Hamburg ohne Hafenstraße ist
wie Bundesliga ohne St. Pauli

Wie ein beispiellos geführter Kampf um soziale Gerechtigkeit das Erscheinen einer Straße, eines Stadtteils und eines Fußballvereins veränderte.

„Besetzt – Ein Wohnhaus ist kein Abrisshaus“

Letzten September vor 25 Jahren begann ein Kampf um den Erhalt von sozial verträglichen Mietwohnungen im sogenannten „Hamburger Filetstück Hafenrand“, der noch heute europaweit als Vorbild gegen staatliche Repression und asozialer Marktwirtschaft gesehen wird. Begonnen hat alles damit, dass die städtische Wohnungsbaugenossenschaft SAGA die Häuser der Hafenstraße verrotten lassen wollte, um so den Abriss der „unbewohnbaren Häuser“ erzwingen und den Verkauf der Grundstücke an die Interessenten Tchibo, bzw. Gruner & Jahr ermöglichen zu können. Zu diesem Zeitpunkt waren noch einige Wohnungen an ein Studentenwerk und wenigen Alteingesessenen vermietet, wobei die SAGA den Überblick verloren hatte, wieviel Studenten welche Wohnungen für welchen Zeitraum angemietet haben. Dieses Chaos nutzten Autonome, Studenten, Aussteiger, Punks, etc. Schritt für Schritt aus und zogen in bereits leer stehende Wohnungen ein, bis sie schließlich im Februar 1982 öffentlich die Besetzung der zum Abriss eingeplanten Häuser propagierten. Normalerweise hätte eine Hausbesetzung eine Räumung innerhalb von 24 Stunden nach sich gezogen. Da die SPD aber schon auf die Bürgerschaftswahl im Juni geschielt hat und sich deshalb vor einer Entscheidung drückte, vertagte man das Problem Hafenstraße innerhalb des Senats lieber auf Juli. Diese Entscheidung erwies sich dann im Juni als folgenschwer. Die SPD verlor bei der Bürgerschaftswahl die absolute Mehrheit und musste nun mit Blick auf Neuwahlen im Februar (Koalitions- verhandlungen mit den Grünen, bzw. der CDU wurden abgelehnt) den überraschenderweise in den Senat eingezogenen Grünen bzw. den Bewohnern Zugeständnisse machen, um nicht noch mehr Stimmen zu verlieren.

Vertreibung auf Raten oder
ehrliche Zugeständnisse?

Man einigte sich zunächst einmal auf ein Stillhalteabkommen, was den Bewohnern/Besetzern die Sanierung von mindestens 3 Gebäuden und einen Mietvertrag von drei Jahren zusicherte. Kurios an der Unterzeichnung des Vertrages war, dass zunächst niemand von behördlicher Seite mitbekommen hat, dass der Vertrag seitens der Bewohner mit „B. Setzer“ unterschrieben wurde. Doch die Stadt kam Ihren Verpflichtungen nicht in dem versprochenen Maße nach, sondern schaltete stattdessen mit Hilfe der Springer-Presse und des Verfassungsschutzes seinen gut geölten Diffamierungsapparat ein. Immer häufiger tauchten in Verfassungsschutzberichten Gerüchte über mögliche Kommandostrukturen der RAF in der Hafenstraße auf, durch Bild / WELT wurde regelmäßig über Autoaufbrüche, Raub und Vergewaltigungen mit anschließender Flucht in die besetzten Häuser berichtet. Doch diese Berichterstattung polarisierte höchstens die Meinung über die Besetzungen, der Solidarität bei einem Großteil der Hamburger Bevölkerung tat dies keinen Abbruch. So gingen beispielsweise im Dezember 1986 über 10. 000 Menschen für den Erhalt der Häuser auf die Straße. Anfang 1987 ließ der Hardliner (Innensenator und zweiter Bürgermeister) Alfons Pawelczyk vereinzelt Wohnungen räumen, was wiederum zur Eskalation der Situation führte, denn entgegen der Vorstellung des Innensenators beugten die Besetzer sich nicht dem Staatsapparat, sondern verbarrikadierten die besetzten Häuser mit Stacheldraht und feuerfesten Türen. Klaus von Dohnanyi konnte die angespannte Situation nur kurzfristig beruhigen. Während seines Urlaubs im Juli auf Sylt unternahm Pawelczyk, jetzt in Funktion des stellvertretenden Bürgermeisters, erneut einen Versuch zur Räumung, was durch eine Einigung zwischen der die Hafenstraße vertretenden „Patriotischen Gesellschaft“ (ist per Hubschrauber extra nach Sylt geflogen) und von Dohnanyi und sein spontanes Einschreiten noch kurz vor einer weiteren Eskalation verhindert werden konnte.

Showdown am Hafenrand

Da den Bewohnern der Hafenstraße mittlerweile zu oft Zugeständnisse und Vertragsunterzeichnungen versprochen wurden, die dann aber nur selten in die Tat umgesetzt wurden, vertraute man dem „Waffenstillstand“ aus dem Juli nicht und setzte die Verbarrikadierung der Hafenstraße fort. Jetzt wurden nicht nur die Häuser abgesichert, sondern man riegelte ganze Straßen durch Müll- und Schrottbarrikaden ab, um so ein schnelles Angreifen der behelmten Staatsmacht zu verhindern. Dieses Abkoppeln vom Rechtstaat konnte sich wiederum der Senat nicht gefallen lassen und mobilisierte im November Räumfahrzeuge, Wasserwerfer, Einsatzkräfte, so dass sich Mitte November 5000 - 6000 Polizisten und mehrere tausend Autonome zu einer wahrscheinlich verlustreichen Schlacht gegenüberstanden. Der Senat setzte den Bewohnern ein Ultimatum. Sollten die Barrikaden am 19. November bis 14 Uhr nicht von selbst geräumt sein, würde die Polzei mit der sofortigen Räumung aller Häuser beginnen. Wieder einmal sprang von Dohnanyi in die Bresche. Ohne Absprache mit seinem jetzigen Koalitionspartner FDP verpfändete er sein Bürgermeisteramt für eine friedliche Lösung des Konfliktes um die besetzten Häuser, sollten die Bewohner der Räumung nachkommen. Diese Aussage zeigte bei den Bewohnern Wirkung und man entschloss sich, dieser letzten Aufforderung von Dohnanyis nachzukommen. Ein Bürgerkrieg in Hamburg wurde somit in letzter Sekunde verhindert.

Das politische Ende des
von Dohnanyi und Voscheraus Härteflops

In den nachfolgenden Monaten gab es zwar politisch und vertraglich von Seiten des Senats und den Hafenstraßenbewohnern Zugeständnisse, trotzdem wurden vereinzelt wieder Barrikaden errichtet und kleinere Scharmützel mit der Polizei wurden wieder zur Tagesordung. Dieser Zustand war letztendlich ausschlaggebend für den Rücktritt des damaligen Bürgermeisters. Sein Amt übernahm Henning Voscherau, der kompromissloser zu Werke ging und bereits 1988 eine erste Wagenburg vor der Hafenstraße räumen ließ, sowie 1989 den Pachtvertrag kündigte. Dieses kompromisslose Vorgehen Voscheraus trieb immer mehr Sympathisanten in die Arme der Bewohner, so dass auch Voscherau feststellen musste, dass eine Befriedung des Hafenrands durch Staatsgewalt nicht möglich war. Im Jahr 1990 mobilisierte der Senat ein letztes Mal ein 3000-köpfiges Großaufgebot, um bei einer Hausdurchsuchung die Anwesenheit von RAF-Mitgliedern zu beweisen. Zu seiner Enttäuschung wurden die dort vermuteten Aktivisten aber nicht gefunden. Mit dieser Aktion hat auch Henning Voscherau sein letztes Pulver für eine gerechtfertigte Räumung verschossen und setzte fortan auf Kooperation. Zwar wurde im April 1993 ein weiterer Pachtvertrag zwischen den Bewohnern und der Stadt gekündigt und eine Räumung per Landgericht im November genehmigt, doch Voscherau besann sich eines Besseren und handelte mit den Besitzern einen Deal aus. Sollten die Bewohner das Bebauen von Freiflächen rund um die besetzten Häuser zustimmen, würde der Senat einem Verkauf der 12 besetzten Häuser an eine von den Hafenstraßenbewohnern gesteuerten Genossenschaft zustimmen. Im Dezember 1995 stimmt der Senat nun endgültig dem Verkauf der Häuser an die ehemaligen Besetzer zu.

Und was hat das nun mit Fußball zu tun?

Der Anstieg der Sympathien für die Hafenstraßenbewohner und der sportliche Aufstieg des FC St. Pauli liefen in den 80er Jahren kurioserweise parallel. Zwar gab es für beide Seiten zwischenzeitlich immer wieder Rückschläge, doch durch den gleichzeitigen sportlichen (Meisterschaften waren Jahre her) und kulturellen (rechtsradikale Gesänge prägten die Westkurve) Niedergang des Stellinger Vorortclubs vereinten sich bei tendenziell links eingestellten Fußballfans Interessen an der Entwicklung am Hafenrand und um den FC. Auch der FC St. Pauli war und ist ein „gesellschaftlicher Niemand“, der gegen die Reichen aufbegehrt und zeigt, dass man auch ohne viel Geld zu haben, eine Menge bewegen kann. Da zudem das Stadion gerade einmal 10 Minuten Fußweg entfernt war, entschloss sich ein Großteil der Bewohner diesen Verein ganz lokalpatriotisch zu supporten. Einer der in Fankreisen bekanntesten damaligen Bewohner war Doc Mabuse, der als einer der Ersten mit Totenkopffahne bewaffnet die Gegengerade besetzte und mit weiteren Bewohnern und Sympathisanten den „Schwarzen Block“ begründete. Dem Verein war diesem Anblick zunächst noch nicht so wohl in der Magengegend, wollte man dem DFB doch trotz finanzieller Mauscheleien des Herrn Paulick einen seriösen Verein präsentieren. Doch die Totenkopffahnen vermehrten sich Ende der 80er, Anfang der 90er rasend und sogar der damals beim Grünen Jäger ansässige Fanladen entwickelte eine eigene Totenkopfund Streetwear-Kollektion für linke und alternative Fans. Der Fanladen beheimatete ebenfalls das Vorgängermagazin des Übersteigers „Millerntor Roar“, was als eines der ersten Fanzines Interesse für Politik und einen Fußballverein verband. Unter Anderem wurde von diesem Fanzine mit Hilfe des Fanladens der Aufkleber „Hamburg ohne Hafenstraße ist wie Bundesliga ohne St. Pauli“ zigtausendfach verkauft. Selbst in der überwiegend aus Norddeutschland stammenden Bundesligamannschaft bekundeten einige Spieler Sympathien gegenüber der Hafenstraße, nicht zuletzt Volker Ippig, der sogar 3 Monate in den Häusern lebte. Selbst Otto Paulick konnte einige Sympathien für die Hausbesetzer-Szene nicht verbergen. Er persönlich fuhr Ippig (der vorher bei ihm wohnte) mit seinen paar Klamotten zur Hafenstraße und verabschiedete ihn mit den Worten „das ist echte Kunst!“

Ein Mythos infiziert ganz Deutschland

Eben diese Nähe zur hamburgerischen Hausbesetzerszene, bzw. die mehrheitlich politisch links eingestellten Fans sorgen deutschlandweit für großen Zuspruch. Wo St. Pauli auch auswärts spielte, Autonome und Punks unterstützten den Verein scharenweise. Um nur mal ein Beispiel hervorzuheben: im August 1990 spielte St. Pauli zur Saisoneröffnung in der zukünftigen Hauptstadt Berlin gegen Hertha, die durch die nahende Wiedervereinigung hunderte von Ost- und Westberliner Rechten anzog. Um gesichert zum Stadion zu gelangen traf man sich in Kreuzberg mit Berliner Autonomen und St. Pauli-Sympathiesanten und fuhr gemeinsam zum Olympiastadion. Auf rechten Gesängen der Berliner antwortete ein 5000-Stimmen-gewaltiger Fanblock mit Gänsehaut hervorrufenden „Hoch die internationale Solidarität“.

Und wie sieht es heute am Hafenrand aus?

Die einstigen Kämpfer sind in die Jahre gekommen und freuen sich heute über ein friedliches Zusammenleben zwischen Bewohnern jeglichen Alters, der Stadt und der Polizei. Statt zum 25-jährigem „Besetzungsjubiläum“ mit autonomen Parolen um sich zu werfen lautet das Motto der Jubiläumsveranstaltungen lediglich „Sich erinnern, treffen, feiern“. Die Wohnungen in der Hafenstraße, Bernhard-Nocht-Straße, etc. werden heute von der Genossenschaft „Alternativen am Elbufer“ verwaltet, und zwar so, dass sich auch sozialschwache Mieter noch einen Elbblick leisten können. Der Mietpreis liegt bei dieser Lage mit 6-9 Euro pro Quadratmeter noch ganz weit unter dem üblichen Mietenspiegel. Mittlerweile sind acht der zwölf ursprünglich besetzten Häuser komplett saniert, zwei weitere sind bereits zu 2/3 fertiggestellt. Die ewig durch die Presse geisternde Grafitti-Wand wird zum nächsten Jahr einem durch die Genossenschaft geleiteten Neubau weichen müssen, da das Grundstück bei einer öffentlichen Ausschreibung verkauft worden wäre, hätte die Genossenschaft das Gelände nicht selbst gekauft. Wie man sieht ist es nicht nur um den FC St. Pauli sehr ruhig geworden, sondern auch um die Hafenstraße. Was den Verein aber zur Zeit vom Hafenrand unterscheidet, ist das fehlende Happy End. Aber vielleicht haben wir ja auch demnächst ein saniertes Stadion und streben glücklich der von unserem Präsidenten angekündigten Championsleague-Teilnahme entgegen.

OhneArme

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