Rosige Versprechen, das Blaue vom Himmel und ein rotes Tuch

Fanvertreter in der Stadionlenkungsgruppe
machen blau

   Es hatte sich alles so toll angehört. Nicht nur, dass der FC ein neues, supertolles Stadion baut, nein auch die aktive Fanszene sollte an der Planung beteiligt werden. So sah es der Vorschlag der Vereinsführung vom 2. August 2006 jedenfalls vor: Zwar sollte der eigentliche Stadionbau durch die so genannte „Projektgruppe“ (bestehend aus Präsidenten, Geschäftsführer sowie Planer und Berater) erfolgen, diese sollte jedoch von der richtlinienkompetenten (!) Lenkungsgruppe (LG)überwacht und beraten werden. Entscheidungen in der LG sollten mit einfacher Mehrheit erfolgen (Was so auch praktiziert wurde – in Sachen Fassadengestaltung bspw. wurden die Fanvertreter mit eigenen Ideen überstimmt). Schließlich stellten Präsidium und Aufsichtsrat je zwei Delegierte, einfach vertreten wurden AFM, Fanclubsprecherrat, USP, Fanladen sowie die Amateurabteilungen. Der anfangs ebenfalls stimmberechtigte Vertreter der Stadtverzichtete auf dieses Recht. Geschäftsführer Meeske, Stadion-Projektleiter Vierkant und Dr. Binz sollten als Gäste zugegen sein. Und das war und ist auch alles schriftlich in der Geschäftsordnung für eben diese LG fixiert! Soweit so schön.

   Von Fanseite war man sich bereits zuvor darüber im Klaren, welche Punkte Priorität genießen würden. Die Kernforderung nach einem reinen Fußballstadio nmit über 50 Prozent Stehplätzen war schon in den grundsätzlichen Stadionplänen erfüllt worden, doch auch bei der Detailplanung ging es um Wichtigeres als nur die Frage der Farbe der Sitzschalen. So beispielsweise um die Stadionsicherheit mit Zäunen (ja oder nein, wenn ja aus welchem Material und wie hoch?), die Höhe der Stehtraversen, die Zahl der Wellenbrecher und die Frage der Blocktrennung. Daneben die Behindertengerechtigkeit, die Innenraum gestaltung und die Gestaltung der Außenfassade. Doch aller Alltag ist grau, und so stellte es sich bald heraus, dass die Vereinsoberen und Projektleiter Binz nur halbherzig hinter ihren eigenen Plänen standen. Zu den in der Regelmonatlichen Sitzungen kamen sie nur höchstunregelmäßig (Um es ganz freundlich ausz-drücken: Binz war lediglich an einem Drittel der Sitzungen zugegen, das Präsidium max. an der Hälfte) und wenn, dann meist nicht einmal vorbereitet. Beschlüsse von vorangegangen Sitzungen mussten dann erneut vorgetragen werden, weil dort offensichtlich nicht jeder willens oder in der Lage war, Sitzungsprotokolle zu lesen. Dies war zwar sehr ärgerlich, aber bei weitem nicht das Schlimmste. Denn die Beschlüsse der Lenkungsgruppe wurden in der Regel einfach übergangen, so etwa in der vermeintlich eher unwichtigen Frage der Farbe der Sitzschalen. Dort wurde der Beschluss der Gruppe kurzerhand ignoriert und einfach etwas anderes gemacht. Ähnlich ging man bei der Gestaltung der Außenfassade vor. Der Lenkungsgruppe wurde bei ihrer Abstimmung keine Kostenvoranschläge unterbreitet. Schließlich legte man dem Gremium einen bereits abgelehnten Antrag ein halbes Jahr später erneut vor. Der Generalgestalter des gesamtenS tadions, Johannes Wienand (Innenausstatter und Bühnenbildner von „Kunst Werk Sankt Pauli“), der seine Stelle ohne Ausschreibung erhalten hatte, wollte es so. Guter Geschäftspartner unseres Präsidenten zu sein (Wienand war zeitweise Littmanns Kompagnon bei den Theatern und gestaltete unter anderem das Schmidt Tivoli und das Schmidt Theater), muss dann wohl auch mal ausreichen. Doch dessen künstlerische, aber eben nicht immer praktikablen Visionen (die meisten von euch werden sich sicherlich an die Entwürfe für Clubheim, zukünftige Kioske, Toiletten etc. Anfang September in der Tagespresse und auf unserer Homepage erinnern) stießen in der Lenkungsgruppe oft auf Ablehnung. Das wiederum stört diesen, der sich inzwischen bei den Fanvertretern in der LG zu einem „roten Tuch“ entwickelt hat, wenig, da er offensichtlich ganz nach Belieben schalten und walten darf. „Das ist ganz klar: Der will sein Ding einfach durchziehen ohne sich irgendwie reinreden zu lassen“, betont ein Mitglied aus der LG.

„Wir wollen kein Kunstwerk, wir wollen ein Fußballstadion“
USP-Delegierter

   Auch der prominente Graffitikünstler Daim wurde mit seinem Entwurf von der LG abgelehnt, nur um wenig später auf einem Bauschild zu erscheinen. Den Sponsoren wurden am 3. September 2007 gar die Stadionpläne mit eben diesen Graffitis vorgestellt. Hinzu kamen die üblichen Kommunikationsdefizite, die wir auch schon von anderswo her kennen: Informiert wurde gar nicht, das was an Infos kam, oft wenige Tage später durch eine völlig anders lautende Pressemitteilung hinfällig. Auch sei es, so Roger Hasenbein vom Fanclubsprecherrat, für Ehrenamtliche unmöglich, hauptamtlich Tätige zu überwachen und zu beraten, wenn diese ihnen keine Informationenzukommen ließen.

   St. Paulis Fanbeauftragter Heiko Schlesselmann kann die Irritationen noch durch ein Beispiel konkretisieren: „Die Entwürfe für die zukünftigen Kioske im Stadion zum Beispiel habe ich irgendwann zufällig in der Geschäftsstelle entdeckt. Dann stellte sich heraus, dass die dort bereits seit drei Wochen hingen. In der LG kannte die aber noch keiner...“

   Heiko sieht den Kern allen Übels hierin: „ Das Grundproblem war und ist, dass keiner in der LG wusste, was in der Projektgruppe gerade beredet und beschlossen wurde. Der Vorschlag bspw. Kurzprotokolle dieser Sitzungen an die LG zu schicken, wurde nur sporadisch umgesetzt. Ich glaube, drei Mal haben wir so ein Protokollbekommen. So entscheiden die manchmal auch über Dinge, ohne uns vorher zu konsultieren.“

   „Aus Kostengründen“ lehnte die Projektgruppe den Vorschlag der Fanvertreter ab, auch in der neuen Südkurve Plätze für Rollstuhlfahrer zuschaffen. Diese sollten offensichtlich erst mit der letzten Ausbaustufe ihren Platz erhalten. Ausgerechnet der DFL, gemeinhin nicht als gemeinnützig bekannt, ist es zu verdanken, dass diese eben doch zu ihrem Recht kamen (siehe auch Extra-Bericht in dieser Ausgabe). Ein auf Vorschlag des USP-Vertreters beschlossener Antrag in der Zaunfrage ist an die Projektgruppe übermittelt worden, doch die sah sich bis jetzt noch nicht zu einer Rückmeldung im Stande.

   So stieg der Frust von Sitzung zu Sitzung. Dass davon wenig nach Außen drang – lediglich USP gab entsprechende Informationen an ihre Mitglieder weiter – zeigt das Dilemma, in dem die grundsätzlich zur Verschwiegenheit verpflichteten Fanvertreter steckten. Nicht auszudenken, welche Kritik es gehagelt hätte, wenn diese bereits nach drei oder sechs Monaten aus dem Nähkästchen geplaudert hätten. Auch nachdem mehrfach in der LG unter dem Tages -ordnungspunkt „Selbstverständnis der Lenkungsgruppe“ über Sinn und Unsinn des Gremiums diskutiert worden war, sah sich das Präsidium nicht genötigt, die Gruppe mit vermehrter Anwesenheit und Mitarbeit zu beglücken.

„Wir wollten nicht nur Feigenblatt sein,
sondern auch mitgestalten“

Roger Hasenbein, Fanclubsprecherrat

   So bleibt der Rückzug der Fanvertreter, dessen Gründe auch von der AFM (Vorsitzender Alex Gunkel, der in der LG sitzt, berichtete auf der letzten AFM-Versammlung, dass beispielsweise regelmäßig an -geforderte Unterlagen gar nicht, zu spät oderunvollständig kamen. Und dass diese LG sogar keinen Sinn mehr machen würde) und der Amateurabteilung geteilt werden (auch die Interessen der Amateurmannschaften und -abteilungen werden beim gesamten Umbauprojekt sehrstiefmütterlich behandelt), als derzeit scheinbareinziger konsequenter Schritt übrig. Der Vorschlag des ehemaligen Vizepräsidenten, Ex-Aufsichtsratmitglieds und heutigen Stadionprojekt-Controllers Wolfgang Helbing, die Fanvertreter zukünftig in kleinerer Runde zu informieren und ihre Vorschläge dann an das Präsidium weiterzuleiten, erschien den Fanvertetern, die auch selbstkritisch die mangelnde Transparenz ihrer Arbeit in der LG nach außen beklagten (Heiko: „Anfangs gab es nichtwirklich was zu berichten. Dann haben wir ja diese auch gut besuchte Veranstaltung zum Thema im Januar gemacht. Aber man kann im Nachhinein in der Tat kritisieren, dass wir insgesamt die anstehenden Themen wenig transparent gemacht haben.“), als nicht praktikabel. Der Verein, der, so Pressesprecher Bönig, kurz nach dem Austritt der Fanvertreter aus der LG, gesprächsbereit sei, hat dieser Bereitschaft bisher leider keine Taten folgen lassen wollen. Darauf warten nun aber die Fangruppierungen, die oft genug vergeblich zu den Treffen der LG gestiefelt sind, bis heute. Dabei betonten die Vertreter von USP und Fanclubsprecherrat übereinstimmend ihr Interesse an einer ernst gemeinten Zusammenarbeit mit dem Verein. Doch müsse dieser nun den nächsten Schrittmachen. Für Roger Hasenbein bleibt dennoch kein Blick zurück im Zorn, sei die Zeit in der Lenkungsgruppe doch keine verlorene gewesen. Immerhin liege der ganzen Sache eine positive Idee zugrunde. Auch seien so unter-schiedlichste Interessensgruppen – wenn auch ohne die Vereinsführung – an einen Tisch gekommen und haben sich so besser kennen gelernt. Für ihn wäre es besser, die LG in Zukunft durch eine regelmäßige Infoveranstaltung zu ersetzen, in der die Entscheidungsträger über ihr Projekt nicht nur informieren sondern auch bereit sind, Kritik und Gegenvorschläge anzuhören. Und auch Heiko Schlesselmann zeigt sich nicht stur: „Wenn das, was in der Geschäftsordnung für die Lenkungsgruppe steht, endlich umgesetzt werden würde, dann würden wir auch wieder mitmachen können...“. Ein feines Schlusswort – und jetzt ist endlich mal wieder das Präsidium gefordert, um seine eigenen ursprünglichen Ideen auch in die Tat umzusetzen. Aber vielleicht wollte man das ja von Anfang an ohnehin gar nicht. Doch wir lassen uns gerne überraschen – natürlich nur im Positiven...

// Ronny & Welf

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