Neue Ära in Europas FußballDie Kluft zwischen Reich und Arm wird im europäischen Fußballgeschäft immer größerWenn Corny Littmann den Stadionnamen verscherbeln will und Uli Hoeness die Bayern-Mitglieder rhetorisch fragt, „was glaubt ihr, wer euch finanziert“ (Antwort: die Logenbesitzer), haben beide Bosse in einem Punkt recht, guter Fußball hat seinen Preis. Anderswo wird er bereits bezahlt und er dürfte bald noch teurer werden. In dieser Saison hat im europäischen Fußball wieder einmal eine neue Ära begonnen. Neue TV-Verträge in Großbritannien und Frankreich, die Rückkehr von Leo Kirch fünf Jahre nach seiner Pleite, der die Fernsehrechte der drei Fußball-Ligen ab der Saison 2009/2010 vermarkten wird sowie renditeorientierte Investoren werden der Kommerzialisierung einen weiteren Kick versetzen. Im Ergebnis dürfte die Kluft zwischen den reichen und armen Ligen noch weiter zunehmen und auch innerhalb von Premier League, Serie A und Bundesliga bildet sich immer schärfer eine Zwei- oder Drei-Klassen-Gesellschaft heraus. Auf den ersten Blick erscheint die Lage der Ligen goldig. Der Fußball in Europa boomt weiterhin. Die europäischen Fußballklubs der „Big-Five“-Ligen in England, Italien, Deutschland, Spanien und Frankreich steigerten ihren Umsatz 2006 um sieben Prozent auf 6,7 Milliarden. Der Gesamtumsatz aller europäischen Profiligen, einschließlich der zweiten, und der Nationalverbände verzeichnete im Jahr der Fußballweltmeisterschaft einen Zuwachs von einer Milliarde Euro auf 12,6 Milliarden Euro. Dass es weiter nach oben geht in der Geldtabelle, damit rechnet Stefan Ludwig fest. Ludwig ist Chef der „Sport Business Gruppe“ der weltweit aktiven Beratungsfirma Deloitte. Dem Fußballgeschäft könnte „eine neue Ära bevor stehen“, sagte Ludwig bei der Premiere der „Deloitte-Fußballstudie 2007“ in Hamburg. Aber, die Kluft zwischen den großen Fünf und den rund fünfzig anderen Ligen in Europa ist riesig. 53 Prozent des Kuchens haben sich mittlerweile die ersten Ligen in den „Big-Five“ gesichert, und selbst die zweiten Ligen dort schneiden sich noch weitere 15 Prozentpunkte ab - genau so viel wie die fünfzig ärmeren Ligen in ganz Europa zusammen (siehe Tabelle). Aber auch zwischen den Großen Fünf liegen noch Geldwelten. So kassieren die Fußballfirmen der „Barclays Premier League“ in dieser Saison erstmals 1,1 Milliarden Euro allein an TV-Einnahmen von dem Abo-Sender BskyB. Die Bundesliga muss sich trotz einer Steigerung um ein Drittel mit deutlich weniger, nämlich mit 440 Millionen begnügen. Der Rückstand wird sich auch unter Leo Kirch nicht grundlegend verkürzen. 300 Millionen erlöst zudem Marktführer England - Celtic und die anderen schottischen Klubs spielen bekanntlich in einer eigenen Liga - an Fernsehgeldern aus aller Welt, vor allem aus Asien. Auch an diesem Vergleichspunkt schneidet die Bundesliga mit 25 Millionen schwach ab. Die meisten Einnahmen erzielt die Bundesliga allerdings bei Zuschauereinnahmen und dem so genannten Sponsoring, der Werbung auf Brust und Banden.
Trotzdem ist der englische Fußball unterm Strich finanziell uneinholbar vorn. In dieser Saison 2007/08 wird die Premier League, nach den Prognosen von Deloitte, mit einem Gesamtumsatz von insgesamt 2,5 Milliarden noch weiter enteilen. Als Nächste folgt die italienische „Serie A TIM“ mit 1,5 Milliarden, die sich von ihrem Tief nach dem Bestechungsskandal wieder erholen wird. Erst dann kommen Spaniens „Primera Divisíon“ (1.4 Milliarden Euro), Bundesliga (1,3) und französische „Ligue 1 Orange“ (0,9), die trotz eines üppigen neuen Fernsehvertrages auch zukünftig hinterher hinken wird. Finanzinvestoren im Anflug Den Unterschied macht auch die „UEFA Champions League“. Als im Sommer der Bundesliga-Dritte Werder Bremen bei Dynamo Zagreb zur Qualifikation antrat, ging es nicht um Milliarden, aber um viel Geld für einen Verein, 40 Millionen Euro. Soviel könnte der siegreiche Fußballklub durch die Qualifikation zur Champions League kassieren, wenn er später den Wettbewerb auch noch gewinnt. Allein schon die Qualifikation garantiert jedoch mindestens 15 Millionen Euro. Die Einnahmen, die in diesem Wettbewerb erzielt werden, lassen die Schere zwischen den fast immer selben Teilnehmern und den Nicht-Teilnehmern ebenfalls weiter auseinander klaffen. Daran ändern auch die UEFA-Solidaritätszahlungen in Höhe von 59 Millionen Euro an die Klubs, Ligen und Verbände der 52 UEFA-Mitgliedsländer wenig, die aus dem Einnahmentopf der Champions League von 610 Millionen Euro gezahlt werden. Den finanziellen Vorsprung der englischen Klubs bei den Einnahmen bauen Finanzinvestoren noch zusätzlich aus. Während in Spanien der FC Sevilla und Espanyol Barcelona noch an die Börse strebten, um einmalig Kasse zu machen, gerät der englische Fußball Tottenham ging bereits 1983 an die Börse - in die Fänge von Investoren. Beinahe jeder zweite englische Klub gehört inzwischen ausländischen Geldgebern, wie Thailands umstrittenen Ex-Premier Thaksin Shinawatra, der sich Manchester City gekauft hat. Diese neuen Finanziers sind oft „renditeorientiert“, auch wenn man bei Deloitte der Meinung ist, dass „der Faktor Spaß“ zu jedem Fußballgeschäft auch - aber eben nur „auch“ - dazu gehöre. So kursierte in London das Gerücht, Weltmeister-Teamchef Jürgen Klinsmann will zusammen mit einer Investorengruppe seinen angeschlagenen Londoner Lieblingsklub Tottenham Hotspurs aufkaufen. Die Verdreifachung der Umsätze seit 1997 hat nicht allein den Kontinent in Arm und Reich geteilt, sondern auch die nationalen Ligen in Zwei- oder Drei-Klassen-Gesellschaften getrennt. In Deutschland erzielten die drei Teilnehmer an der „UEFA Champions League“ im Schnitt einen Umsatz von 135 Millionen Euro, der gewöhnliche Bundesligist bringt es dagegen gerade einmal auf 53 Millionen. Diese Klassengesellschaft sollte eigentlich Langeweile produzieren, tut sie aber bislang nicht, will Deloitte ermittelt haben. Fernsehkonsum und Stadionbesuche nehmen immer noch zu. Armes Europa. Wenn die globalen Finanzanalysten recht behalten, wird der Fußball bald fast vollständig zum Eigentum von gewinnorientierten Investoren und in Italien, Rußland und osteuropäischen Ländern einigen milliardenschweren Logenbesitzern. In Spanien gehören nur noch Barca, Real, Athletic Bilbao und Osasuna den Mitgliedern. In Deutschland verhindert bislang einen solchen Ausverkauf die Fünfzig-plus-eins-Regel des DFB. Danach müssen der Verein und seine Mitglieder die Mehrheit an den Bundesliga-Kapitalgesellschaften behalten. Noch, denn schon überlegen findige Fußballkapitalisten wie der HSV-ex-Präsident Klein, ob man diese Beschränkung nicht über das europäische Wettbewerbsrecht aushebeln kann, schließlich werde doch der freie Markt behindert. Teufel auch. Eine Alternative, die vor Jahren auch bei unserem FC St. Pauli kurz im Gespräch war, wird in England jetzt ausprobiert: eine Genossenschaft. Mehr als 20.000 Fußballanhänger aus der ganzen Welt wollen die Kontrolle beim FC Ebbsfleet United aus der fünften Liga übernehmen (www.myfootballclub.co.uk). Rechtlich soll das Modell als Stiftung funktionieren, faktisch entspricht es einer deutschen Genossenschaft. Beteiligungen sind ab 35 Pfund (gut 50 Euro) möglich, jedes Mitglied hat eine Stimme, egal wie viel Kohle es mitbringt. Für Hoeness und Littman könnten solche Pläne das Ende ihrer Träume bedeuten. Hermannus Pfeiffer |
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