„WIR HABEN ALLES RICHTIG GEMACHT!“
Stadionprojektleiter Torsten Vierkant über die Erfahrungen mit dem Bau der neuen Südtribüne und wie es nun mit der Rekonstruktion des Millerntor-Stadions weitergehen soll. Das Interview wurde bereits am 12. November geführt, also zehn Tage vor der Jahreshauptversammlung am 22.11., wo einige weitere Details über den Stadionbau bekannt wurden. Insofern sind ein paar Antworten Torsten Vierkants bereits von diesen zusätzlichen Informationen relativiert bzw. aktualisiert worden.
ÜS: Torsten, erzähle unseren Lesern doch bitte kurz etwas zu deinem Lebenslauf...
TV: 40 Jahre, Frau, zwei Kinder (4 Jahre + 8 Monate), in Güstrow geboren, in Schwerin aufgewachsen, 1989 aus der DDR nach der Grenzöffnung in den Westen „abgehauen“. Hamburg und London waren meine beiden Traumstädte. Ich bin gelernter Eisenbahner und habe mich dann immer wieder bei der Eisenbahn in Hamburg beworben und wurde schließlich auch genommen. Meinen Beamten auf Lebenszeit habe ich dann nachträglich per Fortbildung gemacht. Ein Kollege damals war Ordner bei St. Pauli und hat mich gefragt, ob ich dort nicht auch als Ordner arbeiten wolle – schließlich käme man so umsonst zu den Heimspielen. Also habe ich mich beworben und wurde auf der Haupttribüne eingesetzt. Im Stadion (Südkurve) war ich aber schon vorher regelmäßig und war von Anfang an fasziniert von der Stimmung am Millerntor. Als Götz Weisener die Marketing übernahm, habe ich dort in der Marketing ausgeholfen, und als die Stelle des Ticketchefs frei wurde, wurde ich gefragt, ob ich mir das zutrauen würde. Also habe ich meinen Beamtenstatus aufgegeben und fing beim FC St. Pauli an. Als das aktuelle Stadionprojekt anstand, habe ich mich angeboten, beim Bau die Arbeiten aller Beteiligten zu koordinieren und kam so zu meinem Job als Projektleiter.
ÜS: Erläutere doch mal bitte, was denn nun die wirklichen Gründe dafür waren, dass zwischen Abrissparty für die Südkurve und echtem Baubeginn der neuen Südtribüne so viel Zeit verstrich...
TV: Der Streit zwischen AR und Präsidium war sicherlich ein Punkt. Aber es fehlte auch das Geld, weil jemand, der uns die Kohle geben wollte, dies dann doch nicht getan hat. Daher kam der Entschluss, mit den Schweizern zusammenzuarbeiten. Da war dann das Geld da, und die Firma AGN, die alles geplant hat, sagte dann, es fehle nur noch die Statik. Die wollten sie machen, wenn das Geld dafür käme und das würde dann nur noch einen Monat dauern. Tatsächlich hat es dann aber drei Monate gedauert, bis die Statik fertig war. Das war der Hauptgrund der Verzögerungen. Material wie Beton oder Stahl, wie es manchmal hieß, hat zu dem Zeitpunkt nicht gefehlt. Es war nur später während des Baus manchmal schwierig, bspw. an genügend Stahl zu kommen, weil China seinerzeit alles aufgekauft hatte, was es auf dem Markt gab.
ÜS: Ist die Süd jetzt komplett fertig?
TV: Da sind noch ein paar Kleinigkeiten nachzubessern, eine Pumpe der Rasenheizung ist bspw. defekt, ein Zaun muss komplettiert werden. Das ist aber alles nur noch kosmetischer Natur.
„DIE FEHLER SOLLEN NICHT NOCH EINMAL PASSIEREN“
ÜS: Deine Bilanz der Südkurven-Rekonstruktion...
TV: Gelernt haben wir daraus, dass wir schon alles von Bauzeichnung bis Statik komplett vorliegen haben wollen, wenn wir möglicherweise im Sommer mit dem Bau der neuen Haupttribüne beginnen. Nicht, dass uns die Fehler wie zum Beispiel mit den langen Unterbrechungen wie bei der Südtribüne noch einmal passieren.
ÜS: Aus ursprünglich 12,5 Millionen Euro Investitionsvolumen sollen gut 15 geworden sein. Das sind 20 Prozent höhere Kosten. Wenn das so stimmt: Wie konnte das passieren?
TV: Dazu kann ich nichts Genaues sagen. Ich glaube, wir haben unser Soll um ca. 450.000 Euro überschritten. Wenn das jetzt tatsächlich 15 Millionen geworden wären, das wäre ja richtig Geld – das ist aber nicht passiert.
ÜS: Kann man sagen, dass einige Mängel bzw. Fehler hätten vermieden werden können, wenn es einen Planer gegeben hätte, der stets vor Ort hätte sein können und nicht wie Herr Binz (unabhängig von seiner Person, sondern strukturell begründet) nur sporadisch am Ort des Geschehens war?
TV: So viele Fehler und Mängel hat es zwar nicht gegeben, aber Sachen sind in der Tat vertrödelt worden, wo Herr Binz nicht ganz unbeteiligt war. Der nachträglich notwendig gewordene Einbau der Lüftung in der Clubheim-Küche hat bspw. richtig viel Geld gekostet. Da kann man wirklich sagen, dass das richtig schief gelaufen ist.
ÜS: Aber eine zu kleine Tür im Getränkelager, wo keine Paletten durchpassen, ist ja auch nicht so schön, oder? Das soll, so munkelt man, zumindest ein weiterer großer Mangel gewesen sein.
TV: Die würde ich gerne mal sehen! Das ist glatt gelogen! Überall, wo Paletten rein sollen, passen auch Paletten rein.
ÜS: Ist meine Info richtig, dass die Stadt nicht die komplette Investitionssumme für die Südtribüne bezahlt hat, weil sich der FC St. Pauli nicht an alle Vereinbarungen gehalten hat?
TV: Das ist falsch. Die Stadt hat zwar noch eine Restsumme von 250.000 Euro, aber das ist nur proforma, weil sie noch prüfen will, ob wir denn bspw. tatsächlich auch Gelder für die weitere Finanzierung der anderen Stadionbereiche angespart haben. Und wenn sie das geprüft hat, dann fließt das Restgeld. Dass sie jetzt aber irgendetwas in der Form moniert hätte, dass irgendetwas anders gebaut wurde, als vereinbart, das ist nicht der Fall. Jetzt waren auch gerade die Wirtschaftsprüfer da, und von dieser Seite sieht auch alles gut aus. Wir haben alles richtig gemacht!
„WIR HABEN NUR UM DIE 20 NICHT VERKAUFTE BUSINESSSATS“
ÜS: Sind alle Businessseats und Logen verkauft?
TV: Alle Logen sind verkauft und wir haben, glaube ich, nur um die 20 nicht verkaufte Businessseats. Obwohl wir zu Beginn der Saison diese um 120 auf 1.200 aufgestockt hatten.
ÜS: In einem TV-Bericht des NDR hat man dir in den Mund gelegt, mit dem Abriss der Haupttribüne würde nach dem letzten Heimspiel am 25. Mai 2009 begonnen...
TV: Wenn die Finanzierung steht, dann wollen wir natürlich ab 25. Mai abreißen. Aber vorher mache ich keine Pferde scheu. Definitiv entschieden ist noch gar nichts.
ÜS: Also keine vorschnellen Abrisspartys dieses Mal...
TV: Nein, natürlich nicht. Wir müssen bspw. auch noch mit der Schule reden, die ja sehr dich dort an der Tribüne angrenzt. Jetzt schon zu sagen, es sei alles in trockenen Tüchern – das hatten wir schon mal, das will ich nicht erneut!
ÜS: Wie lange würde es denn dauern mit dem Umbau der Haupttribüne?
TV: Die Planung sieht ein Jahr vor, so dass, sollte tatsächlich im Mai 2009 mit den Abrissarbeiten begonnen werden können, die neue Haupttribüne zur Saison 2010/11 komplett nutzbar wäre.
ÜS: Was kommt alles in die Haupttribüne?
TV: Es wird eine reine Sitzplatztribüne mit rund 5.000 Plätzen (außen normale Sitzplätze, mittig 1.700-1.900 Businessseats, 18 Logen), vernünftigen Rollstuhlfahrerplätzen unten, den Hörplätzen, Pressearbeitsplätzen, Stadionsprecher, Polizei, Feuerwehr, DRK.
„GEFÄNGNISZELLEN KOMMEN IN DIE NEUE GEGENTRIBÜNE“
ÜS: Gefängniszellen auch? Die sind ja vom DFB vorgeschrieben.
TV: Nein, die kommen in die neue Gegentribüne.
ÜS: Die Logen sollen über 2 Etagen laufen?!
TV: Die einzelnen Separees gehen nicht über zwei Etagen, sondern es wird zwei Ebenen geben, auf denen die Logen verteilt werden – oben acht und unten zehn...
ÜS: Ist es richtig, dass der Verein durch so genannte „Letter Of Intents“ potenzieller Logenmieter zwei Millionen Eigenkapital generieren möchte bzw. muss um so an Bankkredite zu kommen und den Weiterbau mit zu finanzieren?
TV: Das weiß ich nicht. Aber das Prinzip ist schon so, dass durch solche Erklärungen, eine Loge für einen gewissen Zeitraum anmieten zu wollen, wir den Banken eine gewisse Sicherheit bieten wollen. Anders kriegst du ja kein Geld von den Banken – schon gar nicht in heutiger Zeit. Wie erfolgreich die Akquisition für die Separees bislang war, kann ich nicht sagen, aber durch Gespräche mit Logenbesitzern in der Südtribüne weiß ich, dass einige auch zusätzlich in die Haupttribüne wollen.
ÜS: Kann man in den Logen wirklich wohnen?
TV: Wenn ich wollte, könnte ich da drin wohnen. Auch ein normaler Logenmieter könnte das theoretisch, aber der sollte uns schon Bescheid sagen. Das wäre aber alles individuell lösbar mit Duschen, Betten und allem drum und dran. Aber das war nie unser Plan, und ich weiß auch gar nicht, ob das gesetzlich überhaupt erlaubt ist.
ÜS: Was sollen diese V.I.P.-Kanzeln im einzelnen kosten? Man las von bis zu 150.000 Euro pro Saison...
TV: Kann ich nichts zu sagen. Aber 150.000 Euro pro Saison kann ich mir nicht vorstellen; in der Champions League vielleicht... Das teuerste Separee in der neuen Süd kostet um die 30.000 Euro, und da kann man sich für die Haupttribüne, weil es eben die Längsseite ist und die Logen dort auch ein wenig größer sind, vielleicht 50.000 bis maximal 60.000 Euro vorstellen. Aber teurer sind die bestimmt nicht. 150.000 Euro ist Quatsch!
„DIE GEGENGERADE BEKOMMT 10.000 STEH- UND 2.000 SITZPLÄTZE“
ÜS: Wie sieht das Verhältnis zwischen Steh- und Sitzplätzen denn eigentlich in den anderen neuen Kurven und Tribünen aus?
TV: Die Gegengerade bekommt 10.000 Stehplätze, darüber 2.000 Sitzplätze. In der Nord wird es fast komplett Sitzplätze geben, außer im Gästebereich. Dort wird es von der Haupttribüne aus gesehen so sein: Stehplätze Gäste, Sitzplätze Gäste, Sitzplätze Heimfans...
ÜS: Kannst du noch mal kurz erläutern, wie jetzt die Bau-Reihenfolge nach der Fertigstellung der Südtribüne aussieht. Das hat sich nach meiner Erinnerung in der Planung ja mehrfach verändert.
TV: Ursprünglich sollte nach der Südkurve die Nordkurve erneuert werden, dann die Gegengerade und zum Schluss die Haupttribüne. Auf Wunsch der Stadt machen wir nun mit der Haupttribüne weiter, weil die Verwaltungsvertreter befürchten, dass der ganze Schalldruck aus dem Dreiviertelstadion über das flache Dach der alten Haupttribüne in Richtung Wohngebiet gehen würde. Das ist ja auch nachvollziehbar. Danach folgt die Gegengerade, weil wir über bzw. hinter der Nordkurve nun bekanntlich die zusätzliche Sitztribüne haben bauen lassen und die sicherlich länger hält, als die alte Konstruktion über der Gegengerade.
ÜS: Die zusätzliche Sitztribüne war ja ursprünglich für dreieinhalb Jahre geleast. Die soll nun aber gekauft worden sein...
TV: Dann weißt du mehr als ich.
„DIE TICKETPREISE WERDEN VOM PRÄSIDIUM FESTGELEGT“
ÜS: Die Preisgestaltung für die neuen Sitzplätze hinter den Toren war anfangs wohl ein wenig übermütig, oder? Das Stadion war seither erst einmal (gegen Nürnberg) ausverkauft und auch derzeit muss man mit Frauen- und Männertagen nachhelfen...
TV: Die Ticketpreise werden vom Präsidium festgelegt. Ich glaube, dass diese in erster Hinsicht zu hoch waren. Nach der Anpassung finde ich die Preise aber okay. Wir müssen auch immer daran denken, dass wir Geld ansparen müssen, um die weiteren Tribünen zu bauen. Die Aktionstage sind bei uns schon lange ein Thema und haben in erster Linie nichts mit den Preisen hinter den Toren zu tun. Wir sind in den Bereichen gut ausgelastet und werden die Sache weiter verfolgen. Und das in alle Richtungen.
ÜS: Die Stehplätze im Heimbereich sollen hingegen immer ausverkauft gewesen sein? Muss man dann nicht drüber nachdenken, ob das geplante Verhältnis zwischen Steh- und Sitzplätzen verschoben werden muss?
TV: Es gibt Richtlinien, die wir nicht umgehen können. Diese lauten in erster Linie erst Sitz- und dann Stehplätze. Daher wird die Gegengerade auch 10.000 Stehplätze bekommen, die aber umrüstbar in Sitzplätze sind.
ÜS: Entstehen, wie ursprünglich vorgesehen, aus dem zusätzlichen Zuschaueraufkommen tatsächlich Überschüsse für die Finanzierung der HT? Wie man hört, soll sich dieses Konzept „Einnahmen aus Tribünenneubau finanzieren die weiteren Tribünenbauten“ als nicht funktionierend erwiesen haben...
TV: Das funktioniert auf alle Fälle. Es hätte natürlich besser funktioniert, wenn du die Haupttribüne als letztes hättest bauen können, weil du dann drei neue Abschnitte gehabt hättest, um damit das Teuerste was dann noch kommt, nämlich die 12 Millionen Euro schwere Haupttribüne, zu wuppen.
ÜS: Gibt’s eigentlich noch so was wie eine von den Vereinsmitgliedern beschlossene Lenkungsgruppe, wo relevante Fangruppen drin sind? Nach meinen Informationen hat die Lenkungsgruppe seit dem Auszug der Fanvertreter vor langer Zeit nie wieder getagt, obwohl sie sich auch nie offiziell aufgelöst hat. Die AFM bspw. und ich glaube auch die Amateurverwaltung hatten ja explizit betont, dass sie weiter mitarbeiten und –bestimmen wollen. Sind die Interessen der Fans nicht mehr gefragt?
TV: Ich kann die Frage nicht genau beantworten. Es gab eine Sitzung der Lenkungsgruppe, an der ich nicht anwesend sein konnte, in der diese sich wohl aufgelöst hat. An mich wurde das Thema nach dem Abend aber nie wieder herangetragen. Doch die Interessen und Wünsche der Fans sind weiterhin gefragt. Es gibt immer noch die Mailadresse Stadionrekonstruktion@fcstpauli.com, die auch weiter gelesen wird. Desweiteren sind wir immer bereit, uns mit allen Vertretern zu treffen.
ÜS: Danke für das Gespräch.
// Ronny
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