Einhundert Jahre
F.C. St. Pauli von 1907
Wer hätte das gedacht: Normalerweise müsste der Verein bereits in diesem Jahr seinen runden Geburtstag feiern...
„Warum denn ausgerechnet jetzt das hundertjährige Jubiläum feiern?“, werden wahrscheinlich viele von euch fragen. „Es heißt doch FC St. Pauli von 1910 e.V. Oder wollt ihr euch mal wieder nur wichtig machen?“ Das natürlich auch, doch tatsächlich erscheint das offizielle Gründungsdatum unseres Vereins etwas willkürlich gewählt. Und das Jahr 1907 wäre in unseren Augen zumindest das logischere Gründungsjahr.
Als eigenständige Institution existiert der Club unter jetzigem Namen erst seit Herbst 1924. Das echte Hundertjährige wäre also dann in 17 Jahren fällig. Damals verlangte der um seine Führungsposition im Sport besorgte Deutsche Turnverband, der mit der fremdländischen Fußlümmelei nie so ganz warm geworden war, von seinen Vereinen, sich von turnfremden Abteilungen zu trennen. So geschah es auch beim Turnverein St. Pauli (den es übrigens noch heute gibt!), der sich den Anweisungen von oben fügte. Auf Seiten der Fußballer herrschte zwar eine gewisse Enttäuschung darüber, dass die Versuche des Stammvereins, die Fußballer zu behalten, nur halbherzig waren. Anders als beim Eimsbütteler TV die behielten ihre Fußballer. Immerhin war man aber für deren Entgegenkommen in der Platzfrage die Fußballer durften am Millerntor bleiben dankbar. Fortan nannte man sich also F.C. St. Pauli damals noch mit Pünktchen hinterm Fußball-Club-Kürzel.
Das Datum 1910 verschleiert allerdings, dass in diesem Jahr eigentlich gar nichts gegründet wurde; die Wurzeln des Fußballs am Millerntor reichen weiter zurück. Schon 1899 wichen erstmals Mitglieder des St. Pauli TV von der „reinen Lehre“ ab und gründeten eine Spiel- und Sportabteilung, in der allerdings zunächst die „deutschen“ Sportarten Schlag- und Faustball betrieben wurden. Fußball wurde dann bereits seit 1907 gespielt, nachdem sich auf einen Aufruf aus dem November 1906 bis zum Frühjahr 1907 genügend Interessenten aus der Mitgliedschaft des „Hamburg St. Pauli TV 1862“ gemeldet hatten. In der Kiezkneipe August Tenne wurde dann offiziell die neue Sparte etabliert. Unter anderem waren damals Henry Rehder, Amandus Vierth, Heini Schwalbe, „Nete“ Schmelzkopf und „Papa“ Friedrichsen nicht nur Geburtshelfer, sondern auch aktive Balltreter für den St. Pauli TV. Bis zum Sommer wurden dann im Rahmen von Turnfesten zwei Freundschaftsspiele gegen die Kicker des Schwimmvereins Aegir bestritten. Die beiden Partien endeten 1:1 und 7:1 für die Kiezianer. Während der gesamten Saison 07/08 kam man anschließend auf insgesamt elf Freundschaftsspiele, von denen immerhin sieben gewonnen werden konnten. Überwiegend bolzte man damals gegen andere Hamburger Nichtverbandsvereine und Reserveteams. In der Folgesaison 08/09 wurde eine zweite Mannschaft gebildet, aber auch die Reserve bestritt noch lediglich Friendlys.

Weitere fußballerische Höhepunkte waren 1909 die ersten „auswärtigen“ Gegner: Im Deutschen Reich der VfL Schwerin 03 als erster Gast am Millerntor und das erste Auswärtsspiel außerhalb Hamburger Grenzen in Cuxhaven sowie während einer Reise nach Dänemark der Kontrahent Svendborg, bei dem erste internationale Erfahrung gesammelt werden konnte. Dies erscheint umso bedeutender, wenn man bedenkt, dass der nächste internationale Auftritt knappe zwanzig Jahre auf sich warten ließ: Erst 1926 war es erneut Dänemark, dem der dann schon unabhängige FC einen Besuch abstattete.
Das Jahr 1910 begann noch mit den so genannten „Gesellschaftsspielen“ u.a. gegen die Dritte von Germania 1887. Dieses Spiel wurde im Januar 1910 mit 2:0 gewonnen, obwohl St. Pauli nur mit zehn Mann angetreten war. Doch am 22. April 1910 trat schließlich die Spielabteilung des Hamburg St. Pauli TV dem Norddeutschen Fußballverband (NFV) bei und meldete zunächst vier Mannschaften für den Spielbetrieb. Am 15. Mai endlich wurde offiziell die Fußballabteilung innerhalb der Spielabteilung gegründet das heute offizielle Gründungsdatum des Vereins. Erster „Ordnungswart“ der Abteilung wurde Henry Rehder, der ab 1912 auch Vorsitzender der gesamten Spieleabteilung wurde. Und besagter „Papa“ Friedrichsen war damals die „Seele“ der Fußballer.
Die 1. Elf trat zunächst außer Konkurrenz an, wie es für zu spät gemeldete Mannschaften üblich war und spielte gegen die 3. und 4. Mannschaften der alten Vereine wie Germania 1887, Eimsbüttel, Victoria oder Altona 93.
Zu Saison 1911/1912 führte der NFV eine C-Klasse ein, St. Pauli wurde dabei dem Bezirk III (Hamburg / Altona) zugeteilt und hatte es dann mit Gegnern wie Holstatia Elmshorn, Eintracht Lokstedt, Hermannia Veddel oder dem Rothenburgsorter FK zu tun. Insgesamt gab es in 28 Punktspielen sechs Siege, zwei Unentschieden und 20 Niederlagen. In der Folgezeit wuchs die Fußballabteilung rasant an, woran auch der Krieg, der manch andere etablierten Clubs zu Notgemeinschaften zwang so ließ sich Germania 87, einer der drei Vorgängervereine des erst 1919 gegründeten HSV, mit Concordia ein nichts änderte.
Auch die braun-weiße Spielkleidung wurde übrigens schon vor 1910 eingeführt. Im März 1909 setzte Amandus Vierth, Gründungsmitglied der Fußballsparte und Spieler in der vierten Mannschaft durch, dass alle Spieler in einheitlicher Kleidung auflaufen: dunkelbraune Trikots mit weißen Aufschlägen und weißen Hosen. Diese Farben erregten laut Vereinsfestschrift von 1935 insbesondere in der Zeit der Weltwirtschaftskrise bei den Vereinen des sozialdemokratischen ATSB „des öfteren Anstoß“. Nun, es werden weniger die Farbe (Weiß galt früher als Farbe der Royalisten und Rechten und braun: no comment...) an sich gewesen sein liefen doch mit Komet Blankenese und Billstedt-Horn auch Arbeitervereine in diesen Farben auf die Anstoß erregten, als die politische Gesinnung derjenigen, die sie trugen und sich nach rechts wohl relativ offen zeigten.
In besagter Festschrift von 1935 war ganz offen von dem Konflikt zwischen bürgerlichen (zu denen sich St. Pauli rechnete) und Arbeitersportvereinen die Rede. St. Pauli profitierte (im Gegensatz zum proletarischen Club Fichte, dessen Mitglieder, verfolgt und teils inhaftiert, sich nach dem Verbot der bürgerlichen Hansa anschlossen) auf jeden Fall von der Machtübernahme durch die Nazis: Der Zweck des Vereins, definiert in jener Festschrift zum 25-Jährigen, nämlich die „Pflege der sportlichen Kameradschaft und Mitarbeit an der sportlichen Ertüchtigung der heranwachsenden deutschen Jugend zum Wohle unseres deutschen Vaterlands“, deckte sich „zufällig“ mit deren Zielen, was Sport zu leisten habe: „...vorbereitet zu sein, wenn das Vaterland in Gefahr ist ... die Heimat zu verteidigen, auch wenn es galt, jenes mit eigenem Blut zu besiegeln.“

Jedenfalls ging unter den Nazis, was vorher nicht ging, nämlich der Ausbau des Millerntorplatzes mit der Errichtung eines für damalige Verhältnisse luxuriösen Vereinshauses in Eigenarbeit. Ganz so weit ging die Freundschaft der Braunen zu den Braun-Weißen dann aber doch nicht: Im Frühjahr 1935 wurde der Millerntorplatz für eine Ausstellung des Reichsnährstandes requiriert, vollkommen ruiniert und war erst 1936 wieder bespielbar. Bis dahin mussten die Heimspiele in Altona und Eimsbüttel ausgetragen werden. Auch während des zweiten Weltkrieges blieb St. Pauli eigenständig und wurde nicht von der Gründung der so genannten Kriegssportgemeinschaften erfasst, was zum Teil der hervorragenden Jugendarbeit zu verdanken war. Zwar erfolgte 1945 ein generelles Vereinsverbot die folgende Neugründung wäre auch ein bedenkenswertes Gründungsdatum doch besaßen jene Vereine, die während des zwölfjährigen Regimes etabliert waren, einen entscheidenden Startvorteil gegenüber jenen, die bereits ab 1933 verfolgt und verboten wurden: Bei der neuen Ligeneinteilung im NFV wurde den Platzierungen der Vereine vor 1945 Rechnung getragen.
Wie man also sieht, gäbe es mehrere Möglichkeiten, das Datum der Vereinsgründung festzulegen. Dabei erscheint uns 1907 am sinnvollsten, schließlich geht es uns ja um Fußball und nicht ums Kegeln. Auch 1924 wäre akzeptabel, doch gerade 1910 hat nun wirklich wenig für sich. Folgte man dem Beispiel des ungeliebten Vorstadtvereins könnte man auch einfach das Gründungsdatum des Turnvereins in Anspruch nehmen und käme dann auf 1862 (siehe auch extra Info „Gründungsweg“). Das hat zwar mit Fußball nichts zu tun, aber der wurde bei Germania 1887 auch noch nicht gespielt. Der Ball war dort zunächst nämlich eiförmig...
// Welf, Ronny, Bernd

Quellen:
- You’ll never walk alone (Martens)
- 100 Jahre Fahrstuhlfahrt (Carstensen)
- Festschrift 25 Jahre Sport am Millerntor (FC St. Pauli)
- Fußball im Norden (Jankowski, Pistorius, Prüß)
- 100 Jahre Victoria Hamburg (Reinecke)
- ETV Hamburg 100 Jahre Fußball in Eimsbüttel (Havekost)
- Hamburger Sport-Verein Immer erste Klasse (Skrentny, Prüß)
- Altona 93 111 Ligajahre im Auf und Ab (Carsten)
- Wikipedia
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