Benfica zurück. 1990 erreichte er mit den Portugiesen das Europapokalfinale der Landesmeister (0:1 gegen Milan) und wurde 1991 erneut Meister. 1992 kehrte er nach Italien zurück - und blieb diesmal wesentlich länger als bei seiner ersten Stippvisite im Land der Tifosi. Zuerst 5 Jahre bei Sampdoria Genua (Pokalsieger 1994) und schließlich 3? Jahre bei Lazio Rom (Pokalsieger 1998, Europapokal der Pokalsieger 1999, schließlich das italienische Double im Jahre 2000). Trauerflor? Bananenrepublik? Hammerwerfer? Skifahrer? Dunkelheit? Mitnichten! Eriksson ist ein Meister seines Fachs und das haben sie inzwischen sogar im Mutterland des Fußballs begriffen. Sven-Göran formte aus einer Ansammlung von Stars und Ausnahmespielern wie Michael Owen, David Beckham, Sol Campbell und Steven Gerrard, die in ihren jeweiligen Vereinen große Erfolge feierten, eine Mannschaft. Und zwar eine Mannschaft, die das Team von Rudi Völler im Rückspiel in München demontierte, nach allen Regeln der Kunst vernaschte und auch in der Höhe verdient mit 5:1 gewann. Die Qualifikation wurde tatsächlich noch als Gruppenerster geschafft, die DFB-Auswahl musste in die Relegation. Inzwischen wird auf der prüden Insel sogar mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen, dass der intellektuelle Lebemann, dem die Aura eines besonnenen Gentlemans umgibt, sich das eine oder andere amouröse Abenteuer neben seiner Lebensgefährtin gönnt. So weit ist es gekommen! Und wenn es soweit gekommen ist, dann kommt England wohlmöglich noch ins Endspiel und erringt den Titel. Die Presse ist sich inzwischen auch darüber einig, die beste Mannschaft seit 1966 zu sehen und den besten Trainer überhaupt zu haben - wieder einmal. Und auch wenn Beckhams Fußbruch schmerzt, mehr sogar als der Tod von Königin Mutter, die Chancen auf das Halbfinale sind trotz der "Group of Death" (mit Nigeria, Schweden und Argentinien) durchaus vorhanden. Wieder einmal...

England

Sie versuchen es doch immer wieder und entweder scheitern sie an sich selbst oder an Deutschland. Diesmal haben sie zusätzlich auch noch die härteste Vorrundengruppe erwischt. Um Weltmeister zu werden reicht es heute nicht mehr, nur die Latte zu treffen.
Mein Tipp: Immer nur so lange im Turnier, wie sie nicht auf Deutschland treffen.
Stephen Hero

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