VIERTELSTADION
ODER NUR EIN
VIERTEL STADION?

Fragen über Fragen:
Offene, einige stilistische und ein paar vielleicht naive...

   Der FC St. Pauli, wer hätte das gedacht, baut ein neues Stadion – oder doch nicht? Na ja, immerhin klang das, was Cornelius Littmann und seine Mitstreiter am 16. Juli im „Schmidt Theater“ präsentierten, schon sehr konkret und teilweise sogar viel versprechend. Bezeichnend allerdings mal wieder, dass die Presse bereits einige Tage vor den Vereinsmitgliedern über das Vorhaben informiert wurde.

   5.588 Zuschauer soll das neu gedachte Bauprojekt am Millerntor fassen: 3.000 Stehplätze, 1.368 „normale“ Sitzplätze, 1.004 Businessplätze, und 216 Separee-Plätze. Ein bisschen wenig Platz für ein neues Millerntorstadion, findet ihr? Wir auch. Diese Rahmendaten stecken aber auch nur den vorerst ersten Bauabschnitt ab – das „Großprojekt Südtribüne“ nämlich. Zur Winterpause dieser Saison sollen die Bagger anrollen und das 12-Millionen-Objekt bis zum Sommer 2007 Realität werden lassen. Anschließend soll das neue Fußballrund in drei weiteren separaten Bauabschnitten peu à peu Gestalt annehmen – bis zum Jahr 2014 ein komplett neues Stadion für rund 27.000 Zuschauer (Ca. 12.000 Sitz- und 15.000 Stehplätze) auf dem Heiligengeistfeld steht. Ja, ihr habt richtig gelesen: Auf ein rundum erneuertes Millerntorstadion müssen wir sieben bis acht Jahre warten – im Idealfall ein wenig kürzer. Und wenn wir ganz viel Pech haben, bleibt uns am Ende immerhin noch eine nagelneue Südtribüne mit allem Drum und Dran...

Eine kleine Vorgeschichte

   Ziemlich exklusiv hatten wir euch im ÜS #71 (November 2004 / nachzulesen auf www.uebersteiger.de) und im Mini-ÜS vom 15.4.2005 vom Stadionprojekt des Rechtsanwalts Dr. Peter Oberthür & Co. berichtet. Alles, was wir dort beschrieben hatten, auch wenn es einige nicht wahr haben wollten, war korrekt: Der FC St. Pauli hat über zwei Jahre gemeinsam mit Oberthür und Anwaltskollege Thomas Campmann („Power für Pauli GbR“) sowie Architekt Giorgio Gullotta intensiv an einer Umsetzung der damals von uns angedeuteten Turm-Variante gearbeitet (siehe Grafik). Nicht zuletzt zwei über insgesamt zwei Jahre laufende Verträge, von denen der letzte am 31. Dezember 2005 auslief, belegen dieses Handeln Hand in Hand unzweideutig. Dass es auch über den 31.12.05 hinaus eine weitere Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten geben würde, davon konnten die Initiatoren des damals vorerst „HammerBurg“ genannten Stadions insofern ausgehen, als ihnen Geschäftsführer Michael Meeske, so hört man es von verschiedener Seite, schriftlich versichert haben soll, dass man auch in 2006 gemeinsam weitermachen wolle. Dann allerdings wurde der Kontakt schlagartig abgebrochen, im April 2006 soll Meeske erstmals offiziell von einer kleineren Lösung gesprochen haben. Und als das Projekt-Trio schließlich, mehr so nebenbei, über die städtischen Behörden vom Ende der Kooperation erfuhr (Motto: „Wir dürfen mit Ihnen leider nicht mehr über den Stadionbau reden“), wurde das kalte Abservieren höchst offiziell. Dass Michael Meeske damals wahrscheinlich im guten Glauben gehandelt hat, dafür spricht zumindest folgendes Indiz: Angeblich nämlich sollen nicht einmal die Vizepräsidenten über die ersten Verhandlungen Corny Littmanns mit Ole von Beust informiert gewesen sein. Vielleicht waren dies aber auch nur Geheimverhandlungen über den zukünftigen schwarz-roten Senat in der Hansestadt. Nun mag man die Beendigung einer solchen temporären Zusammenarbeit als durchaus normalen Vorgang in der Branche werten, doch die Art und Weise, wie man von Vereinsseite mit Vertragspartnern umgeht, ist absolut nicht akzeptabel – hat aber durchaus Tradition. Merkwürdig mutet aber auch an, dass der Senat am Ende zwar bereit war, projektbezogene fünfeinhalb Millionen Euro in den Verein zu investieren, sich andererseits aber gegen ein Fünfmillionen-Darlehen an Oberthür & Partner aussprach. Die damit angeblich ihr Projekt durchfinanziert gehabt hätten. Offiziell soll der FC St. Pauli gegenüber „Power für Pauli“ mit dem Argument ausgestiegen sein, dass dies alles viel zu teuer für den Verein geworden wäre. Aus dem Umfeld der bisherigen Planer ist zu vernehmen, dass der Club dabei völlig falsche Berechnungen zugrunde gelegt haben soll. Was davon tatsächlich stimmt, ist als Außenstehender schwer nachvollziehbar.

Acht Jahre Baustelle?!

   So richtig vorstellen kann man sich das als Fan noch nicht so richtig: Baubeginn am 9. Dezember 2006, letzter Spatenstich in der Saison 2014/2015. Hört sich derart gigantisch an, als würde dem chinesischen Dreischluchten-Staudamm mitten auf St. Pauli ein Pendant erwachsen. Ganz profan betrachtet entpuppt sich die lange Bauzeit aber als mit etlichen Pausen versehenes Langzeitprojekt, dessen ungewöhnliche Dauer in der Stotter-Finanzierung ihre Begründung findet. Und das geht so: Insgesamt werden für die komplette Stadion-Rekonstruktion (so nennen es die aktuellen Planer) 32 Millionen Euro Baukosten veranschlagt. Weit mehr als ein Drittel hiervon, nämlich 12 Millionen, verschlingt der erste Bauabschnitt Südtribüne. Die, wie der Name vermuten lässt, dort entsteht, wo heute noch die Südkurve steht. Während dieser Umbauphase passen übrigens 5.500 stehende Fans weniger ins Stadion. In der Südkurve beheimatete Supporter (auch die Gästeschar) werden zur Rückrunde in die Nordkurve verfrachtet, die Meckerecke wandert in die Gegengerade, wo für diese Zeit die Kapazität bereits um 400 Plätze reduziert wurde. Hauptgrund, dass für die laufende Saison lediglich 12.000 Dauerkarten verkauft werden konnten. Einzeltickets für die Gegengerade wird es im neuen Jahr gar keine mehr geben.

   Von den 12 Millionen Euro werden 5,5 Millionen von der Stadt durch eine einmalige Anschubfinanzierung getragen, 4,5 Millionen tragen drei feste Partner (eine Brauerei, ein Bauunternehmen und ein Caterer; für jede Branche sollen bereits zwei verbindliche Angebote verschiedener Unternehmen vorliegen), die restlichen 2 Millionen Euro müssen auf dem freien Kapitalmarkt generiert werden. Wenn dies so stimmt, ist in der Tat davon auszugehen, dass die Südtribüne bis zum Beginn der Saison 2007/2008 hochgezogen werden kann – inklusive Rasenheizung (als letzte Maßnahme dieses ersten Bauabschnitts zwischen Saisonende 06/07 und Saisonbeginn 07/08), modernen Medienarbeitsplätzen und einer getrennten Stromversorgung für die Flutlichtanlage. Laut Littmann alles Dinge, die DFB und DFL mittelfristig vom Verein eingefordert haben, um am Millerntor überhaupt weiterhin Live-Fußball erleben zu dürfen. Im Umkehrschluss, so Littmann, wäre eine solche fertige Südtribüne Garant dafür, dass der FC St. Pauli auch in den nächsten 10-20 Jahren seine Ligaspiele am Millerntor austragen darf – selbst wenn ausschließlich die neue Südtribüne stünde. „Die sichert uns die Zukunft“, so Littmann. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

   Bei den oben erwähnten potenziellen Mitfinanzierern (4,5 Mill.) soll es sich nach unseren Informationen bei den Brauereien um Astra und die „Lübz GmbH“ (also Holsten) handeln, beim Bauunternehmen um den Favoriten „Hochtief“. Da Astra, das steckte man uns, anfangs kein Interesse gezeigt haben soll, wurde ein Alternativangebot bei Holsten eingeholt, dieses wiederum Astra vorgelegt usw. Am Ende wäre eine Investitionsbereitschaft seitens Astra vorhanden gewesen, die man in dieser Höhe so nicht erwartet hätte. Pikant und gleichwohl brisant ist auch das Thema Catering: Glaubt man nämlich bekanntlich gut unterrichteten Vereinskreisen, so will sich der Verein auf diesem Wege auch möglichst zügig von der Firma „Holz“ trennen. Nicht nur, weil man mit dem Service des Rostocker Unternehmens unzufrieden ist, sondern auch, weil man es heute bitter bereut, sich damals auf eine mehr oder minder notgedrungene, langjährige Vertragsbindung eingelassen zu haben.

„Reiche“ finanzieren „Arme“

   Sollten alle 10-12 Separees (zwischen 30.000 und 40.000 Euro pro Saison) und alle 1.000 Business-Seats (rund 1.500 Euro pro Saison) auf der fertigen Südtribüne verkauft werden, soll und kann es im zweiten Bauabschnitt mit dem Umbau weitergehen – Südkurve finanziert Nordkurve. Dafür allerdings müssen nahezu alle dieser teuren Plätze an den Mann (und natürlich die Frau und das Kind) gebracht werden. Das wurde auch auf der Veranstaltung am 16. Juli explizit so formuliert. Man geht nämlich bei allen Berechnungen von einem Zuschauerschnitt von 17.500 und dem Verkauf aller Businessplätze und Logen aus. Zusätzliche Einnahmen pro Saison von 2,4 Millionen Euro erhofft man sich nach Fertigstellung dieser VIPTribüne. Davon sollen 400.000 Euro in den sportlichen Bereich fließen, 2 Millionen zur Finanzierung der anderen Tribünen dienen – und soll angeblich auch bei dauerhaftem Verbleib in der 3. Liga funktionieren! Nun muss man sich allerdings ernsthaft die Frage stellen, ob eine solche Kalkulation auf Realitäten abgeklopft ist, oder eher dem Wunschdenken euphorisierter Lego-Leger entspringt. 1.500 Euro für einen privilegierten Sitzplatz hinter einem Tor auf einer Dauerbaustelle – ist es wirklich seriös gedacht, wenn der Verein davon 1.000 Stück zu verkaufen gedenkt? Ich würde mir das wünschen, aber persönlich eher ein Saisonbillett an der Seite des Spielfeldes bevorzugen. Ob die „VIP“-Plätze auf der jetzigen Haupttribüne (450 Plätze im Sonderblock A) da schon mit drin sind, der „Break Even“ sich also gleich auf knapp 600 zu verkaufende Plätze auf der neuen Südtribüne reduziert, wird nicht deutlich. Erfahrungen mit Stadionneubauten in anderen Städten hätten gezeigt, dass potenzielle Käufer es durchaus akzeptieren würden, hinter einem Tor und nicht an der Seitenlinie sitzen zu müssen, so Dr. Claus Binz, renommierter Projektberater (www.ifs-sportstaetten.de) für Stadionplaner und seit April auch beim FC St. Pauli mit im Boot.

   Ob allerdings die idealistische Herangehensweise, in jedem Jahr beträchtliche Summen für den Weiterbau des Stadions zur Seite zu legen, auch immer von allen Verantwortlichen eingehalten wird, sollte man zumindest für jene Zeiten als nicht völlig gesichert betrachten, in denen die Mannschaft sportlich ins Trudeln gerät. Das Präsidium möchte ich sehen, das mit ein paar Millionen Euro auf einem Vereinskonto im Rücken tatenlos einem vermeintlichen Abstieg zusehen würde, statt mit Teilen dieses Geldes noch mal auf dem Transfermarkt zuzuschlagen...

   Nun, wie auch immer, sollten die Vorgaben dieser optimistischen Planung tatsächlich greifen und der Club sein Baukapital über zwei Jahre lang auf 4 Millionen Euro anwachsen lassen, sieht die weitere Planung wie folgt aus: 2009 erfolgt der Baubeginn in der Nordkurve, die zur reinen Stehplatzkurve mit Gästebereich umgebaut wird (Kosten: 3 Millionen Euro), 2011 wird die Gegengerade geschliffen (Kosten der zukünftigen Osttribüne: 4,3 Mill. Euro), dann leider dort nur noch mit gut 4.300 Stehplätzen, 1.700 weniger als bislang. Und am Ende soll in 7-8 Monaten für 12,7 Mill. Euro aus der jetzigen Haupttribüne die Westtribüne werden. Ist alles fertig, sollen dann pro Saison eineinhalb Millionen Euro Mehreinnahmen in den Spielbetrieb fließen.

   Doch bevor es überhaupt losgeht, wären noch etliche Fragen zu klären, die bereits auf den ersten Blick ins Auge stechen: Wer zahlt die sehr hohen Baugenehmigungsgebühren (bislang nicht in der Kalkulation)? Was, wenn der Verein es nicht schafft, die anstehende eingleisige 3. Liga zu entern? Wie gedenkt der Club, der Umweltverträglichkeit gerecht zu werden (erneuerbare Energien, Recycling, Verkehrsanbindung etc.)? In welcher Form werden Anwohner in die Planungen einbezogen? Wie soll es einen geplanten Umlauf ums ganze Stadion geben, wenn die Ecken offen bleiben (englisch)? Wie werden die Eintrittspreise ab der kommenden Saison kalkuliert – in welcher Größenordnung wird es Ermäßigungen geben? Wird sich der Verein mit allen Mitteln dafür einsetzen, dass Zäune der Vergangenheit angehören? Wie wird man auf Begehrlichkeiten reagieren, den Stadionnamen zu verkaufen? Um nur ein paar zu nennen...

Wie es weitergehen soll

   Mehrere Arbeitsgruppen und Kompetenzteams sind am Start. Als Projektgesellschaft fungiert eine GmbH & Co. KG (dorthin fließt das Geld der Stadt), in der der Verein die Anteilsmehrheiten haben wird. Dazugestellt wird eine Betreibergesellschaft, wo der  FC allein „herrscht“, und es wird eine Projektgruppe geben, die Entscheidungen für die Lenkungsgruppe vorbereiten wird, die auch bereits ein erstes organisatorisches Treffen hinter sich hat und sich ab Mitte September regelmäßig einmal im Monat treffen will – im Bedarfsfall auch häufiger, wie man hört. Vertreten sind in dieser Lenkungsgruppe unseres Wissens das Präsidium (2 Personen), der Aufsichtsrat (2; plus nicht stimmberechtigter Protokollant), Fanladen (1), Fanclub-Sprecherrat (1), USP (1), AFM (1), Amateurabteilung (1), DFB (1) und das Sportamt Hamburg (1). Welche Kompetenzen dieses letztgenannte Gremium hat, muss man sehen. Insbesondere die Fanvertreter müssen aufpassen, sich nicht zum pseudodemokratischen Abnickverein degradieren zu lassen, in dem Diskussionen über Kachelfarben und Fahnengrößen den Ablauf bestimmen. Doch da bin ich angesichts der drei dort vertretenen Fangruppen ganz zuversichtlich. Offen bleibt für mich noch die Frage, wie die Transparenz dieser ganzen Ausschüsse, insbesondere der Lenkungsgruppe, aussehen wird. Schwer vorstellbar, dass dort allgemeine Vertraulichkeit vereinbart wird, denn wohl alle Gremienvertreter müssen sich vor Entscheidungen selbstverständlich Rückendeckung von ihren Gruppen holen, die sie ja schließlich dorthin entsandt haben. Wie es auf keinen Fall laufen darf, zeigt das im „Schmidt“ groß angekündigte „Jeder darf Vorschläge machen“ und der Verein würde entsprechende Plattformen hierfür bereitstellen. Was ist bisher geschehen? Nichts! Gremienunabhängige Fanbeteiligung darf sich nicht in der Möglichkeit begrenzen, dem Verein per Mail oder Post seine Vorschläge zu unterbreiten. Dies muss nach unserem Ermessen auf einer Vereinsplattform passieren, auf der alle Interessierten die verschiedenen Ideen nicht nur einbringen, sondern auch mit anderen diskutieren können – eine Art Forum oder Blogg zum Thema Stadion. Einen privaten Blogg zum Thema findet ihr übrigens unter www.freudenhaus-der-liga.de Und natürlich freut sich auch der Übersteiger über eure interessanten Vorschläge, Anregungen und Kritiken in Sachen Stadionneubau: Schreibt uns Briefe oder Mails – die allerbesten Vorschläge, Skizzen und Statements werden wir in der nächsten Ausgabe veröffentlichen So, nun schließe ich mal mit ein paar passenden Worten Machiavellis: „Wer will, dass ihm die anderen sagen, was sie wissen, der muss ihnen sagen, was er selbst weiß. Das beste Mittel, Informationen zu erhalten, ist Informationen zu geben.“ In diesem Sinne...

// Ronny

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