Sozialromantik ist sexy

Ein erfolgreicher Boykott, der nicht stattfand

Erinnert Ihr euch noch an den Millerntaler? Habt ihr schon mal einen gesehen? Nein? Die Idee war doch super: Da soll der gemeine Fan seinen Euro umtauschen in lustige bunte Plastikchips, damit... ja warum eigentlich? Und warum wurde da nichts draus?

   Also der Reihe nach: Am 19.1. beim Testspiel gegen Hannover 96 kündigt unser Caterer mit einem Flyer im Stadion an, dass „Der Millerntaler kommt!“ und weiter „Dein Astra bekommst du nicht mehr für schnöde Euro, sondern für einen Bier-Taler aus der neuen Millerntaler-Währung“ und, wichtig: „Der Millerntaler ist ein Gemeinschaftsprojekt der förde show concept und dem FC St. Pauli.“ Bei den Meisten hat das wohl erstmal viele Fragezeichen hervorgerufen. Die Vereinshomepage hat dieses Gemeinschaftsprojekt in den ersten Tagen leider ganz ignoriert. Noch während das Spiel läuft, wird im St.Pauli-Forum der erste Thread zu diesem Thema eröffnet, denn eine Einführung einer Alternativwährung am Millerntor, wie sie in vielen anderen Stadien in Gelsenkirchen, München, Köln schon üblich ist und die Fans nervt, kann doch nicht wirklich die Absicht unseres tollen Vereins sein, oder? Der Thread wächst und schnell finden sich User, die sich entschließen, den Millerntaler zu boykottieren. Noch am gleichen Abend geht die Protest-Internetseite www.eure-taler-sind-nicht-unser-bier.de online, auf der Unterschriften gegen die Einführung gesammelt werden. Viele Fanclubs schließen sich dem Protest an, denn die Argumente dagegen sind klar: Vor dem Bierkauf anstellen zum Wechseln, verlorene Taler gehen als Gewinn ohne Gegenleistung direkt an den Caterer, keine Übersicht, wie viel Geld man ausgibt, der Caterer bekommt einen indirekten Kredit, braucht mehr Personal, mehr Stände trotz Platzmangel. Und die Argumente der Gegenseite? Schlicht, Service für Fans erhöhen. Der Präsident zeigt sich am nächsten Tag in der Mopo am Sonntag von der Flyeraktion des Caterers „überrascht und angesäuert“.

Ein Alleingang des Caterers?

   „Millerntaler spaltet die St. Pauli-Fans“ schreibt die Mopo am nächsten Tag. Eher das Gegenteil ist der Fall, denn die Protestaktion wächst weiter, nach 24 Stunden sind es schon 500 Unterschriften. In den darauf folgenden Tagen die ersten konkreten Aussagen des Vereins: Zum ersten Heimspiel im neuen Jahr wird der Millerntaler neben dem Euro eingeführt. Also zwei Währungen im Stadion? An allen Bierständen? Wo kommen die Wechselstuben hin? Genaue Ansagen zur Durchführung fehlen, die Fragen der aufgebrachten Fans werden weder vom Verein noch vom Caterer beantwortet. Also geht der Protest weiter. Mittlerweile haben sich die verschiedensten User des Forums zusammengetan und koordinieren über das Forum die Boykottaktionen. Es werden Flyer gedruckt, der erste wird beim Spiel in Köln am 1. Februar verteilt, es gibt Aufkleber und Buttons. Ein Video erscheint auf www.myspace.com/millerntaler boykott. Verschiedene Fanclubs verfassen offene Briefe. Die Zahl der Unterschriften auf der Boykottliste erreicht die magische Zahl 1910, bis heute sind über 3000 Unterschriften und über 100 unterstützende Fanclubs dabei.

Sozialromantik gegen Umsatzsteigerung?

   Präsident Littmann kommentierte den Protest mit: „Es gibt Sozial-Romantiker, die würden gern noch in D-Mark zahlen. Aber Gewohnheiten und Abläufe ändern sich.“. Also sind wir nur zu unflexibel, zu sozial, zu romantisch? Zur Klärung der vielen Fragen lud die AGIM am 5. Februar zu einer Infoveranstaltung im Ballsaal ein, anwesend waren jeweils ein Vertreter der AGIM, des FCSR, der Protestgruppe, Herr Littmann, Geschäftsführer Meeske und drei Vertreter der Förde Show Concept (FSC), der Geschäftsführer Herr Thomsen, der Betriebsleiter Jan Heldt und eine dritte Person, die leider nicht vorgestellt wurde. Verein und Caterer machten keinen gut vorbereiteten Eindruck, viele Fragen konnten nur schwammig oder nach Absprache beantwortet werden. Ein schlüssiges Konzept wurde nicht vorgestellt. Zu erfahren war folgendes:
Seit Anfang der Saison gab es Überlegungen, wie man die Catering-Einnahmen erhöhen kann. Da die letzte Bierpreiserhöhung noch nicht lange zurückliegt, wollte man den Fans eine weitere nicht zumuten. Also um mehr Bier zu verkaufen, ist dann die Idee des Talers aufgekommen, die den Bezahlvorgang beschleunigt. „FSC“ hat mit ähnlichen Systemen auf Festivals gute Erfahrungen gemacht. Die Idee war intern natürlich besprochen. Schade nur, dass der Verein den Caterer nicht vorgewarnt hat, dass es zu massiven Protesten kommen kann; die E-Mails fragender Fans jedenfalls haben den FSC-Server zum Absturz gebracht. Außerdem erfahren konnte man, dass der Verein laut Littmann 30 Prozent Umsatzbeteiligung am Catering bekommt und dann noch mal 70 Prozent des Gewinns. Die Gewinnmargen müssen ja echt hoch sein: Da wandern die Cateringrechte vom Verein an das Schweizer Investoren-Duo Schuler/Biert, welche sie an FSC veräußern – und jede Partei verdient daran...

Gespräche gesucht...

   Einigen konnte man sich zum Schluss des Abends, dass alle Parteien das Gespräch suchen und man eine einvernehmliche Lösung finden wird. Somit war der angedrohte Catering-Boykott erstmal abgewehrt. Um eine schnelle Entscheidung gegen den Taler zu erhalten, setzte die Protestgruppe dem Caterer eine Frist für ein klärendes Gespräch bis zum nächsten Heimspiel gegen Fürth. Dieses fand einen Tag vorher statt. Das Ergebnis laut Initiatvgruppe war, das FSC nicht mehr am Konzept Millerntaler festhalten wird und sich bereiterklärt hat, in Zukunft im Vorwege Gespräche mit allen Beteiligten zu führen. Man ist offen für Anregungen aus der Fanszene, die das Angebot im Stadion verbessern, da hier akuter Bedarf besteht. Seltsamerweise gibt es aber bisher keine offizielle Stellungnahme des Vereins oder von FSC, dass das Projekt „Millerntaler“ endgültig vom Tisch ist! Es hieß bisher nur über die Initiative, dass beide nichts gegen den Willen der Fans umsetzen werden.

Also viel Lärm um nichts?

   Mich persönlich hat die Dynamik des Protestes sehr beeindruckt. Selten war die organisierte Fanszene sich derart einig. Es wurde spontan, aber mit Bedacht gehandelt. Schon der erfolgreiche Antrag gegen den Verkauf des Stadionnamens auf der letzten JHV hat gezeigt, dass wir Fans für das, was uns wichtig ist, überzeugend kämpfen können und es auch tun. Und was hat man über den Verein gelernt? Mir ist eins klar geworden: In der Vereinsführung sitzen Personen, die entweder immer noch nicht verstanden haben, wie wir eigentlich ticken, oder denen ist es, robust formuliert, scheißegal, was uns wichtig ist und warum wir uns das alle zwei Wochen antun... Ich finde Sozialromantik sexy!

// ant

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