Aus Frankfurt nichts Neues

Beim Spiel des FC Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli und auch danach ist nichts passiert, was den DFB dazu veranlasst, öffentlich ein Zeichen zu setzen. Dafür sieht man in Frankfurt ein ganz anderes Problem: den FC St. Pauli. Fans, die alles umhauen wollen, was eine andere Meinung hat. Einen Aufsichtsrat, der zu Gewalt aufruft. Einen konfliktorientierten und ideologisch dogmatisierten Sicherheits-beauftragten. Und ein Präsidium, das das Ganze auch noch gut findet. Wieder mal eine undifferenzierte Vermischung zwischen Gewalt und Rassismus und Diskriminierung – mit einer Prise Diffamierungen. Willkommen in der Welt des DFB.

Neuer Anstrich, selber Inhalt

   Manche Dinge ändern sich nie. Dazu gehört auch der DFB, der unter einer neuen Führung viel versprach und doch wieder das alte lethargische Nichtstun vorzieht, wenn es um Rassismus und Diskriminierung geht.
Als Dr. Theo Zwanziger Präsident des DFB wurde, sollte sich vieles ändern. So war es überall zu hören. Zunächst musste er sich noch seinen Posten mit dem schwäbischen Politiker „MV“ teilen, aber nach zwei Jahren durfte er durchstarten. Und er hatte viel vor. Diesem Rassismus und dieser Diskriminierung, die auf den Tribünen, in den Spielerkabinen und auf den Trainerbänken vorkamen, musste endlich was entgegengesetzt werden. Gleich am ersten Tag seiner alleinigen Präsidentschaft griff Dr. Zwanziger zum Hörer und rief beim Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) an. Man müsse doch dringend miteinander sprechen, teilte der DFB-Boss mit. Interessanterweise herrschte bis dahin wegen der BAFF-Ausstellung „Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball“ Funkstille zwischen DFB und BAFF.

   Dieses Gespräch hatten Folgen und zwar den Fankongress in Leipzig im Jahr 2007. Viele Fans konnten gar nicht glauben, was sie dort hörten: Ein DFB-Präsident, der es schafft das Wort Homophobie in den Mund zu nehmen, ohne sich zu versprechen oder gleich einen Schwulen-Witz hinterherzuschieben. Rassismus und Diskriminierung wurden nicht mehr verharmlost, sondern als Problem bezeichnet, gegen das man vorgehen müsse. In welche Zeitung man guckte, welchen Fernsehsender man anschaltete, überall war zu hören, wie sehr sich doch der DFB seiner sozialen Verantwortung bewusst ist und endlich aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorgehen will.

   Vor allem die fast schon allmächtige Homophobie scheint es Herrn Dr. Zwanziger angetan zu haben. Und dabei hat er etwas richtig erkannt: In der maskulinen Welt des kickenden Selbstdarstellers Fußballprofi und des rumprollenden Fußballfans scheint kein Platz für anders fühlende Menschen zu sein. „Schwul“ ist das Schimpfwort im Fußball. Die Wahrscheinlichkeit, dass es homosexuelle Profifußballer in Deutschland gibt, ist sehr hoch. Statistisch gesehen ist es praktisch ein Muss. Seine ganze Unterstützung sicherte der DFB-Präsident daher dem ersten schwulen Profifußballer zu, der sein Coming-Out wagt. Gewagt hat es noch keiner. Da half es dem DFB auch nicht, einen kompletten Wagen auf dem Christopher-Street-Day in Köln zu sponsern. Übrigens eine weltweit einzigartige Aktion eines derart großen Sportverbandes. Es fehlen dem DFB wohl schlicht die Taten, die den hehren Worten eigentlich folgen müssen, damit schwule Fußballer ihr Zwangsversteckspiel beenden.

„Wir haben einen Hass-Gegner...

   … und zwar die schwulen Hamburger“. So hallt es nun bei jedem Spiel des FC Hansa Rostock durch die Stadien der Republik. Auswärts zwischen Vorsänger und Gästeblock. In der heimischen DKB-Arena machen da gerne mal zwei ganze Blöcke mit. Tausende Kehlen, die Schwule als Hassgegner bezeichnen, und diese Gesänge als festes Ritual etabliert haben. Der Spieler, der da sein Coming-Out wagt, muss großen Mut besitzen. Denn trotz aller öffentlichen Worte eines Dr. Zwanziger, bleibt festzuhalten: Diese Rufe scheinen den DFB schlicht nicht zu stören.

   In der letzten Sitzung der AG Fandialog sprach der Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn davon, dass beim Spiel Rostock gegen St. Pauli das Schiedsrichtergespann auf die homophoben Gesänge hätte reagieren müssen. Das gleiche gelte für den Stadionsprecher. Nun haben die Schiedsrichter und Stadionsprecher nicht nur ein Mal nicht hingehört, sondern immer wieder einmal wenn der FC Hansa spielt. Vom DFB kam auch kein Anzeichen, dass ihn dieses Verhalten störe. Augen und vor allem Ohren zu, wenn es um Diskriminierung geht. Das kennen wir aus Frankfurt schon aus früheren Zeiten. Nun war es nicht so, dass der DFB gar nichts gemacht hat. Nur öffentlich wollte er nichts machen.

Schlichte Schlichtung

   Der FC Hansa Rostock sah wohl nach dem Spiel viel auf sich zukommen. Die alte Platte mit „Das waren keine Hansa-Fans, sondern nur Idioten, die sonst nie da sind“ wollte das Präsidium wohl nicht gleich wieder abspielen. Daher meldete man sich bei der DFL und bat dort um ein Schlichtungsgespräch. Teilnehmen sollten DFB, DFL, der FC St. Pauli und der FC Hansa Rostock.

   Das Gespräch fand dann auch in den Räumen der DFL in Frankfurt statt. Bis hierhin kann man dem DFB im Prinzip auch keinen Vorwurf machen. Ganz im Gegenteil, denn der Fußball-Bund wollte einen neuen Weg gehen. Was bringt es, wenn der FC Hansa Rostock und der FC St. Pauli ein paar tausend Euro Strafgelder an den DFB zahlen? Ändert sich dadurch etwas? Diese Fragen stellte sich auch der DFB und kam zu dem Schluss, andere Maßnahmen als reine Strafgelder vorzuziehen. Soweit, so vernünftig. Doch sollte der Verzicht auf Geldstrafen nicht bedeuten, dass auf eine Untersuchung der Vorfälle und ein deutliches öffentliches Zeichen verzichtet wird. Es ist eine ganze Menge falsch gelaufen auf offizieller Seite des FC Hansa. Doch genau so sah das Angebot des DFB aus. Bei dem Schlichtungsgespräch präsentierte der Sicherheitsbeauftragte des Verbandes einen Maßnahmenkatalog verbunden mit dem Angebot, den Aktendeckel zu schließen und auf Geldstrafen zu verzichten. Keine weitere Untersuchung, was passiert ist, ist passiert.

   Dieser Maßnahmenkatalog ist vielfältig und wird sicherlich noch für einige Überraschungen sorgen, wenn sich beide Präsidien vor dem Rückspiel medienwirksam die Hände schütteln und irgendwelche Fans gegeneinander Fußballspielen, ohne sich die Fresse zu polieren. Sofern letzteres noch jemals klappen sollte. Der FC St. Pauli fand diese Idee, aber gar nicht so gut. Den Maßnahmenkatalog hat unser Verein selbstverständlich akzeptiert. Die fehlende Untersuchung wollte man aber nicht einfach hinnehmen. Bei jedem Flitzer am Millerntor und jedem Bierbecher, der das heilige Grün des Rasens berührt, gibt es saftige Strafen des DFB. Und wenn es richtig knallt, kommt nichts? Das wollte der FC St. Pauli nicht akzeptieren und forderte die Untersuchung. Das sorgte für Zornesröte in den Gesichtern der DFB-Vertreter. Unverhohlen kam aus Frankfurt auch die Ankündigung, dass bei einer Geldstrafe selbstverständlich auch der FC St. Pauli zur Kasse gebeten wird. Zeigt das Fehlverhalten unserer Fans und wir zahlen – wir wollen nur genau wissen, wofür wir zahlen, lautete die Antwort unseres Präsidiums. Let’s get ready to rumble – nun legte der DFB erst richtig los.

Gesicht zeigen und Ärger dafür bekommen

   Genauso ärgerlich wie die Vorfälle in Rostock, sei die Tatsache, dass der FC St. Pauli den FC Hansa beschuldige, aber selber seine Fanszene nicht im Griff habe. Das ist die Ansicht des DFB-Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn. Gesagt hat er es in einem Interview kurz nach dem Spiel in Rostock und wenig später in der AG Fandialog wiederholte er es noch. Kann man diese Gleichsetzung noch mit einem Kopfschütteln quittieren, kam es später noch dicker. Der DFB warf den Mixer an und zeigte, dass Rassismus, Diskriminierung und Gewalt in seinen Augen nicht zu trennen sind.

   Rassistische Äußerungen gegen Sako und homophobe Wechselgesänge – all dieses wird relativiert durch das Spiel Altona 93 gegen Chemnitz und das Verhalten des FC St. Pauli und seinem gesamten weitläufigen Umfeld. Um von seinem Nicht-Verhalten gegen Rassismus und Diskriminierung abzulenken, führte der DFB doch tatsächlich das Regionalligaspiel des AFC auf. Bei diesem Spiel sei es vor allem durch Fans des FC St. Pauli, des hsv und auch Werder Bremen zu Ausschreitungen gekommen. Fans dieser drei Vereine seien gegen Chemnitz-Fans mit massiver Gewalt vorgegangen und seien nur nicht verurteilt wollen, weil dieses politisch nicht gewollt sei. So beschreibt der DFB dieses Spiel. Es soll ein Beweis sein, dass Fans des FC St. Pauli nicht nur Opfer sind. Das hat auch niemand behauptet. Die Opfer-These ist eine Konstruktion des DFB.

   Und der DFB holte noch weiter aus. Unser Sicherheitsbeauftragte Sven Brux wurde und wird vom DFB bei jeder Möglichkeit diffamiert. Konfliktorientiert und ideologisch dogmatisiert ist schon die nette Auswahl der Worte, die Helmut Spahn in einem Zusammenhang mit Sven in den Mund nimmt. Nicht nur gegenüber Fanvertretern, sondern auch gegenüber anderen Sport-Institutionen stellt der DFB-Sicherheitsbeauftragte die Kompetenzen von Sven Brux lauthals in Frage. Nicht vergessen, eigentlich geht es immer noch um das Spiel Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli, aber der DFB hatte ja noch mehr in petto. Bei einer Podiumsdiskussion der Hamburger Grünen, bei der eigentlich auch Helmut Spahn teilnehmen sollte, dieser aber kurzfristig absagte, habe ein Mitglied des Aufsichtsrats des FC St. Pauli zur Gewalt aufgerufen, behauptet der DFB. Ein weiterer Grund sich nur auf den FC St. Pauli zu konzentrieren und auch die nächsten homophoben Wechselgesänge der Rostocker zu ignorieren.

   Der DFB meint da eine große Gewalt-Allianz entdeckt zu haben. Diese besteht praktisch aus dem gesamten FC St. Pauli. Aufsichtsrat, Präsidium, Sicherheitsbeauftragter und Fans – alle sind dabei. Die Flanken dieser Front bilden aus Sicht des DFB die Fanorganisationen Pro-Fans und BAFF. Fertig ist das Gewalt-Konstrukt, das den DFB davon abhält gegen Rassismus und Diskriminierung vorzugehen. Die Untersuchungen der Vorfälle des Spiels Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli wurden am 24.11. endgültig eingestellt. Ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung wird es nicht geben.

Die Ost-Verschwörung

   Wer nicht will, der hat schon. Nur was hat der DFB denn schon in den Bundesligen gegen Rassismus und Diskriminierung gemacht? Der DFB ist in der 1. und 2. Liga ausschließlich für das Schiedsrichterwesen und die Sportgerichtsbarkeit zuständig. Genau die Punkte, um Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen. Der DFB wurde auch schon gegen Aachen tätig und verdonnerte die Alemannen wegen Rufe der Zuschauer zu einer Geldstrafe. Beim FC Hansa Rostock wurde vom DFB öffentlich auf ziemlich alles verzichtet, was auf ein Fehlverhalten der Zuschauer in der DKB-Arena hinweisen könnte.

   Das war nicht immer so. Im Jahr 1995 bekam der FC Hansa Rostock vom DFB eine saftige Strafe aufgebrummt. Wegen der Ausschreitungen bei dem Spiel gegen St. Pauli musste die Kogge den Hafen wechseln. Hansa bekam eine Platzsperre und trug seine Heimspiele stattdessen im Berliner Olympiastadion aus. Zu einem Zeitpunkt als Rostock der einzige Ost-Verein in der Bundesliga war und auch die Hauptstadt keinen hochklassigen Fußball bieten konnte. Dementsprechend war das Olympiastadion ausverkauft. Bis heute ungebrochener Heimspiel-Zuschauerrekord für den FC Hansa – das war die Strafe des DFB.

   Verständlich, wenn der DFB auf solche „Strafen“ verzichten will. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Strafen eigentlich nie das Verhalten der Zuschauer und Offiziellen nachhaltig änderten. Doch wie erreicht man die Deppen auf den Tribünen und in den Vorstandsetagen? Sicherlich nicht durch das Schweigen und Ignorieren, das der DFB mal wieder vorzieht. Vielleicht gibt es auch andere Gründe, die aus Sicht der Frankfurter gegen eine Strafe gegen Hansa Rostock sprechen – die Ost-Verschwörungs-Theorie. Ein ehemaliger Fußballprofi des FC Hansa Rostock beschreibt diese so: „Die Vereine im Osten beschweren sich dauerhaft beim DFB darüber, dass dieser am liebsten alle Vereine aus dem Osten nicht in den ersten beiden Ligen sehen will. Das geht so weit, dass am Ende dieser Verschwörungstheorie der Verdacht steht, dass die DFB-Schiedsrichter absichtlich Vereine aus dem Osten benachteiligen, um diese Clubs aus den ersten beiden Ligen zu verbannen.“ Nun kann man dem DFB sicherlich eine Menge zutrauen, aber diese Theorie ist sicherlich nicht belegbar. Sie könnte aber dazu geeignet sein, den DFB zu beeinflussen. Strafen gegen Ost-Vereine würden dieser Theorie wohl neues Futter liefern.

Vorfreude ist die schönste Freude

   Freuen wir uns also auf das Rückspiel. Weniger als 1.000 Rostocker, für die jeweils 1,5 Polizisten zur Verfügung stehen, ein norddeutsches Wasserwerfertreffen, ein Sicherheitsspiel, ein Rostocker-Stadionsprecher, der aus Deeskalationsgründen wieder mal alles verharmlosen und ignorieren darf und jede Menge Ärger im Nachgang für den FC St. Pauli.

   Denn soviel steht fest: Ein öffentliches Zeichen des DFB gegen die ständigen diskriminierenden Rufe der Rostocker wird es nicht geben. „Ohren zu", lautet hier die Devise. Dafür macht der DFB die Augen und vor allem den Mund auf und wird dem FC St. Pauli alles vorwerfen, was ihm vermeintlich auffällt. Auch eine Art mit Rassismus und Diskriminierung umzugehen und ein deutliches Zeichen: Wir vom DFB machen nichts, wehe ihr helft euch selbst! Denn was soll Fan noch machen, wenn der DFB absichtlich untätig bleibt, als zu den Mitteln zu greifen, die einem bleiben. Eine Alternative wäre die Maßnahmen des DFB zu übernehmen: Rassismus und Diskriminierung auf den Tribünen einfach zu ignorieren. Das wäre ein Armutszeugnis!

Mathes

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