Ja, und ihr,
ihr könnt jetzt,
genau,
abschalten!

Ein Scheiß-Spieltag für das DSF und die Folgen

   Am 10. März kam der FC St. Pauli in einem Heimspiel nicht über ein 0:0 gegen die blauen Münchener hinaus. Das Spiel war eher langweilig und wurde direkt nach Abpfiff auch kaum noch beachtet. Viel bedeutender waren die Proteste gegen das Deutsche Sportfernsehen (DSF) auf den Rängen. Auf den allwöchentlichen Super-Sonntag folgte der Scheiß-Montag im DSF. Live, in Farbe und für die Fernsehleute nicht zu verhindern. Tapetenbahnen und Wechselgesänge machten deutlich, was die Fans von dem Sexy-Sport-Clips-Dauersender halten. Das DSF war beleidigt, die DFL wütend über den ausbleibenden Ordnereinsatz und der Verein bangt um imaginäre Einnahmen. Viel Wirbel um einen berechtigten Protest.

Die erste Spieltagzerlegung

   Montags konnte ich schon immer kotzen und am Montag gehört Vati auch mir! Proteste gegen das DSF sind so alt, wie die Spiele am Montagabend. Die gehen nun auch schon in die 12. Saison. Der laut eigener Darstellung „kompetente Sport- und Männer-Sender“ (und ich dachte, da räkeln sich nachts Frauen auf den Billardtischen und nicht Männer) hat wenige Jahre nach seinem Sendestart für ein Novum im deutschen Fußball gesorgt: Das erste Mal bestimmte ein Fernsehsender den festen Anpfifftermin eines Bundesligaspiels.

   Das ist heute aktueller denn je. Die neuen Fernsehverträge werden gerade ausgehandelt und die DFL ist fleißig dabei, Vermarktungspakete zu schnüren, über die die 36 Teilnehmer der ersten beiden Ligen dann abstimmen. Sein Comeback dabei erlebte Pleitier Leo Kirch, der die Bundesliga für die DFL vermarkten darf. Im Fußball bedeutet „Leo“ eigentlich, dass man wegbleibt und sich ja zurückzieht. Die DFL hingegen hat den Kirch wieder ins Boot geholt und gibt ihm jetzt die zweite Chance, den Kahn gegen den nächsten Eisberg zu rammen. Fest steht jetzt schon, dass sich die 1. Liga von Freitag 20.00 Uhr bis Sonntag 18.45 Uhr breit macht. Dazu kommen zusätzlich weit mehr Spiele unter der Woche, als die Bremer, Schalker und Co. das derzeit erleben. Ein Spieltag wird in der nächsten Saison dann gerne mal über fünf Wochentage ausgespielt. Schöne neue Zeit!

   Klar ist auch, wer bei den neuen Fernsehverträgen nicht beachtet wird: Die Fans im Stadion. Der Pay-TV-Sender Premiere verlangt mehr Exklusivität und wird sie wohl auch von den Mitgliedern des Ligaverbandes – den 36 Vereinen, Kommandit- und Aktiengesellschaften der ersten beiden Ligen - erhalten. Schließlich gibt es dafür auch Geld. Weiterhin gilt auch, dass 1. und 2. Liga nicht parallel spielen. Samstag 15.30 Uhr ist Geschichte in der 2. Liga. Nun zieht die 1. Liga den eigenen Spieltag extrem in die Länge und da wird schnell deutlich, was das für die 2. Liga bedeutet. Anstoßzeiten, zu denen so mancher Student wohl aus dem Bett geprügelt werden muss! Wehret den Anfängen heißt es so schön, und da sollte man auch den scheiße finden dürfen, der mit der Spieltagzerfledderung mal angefangen hat – das DSF.

Montag gehört uns –
der FC St. Pauli und die Montagspiele

   Das Präsidium des FC St. Pauli findet das DSF nun aber nicht ganz so scheiße. Immerhin zahlen die viel Geld, um ein Live-Spiel im Free-TV zu zeigen. Am Wochenende haben die Fans des FC St. Pauli sowieso etwas Besseres zu tun, als sich an das Millerntor zu begeben. Spiele unter Flutlicht finden alle toll und wir können uns und unsere Werbepartner mal richtig lange zielgruppengerecht im Fernsehen platzieren. Nach vier Jahren in der norddeutschen Provinz und einem überraschendem Pokaljahr wartete das ganze Land nur darauf, endlich die Kultkicker wieder live im Fernsehen zu verfolgen. Wir haben immer volles Haus, die beste Stimmung und alle wollen uns sehen. So hat sich das Präsidium und die Geschäftsführung des FC St. Pauli das wohl gedacht.

   Mit Euro-Zeichen in den Augen – denn die Sponsoren zahlen mehr Geld, wenn die Heimspiele des FC St. Pauli live im Free-TV übertragen werden – bewarben sich Präsidium und Geschäftsführung um möglichst viele Spiele am Montagabend. Gleich zu Saisonbeginn ging es los. Die Telefonnummer des DFL-Spielplangestalters war wohl fest einprogrammiert in der Geschäftsstelle, denn der FC St. Pauli wurde nicht müde. Heimspiele gegen Gladbach, Köln und Mainz – das müssen doch DSF-Live-Spiele werden! Und damit das auch wirklich klappt, meldete sich der Verein auch fleißig in Ismaning in der Zentrale des DSF. Dieses darf bei der DFL nämlich Wünsche äußern, welche Teams sie denn am liebsten am Montag übertragen würden. Die Hamburger-Drückerkolonne machte ihre Arbeit und sorgte für Kopfschütteln. „Bei uns stehen sie ständig auf der Matte und zählen die Vorzüge eines Montagspiels am Millerntor auf und dann stimmen sie mit ihren Mitgliedern für fanfreundliche Anstoßzeiten. Selten ein Verein erlebt, der seine Fans so verarscht“, berichtete Ende letzten Jahres ein Mitarbeiter der DFL.

   Doch sollte es dauern, bis die Bestrebungen des Vereins Früchte trugen. Am 18. Januar gab die DFL die Terminierung der Spieltage 20 bis 26 bekannt. Und siehe da: Am 10.03. darf der FC St. Pauli zu Hause gegen 1860 München ran. Das hat sich das DSF auch so gewünscht. Der Wunsch wurde erhört, alle sind glücklich, der Schampus ist kalt gestellt, das Spiel und die finanziellen Einnahmen können kommen. Doch kam es ein wenig anders, als sich das die Troika DFL, DSF und FC St. Pauli gewünscht hat.

Das DSF war enttäuscht und betroffen

   Jeder Mensch, der auch nur einen Funken Ahnung von der aktiven Fanszene beim FC St. Pauli hat, wusste, dass dieses Spiel nicht ohne Proteste ablaufen würde. Vor Jahren wurde schon ein Montagspiel gegen die Gladbacher Fohlen beinahe nicht angepfiffen, da mit Helium gefüllte Luftballons verhinderten, dass die Kameras auf dem Dach der Gegentribüne freie Sicht auf das Spielfeld hatten. Nun bekam das DSF seine eigenen Werbebanden. Die Südkurve war schon im Vorfeld mit Tapetenbahnen verziert und als die Mannschaften das Spielfeld betraten, waren „Scheiß DSF“ Schilder allgegenwärtig. Ok, über den Spruch lässt sich sicherlich diskutieren. Aber es ist ein kurzer, knapper Text, der den Protest gegen die fanfeindlichen Anstoßzeiten „Doppelhalter-gerecht“ zusammenfasst. Bei jedem Eckball und jeder Torszene vor der Südkurve blieb den Ismaningern gar nicht anderes übrig, als die Tapetenbahnen auf der Süd mitzufilmen. Ein Spruch bekam eine deutschlandweite Verbreitung über das Medium, das es verdiente. Getoppt wurden die Proteste noch durch die unüberhörbaren Wechselgesänge zwischen Südkurve und Gegengerade: „Scheiß DSF“ aus tausenden Kehlen. Das war St. Pauli, wie man es kannte!

   Gerne gesehen und gehört hat das DSF die Proteste natürlich nicht. Im Glauben, dem FC St. Pauli doch nur einen Wunsch erfüllt zu haben, wanden sich die Fernsehmacher an den Verein. Tief enttäuscht und betroffen seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Senders. Zwar gab man zu, dass schon in den 90er Jahren das DSF ein Montagabend-Feinbild für die Fans des FC St. Pauli war, aber erwartet hatte man wohl etwas Anderes. Welche Maßnahmen es denn gab, um diese Stimmung gegen das DSF zu verhindern, fragten die Ismaninger dann auch noch. Schließlich regten sie selbst an, mit den kritischen Fans des FC St. Pauli und mit dem Geschäftsführer des FC St. Pauli in einen Dialog zu treten, da man sich weiterhin als wichtiger Partner des FC St. Pauli sehe. Die beleidigte Leberwurst spielte das DSF aber dennoch: Nicht mehr Montagabend auf St. Pauli! Trotzig wie ein Gewinnspielanrufer, der die Frage, ob Rot-Weiß Essen oder Rot-Weiß Trinken in der Regionalliga Nord spielt, falsch beantwortet hat, kündigten die selbsternannten Sportjournalisten an, nicht mehr Heimspiele des FC St. Pauli als Wunschspiele bei der DFL anzumelden.

   Der Verein reagierte prompt, indem Sven Brux im Internet mittels St. Pauli-Forum einen Thread eröffnete. Drei Tage nach dem Spiel schilderte Sven die Sicht des Vereins und berichtete darüber, dass ihm wohl bald das Telefon vom Tisch fliegt, da es nicht aufhörte zu klingeln. Neben der berechtigten Frage, ob wir Fans denn nur das DSF für die Spieltagszerfledderung verantwortlich machen können und einer Anspielung auf das Niveau des Protestes, gab es noch eine weitere interessante Information: 100.000 Euro, soviel erhält der Verein von seinen Sponsoren als Bonus, wenn es denn Heimspiele live am Montagabend gibt. Das ist für unseren Verein viel Geld, das dieser auch haben will. Daher hat auch Sven Brux die vom DSF angeregte Diskussionsrunde angekündigt und gleichzeitig vorgeschlagen, in naher Zukunft die ganze Vermarktung des Vereins zu diskutieren. Gelungene Aktionen gegen die totale Kommerzialisierung gab es immerhin genug: Stadionname, Millerntaler-Boykott und DSF-Proteste. Womit soll der Verein da auch noch Geld verdienen, wenn alle hippen Sprüche schon auf T-Shirts gedruckt sind und der letzte Grashalm auch schon seinen Paten gefunden hat? Auch die Cash-Cow Fußball ist irgendwann mal komplett gemolken und der FC St. Pauli will wohl nach einigen Flops den totalen Crash verhindern und bei den Fans mal anfragen, wie weit er denn noch gehen kann.

Untätige Ordner ärgern die DFL

   Einer fehlt ja noch aus unserer Troika: Die DFL. Die war natürlich auch nicht untätig und hörte sich erst das Gejammer des DSF an, um dann dem FC St. Pauli per Fax die Leviten zu lesen. Für Holger Hieronymus und Götz Bender von DFL war es ein „ungeheuerlicher Vorgang, dass einer der wichtigsten Partner der 2. Bundesliga im Rahmen seiner Live-Berichterstattung mit solchen Rahmenbedingungen konfrontiert wird.“ So weit, so verständlich. Schließlich ist es Aufgabe der DFL, die Vermarktung der beiden Bundesligen zu betreiben.

   So nebenbei zeigte die DFL aber noch, wie sie sich denn heute die Durchführung von Fußballspielen vorstellt. Auch sie wollte zunächst vom Verein wissen, warum im Vorfeld nicht Präventivmaßnahmen durchgeführt wurden, um einen Protest gegen das DSF zu verhindern. Für wie bekloppt hält denn die DFL die Fans? Wenn Herr Littmann vorher erzählt, dass die Fernsehzuschauer die wichtigsten sind und die Fans im Stadion sich gefälligst nach denen zu richten haben, hören Stadionbesucher auf zu denken und nehmen alles kritiklos hin? So stellen es sich die Frankfurter wohl vor. Hauptsache die Verwertung wird nicht behindert und Fans können eh nicht selber denken. Mit einer Forderung schoss die DFL aber den Vogel ab: Warum wurden die Anfeindungen und Störungen nicht unverzüglich durch den zuständigen Ordnungsdienst unterbunden – das fragten Hieronymus und Bender den Verein. Die DFL beweist einmal mehr, dass sie von Sicherheitsfragen im Fußball keine Ahnung hat und von freier Meinungsäußerung wohl auch nichts hält. Anscheinend denken sich die Frankfurter, dass eine ordentliche Randale auf den Tribünen tolle Werbung für ein Live-Spiel ist, wenn schon auf dem Spielfeld keine Tore fallen. Man stelle sich nur vor, was passiert wäre, wenn – wie von der DFL gefordert – eine Truppe Ordner sämtliche Tapetenbahnen abgerissen hätte und obendrein noch versuchen würde, alle „Scheiß DSF“-RuferInnen aus dem Stadion zu vertreiben. Es hätte wohl geknallt ohne Ende!

   Auch der direkte Eingriff in das Hausrecht des FC St. Pauli ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Was auf den Tribünen erlaubt ist und was nicht, schreibt eine DFB-Vorlage für die Stadionordnung vor. Die DFL will wohl mehr vorschreiben. Natürlich hat der Übersteiger die DFL direkt angesprochen und nachgefragt, in welchen Bereichen diese denn in das Hausrecht der Bundesligisten eingreifen will und was die DFL eigentlich noch von der freien Meinungsäußerung hält. Trotz mehrmaliger Nachfrage erhielten wir leider keine Antwort. Es zeigt nur deutlich, wohin der Weg geht: Ordnereinsätze um die „problemlose Verwertung“ von Bundesligaspielen sicher zu stellen! Fan soll die Klappe halten und bezahlen. Kritik wird weggeprügelt. Man könnte meinen, die Olympische Fackel läuft gerade durch die Bundesliga.

Recht auf freie Meinungsäußerung

   Am 29. April fand der runde Tisch mit Vertretern des FC St. Pauli, des DSF, der DFL und Fans statt. Auch hier wurde Holger Hieronymus, der für die DFL anwesend war, mit der Forderung des Ordnereinsatzes konfrontiert. Besaß Hieronymus zunächst noch die Dreistigkeit, die Existenz des Schreibens zu verneinen, gab er später zu, dass es dieses Schreiben wohl gebe, er es aber nicht geschrieben oder gelesen habe. Unterschrieben hat er es auf jeden Fall!

Die Fernsehmacher vom DSF zeigten sich sehr an dem Dialog interessiert und auch der Verein will weiterhin mit den Fans sprechen, von der DFL kam bei dem Treffen wenig Konstruktives. Das wichtigste Ergebnis ist aber ein Präsidiumsbeschluss des Vereins, der auf diesem Treffen mitgeteilt wurde: Die freie Meinungsäußerung am Millerntor bliebt selbstverständlich bestehen. Kritik ist weiterhin erlaubt! Auch Sven Brux stellt klar, dass niemand wegen eines „Scheiß DSF“-Doppelhalters nun die Ordner auf sich zieht. „Das ist Teil der freien Meinungsäußerung und vor allem keine persönliche Beleidigung, die unter die Gürtellinie geht. Nur bei solchen Vorgängen würden wir die Plakate wieder abnehmen lassen“, stellt der Organisationsleiter klar. Wie es weiter geht mit den Spielen am Montag und dem FC St. Pauli wird die nächste Saison zeigen. Aus finanziellem Interesse will der Verein sicherlich weiter an einem Montag spielen und das DSF wird sicherlich auch wegen der guten Quote, die der FC St. Pauli bringt, die Spiele gerne übertragen. Die Proteste haben immerhin bewirkt, dass alle miteinander sprachen und das DSF sich vorgenommen hat, die Fans in den Stadien bei Wunschäußerungen auch zu berücksichtigen. Ein erster Anfang ist gemacht, die Proteste müssen weitergehen. Nebenbei zeigte die DFL ihr wahres Gesicht und dass die „problemlose Verwertung“ über allem steht. Hier stehen wohl bald neue Proteste an.

//Mathes

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