Chinas Debüt bei einer Fussball-WMFür Fußball-Idol Pele ist die Sache ziemlich klar: "China wird gemeinsam mit Brasilien ins Achtelfinale kommen", so der Brasilianer gegenüber der Tageszeitzung 'Shanghai Daily'. Die Türkei und Costa Rica also müssten in WM-Gruppe C vorzeitig wieder die Koffer packen. Auch die Begründung, warum ausgerechnet ein Land, dessen größter Erfolg bislang die Finalteilnahme bei der Asienmeisterschaft 1984 war (0:2 gegen Saudi-Arabien), das schaffen sollte, fällt ihm leicht: "Die haben zwar noch keine WM-Erfahrung, aber mit Bora Milutinovic einen exzellenten Trainer". Pele lag mit solchen Prognosen zwar schon häufiger daneben, doch mit dem Jugoslawen Milutinovic (61) besitzen die Asiaten in der Tat einen Coach, der schon häufiger und regelmäßig für Weltmeisterschafts-Schlagzeilen gesorgt hat: 1986 führt er Mexiko bis ins Viertelfinale, wo die Gastgeber erst im Elfmeterschießen an Deutschland scheitern. 1990 schaltet der Serbe als Nationaltrainer Costa Ricas die Schotten und die Schweden aus (im Achtelfinale 1:4 gegen die CSFR). Es folgt 1994 mit den USA wiederum der Einzug unter die letzten 16 (0:1 gegen den späteren Weltmeister Brasilien) und schließlich 1998 mit Nigeria erneut der Sprung ins Achtelfinale (1:4 vs. Dänemark). Eine beeindruckende Bilanz, der möglicherweise noch ein Sahnehäubchen aufgesetzt werden kann. Soldaten-Ertüchtigung und koruppte SchirisErstaunlich ist es übrigens schon, wenn ein Land (derzeit Platz 51 in der FIFA-Weltrangliste - und damit noch hinter Senegal und Südkorea), das eigentlich den Tretsport erfunden hat, bis dato nur so eine kleine Rolle im Weltfußball spielt. Die Chinesen waren immerhin die ersten, die ihre Füße dazu benutzten, um gegen einen massiven mit Federn gefüllten Ball zu treten. Ts'uh küh ("den Ball -küh- mit dem Fuß -ts'uh- spielen) hieß der nette inzwischen bald 4.500 Jahre alte Zeitvertreib, der anfangs nur von Soldaten gespielt wurde, sehr bald aber auch bei Priestern, Generälen und Kaisern großen Anklang fand. Neueste Forschungen kommen sogar zu der Erkenntnis, dass bis ca. 600 nach Christus "zu qiu" (heute Fußball auf chinesisch) sogar Nationalsport gewesen sei und es damals schon eine Profiliga gegeben hat. Eine Profiliga besitzt das Land heute auch wieder (seit 1994), aber ob die Fans auf die so, nun ja, richtig stolz sein können, mögen Betrachter eher bezweifeln. Bestechliche Schiedsrichter, Spielabsprachen und randalierende Fans bestimmen nämlich inzwischen das Geschehen. Dabei bedingt das eine durchaus das andere, denn erst seit öffentlich bekannt wurde, dass sich Referees schmieren lassen und Vereine untereinander vorher Absprachen treffen, lassen die Fans (landesweit redet man von knapp 400 Millionen Begeisterten) ihrem Frust auch physisch freien Lauf. Zuletzt brach solche Gewalt Mitte März beim Erstliga-Match Shaanxi Guoli gegen Tabellenführer Quingdo Yizhong aus, nachdem der Schiri in der Nachspielzeit einen Elfmeter für den Spitzenreiter pfiff, den der Gast auch prompt zum 3:3-Endstand nutzte. Danach brannten dann nicht nur Polizeiwagen und Stadionsitze, auch der "Unparteiische" bekam was auf den Kopf und wurde in Sprechchören der Korruption bezichtigt. Die Gästemannschaft schließlich flüchtete in einem Hagel von diversen Gegenständen in die Kabinen - Fußball 2002 in China. Aber nicht wirklich überraschend, denn während die Spieler für chinesische Verhältnisse enorme Gehälter verdienen, müssen sich die Proi-Schiris pro Match mit rund 1000 Yuan (ca. 125 Euro) begnügen. Hinzu kommt, dass auf die von chinesischen Unternehmen finanzierten Teams über illegale Buchmacher inzwischen Millionensummen gewettet werden - eine Einladung zum Verschieben von Spielen. "Schlimmer als die Mafia", wie ein chinesischer Sportfunktionär kürzlich einräumte. Schlappner, Chen Yang, Rudan, Xie HuiDa mag es wirklich nur Zufall gewesen sein, dass nun ausgerechnet der Australier Mark Rudan von Alemannia Aachen in die zweite chinesische Liga nach Nanjing wechselte. Jener Spieler also, bei dessen Transfer von Sydney nach Aachen auf ominöse Weise 180.000 Euro verschwunden waren, die in einem Koffer an den später untergetauchten Spielerberater Frano Zelic übergeben worden waren. Rudan landete damals kurzzeitig in Untersuchungshaft, die Ermittlungen dauern bis heute an. Auch ihren Stürmer Xie Hui wollte die Alemannia gerne los werden und verlieh ihn bis zum 30. Juni an den chinesischen Erstligisten Shanghai Shenhua. Der chinesische Nationalstürmer ist einer von insgesamt nur drei Legionären, auf die Milutinovic in seinem WM-Kader setzt. Ein weiterer von ihnen ist der bei der Frankfurter Eintracht auch nur gelegentlich glänzende Angreifer Chen Yang (Chinas Fußballer des Jahres 2001), den der China-Coach aber Mitte April immerhin in das vorläufige 25-köpfige Aufgebot berief. Erinnert sei an dieser Stelle auch noch an den NPD-Sympathisanten und -Kandidaten Klaus Schlappner, der von 1992 bis 1994 als Nationaltrainer im Reich der Mitte tätig war und dort bis heute ein kleiner Volksheld geblieben ist, der anschließend sogar ein eigenes Bier mit Konterfei in China vermarkten durfte. Sportliche BilanzRelativ souverän meisterten die meist ganz in weiß kickenden Chinesen die Qualifikation für die WM: Zunächst sicherte sich das Team in der asiatischen Qualifikationsgruppe 9 mit sechs Punkten vor Indonesien den Einzug in die Endrunde der Asienzone. Auch dort war der Vorsprung vor dem Zweitplatzierten am Ende komfortabel: Neun Punkte vor den Vereinigten Arabischen Emiraten bedeuteten das Ticket nach Südkorea, wo China seine Vorrundespiele austragen wird. Ob es dann bei den Spielen gegen Brasilien, die Türkei und Costa Rica zum großen Wurf langen wird, ist allerdings ungewiss. Beim letzten Länderspiel-Auftritt jedenfalls (12.2. gegen Hongkong) sah es nicht wirklich gut aus: Nach 120 Minuten und Elfmeterschießen hieß es dort beim traditionellen Neujahrscup am Ende 4:5 (1:1). Bis zum ersten WM-Spiel am 3. Juni bleiben den Chinesen noch drei Bewährungsproben gegen Südkorea (27.4.), Uruguay (22.5.) und Portugal (25.5.). Und man darf dann wirklich gespannt sein, was es gebracht haben wird, dass der chinesische Fußballverband seinen Nationalkickern Anfang April bis zur WM ein Spielverbot in der Liga erteilt hat.
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