Ein Freak-Brother mit mächtig viel Geld

Wie der FC St. Pauli überraschend
zu einem neuen Stadioninvestor kam

Schon mal den Begriff Pengetank gehört? Ich bis vor einigen Tagen auch nicht. Das Wort jedenfalls ist dänisch und bedeutet Geldbehälter! Womit wir schon mal relativzielstrebig dem eigentlichen Thema ziemlich nahe gekommen sind. Von den Pengetank-Unternehmen gibt’s zwar etliche, aber nur die „Pengetank 271. Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH“ ist in unserem Kontext relevant. Die wurde nämlich mit Datum 12. April 2007 unter der Handelsregisternummer HRB 100687 beim Amtsgericht Hamburg eingetragen. Briefkastenadresse: ABC-Straße 1 in 20354 Hamburg. Stammkapital Euro 25.000,-, Geschäftsführerin Adelheid Fischer-Klages. Gegenstand des Unternehmens: Die Verwaltung eigenen Vermögens, mit Ausnahme aller genehmigungspflichtigen Geschäfte. Aha...

A NEW STAR IS BORN: ECAPUS

   Nur knapp zwei Monate später wird mit Datum 6. Juni 2007, unter Bezugnahme auf einen Beschluss der Gesellschafterversammlung vom 11. Mai 2007, bereits der Handelsregister-Eintrag geändert und das Unternehmen in „Ecapus GmbH“ umbenannt. Neuer Gegenstand der Firma: Das Sportmarketing in allen damit verbundenen Bereichen, insbesondere die Finanzierung von Sportstätten, die Vermittlung bzw. die Vergabe von Catering in Sportstätten, der Vertrieb von Tickets zu Sportveranstaltungen, das Merchandising, insbesondere im Sportbereich, die Vermarktung von Sport- und sonstigen Veranstaltungen, mit Ausnahme erlaubnispflichtiger Geschäfte. Jeweils einzelvertretungs-berechtigt, mit der Befugnis, im Namen der Gesellschaft mit sich im eigenen Namen oder alsVertreter eines Dritten Rechtsgeschäfte abzuschließen. Die neuen Geschäftsführer: Gisep Biert (51) und Arnold Martin Schuler (44). Adresse und HR-Nr. bleiben die gleichen. Die Namen irgendeines Protagonisten oder einer der beiden genannten Firmen findet man auf den dortigen Firmenschildern oder Klingelknöpfen allerdings nicht. Dafür aber reichlich Anwaltskanzleien...

WO DIE LIEBE HINFÄLLT...

   Ja, und da haben wir sie schon – jene Firma, die extra für den FC St. Pauli gegründet wurde um den ersten Abschnitt des Stadionbaus anteilig zu finanzieren: Ecapus GmbH. Bis zu fünf Millionen Euro sollen Schuler und Biert zur Verfügung gestellt haben – vier davon als rückzahlbares 10-Jahres-Darlehen, den Rest über den Ankauf der Catering-Rechte und des Ticketings. Ein zwei Millionen Euro umfassender Bankkredit, um den es bis dahin auch offiziell immer nur ging, war zwar schon fast in trockenen Tüchern, aber der Rücktritt von Cornelius Littmann vom Präsidentenamt (nicht nur der ÜS berichtete ausführlich) kurz vor Vertragsunterzeichnung ließ dieses Finanzierungskonstrukt scheitern. Flugs wurde dann umgehend ein „internationaler Investor“ aus dem Hut gezaubert, von dem Littmann auf der außerordentlichen Jahreshauptversammlung am 25. März 2007 im CCH zu Hamburg nur Gutes zu berichten wusste: Die würden den Verein mögen und nur deshalb den Stadionbaumitfinanzieren – „gänzlich ohne Eigeninteresse“ sollte man als einfaches Vereinsmitgliedwohl auf der Frühlings-MV unterschwellig heraus hören. Offiziell, und natürlich mit dem Segen des Aufsichtsrates (22. April), wurde das Ganze dann am 23. April auf einer Pressekonferenz von Littmann, seinen Vizes Orth und Wasilewski und Geschäftsführer Michael Meeske verkündet. Den Namen der Geldgeber wollte man allerdings nicht nennen, „die GDM AG, die oftmals genannt wurde, gehört aber nicht zum Investorenkreis“, so Meeske explizit. Was sich dann am Ende zwar als vordergründig richtige Aussage bewahrheiten sollte, aber eben auch nur vordergründig, zumal es personelle Überschneidungen gibt...

KEIN HOBBY, SONDERN EINGESCHÄFT

   Doch wer ist eigentlich dieser Arnold Schuler (Eigentitulierung: „Ich bin ein Freak!“), der seine ersten Millionen im Computergeschäft erwirtschaftet haben soll und offensichtlich der federführende Investor bei der ganzen Geschichte ist? Und zu welchen Konditionen bekamen er und Gisep Biert den Zuschlag? Und wie sehen seither die Erfahrungen mit dem Investoren-Duo aus? Eine kleine Exkursion... Im Schuler-Originalton hört sich das von Präsident Littmann euphorisch Herausposaunte dann zunächst mal so an: „Dieser Klub ist ein Lebensgefühl mit Che-Guevara-Groove.“ Soweit, so gut – oder auch nicht. Auf echte Vereinszuneigung angesprochen allerdings öffnet Investor Schuler dann doch das Visier ein wenig mehr: Laut «Tagesanzeiger» aus der Schweiz sieht er sein Engagement vor allem als „ein Geschäft und nicht wie bei GC und Amicitia als Hobby“. Hört, hört... Hier muss erwähnt werden, dass Schuler bei den Erstliga-Handballern von GC (Grasshoppers Zürich) einige Jahre als Präsident und wichtigster Geldgeber tätig war und dann mehr oder minder im Streit zum Stadtrivalen ZMC Amicitia wechselte, dem er gleich auch mit seinen neuen und alten Kompagnons einen neuen Mantel aus der „Amicitia Handball AG“ schneiderte. Im Verwaltungsrat der neuen AG: unter anderem Schuler und Biert.

STAATSANWÄLTE KÜSST MAN NICHT

   Allerdings blieb diese sportliche Häutung beiden Eidgenossen nicht ohne Nebengeräusche, denn Arnold Schuler hatte beim Vereinswechsel nicht nur Spieler und Trainer mitgenommen, sondern soll laut Schweizer Staatsanwaltschaft auch „ungetreue Geschäftsführung“ betrieben haben. Das Schweizer Fernsehen berichtete am 20. April diesen Jahres ausführlich über die laufenden Ermittlungen. Konkret soll es hiernach um Vermögensdelikte in Millionenhöhe und den Verdacht gehen, dass Schuler Spielergehälter über eine Firma abgebucht habe, aus der er vor über drei Jahren ausgeschieden ist. Ebenfalls im Fernsehen dementierte der Beschuldigte teilweise die Vorwürfe. Zwar mutmaßt die «Neue Zürcher Zeitung», dass die ganze Angelegenheit die Züge einer Kampagne trage – doch gleichzeitig versicherte Schuler, dass er allen Verbindlichkeiten bis Ende Juni nachkommen würde. Was ja irgendwie auch ein merkwürdiges „Eingeständnis“ ist. Aktuelle Notiz am Rande: Diese ausstehenden Rechnungen sind lt. «Tagesanzeiger» vom 7. September 2007 bis dahin immer noch nicht beglichen worden.

WAS ERLAUBEN VOLKER FINKE?

   Wie das „Geschäft“ mit dem FC St. Pauli konkret aussieht, kann man teilweise nur erahnen, denn die Verträge zwischen dem FC St. Pauli und der Ecapus GmbH liegen uns natürlich nicht in Gänze vor. Wie es aber zustande kam, darüber weiß zumindest das Freiburger Stadtmagazin «Chilli» zu berichten: „So war es Volker Finke, der Biert und Schuler den letzten Anstoß zu einem Engagement beim Zweitliga-Aufsteiger FC St. Pauli gab.“ Finke und die Investorengruppe würde eine besondere Freundschaft verbinden, so das Blatt weiter, was eben auch den Umstand erklärt, dass Schuler und Biert kürzlich bei Ebay den berühmten Finke-Strandkorb für Euro 35.000,- ersteigert haben. Für eine gute Sache muss man dazu sagen, denn die Erlöse fließen an die Freiburger Bürgerstiftung und die Freiburger Fußballschule. Bei uns im Stadion will ich das Gestühl allerdings nicht sehen.

UNTERLIZENZIERUNG IST DAS STICHWORT

   Zu den Inhalten der Verträge können wir euch aber ein wenig mehr berichten, als es die Medien bislang getan haben. Neben dem Vier-Millionen-Kredit haben sich Biert und Schuler eben auch die Catering- und Ticketing-Rechte erworben, die sie dann aber umgehend weiter veräußert haben. Nämlich das Catering nach unseren Informationen an die Flensburger Firma „Förde Show Concept“ (www.foerdeshow.de), die dann wiederum für das VIP-Catering ein Unternehmen aus Bad Segeberg mit ins Boot geholt hat. Der Billetverkauf wurde an die Schweizer Firma Ticketportal (www.ticketportal.com) veräußert. Wie das finanziell lukrativ für alle funktionieren kann, zeigen die Erfahrungen, die man bislang mit der Marketingfirma GDM AG (www.gdm.ag) mit Sitz im schweizerischen Zug gesammelt hat, wo Schuler als Vizepräsident neben Präsident Uwe Zimmer fungiert. Dort hat man in den letzten Jahren nämlich bereits den einen oder anderen Euro bzw. Franken mit Gewinn bringenden Unterlizenzierungen umgesetzt. Beispiel FC Zürich: Laut «Tagesanzeiger» vom 18. Oktober 2006 soll die GDM AG dem FC eine Prämie in Höhe von 50.000 – 100.000 Franken bezahlt haben, der dafür der Schuler-Firma für eine Saison die Verkaufsrechte für die Eintrittskarten übertrug. Die GDM wiederum veräußerte dieses Recht weiter an Ticketcorner – zu einem Preis, der natürlich über dem der gezahlten Prämie lag. Ticketcorner wiederum erzielt seine Gewinne durch Aufschläge von rund zehn Prozent.

DUBIOSES BEI DER HANDBALL-WM

   Ähnlich lief es ja auch anlässlich der Handball-WM in Deutschland – für die GDM nur sehr viel gewinnträchtiger: Der Deutsche Handballbund(DHB) vergab die Ticketrechte für diese lukrative Veranstaltung für 300.000 Euro an die GDM, diese verkaufte sie für 1,5 Millionen Euro an die Schweizer Ticketcorner. Immerhin ein Gewinn von 1,2 Millionen Euro. Der «Spiegel» berichtet anlässlich dieses Deals in seiner Ausgabe 15/07 allerdings von Ungereimtheiten. Die Konkurrenten CTS Eventim AG aus Bremen und die Hamburger Ticket Online Software GmbH sollen nach eigener Aussage nämlich mit 350.000 und 450.000 Euro weit höhere Gebote abgegeben haben. Der Spiegel spekuliert deshalb auch darüber, ob die Entscheidung des DHB mit der Freundschaft zwischen DHB-Vize Horst Bredemeier und GDM-Präsident Zimmer zu tun haben könnte.

EISHOCKEY AM MILLERNTOR

   Nun kann natürlich zurecht der Einwand erhoben werden, dass die Ecapus GmbH beim FC St. Pauli möglicherweise aufs falsche Pferd gesetzt haben könnte, weil es momentan und wohl auch auf absehbare Zeit gar keine Einzelverkäufe für die Saisonspiele geben wird, Schulerund Biert also beim Ticketing leer ausgehen. Doch gemach: Ticketcorner hat die Rechte von Ecapus ja längst gekauft. Und die versprechen sich am Ende eben nicht nur Gewinne für einpaar Jahre bis 2017, sondern überdies mit Fremdveranstaltungen am Millerntor, die dem Unternehmen Ecapus ausdrücklich per Vertragzugesichert wurden. So sinnierte Schuler auch bereits über Boxkämpfe und Biathlon-Eventsam Millerntor. Wie er sich allerdings Eishockeyspiele bei uns vorstellt, bleibt sein Geheimnis... Als Einnahmequelle nicht zu vergessen wären da auch noch die so genannten Separees, von denen Biert/Schuler, wiederum lt. Schweizer «Tagesanzeiger» bereits „ein paar“ (Schuler) erworben haben, um sie später von Anlass zu Anlass Gewinn bringend zu vermieten.

AUTONOME VEREINSPOLITIK

   Ein kleines Detail des Vertragswerks möchte ich nicht unerwähnt lassen. Deshalb, weil ich persönlich diesen Part des Kontraktes wenn nicht als empörend, so doch als sehr, sehr unterschiedlich auslegbar empfinde. Die Investorenhaben nämlich ein Sonderkündigungsrecht für zwei Situationen schriftlich fixiert: Zum einen darf das investierte Geld nicht zweckentfremdet verwendet werden (was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, schließlich geht es um die Finanzierung des Stadionbaus) und zum anderen gestattet der Vertrag einen Ausstieg und die Rückzahlung des Investierten innerhalb von sechs Monaten, wenn ein Wechsel an der Vereinsspitze (namentlich sind Littmann und Meeske genannt) stattfindet. Das ist für mich äußerst grenzwertig, denn wenn die Ecapus GmbH plötzlich ihre Millionen zurückziehen darf, nur weil wir einen neuen Präsidenten wählen oder ein anderer Geschäftsführer eingestellt wird, machen wir uns über die Maßen vom Geldgeber abhängig – autonome Vereinsentscheidungen in diesen Angelegenheiten sind nach meinem Dafürhalten gar nicht mehr möglich. Die DFL bspw. hat ja nun gerade in diesen Tagen dem Zweitligisten Jena verboten, mit einem russischen Investor ins Geschäft zu kommen, weil die Statuten es ausschließen, dass ein Minderheitsgesellschafter in irgendeiner Form die Vereinspolitik, insbesondere die Personalpolitik eines Lizenznehmers bestimmt. Nun ist Ecapus zwar kein Lizenznehmer, aber die Personalpolitik unseres Vereins kann sie indirekt dennoch mitbestimmen. Was die ganze Sache ja eigentlich noch viel schlimmer macht, als sich die Situation in Jena darstellt. Kurzes Nachwort hierzu: Leider liegt mir der originale Wortlaut nicht vor, so dass ich mich mit meiner Einschätzung nur auf das stützen kann, was bislang daraus von AR und Präsidium kommuniziert und auch interpretiert wurde.

VEREINSGELD AUF FREMDEN KONTEN?

   Und wie sieht die Zusammenarbeit mit denn neuen Investoren bzw. deren beauftragten Lizenzfirmen in dieser Saison aus? Unterer bis mittlerer Durchschnitt muss man leider sagen. Bierstände wurden abgebaut, die Bierpreise um 50 Cent (knapp 17 Prozent!) auf 3,50 Euro erhöht. Was unser Präsident in der «Viva St. Pauli» vom 10. August zwar mit Mehrwertsteuererhöhung und allg. Bierpreiserhöhung entschuldigt. Wer aber 1 und 1 zusammen zählen kann, wird das als „notwendigen“ Preisaufschlag des neuen Lizenz-Caterers erkennen. Auch wenn man euch/uns damit ködert, dass 20 Prozent der Erhöhung an die Jugendabteilung gehen –Leute, das sind pro Bier zehn Cent. Der Versuch, nur noch 0,5-Liter-Einheiten zu verkaufen, wurde nach heftigen Protesten immerhin wieder rückgängig gemacht. Das VIP-Catering (okay, betrifft wohl die wenigsten von euch/uns) soll ziemlich schlecht sein, das neue Ticketsystem hat monatelang nicht vernünftig funktioniert. Und: Alle Erlöse aus Ticketverkäufen fließen zunächst auf ein Fremdkonto, bevor das Geld irgendwann an den FC überwiesen wird. Sagen zumindest unsere Recherchen. Hammer!

UNERSCHÖPFLICHE POTENZIALE

   Sicher wird es später weniger dieser Reibungspunkte geben, doch über bereits absehbare Streitpunkte wie u.a. Fremdveranstaltungen im Millerntorstadion kann schon jetzt spekuliert werden. Denn Schuler hat da sicherlich noch einiges in petto: „Bei St. Pauli gibt es so viele Möglichkeiten, da steckt soviel Geld dahinter. Das Potenzial ist unerschöpflich“, offenbarte er im Juni dem «Tagesspiegel». Ob das dann allerdings noch MEIN FC St. Pauli sein wird, daran habe ich im Moment große Zweifel. So, und nun macht euch selbst ein Bild davon, ob der Deal mit den Investoren Schulerund Biert für den FC St. Pauli okay ist, oder nicht. Vielleicht hätte es ja ein ganz normaler Kreditvertrag mit einer Bank, ohne Littmann-Rücktritt und ohne Nebengeschäfte auch getan...

// Ronny

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