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Seit Mitte der achtziger Jahre wird in Hamburg gestritten, jetzt soll am Millerntor endlich gebaut werden. Aber die Konkurrenz in Ost und West baut ebenfalls auf neue Stadien.
„Ein historischer Tag für den FC St. Pauli“, freut sich Vereinspräsident Corny Littmann. Mehr als zwei Jahrzehnte wurde diskutiert und gezankt rund ums Millerntor. Doch nun ist der Weg frei für ein neues Stadion. Bereits im Winter dieses Jahres sollen die Bauarbeiten beginnen. Danach lässt sich der Verein viel Zeit, in vier Bauabschnitten soll bis zum Frühjahr 2014 das neue Millerntor entstehen. Aber geplant wird keineswegs allein in Hamburg, im Windschatten der WM-Arenen bauen auch andere Drittligisten auf schicke, neue Stadien.
Auf Sankt Pauli waren der millionenschwere Patriarch „Papa“ Heinz Weisener, der technokratische Kaufmann Reenald Koch und zunächst auch Theater-Chef Littmann mit der Verjüngung des Millerntors gescheitert, das von Fußball-Traditionalisten geliebt wird, aber seit langem als sanierungsbedürftig gilt. Das rundum erneuerte Millerntor wäre übrigens das vierte Stadion des FC St. Pauli auf und am Heiligengeistfeld. Erst im Jahre 1961 war mit den Bauarbeiten an der heutigen Stelle begonnen worden. Die nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend in Eigenarbeit der Mitglieder erbaute alte Spielstätte an der Ecke Glacischaussee/Budapester Straße (bis 1956 Ernst-Thälmann-Straße) hatte der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) Platz machen müssen. Einem HSVer und grandiosen DFB-Auswahlspieler Namens Georg „Schorsch“ Volkert verdanken wir übrigens die später in den wilden Achtzigern gebauten Sitzplätze auf der Gegengeraden. Dribbelkönig Schorsch durfte damals bei uns als Manager mit seinem kaum Gewinn bringenden Leasing-Modell dilettieren.
Die dem dubiosen Präsidenten Otto Paulick seit dem Jahr 1990 folgende Herrscherriege scheiterte mit ihren Neubauplänen bislang an eigenen Schwächen und ökonomischem Größenwahn, an fehlenden Finanzen oder an den Anhängern, die einen gigantomanischen Sportdome als sozial unverträglich ablehnen. Um den finanziellen Grundstein für einen überschaubaren Neubau zu legen, musste der grüne Littmann zunächst Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gewinnen. Überraschend wird die Freie und Hansestadt das Projekt nun mit 5,5 Mio. Euro unterstützen und damit fast die Hälfte des ersten Bauabschnitts finanzieren. Dem in der Hafenmetropole ähnlich populären HSV waren für seinen Stadionneubau einst weit mehr Millionen von SPD-Senatoren spendiert worden, als der HSV 1998 zum symbolischen Preis von einer Mark das alte Volksparkstadion erwerben durfte.
„Sitzen ist für ́n Arsch“
Die Spielstätte des Regionalligisten FC St. Pauli wird nach und nach auf eine Kapazität von 27.000 Zuschauern (derzeit 19.400) ausgebaut. Soweit die Planung. Anfangs soll bis zum Beginn der Spielzeit 2007/08 die kleine Südtribüne modernisiert und 2.600 zusätzliche Sitzplätze erhalten werden. Zusammen mit dem Einbau einer Rasenheizung sind dafür zwölf Millionen Euro veranschlagt. Die weiteren Bauabschnitte sollen sich dann durch Mehreinnahmen weitgehend selber tragen. Erster Bürgermeister von Beust hält das Stadionprojekt „für kaufmännisch sehr solide“. Den Staatszuschuss rechtfertigt er mit der „integrativen Kraft“ des Klubs in einem sozial schwierigen Stadtteil und mit der geplanten Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Sommerspiele 2016.
„Das ist für unsere Fans und Mitglieder ein Tag, den sie lange herbeigesehnt haben“, freute sich Littmann auf der Pressekonferenz im Rathaus neben der alten Börse. Aber der Kiezklub wäre nicht St. Pauli, wenn wir „Fans“ dem mancherorts ungeliebten Schauspieler nun zujubeln würden. Rot-plüschige Logen am Millerntor, von Littmann kiezkundig „Séparées“ getauft, sind für die gesellschaftlich bunt gemischte, stark weibliche Fußballszene eher gewöhnungsbedürftig. Der wesentliche Wunsch der Anhänger wird freilich erfüllt. Auch in Zukunft wird die Mehrzahl der Zuschauer stehen dürfen, „Sitzen ist für ́n Arsch“, heißt es seit zwei Jahrzehnten am Millerntor, wo 2016 während Olympia Hockey gespielt werden soll. Dabei geht es um die Wettbewerbschancen unseres Vereins. Die Konkurrenz schläft nicht und baut auf, baut auf, baut auf. Mehr oder weniger stark hilft dabei die jeweilige öffentliche Hand.
Bauboom in der Regionalliga
Geplant und in größerem Stil gebaut wird derweil an vielen Orten in den zwei Regionalligen, die 2008 wohl in einer eingleisigen dritten Bundesliga zusammenspielen werden, wenn der DFB-Bundestag am 8. September mit Zwei-Drittel-Mehrheit zustimmt. Geplant und gebaut wird unter anderem in Osnabrück und Magdeburg, in Kiel und Dresden, in Wehen und Hoffenheim. Selbst eine Etage tiefer, etwa in Nordhorn, bei Arminia Hannover und dem FSV Frankfurt, sowie eine Etage höher, so in Braunschweig und Paderborn, werden Stadionpläne gewälzt und der Spaten gewetzt. (Anm. der Red.: Entgegen des allgemeinen Trends plant Eintracht Braunschweig im Zuge seines Stadionumbaus nicht etwa ein reines Fußballstadion, sondern will seine Laufbahn behalten und bleibt somit eines der wenigen mittelgroßen Stadien in Deutschland, in denen weiterhin auch Leichtathleten ihrem Sport nachgehen können.)
Zurück in die Regionalliga Nord. Holstein wird mit zwei weiteren überdachten Tribünen „endlich regionalligatauglich“, lästert das Fachblatt Kicker. Rund eine Million Euro kostet der Umbau der schleswig-holsteinischen Hochburg Kiel. Für weitere 600.000 Euro, welche die Holstein Kiel Marketing GmbH beisteuert, sollen beide neue Tribünen jeweils ein Dach erhalten.
Erst im Juli stimmte der Dresdner Stadtrat einem unterschriftsreifen Erbbaurecht-Vertrag und einer Bürgschaft über 40,7 Millionen Euro zu. Mit dem Ende der Sommerpause soll mit den Arbeiten begonnen worden sein. Wie wichtig das neue Stadion für Fußball-Dresden sein wird, wurde der österreichische Trainer Peter Pacult gefragt. Pacult: „Es ist die Grundlage, hier langfristig Profifußball zu etablieren.“ Und damit kann sehr wohl die dritte Liga gemeint sein. Ähnlich denkt man weiter nördlich. Auch der 1. FC Magdeburg belebt den Ostbau. Der Klub, der mit einem offiziellen sportlichen Etat von rund 2,5 Millionen in einer finanziellen Liga mit unserem FC St. Pauli spielt, war vor drei Jahren noch pleite. Trotzdem soll am Jahresende das neue und dann wohl umbenannte Ernst-Grube-Stadion mit 26.000 überdachten Zuschauerplätzen dem früheren Europapokalsieger der Pokalsieger zu neuem Glanz verhelfen. Erste Entwürfe waren 1999 dem Land Sachsen-Anhalt noch mit dem Hinweis auf die kommende Fußball-Weltmeisterschaft schmackhaft gemacht worden. Später lehnte das finanzschwache, CDU-regierte Land dankend ab. Die letztlich 30 Millionen Euro Baukosten teilen sich nun die ostdeutsche Landeshauptstadt und der westdeutsche Baukonzern Hochtief partnerschaftlich. Spätestens 2007 wird in der neuen Sportstätte gekickt werden.
In die Bundesliga hochkaufen
m Süden hat der Gründer der Software-Schmiede SAP, Dietmar Hopp, für seinen Privatklub TSG Hoffenheim nicht allein Startrainer Ralf Rangnick und Hockey-Bundestrainer und Klinsmann-Experte Bernhard Peters eingekauft, sondern wollte Anfang des kommenden Jahres bei Heidelberg eine neue, reale Arena aufstellen lassen. Der Gemeinderat lehnte seinen Antrag ab. Nun wird Hopp, der den Süd-Regionalligisten bis in die Bundesliga hochkaufen will, möglichst bald einen neuen Standort benennen. Dieser ist noch unbekannt, klar ist aber, der luxuriöse Größenwahn wird in Beton gegossen werden. Von der ersten Bundesliga träumen auch die Anhänger am Millerntor. Littman hält jedoch einen Stadionneubau selbst in der dritten Liga für machbar: „Unser Bauplan ist auf Grundlage eines Regionalliga-Daseins aufgestellt.“ Das Beispiel könnte noch weiter Schule machen. Unternehmensberater und Baukonzerne halten Stadionneubauten in der Regionalliga für lukrativ - unter günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Darauf spekuliert auch der Deutsche Fußballbund. Der DFB befürchtet keine gefährliche Investitionslawine in seinen beiden Regionalligen und „bleibt gelassen“, versicherte ein Sprecher gegenüber der Frankfurter Rundschau. Eine genaue Übersicht aller Stadionprojekte hat der DFB allerdings nicht. Dabei dürfte sich, wie in der richtigen Bundesliga, letztlich mancher Verein in absehbarer Zeit finanziell gewaltig überheben. Die Regionalligen erhalten bis auf weiteres kaum TV-Gelder und nicht neben jedem drittklassigen Bolzplatz tummeln sich so viele Zuschauer wie beim FC St. Pauli.
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