Podiumsdiskussion

Am 18.Januar hatte der Fanladen in den Ballsaal der Südkurve zu einer Podiumsdiskussion über Problemfelder in der Fanszene geladen. Neben dem Gewaltaspekt gegenüber der Polizei sollten vor ca. 300-350 Anwesenden auch Themen wie Alkoholkonsum und daraus resultierendes Fehlverhalten oder Umgang mit Gästefans angesprochen werden.

   Auf dem Podium saßen als geladene Gäste neben dem als Moderator fungierenden Justus (Fanladen) noch Roger Hasenbein (Aufsichtsrat), Sven Brux, und Corny Littmann für den Verein, sowie Kaeser (Skins), Jano (Alte Schule), Gerrit (USP), Karsten (Fanclub-Sprecherrat), Rene (AGiM) und Maik (Übersteiger).

   Wir sind sicher als FC St.Pauli schon mal einen Schritt weiter als die meisten anderen Vereine, alleine dadurch, dass es bei uns überhaupt so eine Veranstaltung gibt. Wir haben eine Organisation wie den Fanladen, der eine derartige Diskussion anstößt, organisiert und einlädt. Der Verein stellt dankenswerterweise die Räumlichkeiten und ist auch bereit, auf dem Podium selbst vertreten zu sein. Und last but not least erscheinen dann auch noch so viele Leute… mit der Anzahl hatte wohl wirklich keiner vorab gerechnet.

   Nur: Das ist bestenfalls der erste Schritt, es müssen nach diesem Abend noch einige weitere folgen, wie auch immer diese aussehen.Aus Sicht der ÜS-Redaktion gibt es derzeit drei Hauptbereiche, in denen derzeit etwas im Argen liegt:

1. Aggressivität gegen andere Fangruppen und Vereine

   Wir waren immer ein guter Gastgeber. Gästefans kamen (und kommen) gerne zu uns, weil sie die Atmosphäre im, vor allem aber auch rund ums Millerntor schätzen. Wo man sich einfach in eine Kneipe begibt und (auch als Gästefan) nett mit anderen über Fußball und die Welt schnacken kann, ohne doof angemacht zu werden (vernünftiges Eigenverhalten vorausgesetzt).

Bei uns wird das Fanlied der Gäste gespielt, bei der Mannschaftsaufstellung des Gegners nicht “Arschloch” gerufen und der Torwart beim Abschlag nicht als “Arschloch, Wichser und Hurensohn” bezeichnet.

Alles Dinge, die selbstverständlich sind, die man aber meist erst immer dann zu schätzen weiß, wenn man mal mehr oder weniger neutral in einem “normalen” Bundesligastadion zu Gast war, bei einem Spiel ohne unsere Beteiligung. Das ist ein hohes Gut, und wir möchten es nicht missen.

In letzter Zeit häufen sich aber Vorfälle, wo diese Andersartigkeit verloren geht oder zumindest abnimmt. Das äußert sich im “abziehen” von Schals oder blödsinnigem Revierverhalten, aber auch in solch simplen und vermeintlich unwichtigen Dingen, wie z.B. einem Pfeifkonzert beim Einlaufen der gegnerischen Mannschaft. (Und hiermit ist nicht Hansa Rostock gemeint, sondern Teams die einem eigentlich egal sein sollten.)

Auch nehmen kleinere Scharmützel immer mehr zu, wie beispielsweise bei den Heimspielen gegen Kiel II oder Wolfsburg II. Angeblich werden gar normale Gästefans auf dem Weg zum Fanladen darauf hingewiesen, dass sie da nichts zu suchen hätten.

Sven Brux erzählte von einem weiteren Vorfall nach dem Heimspiel gegen Fürth, als mehrere Personen den Schiedsrichter auflauern wollten und nur dank des Ordnungsdienstes dran gehindert werden konnten.

2. Asoziales Verhalten auf Auswärtsfahrten

Das Thema ist uralt und leider doch immer wieder aktuell. Plakativ fällt einem bei dem Thema immer das ÜS Cover 93 ein, auch der damalige Titelartikel hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt und ist immer noch sehr lesenswert.Diese Fanszene hat außerdem (zumindest in Teilen) ein schweres Alkoholproblem, und mit höherem Pegel fallen eben auch die Hemmschwellen. Diese äußern sich schnell in homophoben oder sexistischen Äußerungen, teilweise auch in rassistischen.

Aber auch Leute die zu besoffen sind, um derartiges noch zu äußern und stattdessen vollgepisst oder vollgekotzt im Block liegen oder mit einer vollgeschissenen Leggings herumlaufen, will hier sicher keiner.

Auch der gern genommene Hinweis auf Fans von außerhalb greift zu kurz. Klar gibt auch Fehlverhalten bei „örtlichen“ Auswärtsfans, aber wenn man die “Munition” betrachtet, mit der die Busse und Züge in Hamburg bestiegen werden, kann man auch nur zu der Auffassung kommen, dass es ab drei Promille auf den Elbbrücken (auf der Hinfahrt) irgendeinen Bonus gibt.

Um es auch klar zu sagen: Es gibt auch Leute, die viel trinken und sich trotzdem im Griff haben… nur leider ist das eher die Ausnahme.

3. Aggressivität gegenüber Polizei und Ordnern

“ACAB” ist ein schön plakativer Slogan, den man sicher auch mal raushauen kann, wenn die Cops oder der Ordnungsdienst (mal wieder) über die Strenge schlagen. Dass dies oft genug geschieht, wird keiner ernsthaft bezweifeln, der regelmäßig (und organisiert, also nicht per PKW) auswärts fährt. Traurige Highlights wie das Relegationsspiel unserer U23 in Kiel oder der Angriff auf das Jolly beim Schanzenfest ragen heraus, doch auch die “alltägliche Repression” ist nicht nur nervig sondern auch in der Durchsetzung durch die Staatsmacht allzu oft fragwürdig bis grenzwertig.

Klar aber auch, dass es eben „nur“ ein Slogan ist und das niemand diese vier Buchstaben für die absolute Wahrheit halten sollte. Denn genauso wenig wie alle St.Pauli Fans Engel oder alle Rostocker Nazis sind, sind ALLE Polizisten Arschlöcher oder ALLE Ordner scheiße.

Keiner will, dass man die andere Wange hin hält, wenn besagte Scheiße durch Team Green passiert, da muss man versuchen alle erdenklichen Möglichkeiten zu ergreifen, sich zu solidarisieren und evtl. auch zu wehren. Aber: Es gibt auch oft genug Situationen, in denen wir froh sein dürften, dass die Polizei da ist und ihren Job macht. Beispielweise nach Rostock würde sonst sicher keiner mehr fahren. Eine schöne Vorstellung: Wenn wir auf Polizisten treffen, die einfach nur da sind, weil sie ihren Job machen, und sich darüber hinaus so verhalten, wie man es von Polizisten in einem Rechtsstaat erwarten sollte, so sollten wir denen auch normal und gelassen gegenübertreten.

Normalerweise sollte man natürlich von der “ausführenden Staatsgewalt” erwarten dürfen, dass diese souveräner und intelligenter ist als “Fußballfans”. Und in den meisten Fällen dürfte dies auch tatsächlich so sein. Nur erhoffe wir uns, dass wir St.Pauli Fans es schaffen, dies umzukehren und zu zeigen, dass wir die intelligenteren sind und dann eben auch dementsprechend auftreten und uns nicht von jeder kleinen Provokation einfangen lassen. Denn genau das ist doch auch das Ziel solcher Aktionen, dadurch rechtfertigt die Polizei ihre eigenen Einsätze und letztlich ihre Existenzberechtigung. Und dass die Medien im Zweifel eher der Pressemitteilung der Polizei glauben, sollte inzwischen auch keinen mehr überraschen.

In diesem Sinne: Vielleicht gibt es mal wieder eine Mottofahrt oder was ähnliches, wo bei der Ankunft in der Stadt des Spiels alle St.Paulli Fans lächelnd den Bus oder den Zug verlassen und dem anwesenden Team Green jeweils freundlich eine Blume überreichen. Das ist die Form von Ironie, die uns seit Jahrzehnten auszeichnet.

Abschließend noch mal: Polizeigewalt ist vorhanden und nicht hinnehmbar, aber nicht jeder Polizeieinsatz ist auch gleich gewalttätig. Als absolut positives Beispiel sei hier das Spiel in Magdeburg erwähnt, als die Polizisten ruhig und souverän auftraten und auch von uns dementsprechend behandelt wurden. Dass dies evtl. auch daran lag, dass die Polizei ihre „Heißsporne“ in Heiligendamm hatte und eher die „Älteren“ in Magdeburg waren, sei hier auch erwähnt, ändert aber ja nichts an der Tatsache.

Leider führt diese vorherrschende Grundaggression gegen die Polizei dazu, dass bei eventuell sogar berechtigten Aktionen im Gästeblock (wie beim Pokalspiel in Bremen) im Zweifel eine falsche Solidarität mit Leuten gezeigt wird, die es nicht verdient haben, und stattdessen die Polizei angegriffen wird, obwohl diese in dem Fall vielleicht wirklich mal zurecht eingreifen wollte. Dies führt dann dazu, dass man auch bei den unter 1. und 2. beschrieben Punkten den Ordnungsdienst eigentlich nicht einschalten kann, weil sonst durch Punkt 3. die Situation noch weiter eskaliert.

Niemand will Polizei in unserem Block, aber wenn wir diesen Teufelskreis nicht langsam mal durchbrechen, dreht sich die Spirale der Gewalt eben immer weiter, und besser wird es definitiv nicht.Fehlverhalten (welcher Art auch immer) muss konsequent angesprochen werden, hierfür muss wieder ein Klima herrschen, in dem man sich traut dieses anzusprechen. Ohne gleich Angst haben zu müssen, dass man am Ende selber auf die Fresse bekommt oder gar per Stadionverbot rausfliegt.

Die Diskussion

Es entwickelte sich eine größtenteils kontroverse aber respektvolle Diskussion, kleinere Ausfälle bestätigten höchstens die Regel. Auch hier sei erneut erwähnt, dass diese offene Ansprache von Problemen uns sicher schon von anderen Vereinen abhebt, gleichzeitig das Ansprechen alleine aber noch nichts ändert.

Einziger konkreter und praktischer Lösungsansatz an diesem Abend war eine Idee des Fanclub Sprecherrates, so etwas wie “Ansprechpartner” im Block zu etablieren, die bei Problemen helfen, wenn man sich alleine eine Lösung nicht zutraut. Die Idee ist nicht ganz neu, in den Sonderzügen des Fanladens gab es ähnliches schon, und natürlich ist dies ein schmaler Grat zur Fanpolizei und damit dem oftmals bereits angesprochenen Machtmissbrauch, der mit so einer Position einhergeht.

Und nun?

Eine Woche später gab es ein Nachbereitungstreffen aller Fan-Podiumsteilnehmer (also ohne Verein), wo Lösungsmöglichkeiten und weiteres Vorgehen besprochen wurde. Konkret soll es ein Treffen von Verein, Polizei und Fanladen geben, welches von den GRÜNEN initiiert wurde, Ausgang offen.

Der Fanclub-Sprecherrat wird die vorhandenen Auswärtsflyer neu layouten, außerdem sollen die nun von mehreren Gruppen unterzeichnet werden, um eine deutlich höhere Akzeptanz zu vermitteln.

Und schlussendlich wird im Ständigen Fanausschuss darüber entschieden, in welcher Art und Weise auch ein Workshop stattfinden kann, die weiteren Ideen des Abends (wie z.B. die „Ansprechpartner“) in die Praxis umzusetzen.Es gibt viel zu tun, aber ein Anfang ist gemacht.

// Die Redaktion

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