Abenteuer Erste Bundesliga vor 30 Jahren ein kurzes Vergnügen1977 kickte der FC St. Pauli erstmals in der EliteligaNach unserem Vorschlag im letzten ÜS, das 100-jährige Vereinsjubiläum bereits in diesem Jahr zu begehen, können wir 2007 aber doch noch mit einem realen Jubiläum aufwarten: 30 Jahre ist es nun nämlich her, seit der FC St. Pauli das erste Mal die Bühne der 1. Bundesliga betrat. Seit 1963, der Einführung der Bundesliga, als der DFB unserem Verein mit Finten und Rechentricks den Zugang zur neuen höchsten Spielklasse verwehrt hatte (gut, es kamen damals auch noch andere Faktoren dazu), war der FC zweitklassig gewesen erst Nord-Regionalligist, dann Mitglied der 2. Bundesliga Nord. Und oft genug hatten wir uns in den Aufstiegsrunden abgemüht gereicht hatte es bis dahin leider nicht. Am 7. Mai 1977 aber schoss uns Niels Tune-Hansen mit seinem Tor gegen den FC Herford in die Glückseligkeit: St. Pauli beendete die Runde als Meister der 2. Bundesliga Nord, stellte dazu mit Franz Gerber (27 Treffer) den Torschützenkönig und startete so im August 1977 in das Abenteuer Erste Liga. Dünner KaderDas Ergebnis ist bekannt; es kamen nur sechs Siege und sechs Unentschieden zusammen, die restlichen 22 Spiele wurden allesamt verloren. Aber die Mannschaft war besser als das Ergebnis, und vielleicht konnte sie am allerwenigsten für dieses Resultat. Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht: Mit Siegmund Marsollek, Lazar Mutapdzija und Dieter Schiller hatten drei Spieler den Verein verlassen, nur drei Neue wurden geholt. Somit war der Kader mit weiterhin 18 Spielern relativ dünn besetzt, von denen man vor der Saison auch noch den Angreifer Sören Skov wegekelte, der im Vorjahr sieben Tore geschossen hatte. Dessen „Nachfolger“ Maik Galakos, griechischer Nationalspieler von Olympiakos Piräus geholt, hatte 72/73 schon mal zwei torlose Bundesligaspiele für Düsseldorf bestritten bei St. Pauli kam in diesem Jahr keines dazu. Die anderen Neuzugänge schlugen da besser ein: Rudi Sturz machte alle 34 Spiele mit und Horst Feilzer kam immerhin auf 18 Partien im September besserte der Verein nochmals nach und verpflichtete Klaus Beverungen von Eintracht Frankfurt für das Mittelfeld. Was seinen Grund hatte: Die medizinische Abteilung des Vereins war damals alles andere als erstligatauglich. Walter Frosch konnte wegen Verletzungen nur ganze 18 Spiele bestreiten, Libero Gino Ferrin sogar nur vier und der als „Staubsauger“ vorgesehene Manfred Mannebach gar nur drei. Im Dezember wurde dann noch einmal nachgelegt, und der Ex-HSVer Klaus Winkler kam als neuer Libero. Auch Beverungen erwischte es, er kam nur auf 19 Einsätze. Zur Winterpause wurde dann also nicht die Mannschaft verstärkt, sondern die medizinische Abteilung ausgetauscht. Knapp hinter Werder und BayernZu diesem Zeitpunkt lag der FC St. Pauli nur zwei Punkte hinter Werder Bremen und nur vier hinter Bayern München St. Pauli war 17., Bremen 16. und Bayern damals Dreizehnter. In dieser Saison entstand vielleicht der Mythos der zu Hause Unbesiegbaren: „Niemand siegt am Millerntor!“ hat nämlich trotz des schlechten Abschneidens der Mannschaft auch keiner. Allerdings hat der FC St. Pauli in dieser Saison auch nur fünf Spiele am Millerntor ausgetragen. Marketingstrategen im Auftrag der Vereinsführung hatten nämlich (bei einem Zuschauerschnitt von 7.500 in der Vorsaison) errechnet, dass a) die Stadt Hamburg ebenso wie München zwei Bundesligisten vertragen kann (was sicher stimmt) und dass, wenn der HSV und St. Pauli nicht zeitgleich an einem Wochenende zu Hause spielen, der Entertainment orientierte Hamburger, der vielleicht nicht eingefleischter St.Pauli-Fan ist, auch jede Woche zu einem Bundesligaspiel gehen würde. Und so kamen sie auf ein errechnetes Zuschauerpotenzial pro Spiel von 16.000 bis 18.000 Zuschauern. Dies veranlasste die Vereinsführung zu einem Anflug von Größenwahn und verlegte zwölf von siebzehn Heimspielen ins Volksparkstadion dabei hätte doch bei 18.000 Zuschauerschnitt auch das Millerntor gereicht. Und die Vereinsführung sprach schon davon, mit den erwarteten Mehreinnahmen einen Überschuss von 500.000 DM zu erwirtschaften. Dies sollte sich als vollkommene Fehleinschätzung erweisen. Der Entertainment orientierte Hamburger war damals nämlich auch noch erfolgsorientiert. Die Marke Bundesliga zog noch nicht so wie heute die Massen an. Nach dem Derby gegen den HSV (35.000 Besucher) war das bestbesuchteste Heimspiel der Saisonauftakt gegen Bremen und der fand wegen des deutschen Turnfestes am Millerntor statt (20.000 Zuschauer). Ansonsten wollten im Schnitt 13.800 Besucher die „Heimspiele“ des FC in dieser Saison sehen. Von den Heimspielen am Millerntor ging, wie erwähnt, keines verloren: drei Siege, zwei Unentschieden. Die Bilanz der Begegnungen im Volkspark sah anders aus: zwei Siege, drei Unentschieden und sieben Niederlagen. Fragt sich also, was möglich gewesen wäre, wenn die Mannschaft wirklich nur vor ihren Fans im eigenen Stadion gespielt hätte. Gut, die Crux lag natürlich auswärts, dort gingen fünfzehn Spiele verloren, es gelang nur ein Unentschieden und nur ein Auswärtssieg, wobei der ein Kuriosum war... Gerber, Kulka 2:0!
Neben dem Sieg beim ungeliebten Nachbarn im ungeliebten Stadion muss man zu den Höhepunkten dieser Saison sicher den Auftakt zählen ein 3:1 gegen Werder Bremen. Ein typisches Millerntor-Kampfspiel. Die Hütte war voll (20.000). Röntved brachte die Bremer erst in der 72. Minute in Führung, doch in den letzten 10 Minuten schlug der Millerntor-Express zurück: Dietmar Demuth verwandelte zwei Foulelfmeter, und kurz vor Schluss traf Gerber zum 3:1. St. Pauli vs. Bayern nicht ausverkauftAls die Vereinsführung sich besann und ein weiteres Heimspiel ans Millerntor verlegte, gab es am 29. Spieltag noch einen echten Knaller die noch UEFA-Cup ambitionierte Diva vom Main gegen den quasi schon feststehenden Absteiger von der Elbe. St. Pauli legte einen Blitzstart hin: Der endlich verletzungsfrei spielende Beverungen machte das 1:0 in der 5. Minute. Frankfurt kam zurück: Reichel (36.) und Borchers (44.) schossen die Führung heraus, die Sturz allerdings noch vor der Pause egalisieren konnte. Im zweiten Durchgang brachte Grabowski die Bankfurter erneut in Führung (55.), doch dann schlug die Millerntor-Maschine noch einmal zu: Sturz (73.), Walter Oswald (77.) und Gerber (81.) schossen binnen acht Minuten einen fulminanten 5:3 Sieg heraus. Sicher mag man auch immer ein Unentschieden gegen die Bayern als einen Erfolg werten. Das Hinspiel in München hatten die Bayern durch vier Müller-Tore 4:2 gewonnen, das Rückspiel war die letzte Partie des Jahres 1977, der 19. Spieltag. Sicher waren die Bayern in dieser Saison nicht DIE Bayern, aber ein 0:0 kann sicher als Erfolg gewertet werden. Es gibt allerdings ein anderes bemerkenswertes Detail zu dieser Partie: Nachdem der Vorstand des FC partout nicht seine Zuschauervorgaben erreichen konnte (und damit auch nicht die finanziellen Planungsvorgaben), griff man, um endlich mal nach dem ersten Spieltag wieder ein volles Heimstadion zu haben, zu einer Notaktion: Man verschenkte 10.000 Karten an Hamburger Schulen. Im Stadion waren dann 17.000 Zuschauer, darunter 12.000 zahlende; von den 10.000 Beschenkten hatten nur die Hälfte ihre Eintrittsberechtigung genutzt. So wenig interessierte damals das Duell des 16. (Bayern) gegen den 17. (St. Pauli) in der Bundesliga... Der Kader: (Lustiges Detail am Rande: Wegen des damals noch merkwürdigen Lizenzspieler-Status des DFB ließen sich damals noch die wenigsten Fußballer als Lizenzspieler eintragen. Somit hatte also fast jeder St.Pauli-Spieler, auch wenn er nichts anderes als kickte, offiziell noch einen „ehrbaren“ Beruf, den ich nicht verschweigen will.)
Der Trainer: Diethelm Ferner, geboren am 13.07.1941 231 BL-Spiele (21 Tore) von 19631969 für Werder Bremen, 19691971 für Rot-Weiß Essen; von 1971-1973 zwei Spiele für Essen in der Regionalliga West, 2 A-Länderspiele. Trainer von 19731975 bei Rot Weiß Essen, 75/76 beim Wuppertaler SV, von 1976-1978 beim FC St. Pauli, danach noch bei Hannover 96, Schalke 04 und Alemannia Aachen. BC |
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