89 Monate Fanladen sind auch genug„Ich hasse es mich zu verabschieden!“ - das war Cathrin´s erster Satz als sich der Übersteiger mit ihr zu einem kleinen Gespräch im Fanladen traf. Die bis Ende des letzten Monats noch Dienstälteste Mitarbeiterin in der Brigittenstraße 3 hat am 1.Dezember nahtlos einen neuen Job in der Schulbehörde begonnen und schippert seit dem jeden Morgen über die Elbe nach Finkenwerder... „Am meisten habe ich Angst vor dem frühen Aufstehen!“ muss die sympathische 39-Jährige gestehen. So ein Arbeitstag im Fanladen fängt zwar nicht erst - wie viele vielleicht denken - um 15 Uhr an, wenn die Tür für jede_n geöffnet wird, sondern allerspätestens um 11. Doch da konnte sie “wenigstens noch in Ruhe Kaffee trinken“. Gut 7 ½ Jahre, also im Endeffekt nur einen Monat weniger als Heiko, hat sie den Job gemacht, an den sie damals auf Empfehlung unseres ehemaligen Fanbeauftragten gekommen ist. Die studierte Sozialpädagogin jobbte nach ihrer Rückkehr aus Marseille, wo sie 5 Jahre lebte, in einer Kneipe in der Wohlwillstraße und wurde dort vom netten Herr Schleselmann auf die Stelle angesprochen. Nach der erfolgreichen Bewerbung sprang sie dann quasi ins kalte Wasser. Wer war der Torhüter in der Saison 1990/91?Anfängliche Probleme mit billigen Anmachversuchen oder Vorurteilen haben sie zwar geschockt, doch damit wurde sie durch ihr energisches Auftreten schnell fertig. Alteingesessene Fans haben sie z.B. gleich am ersten Tag im Fanladen mit höchst wichtigen Fragen gelöchert und sich dann aufgebracht entrüstetet, dass „die Neue“ nur ein Kopfschütteln als Antwort parat hatte. „Ehrlich gesagt bin ich die Sache auch eher blauäugig angegangen, weil ich in der ganz aktiven Szene nicht so drin war“ gibt sie zu. Trotz alledem ist das für sie auch heute noch kein Grund sich jedes BL-Spiel im TV reinzuziehen: „Fußball ist für mich eigentlich nur der FC St.Pauli!“ Was ist das für ein Stadtteilclub?Vor der Zeit im FL arbeitete sie übrigens auch schon in unserem Viertel, nämlich erst im „Nachbarschaftsheim“ in der Silbersackstraße und danach beim Betreuten Wohnen im Kinderhaus am Pinnasberg. Und dort hat sie sich anfangs sogar über den FC St.Pauli geärgert! Viele empörte Eltern beschwerten sich, dass die Anmeldungen beim Verein oftmals schon am vorgegebenen Leistungsprinzip scheiterten. „Was ist das für ein Stadteilclub, wo unsere Kinder nicht spielen dürfen?“ bekam sie in der Zeit oftmals zu hören. Als dann ein sehr talentierter Junge mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatte, schrieb sie der Vereinsführung einen Brief... das war der Ursprung des heute sehr erfolgreichen Kiezkick-Projektes! Zu den weiteren Hauptarbeitsbereichen zählten u.a. die Betreuung der U-16 und das Thema Stadtteilarbeit, aber vor allem hatte sie maßgeblichen Anteil am Aufbau der B- und C-Mädchenteams beim FC St.Pauli! Es bleibt ihr ein Rätsel wie Heiko und sie die Arbeit damals alleine bewältigt haben, denn heute schaffen sie´s kaum zu viert. Bei der nicht enden-wollenden Aufzählung fing sie verblüfft an zu lachen: „Das hab ich während der Arbeit gar nicht so mitbekommen, aber ich habe hier doch einiges mit aufgebaut“, obwohl sie den Job 2001 ohne große Zielsetzung antrat. Die erste Ligaspiel-Fahrt führte sie damals übrigens im vollen 50er Bus der U-16 nach Wolfsburg und zum ersten Mal am Millerntor war die gebürtige Kielerin mit 19 Jahren. Die zwei großartigen U-16 Fahrten nach Marseille und Israel und der Besuch des KZ Auschwitz sind auch Cathrin´s Ideen gewesen. Bei solchen Gelegenheiten wurde ihr wieder bewusst was für einen tollen Job sie überhaupt hat, da kaum jemand solche Erfahrungen irgendwo anders sammeln kann. Andererseits unterschreibt sie aber auch 100% von dem was Heiko in seinem ÜS-Inti (in Ausgabe 88) über das kraftraubende, immer neue, „lästige Ankämpfen gegen die Windmühlen der Polizei, der DFL und der eigenen Vereinsführung“ erzählte: „Von vorn herein trennt die Polizei die Fangruppen und die nachwachsenden Generationen bekommen das dann so vorgelebt. Eine Selbstregulierung fällt dann meist komplett weg, weil so viele schwachsinnige Regeln aufgestellt werden!“ Dazu die nervigen Konflikte mit der Clubführung, die den Fanladen seit Littmann´s Antritt nicht mehr als Experten einbezieht, sondern heutzutage eher ins negative Licht stellt. Immer häufiger ertappte auch sie sich dabei, wie sie „lieber gleich die Krallen ausgefahren“ hätte, was aber der Fanszene gegenüber natürlich nicht entsprochen hätte. Das war einer der Gründe den ihr angebotenen Job als Fanbeauftragte nicht von Heiko zu übernehmen. Zu der Zeit stand aber auch schon fest, dass sie irgendwann in absehbarer Zeit im Fanladen aufhören wird, um sich eine neue Herausforderung zu suchen. Es war ein langer Prozess an dessen Ende ihr bewusst wurde, dass sie „endlich wieder lesen und weiterlernen“ will, weil sich die anfallende Arbeit im Fanladen mit der Zeit nur noch wiederholt und der Enthusiasmus dabei auf der Strecke bleibt. Aber auch ohne all das wäre es sicherlich nicht der optimale Job gewesen, weil sie halt eher „Medienscheu“ ist. Vom Grundding her machen zwar alle die gleiche Arbeit, aber sie widmet sich lieber der Basis und Jugendarbeit, als der Presse. Ein konsequentes Nein gab es also nicht, aber „ich rede halt voll nicht normal, wenn hier so´n Aufnahmeding vor mir liegt“... Justus ist super!Bislang sind sie mit „dem Neuen“ auch allesamt sehr zufrieden. Sie freut sich schon tierisch darauf demnächst nach Feierabend im FL auf dem Sofa zu sitzen, um zu pöbeln und sich bedienen zu lassen und findet es spannend St.Pauli mal zum Arbeiten zu verlassen und abends ins Viertel zurück zu kommen: „Es gibt für mich keinen anderen Stadtteil als Wohnort und Lebensraum!“ Bislang vermischten sich die Arbeit und das Leben jedoch zeitweise zu sehr und das Abschalten fiel ab und an schwer. Zum Fussball ist sie damals auf jeden Fall aus politischen Gründen gekommen, nicht wegen dem Sport an sich. Zu viel Politik gibt es für sie nicht! Sie wäre sicher „niemals Fußballfan geworden, wenn es nicht der FC St.Pauli gewesen wäre“ und vergleicht das Umfeld hier mit anderen Szenen in denen es teilweise recht schlimm zugeht. Ihr Zweitlieblingsclub ist verständlicherweise Olympique Marseille, wohin sie immer noch guten Kontakt hat. Im Gegensatz zu Heiko findet sie aber auch den Ultra-Support am Millerntor durchweg klasse! Doch natürlich nervt auch sie, dass Gästefans früher noch eher willkommen waren als heute: „Es gibt leider so Strömungen, die jeden gleich als Feind ansehen!“ „Der Fanladen war mein Leben!“Am Liebsten würde sie den Kiezkick auch weiterhin begleiten „...und auch die C-Mädchen und besonders die U-16...“ - der Abschied fällt ihr sichtlich schwer, denn sie hatte eine super schöne Zeit mit den Jugendlichen. Die letzte U-16 Fahrt führte sie vor zwei Wochen noch einmal nach Mainz und der 50er Bus war natürlich wieder voll. „ALLE Jugendlichen waren großartig, es gab keinen einzigen erwähnenswerten Ausfall in der Zeit!“ Es wird ein trauriger Abschied werden, denn die Tage rennen ihr davon... Cathrin und der ÜbersteigerZum Schluss erzählte sie dann noch davon, daß sie vor ein paar Jahren unser Fanzine retten wollte! Sie schwor: „Bevor der Übersteiger sich auflöst, schreibe ich lieber für ihn!“ Und sie hat tatsächlich auch ein paar wenige Redaktionssitzungen mitgemacht, jedoch schnell gemerkt, dass das aus 2 Gründen gar nicht funktionieren kann: „Im FL arbeiten und darüber dann schreiben wäre doch Quatsch gewesen, oder? Und zweitens kannte ich die Texte schon bevor das Heft rauskam. Das hat mich total genervt, weil ich mich immer gefreut habe, wenn ich den kaufen konnte!“ Als Stammleserin fügte sie aber noch an, dass das Geschriebene früher schon etwas bissiger war und man viele Vereins-Internas halt eben nur durch den ÜS bekommen hat. Doch das sei in Zeiten von Internet „kein reines ÜS-Problem, sondern ein allgemeines!“ Lesen tut sie den Übersteiger auf alle Fälle immer noch gerne... Und wir würden uns sehr freuen, wenn wir Dich auch weiterhin als kritische, aber durchweg angenehme Leserin begrüßen dürfen! Du wirst uns auf alle Fälle sehr fehlen, auch ohne Deine 1,60 Euro... // Stemmen (im Namen der gesamten Redaktion) |
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