Die Liste des Schreckens

Einschneidende Ligenstrukturreform im kritischen Fokus

Das Thema „Einführung der eingleisigen Dritten Liga“ hatten wir ja bereits im Übersteiger Nummer 81 behandelt und dort das Für und Wider dargestellt. Ein Für kann ich persönlich allerdings kaum entdecken...

   Cornelius Littmann befand diese Ligenstrukturreform (LSR) für „überfällig und notwendig, da es in einer zweigeteilten dritten Liga kaum möglich ist, überregionale Sponsoren zu finden“. Aber so befand er auch über den Abriss der Südtribüne mit jenem Ergebnis, das wir jetzt haben. Das Damoklesschwert der LSR schwebt dieses Jahr über jedem Zweitligisten, ab 2008 dann dieser „Nachwuchsliga“ anzugehören. Aber noch mehr betroffen sind von allem die unteren Ligen und damit auch unsere U 23.

   Am Ende dieser Saison wird es für 37 Regionalligisten den Abstieg in die neue vierte Liga geben. Dies allein schon ist ein mächtiger Aderlass, und aus der jetzigen Oberliga Nord werden nur noch fünf (maximal sechs) Mannschaften viertklassig sein, denn die alten neun Oberligen werden abgeschafft und durch drei Regionalligen (Nord, Mitte und Süd) ersetzt. Der Sechste der derzeitigen Oberliga Nord hat dann die Chance, sich in einer Relegationsrunde gegen die Verbandsligameister Hamburg, Bremen, Niedersachsen West und Ost und Schleswig Holstein für die RL Nord zu qualifizieren; (für unsere U 23 als derzeit Siebter eventuell von Bedeutung).

   Eine Regionalliga Nord mit dann natürlich ungehemmtem Zugang für Zweite Mannschaften von Profivereinen wird dann wohl 18 Mannschaften aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin umfassen. Dort gibt es noch zwischen 150.00 und 200.000 Euro Fernsehgelder (die dritten Programme signalisieren Interesse) - da drunter ist dann alles fünftklassig und quasi im Feierabendkick gelandet, denn vor die sportliche Qualifikation hat der DFB erst mal die wirtschaftliche gestellt.

   Und hierfür gibt es die Liste des Schreckens der Anforderungen an einen Viertligisten ab 2008 (als Anhang beigefügt). Diesen Anforderungen werden viele Vereine einfach nicht gerecht werden können, und es fragt sich auch, wofür man die braucht, wenn man sich mal den Zuschauerschnitt aus den Oberligen anschaut. Das ist ungefähr so, als müsse man ein Colosseum fürs Meisensingen bauen. Wen das Ganze fördern wird, und dafür ist es wohl auch gedacht: Die großen Vereine und ihre „Nachwuchsmannschaften“, die dann das Ganze unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen dürfen und natürlich auch all die Hoppenheims und Gazproms der Ligen, die mit all ihrem Geld dem Retortenvereinstum Vorschub leisten werden.

   Sportlich kommt erschwerend hinzu, daß der NFV die Abschaffung der Oberliga Nord als fünfter Liga beschlossen hat; bei Nichtqualifikation versinkt unsere U 23 in der Hamburg-Liga.

   Zu dem Thema hatte ich ein kurzes Gespräch mit Hermann Klauck, dem Liga-Obmann der U 23, der als einer der schärfsten Kritiker der Reform gilt, zu den Konsequenzen.

ÜS: Herr Klauck, sie haben gesagt, daß durch die Abschaffung der OL Nord der Aufstieg von der Hamburg-Liga in die Regionalliga kaum mehr möglich sein wird, weil Vorraussetzungen und Auflagen nicht erfüllt werden können. Würde der FC St. Pauli den Weg gehen bzw muß der Verein den Weg gehen, um nicht im „Freizeitfußfußball“ zu versinken?
H.K.: Der Verein würde den Weg gehen. Voraussetzung dafür wäre aber natürlich die sportliche Qualifikation und die Erfüllung der geforderten Lizenzauflagen. Ich halte es für zwingend erforderlich, daß die zweite Mannschaft eines Profivereines in der höchsten Amateur-Spielklasse spielt. Eine gezielte erfolgreiche Nachwuchsförderung bzw. Ausbildung muß sich immer möglichst nahe am Profifußball orientieren. Da aus der Verbands- bzw. Stadtliga kaum ein Verein die erforderliche Infrastruktur inklusive finanzieller Mittel zur Verfügung hat, um die Lizenz für die neue vierte Liga zu erhalten, würde auf Dauer der Leistungssport beim Breiten- bzw. Freizeitsport enden.

ÜS: Was ist dran am Projekt, daß die Stadt Hamburg in Bahrenfeld / Altona ein drittligataugliches Stadion zu bauen beabsichtigt, in dem alle Hamburger Vereine der dritten und vierten Liga ihre Spiele austragen können?
H.K.: In dieses Projekt ist der FC St. Pauli bisher in keiner Weise einbezogen. Ich denke allerdings, daß eine solche Lösung sehr Zuschauerund fanfeindlich wäre, da die Bindung zum Verein und die Identifikation völlig verloren ginge.

ÜS: Was würde die Qualifikation für die neue Regionalliga finanziell für den FC St. Pauli bedeuten (nötige Investitionen, Mehrkosten, potentielle Mehreinnahmen)?
H.K.: Die Mehrkosten in der neuen Regionalliga würden sich um ca. 40 % gegenüber der OLSaison 07/08 erhöhen, da sich Positionen wie Personalkosten, Stadionkosten oder Kosten für den Ordnungsdienst deutlich erhöhen würden. Auch der Aufwand für Reisen, Unterkunft und Verpflegung sowie für den Schiedsrichterpool und den allgemeinen Spielbetrieb würde ansteigen. Wesentlich höhere Einnahmen gegenüber der Oberliga erwarte ich nicht, da die zukünftige Regionalliga ja eine vierte Liga bleibt. Ein finanzieller Nachteil entsteht allerdings auch dadurch, daß zweite Mannschaften grundsätzlich keine Fernsehgelder erhalten und nicht mehr an der DFB-Pokal-Hauptrunde teilnehmen dürfen.

ÜS: Wenn es mit der Regionalliga nicht klappen sollte; befürchten sie ein Auseinanderfallen der Mannschaft, weil gerade junge Spieler schnell den Weg in die höheren Ligen suchen würden?
H.K.: Die Mannschaft würde sicherlich in der Altersstruktur und in der Qualität ein anderes Gesicht bekommen, weil die Top-Nachwuchsspieler versuchen werden, in einer höherklassigen Mannschaft zu spielen. Allerdings ist das Angebot hier in der näheren Region ja auch begrenzt. Unser Ziel in der fünften Liga wäre natürlich ein sofortiger Aufstieg in die Regionalliga.

ÜS: Ist eine Förderung von Talenten und jungen Spielern für die 1. Mannschaft überhaupt möglich?
H.K.: Der Sprung von der fünften in die zweite Liga wäre für einen talentierten Spieler einfach zu groß. In der fünften Liga wäre er zudem höchstwahrscheinlich unterfordert und in seiner sportlichen Entwicklung gebremst. Die erforderliche Wettkampfpraxis würde fehlen, weil sie auch durch noch so intensive Trainingsarbeit nicht ersetzt werden kann.

ÜS: Welche Auswirkungen hätte das für die erste Mannschaft des FC St. Pauli?
H.K.: Der Verein müsste auf fertige und gut ausgebildete Spieler fremder Vereine zurückgreifen, was mit erheblichen Transferkosten verbunden wäre. Die Übernahme eines eigenen Spielers aus der fünften Liga wäre sicher die Ausnahme. Genau deshalb ist eine eigene positive Nachwuchsförderung schon aus finanzieller Sicht erstrebenswert. Ich denke aber, da ist der Verein bereits auf einem guten Weg.

ÜS: Hätte man es ihrer Meinung nach alles beim Alten belassen sollen, was die Ligen angeht?
H.K.: Die bisherige Klasseneinteilung war gut und hat sportlich funktioniert. Sie hätte meines Erachtens noch viele Jahre bestehen können.

ÜS: Welche Alternativen gäbe es zum jetzigen Konzept?
H.K.: Eine Möglichkeit für die Hamburger und Schleswig-Holsteiner Vereine wäre die Wiedereinführung der Oberliga Hamburg / Schleswig-Holstein, um eine erhöhte Anforderung im Leistungsbereich zu erzielen. Ich bin allerdings überzeugt, daß mittlelfristig wieder eine Oberliga Nord eingeführt werden muß, um einen Abfall in den Breiten – bzw. Freizeitfußball zu vermeiden.

ÜS: Was ist generell davon zu halten, daß die dritte Liga bzw die Regionalligen ab 2009 für alle Zweiten Mannschaften von Profivereinen freigegeben werden sollen?
H.K.: Sollte es nach dem sportlichen Leistungsprinzip im Erfolgsfall gehen, kann man es nicht verhindern, daß zweite Mannschaften in der Klasse spielen, für die sie sich sportlich qualifiziert haben. Alles andere wäre eine sportliche Ungerechtigkeit. Der Nachteil wäre allerdings eine stark verminderte Zuschauerresonanz, da zweite Mannschaften nur wenige eigene Fans mitbringen und somit auch für den heimischen Zuschauer unattraktiv sind.

// Bernd

Die Liste des Schreckens:

Anforderungen an einen Viertligisten ab 2008 Personal:
  • Hauptamtlicher Trainer mit mindestens A-Lizenz
  • Hauptamtlicher Geschäftsführer
  • Hauptamtlicher Angestellter für den Bereich Finanzen
  • Medienverantwortlicher (hauptverantwortlich oder Teilzeit)
  • Sicherheitsbeauftragter
  • Veranstaltungsleiter
  • Ordnungsdienstleiter
  • Fanbeauftragter
  • Stadionsprecher
  • mindestens zwölf deutsche Vertragsspieler im Kader
Medien:
  • Stellplatz für einen Übertragungswagen
  • Platz für eine feste Fernsehkamera
  • Zwei Sprecherplätze (Rundfunk)
  • Zehn Journalisten-Arbeitsplätze mit Pult
  • 10 Telefonanschlüsse (multifunktional), mind. ISDN, Fax & Internet
  • Ein Pressekonferenzraum für mindestens 40 Personen
Stadion:
  • Kapazität mindestens 5000 Plätze, davon ein Drittel überdacht
  • mindestens 500 Sitzplätze (empfohlen 1000)
  • eine überdachte Presse- und Ehrentribüne
  • Flutlichtanlage mit mindestens 500 lux e-hor (???)
  • Naturrasenspielfeld
  • Anzeigetafel (empfohlen)
  • Trennung von Innenraum und Tribüne durch eine mindestens 220 cm hohe Einzäunung (Metall) oder einen Stadiongraben
  • Wellenbrecher im Stehplatzbereich
  • zwei voneinander unabhängige Rettungswege
  • Trennung der Fanlager in zwei unterschiedliche Blöcke (durch Zäune getrennt)
Behind the Scenes:
  • Zwei Mannschaftsumkleidekabinen, mind. 40 qm, mind. sechs Einzelduschen und zwei Toiletten
  • Eine Schiedsrichterumkleidekabine, mindestens 20 qm, mind. zwei Einzelduschen, eine Toilette
  • PC oder Laptop mit Internetzugang
  • Dopingkontrollraum mit mindestens einem Tisch, vier Stühlen, einem Waschbecken und einer Toilette
  • Ein VIP-Raum in ausreichender Größe
  • VIP-Parkplätze (der Größe des VIP-Raumes entsprechend)

 

Derzeit für dritte Profiliga (DPL?) qualifiziert:

FC Erzgebirge Aue
1. FC Kaiserslautern
FC Carl Zeiss Jena
SC Paderborn 07
VFB Stuttgart II
VfR Ahlen
FC Ingolstadt 04
FSV Frankfurt
Wacker Burghausen
FC Bayern München II
SpVgg Unterhaching
SV Elversberg
Werder Bremen II
Dynamo Dresden
1. FC Union Berlin
Borussia Dortmund II
Fortuna Düsseldorf
Kickers Emden
RW Oberhausen
RW Ahlen

Vier Absteiger aus der 2. Bundesliga sowie die Platzierten 3 bis 10 aus den Regionalligen Nord und Süd, darunter maximal vier U 23 Profimannschaften (ab 2009 ist die dritte Profiliga für alle U 23 Mannschaften freigegeben – da diese Mannschaften nicht aufsteigen dürfen, kann sich daraus Lustiges für die 2. BL ergeben.

 

Der derzeitige Stand der Qualifikation für die vierte Liga:

RL NORD

Nord-Qualifikant *)
1. FC Magdeburg
Eintr. Braunschweig
HSV II
Preußen Münster
SV Babelsberg 03
SV Verl
VfB Lübeck #)
VfL Wolsburg II
Holstein Kiel
VfB Oldenburg
SV Wilhelmshaven
Hannover 96
FC Altona 93
Hertha BSC II
Türkiyemspor 1978
BFC Dynamo
Ost Qualifikant **)

RL SÜD

SC Freiburg II
Sportfr. Siegen
SSV Reutlingen
1860 München II
SC Pfullendorf
Stuttgarter Kickers
KSC II
FSV LU Oggersheim
Waldhof Mannheim
1. FC Heidenheim
SSV Markranstädt
Wormatia Worms
SpVgg Bayreuth
Greuther Fürth II
1. FC Nürnberg II
TSV Großbardorf
SSV Ulm 1846
1. FC Saarbrücken

RL MITTE

Rot Weiß Essen
Bayer Leverkusen II
Bor M’Gladbach II
Schwarz Weiß Essen
1. FC Köln II
FC Schalke 04 II
VfL Bochum II
Hessen Kassel
Sportfr. Lotte
SC Borea Dresden
Chemnitzer FC
Energie Cottbus II
1. FSV Mainz 05
Eintracht Trier
SV Darmstadt 98
SV Wehen Wiesbaden II
SC Waldgirmes
Eintracht Frankfurt II

*) derzeit BV Cloppenburg, der gegen den Teilnehmer der HH-Liga, der Verbandsligen HB und SH sowie der zwei Telnehmer der Niedersachsenliga-Staffeln eine Relegation spielen müsste. Das wären derzeit, Victoria Hamburg, FC Bremerhaven, VfR Neumünster (das Holstein Kiels II nicht aufsteigen darf), MTV Gifhorn und der VfL Oldenburg.

**) Vierter der OL NOFV- Nord gegen den Vierten der Südstaffel: derzeit Hansa Rostock II gegen den Halleschen FC

#) unklar ob der finanziellen Situation

 

Für die fünfte Liga (Hamburg Liga) sähe es so aus:

FC St. Pauli II
ASV Bergedorf 85
SV Lurup Hamburg
FC Voran Ohe
Meiendorfer SV
SC Concordia Hamburg
SC Condor
Eintracht Norderstedt
TSV Buchholz 08
Barmbek-Uhlenhorst
Halstenbek-Rellingen
Niendorfer TSV
VfL 93 Hamburg
USC Paloma
Curslack-Neuengamme
VfL Pinneberg
SC Vorwärts/Wacker Billstedt
Wedeler TSV

Das alles unter der Voraussetzung, daß Victoria Hamburg für die Regionalliga Nord meldet und sich qualifiziert – meldet Victoria und qualifiziert sich nicht, spielt die Hamburg Liga 2008 mit 19 Vereinen; das gilt auch für jede andere Nicht-Qualifikation eines gemeldeten Vereins (falls Victoria nicht will) oder falls gar keiner aus der Hamburg Liga für die Regionalliga-Nord Qualifikation meldet...ist doch ganz einfach, oder?


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