Vom Leben auf der Straße zum Nationalspieler und wieder zurück
Die Obdachlosen WM 2007 in Kopenhagen
Die Straßenzeitung Hinz&Kunzt sowie der Fanclub Basis St. Pauli hatten die Idee, die Deutsche Nationalmannschaft zum Homeless World Cup 2007 in Kopenhagen, der vom 29. Juli bis zum 4. August stattfand, zu begleiten und darüber zu berichten. Es sollte für alle Interessierte ein Bus gemietet und Unterkünfte organisiert werden.
Im Vorfeld zu dieser WM fand im Juni 2007 die Deutsche Meisterschaft im Straßenfußball in Stuttgart statt. Hier trafen sich die Mannschaften der verschiedenen Obdachlosenprojekte um gegeneinander anzutreten. Für Hamburg ging dort die Mannschaft von Hinz&Kunzt an den Start und erreichte sogar den 3. Platz.
Basis St. Pauli wollte vor Ort via Live-Ticker von diesem Event berichten. Als jedoch bekannt wurde, dass Günther Öttinger, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, aufgefallen durch seine skandalöse Rede zum positiven Gedenken an den NS-Richter Hans Filbinger, die Schirmherrschaft für das Turnier in Stuttgart übernommen hatte, entschied sich Basis St. Pauli von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen und nicht darüber zu berichten.
EKLAT IM TRAININGSCAMP
Während dieses Turniers in Stuttgart wurde nach Spielern Ausschau gehalten, die in die engere Auswahl für die Deutsche Nationalmannschaft kommen sollten. Durch das erfolgreiche Abschneiden des Hinz&Kunzt-Teams gehörten zwei ihrer Spieler dazu und durften mit in das zur Vorbereitung der WM geplante Trainingscamp nach Gifhorn fahren.
Im Trainingscamp kam es dann allerdings zu einem Eklat.
Hier im Camp sollte durch Training und Beobachtung die endgültige Auswahl für die Nationalmannschaft, die nach Kopenhagen fahren würde, stattfinden. Um das Training konstruktiv durchführen zu können, hatten die Spieler die Auflage, sich abends zu einer bestimmten Zeit in ihren Unterkünften einzufinden. Einige Spieler hielten sich nicht an diese Auflage und wurden daraufhin „nach Hause“ geschickt.
Hinz&Kunzt boykottierte daraufhin den Homeless World Cup und fuhr also nicht mit Basis St. Pauli nach Kopenhagen. Laut Aussage von Hinz&Kunzt sei der Homeless World Cup zu sehr auf die Leistungen im Fußball fokussiert und nicht genügend auf den Aspekt des Sozialen.
Da Hinz&Kunzt sich nun aus der Organisation zur Fahrt nach Kopenhagen zurückgezogen hatte und es sonst keine Anmeldungen für eine Busfahrt gab, entschieden wir uns, zu zweit nach Kopenhagen zu fahren.
GROSSZÜGIGE SPONSOREN
Dort angekommen waren wir vom Anblick absolut beeindruckt. Auf dem Radhuspladsen standen zwei Fußballstadien in Miniaturformat. Zwei 22 x 16 Meter große Felder, einfache Tribünen auf jeder Seite, zwischendrin ein großer Gang, wo sich Bierbuden, Hotdog- und Softeisverkäufer, Infostände, Zuschauer und Spieler den Platz teilten. Gespielt wurde mit drei Feldspielern und zwei Halbzeiten á sieben Minuten, mit teilweise fast wortwörtlichen fliegenden Wechseln.
Die Tribünen waren je nach Spiel, Tageszeit und Wetterverhältnissen mehr oder weniger gut gefüllt. Dänemark hatte zwar eindeutig Heimvorteil, aber jede der 48 Mannschaften wurde von den Zuschauern euphorisch bejubelt. Stimmung machten vor allem die verschiedenen afrikanischen Fangruppen. Aber auch die angereisten deutschen Fans machten mit Accessoires von der letzten WM sowie ihrer Trommlergruppe auf sich und ihre Mannschaft aufmerksam.
Finanziert wurde die Veranstaltung mit insgesamt 600.000 Euro vom dänischen Sozialministerium. Die Stadtverwaltung und private Sponsoren gaben jeweils genauso viel dazu. Dazu kam auch noch das Sponsoring von einem großen Sportartikelhersteller. Dabei waren die 100.000 Euro nicht der Hauptteil des Sponsorings. Die Spieler wurden mit den nötigen Fußballschuhen ausgestattet. Echte, wie sie im Laden stehen, keinen Ausschussware wie man dort stolz betonte. Eine komplette Ausstattung für jeden: Rucksäcke, Jacken, Trikots und natürlich die Bälle. Also alles was ein guter Fußballspieler so braucht.
STRITTIGES LEISTUNGSPRINZIP
Es fiel auf, dass viele Spieler nicht in das Klischee „Obdachloser“ passten. Denn, dass ein Obdachloser gut trainiert ist und gepflegt aussieht, war hier keine Ausnahme.
In den Jahren zuvor gab es bereits Zweifel daran, ob wirklich alle Spieler bei diesen Turnieren Obdachlose gewesen seien. Auch uns sind in Kopenhagen einige Ungereimtheiten aufgefallen. Spieler die man nach den Spielen mit Markenklamotten sah, welche nicht von den Sponsoren stammten oder während ihrer Pausen Musik auf ihren iPods hörten, ließen uns nachdenklich werden.
Auch den Kritikpunkt, von Hinz&Kunzt, dass einige Mannschaften den Fußball zu ernst nehmen, können wir bestätigen. Einige Teams hatten wochenlange Trainingscamps hinter sich, es wurde häufig sehr aggressiv gespielt und es mussten einige Platzverweise verteilt werden. Andererseits konnten wir auch erkennen, dass es einigen Mannschaften vorwiegend um den Spaß ging. Das Spielniveau der Mannschaften war daher sehr unterschiedlich und Ergebnisse wie 18:0 oder 23:1 waren keine Seltenheit.
Am Ende gewannen die Schotten, die im Finale die Polen mit 9:3 besiegten. Die deutsche Mannschaft landete auf dem 23. Platz.
Im Endeffekt hat der Homeless World Cup es mal wieder geschafft, die Aufmerksamkeit auf das Problem der Obdachlosigkeit zu lenken auch wenn das mediale Interesse noch etwas großer hätte sein können. Die Kopenhagener Bevölkerung hat das Turnier sehr positiv angenommen und durch den Kauf von zahlreichen T-Shirts, sowie von den Teams produzierten Artikeln finanziell unterstützt.
Wir hoffen, dass der nächste Homeless World Cup 2008 in Melbourne auch so eine starke Unterstützung erhält und viele Spieler und Zuschauer die Möglichkeit haben dorthin zu reisen.
Gastartikel von Jan und Tina
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