Neu im Fanladen,
nicht in der Fanszene

Seit dem Sommer gibt es ein neues Gesicht hinter dem Tresen und in den Bussen und Bahnen des Fanladens. Justus Peltzer kam früher oft als Besucher in den Fanladen. Nun begrüßt er als neuer Mitarbeiter die Fans in ihrem Laden. Seit vielen Jahren folgt Justus dem FC St. Pauli quer durch Deutschland, aber natürlich kannten ihn nicht alle aus der Fanszene. Das möchten wir beim Übersteiger ändern und Justus mit einem Interview kurz vorstellen.

ÜS: Hallo Justus. Schön, dass Du dir Zeit für uns nimmst. Stelle dich doch einfach mal kurz vor.
Justus: Ich bin 30 Jahre alt, geboren und aufgewachsen bin ich im Oldenburger Münsterland, nach dem Abi bin ich dann zum Studieren nach Bremen gezogen, wo ich dann auch mehrere Jahre als Sozialarbeiter mit Jugendlichen gearbeitet habe. Für die Stelle im Fanladen zog ich dann gemeinsam mit meiner Frau nach Hamburg.

Bild von Justus

ÜS: Mittlerweile scheint in der Fanszene des FC St. Pauli der Leitsatz „Sag mir zu welcher Gruppe du gehörst, dann sage ich dir, wer du bist“ zu gelten. Gehörst du einer Fangruppierung an?
Justus: Diese Pauschalisierung habe ich noch nie verstanden. Wir haben viele Fangruppierungen, die ständig tolle Dinge im Stadion und außerhalb zustande bringen. Da werden dann Verfehlungen Einzelner oder auch der eigene flüchtige Eindruck, der mehr auf Unkenntnis als auf Wissen fußt, genutzt, um alle pauschal in eine Ecke zu drücken.
Aber dennoch: Ich bin Mitglied des besten Fanclubs der Welt, den „Paramatics Sankt Pauli – Der Paramat“ aus Bremen. Wir sind sechs Fans, die versuchen, jedes Spiel des FC St. Pauli im Stadion zu verfolgen. Wir fahren (bzw. ich fuhr) immer mit dem Metronom nach Hamburg, zu den Auswärtsspielen sind wir in letzter zeit eher mit dem Auto angereist. Im Stadion hatte ich jahrelang eine Dauerkarte für die Gegengerade und nun für die Südkurve. Wir stehen mit unserem Fanclub eigentlich immer in der Nähe von USP, sind aber keine Mitglieder. Ich selber bin seit Jahren Mitglied beim Bündnis Aktiver Fußball Fans (BAFF) und dort auch aktiv.

ÜS: Deine erste Auswärtsfahrt als Betreuer mit dem Fanladen führte dich am Ende der letzten Saison nach Augsburg. Kein wirklich guter Start, oder?
Justus: Vom Ergebnis her sicherlich nicht, auch die anderen Auswärtsfahrt in dieser Saison waren ja leider sportliche Reinfälle. Die Fahrten liefen größtenteils aber schon entspannt, auch wenn es weite Wege sind.

ÜS: Bis auf die Feuertaufe in Rostock?
Justus: Ja, das war alles sehr unschön. Im Vorfeld haben wir schon gehofft, dass die Gespräche, die Sven Brux und wir vom Fanladen mit den Verantwortlichen in Rostock geführt haben, Früchte tragen würden. Aber diese Hoffnung hat sich leider nicht bestätigt. Erschreckend fand ich, dass es nicht nur die „gewöhnlichen“ Nazis waren, die bei einem Spiel des FC St. Pauli auftauchen, sondern ganze Tribünen offen diskriminierend auftraten. Wir waren schon sehr froh, dass es bei unseren Fans nicht zu schweren Verletzungen kam. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.

ÜS: Weit weniger gravierend, aber dennoch ärgerlich, war für Euch sicherlich auch der Zustand des Rostock-Sonderzuges nach der Ankunft am Bahnhof Altona.
Justus: Die Arbeit im Fanladen macht sehr viel Spaß, aber solche Dinge ärgern mich. Wir verstehen natürlich, wenn nach so einem Spiel der eine oder die andere erstmal ein paar Bier leert, um wieder runterzukommen. Das ist ja auch völlig in Ordnung, aber wenn manche Leute so viel trinken, dass sie nicht mehr klarkommen und z. B. in den Zug pissen, wird es für die Mitfahrenden nervig, gerade aber auch für uns vom Fanladen. Denn im Endeffekt muss immer der Fanladen erstmal gerade stehen für verschmutzte, vollgekotzte und vollgepisste Sonderzüge und Busse. Es hat mich als Fan schon genervt, wenn man aber auch noch die Verantwortung trägt, nervt es noch viel mehr. Es wäre schön, wenn die Fans auch untereinander bei solchem Verhalten mehr als schon jetzt Grenzen aufzeigen würden, oder zumindest uns oder die Ordner mehr ansprechen würden.

ÜS: Erlebst du dein eigenes Fanleben schon anders als vorher?
Justus: Ja, schon. Der größte Unterschied zu früher ist natürlich, dass ich das obligatorische Bier im Fanladen vor dem Spiel nicht mehr trinken kann (lacht). Aber nun verkaufe ich ja Bier, das gleicht das aus, trinke ich eben 'ne Mate. Nein, nach so einer kurzen Zeit bin ich natürlich genauso Fan geblieben. Nur die Verantwortung ist halt eine andere und das spüre ich schon bei den Spielen. Besonders war das in Rostock, bei dem Spiel war ich nun gar nicht als Fan, dafür ist viel zu viel drumherum passiert. Außerdem bekomme ich bei den Spielen einfach nicht mehr alles mit. Ich sehe einige Tore gar nicht, da ich öfter erst später ins Stadion komme und da dann auch nicht die Zeit habe, die gesamte Spielzeit aufs Spielfeld zu gucken. Auch bei Dingen, die mich als Fan schon störten, ist es so, dass sie jetzt umso gravierender sind. Da nenne ich nur das Beispiel der späten Terminierung der Spiele.

ÜS: Noch im letzten Jahr musstest du wissen, wann gespielt wird, um frei zu nehmen. Heute möchtest du wissen, wann du arbeiten musst.
Justus: Es steckt für den Fanladen ja sehr viel mehr dahinter. Wir organisieren die Auswärtsfahrten und tragen auch das finanzielle Risiko. Die DFL hat in dieser Saison schon zweimal erst ein paar Tage vorher die Anstoßzeiten terminiert. Das kann für uns in einem finanziellen Desaster enden. An einem Sonntag fahren nun mal viel mehr Fans zu einem Auswärtsspiel als an einem Freitag oder gar Montag. Das müssen wir berücksichtigen bei der Frage, ob wir einen Zug nehmen oder Busse bestellen. Bestell mal einen Sonderzug für ein Spiel, das schon in zehn Tagen stattfindet. Die Bahn wird dir was erzählen…
Und auch noch was Privates: Die Freizeit am Wochenende ist natürlich jetzt knapper, das ist nicht schlimm, da ich das ja auch vorher wusste und bewusst in Kauf genommen habe, aber es wäre schon schön, wenn man diese Zeit dann auch möglichst früh planen könnte, um was zu unternehmen.

ÜS: Abgesehen von der Organisation von Auswärtsfahrten und der kulinarischen Versorgung von Fans bei Heimspielen im Fanladen, wo siehst du deine Schwerpunkte in der nächsten Zeit?
Justus: Tja, das ist eine Frage, die ich schon oft gestellt bekommen habe und die wirklich schwierig zu beantworten ist, wie ich finde. Im Moment bin ich immer noch in der Einarbeitung, ich beschäftige mich damit, wie die Kasse funktioniert, wie die Karten verkauft werden, wann bestellt werden muss, dass genug Getränke da sind usw., also im Großen und Ganzen damit, mir das Alltagsgeschäft erstmal anzueignen. Dazu gehört natürlich auch, die einzelnen Fangruppen (neu) kennen zu lernen, in die Zusammenarbeit mit dem Verein und anderen Gremien rein zu wachsen etc., also sich auch darum zu kümmern, dass mich die Leute kennenlernen und als neuen Fanladen-Mitarbeiter wahrnehmen. Da bin ich im Moment echt ganz gut mit beschäftigt. Du spielst ja aber wahrscheinlich darauf an, was ich für Projekte anstoßen und durchführen will, da bin ich mir aber echt noch nicht sicher, was ich da machen will und wie, aber ich bin da was am planen dran. Können wir ja in 'nem Jahr oder so noch mal drüber reden (lacht).

ÜS: Wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir eine erfolgreiche und schöne Zeit im Fanladen.

Das Interview führte Mathes.

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