Applaus, Applaus, Applaus,
wir sind schuldenfrei!!!
Am Freitag den 13. Oktober um 18. 30 Uhr fand im CCH die diesjährige Jahreshauptversammlung (JHV) des FC ST. Pauli statt. Es fanden sich im Laufe der Veranstaltung 512 stimmberechtigte Mitglieder im Saale ein, die ein langer Abend mit wenigen Highlights erwarten sollte. Aber dazu später mehr.
Fangen wir zuerst mit dem angenehmen Teil an: die wirtschaftliche Situation des Vereins. Die aus der Sicht des Präsidiums nicht besser sein könnte. „...verfügen über ein Kapital von 55. 000 Euro und sind einer der wirtschaftlich gesündesten Vereine im deutschen Profifußball“ (Littmann sinngemäß in seiner Rede) Oder auch schriftlich:„Sei es drum:Wir können jetzt von uns behaupten, dass wir aus finanzieller Sicht einer der gesündesten Vereine in Deutschland sind. “ (so im VIVA Saisonrückblick 05/06, S. 61) Ja, das ist doch Balsam für die Ohren eines geschundenen St. Pauli Fans im tristen Alltag der 3. Liga. Littmann betont, dass der Verein schuldenfrei sei, was zu einem stürmischen Applaus der versammelten Massen führte. Zumindest existieren keine kurzfristigen Verbindlichkeiten mehr. Was jedoch nicht heißen soll, dass wir keine langfristigen Verbindlichkeiten mehr hätten. Die halben Verbindlichkeiten lassen sich eben besser verkaufen, als die komplette Wahrheit. Und außerdem ist ja heute Wahlkampfabend und auf der kommenden JHV auch.
Die Altschulden hätten wir nunmehr getilgt, was der Präsident in seinem schicken Nadelstreifenanzug vom Podium nicht verlautbaren ließ, war dass diese zwar benannt und fixiert sind, aber dennoch nicht beglichen.
Erstens wäre da eine Summe von 350.000 Euro, die sich aus Schätzungen des Finanzamtes ergibt. Diese Aufwendungen resultieren im Wesentlichen aus Nachaktivierungen der Anschaffungskosten für Spieler und die dafür auf den 30.06.2002 anfallenden Körperschaft- und Gewerbesteuern. Zweitens sind die Rückzahlungszeitpunkte für die intern gegebenen Kredite der Abteilungen an den Gesamtverein immer noch nicht eindeutig benannt geschweige denn vollständig getilgt.
Drittens wäre da ein Darlehen eines gewissen Cornelius L. aus H. in der schwankenden Höhe von (je nach Quelle) 226.000 bis 300.000 Euro, dessen Rückzahlungsmodalitäten inklusive eventueller Zinsen der interessierten Zuhörerschaft nicht bekannt gemacht worden sind. (Ist das die neue Transparenz?) Kassenprüfer L. Sörensen jedenfalls empfahl eine unverzügliche Rückzahlung dieses Privatdarlehens, um die Unabhängigkeit des Vereins zu gewährleisten. Und dann war da noch die Stadionbetriebs-gesellschaft, die mangels eigenen Vermögens dem Verein eine Summe zur Abschreibung (Verlust) von 421.000 Euro beschert hat. Was fast die Hälfe des Betrags für die Grundgehälter der Lizenzspieler ausmacht! Die Summe reicht zwar nicht für Schönspieler vom Typ Sir D. Beckham, aber ein realer Scharping reloaded wäre schon Drinne gewesen. Vizepräsident M. Schulz geht daher von insgesamt 2,17 Mio. Euro langfristigen Verbindlichkeiten aus.
Weitere Zahlenhuberei ersparen wir euch, wer sich berufen fühlt kann ja gerne selber einmal nachrechnen, was an Gewinnen und Verlusten auf dem Papier vorhanden ist. Die Bilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung liegen in unserer Redaktion zur Einsicht aus. Hier kann man in Ruhe und Gelassenheit lesen und studieren. Was den Vereinsmitgliedern vor der JHV leider nicht möglich war, diese lag nämlich viel zu kurzfristig vor der JHV aus, nur sieben Tage und war darüber hinaus weder von einer Steuerbe-ratungsfirma beglaubigt noch bestätigt. Somit konnte, wer auch immer, da hinein schreiben was das Herz begehrte. Eine weitere Frage die sich hier dem geneigten Zahlmeister stellt lautet:Welche Posten werden im Ersten und welche müssen im 2. Halbjahr eines Geschäftsjahres beglichen werden? Könnte es sein, dass wir zwar kurzfristig wirklich schuldenfrei sind, aber dieser Augenblick der Freude nicht lange anhalten wird? Wäre der Verein dann ein zweites Mal zu retten? Ach so da ist noch etwas, die Kassenprüfer monieren weiterhin die viel zu hohen Barkassenbestände, die einer zu geringen Kontrolle unterliegen. Dies hat bereits wiederholt und wird zu Fehlgriffen führen, wenn daran nichts geändert wird.
Die Liquidität des FC ist nach wie vor angespannt. Wenn die prognostizierten Einnahmen nicht geniert werden könnten, aus welchen Gründen auch immer, dann besteht vor allem in der kostenintensiven Struktur der Regionalliga die Gefahr einer mangelnden Liquidität. Es konnten trotz der zusätzlichen Einnahmen im DFB-Pokal keine finanziellen Reserven gebildet werden. Allerdings musste für die laufende Saison positiver Weise im Lizenzierungs-verfahren erstmals keine zusätzliche Geldreserve gestellt werden. Wir hoffen, dass das auch in der Zukunft der Fall sein wird. Der Verein ist überdies darauf angewiesen, dass zusätzliche Einnahmequellen generiert werden, und das auf der Grundlage, dass das Zuschauerinteresse weiterhin so konstant hoch wie bisher bleibt. Auch wenn wir weiterhin in der dritten Liga spielen sollten, was ja nun einmal auch im Bereich der Möglichkeiten denkbar wäre.
Zurück zu Herrn Littmann, wir wollten doch nur etwas zu seiner Rede schreiben. Das Präsidium lässt sich weiterhin im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich nicht durch die Öffentlichkeit beeinflussen! Es wird weiterhin die interne Diskussion geben, keinen öffentlichen Streit und keine Entscheidungsschwäche. Das sind nämlich alles Vorrausetzungen für den Stadionneubau, äh wir meinten natürlich die „RdM“ Nein nicht der „Ring deutscher Makler“ oder den schlechten „Rhetoriktrick der Marketingabteilung“ sondern die „Rekonstruktion des Millerntor“ so der neudeutsche Ausdruck für Stadionneubauten in Stadtteilvereinen. Es heißt ja auch Rückbau und nicht Abriss!!!
Klipp und Klar äußerte sich Littmann zu seinen Kritikern und Dauernörglern. Wenn der neue Aufsichtsrat es wünscht, wird das gesamte Präsidium im Februar 2007 für eine weitere Amtszeit kandidieren, um seine erfolgreiche Arbeit fortzusetzen und Kontinuität im Amt zu gewährleisten.
Und dann präsentierte das Corny seine Vision 2010 zum hundertjährigen Vereinsjubiläum... Das neue Stadion mit 12.000 Sitz- und 15.000 Stehplätzen, die bei Bedarf zu Sitzgelegenheiten umgerüstet werden müssen:Weil, wir spielen dann in der ersten Bundesliga, weil wir da hingehören und erfüllen selbst redend auch die Vorrausetzungen für die Teilnahme am Uefa Cup und der Champions League! Applaus, Applaus, Applaus von der Masse. Normalerweise haben nur Schamanen Visionen, aber die brauchen bekannterweise beeinflussende Substanzen um Visionen zu sehen. Realisten behaupten, „Wer Visionen hat der muss zum Arzt!“ (Anm. der Red. : Es könnte ja sein, dass da jemand Schnupfen hat).
Ach- und Krachgeschichten:
Unser Klaus erklärt uns die Welt...
Unser Vize Klaus Rummelhagen schmiss dann den eigentlichen Aufreger des Abends in die euphorische Vereinsgemeinde. Pathetisch und gradlinig kam er ohne Umschweife auf die Fanszene zu sprechen. Der FC St. Pauli habe eine außerordentlich kreative und bundesweit respektierte Fanszene und besitzt großes Ansehen. Leider sehe er dieses Ansehen in Gefahr, weil Randale und Gewalt in der Fangemeinde Einzug gehalten haben. Dieses könne er nicht respektieren und macht deshalb die klare Ansage, er sei gegen Körperverletzung, gegen Provokationen gegenüber der Polizei (laut Vizepräsident ist die bevorzugte Ausdrucksweise der Fans der Terminus „Bullen“) und also habe der Bürger die Pflicht, die Staatsbeamten ihre Arbeit tun zu lassen. Man solle zwar laut gegen Nazis sein aber ohne Gewalt. Also, Nazis hauen verboten, demonstrieren verboten, sich Polizisten in den Weg stellen und sich nicht alles gefallen lassen auch verboten. Gut gebrüllt Löwe, aber was ist mit Zivilcourage und sollen wir es dulden, dass Nazifahnen bei uns im Stadion wehen und Leuchtspurmunition in unsere Kurve geschossen wird? Lieber Klaus Rummelhagen, da nützt auch kein runder Tisch gegen Gewalt, weil die Chemnitzer Fans sich bestimmt nicht mit uns an einen Tisch setzen würden. Und außerdem Klaus Rummelhagen, für die verfehlte Einsatztaktik der Polizei während und nach dem Chemnitzspiel sind nicht wir verantwortlich. Vielleicht bietest du ihnen den runden Tisch einfach an. Aber bedenke dabei „Ziviler Ungehorsam“ ist ein Instrument der Demokratie und ein Bürgerrecht. Das wird und muss es auch bleiben. Solange in Deutschland die Faschisten wieder auf den Straßen und in die Stadien marschieren, dabei ihre pseudopolitische Weltanschauung verbreiten, ist Widerstand von Nöten, denn jede Form von Faschismus war, ist und bleibt auch in Zukunft ein Verbrechen.
Wer die Wahl hat, hat die Qual
Das Hauptaugenmerk des Abends aber lag auf der Wahl des neuen AR. So geriet dann aber die Vorstellung der Kandidaten zu einer recht langweiligen halben Stunde. Leider erschien keiner der Kandidaten rhetorisch so gewandt und bühnenerfahren zu sein wie der Präsident. So bleibt uns dann ausschließlich die Hoffnung, dass es dem neuen AR gemeinsam gelingt das Präsidium gemäß seiner Aufgabe nach zu kontrollieren und ein wirkliches Kontrollorgan zu sein. Denn die Wahl ist aus Fanperspektive schon bemerkenswert verlaufen. Alle Kandidaten aus der einschlägig bekannten AFM und AGiM Szene bekamen das Vertrauen ausgesprochen. So setzt sich der neue AR aus den bisherigen Mitgliedern M. Burmester (418 Stimmen), T. Eich (360), C. Kröger (259), W. Hellbing (138), W. Pokropp (127) und den neu gewählten Ulrich Reuss (307) und Holger Scharf (117) zusammen. Das Gremienphantom Hans Jürgen Kion (63) verpasste den Wiedereinzug ins Gremium, obwohl er wirklich gesehen wurde und körperlich ausnahmsweise anwesend war. Der weitere Kandidat A. Seeliger (89) tat sich in seiner Rede damit hervor das Hauptaugenmerk der möglichen AR Tätigkeit darin zu sehen, einen Generalsponsor für den Gesamtverein zu akquirieren, was nicht wirklich überzeugte, es sei hier nur an den namentlich schon vergessenen „Insolvenz Dienst-leister“ erinnert. Es wurde darüber hinaus mal wieder für jeden im Saal eindeutig sichtbar, wie die Kommunikation zwischen Präsidium und AR im Normalfall verläuft. Während der Vorstellung der Kandidaten blickte ein offensichtlich gereizter Präsident grimmig drein und zeigte schon durch seine Körperhaltung von Anfang an, was er von den Beiträgen am Rednerpult hielt, gute Schauspieler sollten dies doch verstecken können.
Der Bericht des AR Vorsitzenden fiel dafür umso ehrlicher und kritisch aus. Er bescheinigte dem Präsidium mangelnde Teamfähigkeit, die wiederholt durch die einseitig verlaufende Kommunikation sichtbar wird. So muss der AR Tatsachen und Entscheidungen des Tagesgeschäfts des Präsidiums oft erst nach deren Vollendung durch die Medien erfahren. Auch an beratenden Funktionen ist scheinbar kein Bedarf von Seiten des Präsidiums, so dass von einer konstruktiven Zusammenarbeit im positiven Sinne keine Rede sein kann. Beispielsweise wird die extrem lange Verhandlung um den Vertrag des sportlichen Leiters H. Stanislawski kritisiert, die zusätzliche Kosten verursacht hat. Die Zusammenarbeit kann sich nur dann verbessern, wenn auch das Präsidium die Satzung des Vereins endlich akzeptiert und danach handelt. Diese weiterhin zu ignorieren, bedeutet den Verein einer Gefahr auszusetzen, die schwer zu kalkulierbare Risiken birgt. So ist die Zusammenarbeit aus Sicht des AR ein Wechselbad der Gefühle. Ein respektvoller Umgang mit Vereins und Fangremien von Seiten des Präsidiums sieht sicherlich anders aus, als derjenige, der in jüngster Vergangenheit durch Herr Littmann geprägt wird. Offensichtlich scheint es eine Diskrepanz zwischen Präsidium und Präsidenten zu geben, die weiterhin vor allen intern und sachlich geäußert und beanstandet wird. Falls eine offene Funktionärskritik in die Öffentlichkeit gelangen sollte, sieht der AR die Gefahr, dass der Verein diesen Vertrauensverlust nicht mehr kompensieren kann und dem Tode geweiht wäre. Es dürfe nie wieder dazu kommen, dass eine zweite Retterkampagne notwendig werden würde. Abschließend überwiegen aus Sicht des AR aber immer noch die positiven und guten Dinge in der täglichen Arbeit, so dass der Vorschlag ausgesprochen werden konnte, das Präsidium für geleistete Arbeit zu entlasten. Auch dies wurde durch das Volk dankbar angenommen und bei wenigen Enthaltungen wurde die Entlastung amtlich.
Inwiefern die in den Vorjahren wiederholt bemängelten Satzungsverstöße noch immer für Diskussionen im AR sorgten, wurde nicht erneut thematisiert, was die Frage aufwirft, inwiefern der AR die präsidentalen Satzungsverstöße wieder und wieder einfach bloß hinnimmt? Konsequenzen werden zwar in der Vereinsöffentlichkeit angedroht, aber ein konsequentes Handeln bleibt aus. So entsteht beim interessierten Vereinsmeierlaien der Eindruck, dass sich mit dem AR ein zahnloser Gremientiger gehalten wird, der zwar ab und zu mächtig brüllt, zu reißen und zu beißen aber in der Tristesse der Käfighaltung verlernt hat. Wo bleibt also die konsequente Handlung, die satzungsgemäß dem Präsidium einer Kontrolle unterzieht, konsequentes Verhalten vorführt und notfalls aus bemängelten Sachverhalten die Konsequenz zieht?
Advent, Advent, die Kurve brennt...
Es wird sich in den nächsten Monaten bis zur Neuwahl des Präsidiums zeigen, ob das Präsidium in der Lage ist mit dem neuen AR eine konstruktive Kommunikation aufzubauen, die nicht nur auf einer direktiven Ebene einseitig von oben (Hoppla hier komm ich C.L.) nach unten (was wollt ihr denn von mir?) verläuft. Beispiel dafür kann und sollte das Stadionprojekt mit seinen unzähligen Verträgen und Weichenstellungen für die Zukunft des Vereins sein. Es geht um sehr viel dabei. Mit diesem Projekt steht und fällt eine langfristige Entwicklung des Profifußballs auf St. Pauli. Immerhin sollen Anfang Dezember diesen Jahres die Bagger mit der Abrissglocke vorbeikommen und das Ende der Ära Millerntorstadion einläuten! Advent, Advent die Kurve brennt, erst Süd - dann Nord - die Gegengrade und zum Schluss der Kuchenblock! Und als Zugabe, falls das Geld noch reicht, wird alles schön rund gemacht mit teuren Ecken dran.
Wie dieser Prozess von Statten geht, könnte ein Gradmesser für das Wahlvolk sein. Es geht darum, weiterhin kritisch auf das Präsidium und den AR des Vereins zu blicken, und sich nicht so leicht zufrieden stellen zu lassen wie bisher. Denn die exklusive „Séparée Vision“ des Präsidenten zum 100 - jährigen Vereinsjubiläum kann nicht auseichend Begründung für eine Neuwahl sein. (vgl. Duden: Séparée: lat. -fr. für Nebenraum im Lokal) Das darf uns nicht reichen! Ebenso wenig sollte auch der Mangel an Alternativen die Wahl im Vorfeld beeinflussen. So ist es leider nicht weiter verwunderlich, dass nach der AR Wahl ein Grossteil der stimmberechtigten Mitglieder die Versammlung verließen und ein entscheidender Punkt der Tagesordnung, ein Satzungsänderungsantrag zum Verfahren um die Einberufung der Mitgliederversammlung (§13), daraufhin auf Bitte des müden Präsidenten vertagt wurde. Damit so alle friedlich und begeistert über ihr Kommen endlich nach Hause gehen können. So wäre der Restfreitag noch ein wenig zu genießen und die gute Stimmung müsse keinen Abbruch erfahren. Frei nach dem Motto:Was ich heute an die Transparenz verlieren könnte, verschiebe ich lieber auf Übermorgen, wenn dann eine mögliche Mehrheit im Wahlvolke sitzt! Dieser alte demokratische Trick erst dann zu Entscheiden, wenn die eigene Mehrheit auch anwesend ist, darf keinem Präsidium in diesem Verein gelingen, wir wollen doch kein schlechtes Beispiel für Demokratie abgeben, oder? Ach und falls die „RdM“ wie geplant 2013/14 vor dem Abschluss steht, bleibt da noch die Frage offen, ob das Projekt vom selben Präsident als beendet erklärt wird, von dem es auch im Herbst anno 2006 begonnen werden sollte.
JanEcke+A
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