Gewalt im Jolly: Theorie und PraxisWir als Ballkult e.V. und somit Trägerverein der Fankneipe Jolly Roger sind vom Übersteiger gebeten worden, auch einen Beitrag zum Schwerpunktthema Gewalt zu schreiben. Dem kommen wir natürlich gerne nach, auch und gerade weil uns das Thema ungewollt seit Anbeginn begleitet. Vorausgeschickt werden muss Folgendes: Wir sind ne Fußballkneipe. Wir sind ne Kiezkneipe. Wir sind ne Kneipe, deren Betreibern und Nutzern Politik nicht fremd ist und die sich einmischen, wenn möglich und wo nötig. Wir sind ne Kneipe, wo viel gesoffen wird und dessen Publikum rein vom Äußeren her oft nicht unbedingt dem landläufigen Geschmack von „pflegeleicht“ entspricht. Machen wir uns also nichts vor, das Jolly ist nicht unbedingt Kindergeburtstag. Aber das ist auch OK so, das wollen wir so und haben uns deshalb mit den Begleiterscheinungen auseinander zu setzen. Eine dieser Begleiterscheinungen ist Gewalt. Am Anfang (das Jolly startete ja schon im Jahr 2000) war es oft die Gewalt unter den Gästen, die uns Sorgen bereitete. Doch mittlerweile haben wir entsprechende Maßnahmen ergriffen, viele Gespräche geführt und auch schon mehrfach Hausverbote erteilen müssen. Dieses Problem ist seit geraumer Zeit kein großes mehr. Das Publikum ist breiter (sic!) geworden und alles hat sich eingepegelt. Dann hatten wir die Gewalt, die von außen auf uns einwirkt: zur Anfangszeit am alten Standort Detlev-Bremer-Straße hatten wir es des Öfteren mit gewalttätigen Angriffen anderer Fangruppen zu tun. Als jene sich öfter blutige Nasen geholt hatten und spätestens mit dem Umzug in die Budapester Straße hat sich aber auch dieses Problem nahezu in Luft aufgelöst. Es sind und bleiben zwar alle wachsam aber passiert ist seit langem nichts mehr. In den letzten 2 Jahren haben wir vielmehr unter einem anderen neueren Phänomen der St.Pauli-Fanszene zu leiden. Wie in diesem Sommer auch schon vom scheidenden Fanbeauftragten Heiko thematisiert, gibt es bei St.Pauli Leute, die sich gerne mit anderen beulen. Politische Gründe sind, wenn überhaupt vorgetragen, nur Vorwand und Entschuldigung. Das könnte uns ja eigentlich egal sein, wenn es in der Vergangenheit nicht schon öfter vorgekommen wäre, dass sich Leute nach einer Schlägerei ins oder ans Jolly geflüchtet hätten. Ohne über das vorausgegangene Geschehen und seine Hintergründe informiert zu sein, werden so die Kneipe und seine Gäste als ungefragter Schutzschild missbraucht. Mit der Gefahr, dass eine evtl. anrückende Polizei erstmal alle Anwesenden gleichermaßen „beglückt“ und eine Eskalation immer wahrscheinlicher wird. Das können und wollen wir nicht dulden. Um das klar zu stellen: Wenn es irgendwo im Umfeld eine Auseinandersetzung mit Nazis gibt, ist das Jolly zu jeder Hilfestellung bereit. Aber als Ausgangs- oder Anlaufpunkt postpubertärer Mackeraktionen sind wir der falsche Ort. Zum Schluss wäre zu bemerken, dass es auch schon Probleme mit eher unterschwelliger Gewalt gegeben hat. Soll heißen, wenn sich Fans eines anderen Vereins dem Laden genähert oder ihn gar betreten haben, wurden diese schon mal mehr als böse angeguckt, ohne dass es dafür einen Anlass gegeben hätte. Das hatte dann schon was von animalischem Revierverhalten. Auch hier zur Klarstellung: Nazis und andere Schwachköpfe fliegen aus dem Jolly schneller, als sie sich ein Bier bestellen können aber grundsätzlich sind alle Fußballfans, auch die anderer Vereine, bei uns willkommen und wir feiern mit denen gerne eine gemeinsame Party. Wir wollen keine unantastbare Oase sein, die irgendwann an ihrer eigenen kulturellen Inzucht erstickt. All das Genannte sind aber keine Themen, die unseren Alltag bestimmen. Sie kommen vor und müssen von uns bedacht werden. Wehret den Anfängen sozusagen. Ansonsten sind wir nämlich voll Peace und Love und so. Wer das nicht so sieht, ist aber gerne eingeladen, sich an den Vorstand und/oder den Vereinsrat zu wenden (der sich auch sonst über Mitstreiter freut!), der jeden ersten Mittwoch im Monat ab 19.30 h im Jolly Roger tagt. BallKult e.V.
|
|
Titelseite dieser Ausgabe |
|