Die Lage der Nation

Oder: Wenn die Nation am Boden liegt

   Pisa Studie, fußballerisches Desaster gegen italienische National- und Vereinsmannschaften, Streiks, Deutschland sucht den Superstar, die Elbe tritt mal wieder über die Ufer, Lotta in Love, Rütli Schule statt Rütli Schwur, Titan Kahn patzt immer öfter, Thomas Gottschalk macht entgegen seines Versprechens doch weiter bei Wetten Dass…? - Fast könnte man Verständnis dafür aufbringen, dass sich der Frust stolzer Deutscher langsam aber sicher entlädt, denn wer will bei dieser Vielzahl von Unglücken schon noch von sich behaupten, er sei Deutschland?

   Nichts desto trotz konnte man wohl nur schwer den Brechreiz unterdrücken, wenn man am 01.04.2006 am Millerntor den Blick Richtung Gästeblock schwenken ließ. Ein Auswärtsmob, der zum Großteil aus hirnlosen Vollidioten bestand, die bereits vor dem Spiel relativ ungehindert mit „Sieg Heil“ - Rufen durch Hamburg ziehen konnten, dabei ganz mutig gesammelt in türkische Geschäfte liefen und sich auch sonst den Begriff Asozial mehr als verdienten. Auf dem Spielplatz an der Brigittenstraße hatten sich 30 Faschos gesammelt, die wohl im Fanladen kaum auf ein Vitamalz aus waren und erst kurz vor der Türschwelle dann doch noch von der Staatsmacht eines besseren belehrt wurden. In Stadionnähe wurde aus „Sieg Heil“ dann „Fuss! Ball!“, was natürlich rechtlich nicht angreifbar ist, und somit auch nicht geahndet werden konnte, stakkatoartig gebrüllt aber doch dem vorher gerufenen zum Verwechseln ähnlich klang, so dass man schon dreimal hinhören musste, um es nicht doch falsch zu verstehen. „Ho Na Ra!“ für „Hooligans, Nazis, Rassisten“ durfte auch nicht fehlen. Im Block dann das U-Bahn Lied, „Deutschland!“ Rufe und das Absingen der Nationalhymne, wobei hier doch tatsächlich die dritte Strophe gewählt wurde. Rote Fahnen mit weissen Kreis, wo zum NSDAP Symbol nur das Hakenkreuz fehlt. Mit einem Wort: Abschaum.

   Ja, nicht alle Chemnitzer sind Nazis, einige waren wohl tatsächlich nur wegen des Spiels angereist. Aber wenn ich dann so in der Minderheit bin, dass ich mich gegen die Arschlöcher im eigenen Block auch nicht wehren kann, dann muss ich mich zumindest klar von den anderen abgrenzen. In der zweiten Halbzeit standen so ca. zehn Leute abseits des rechten Scums und verzichteten auch auf jeglichen Support, der Rest stand brav in Reihe und freute sich kräftig mit.

   Die Polizei, die ja in wenigen Wochen die WM wuppen will, zeigte sich mal wieder begriffsresistent und verweigerte sich dem Vorschlag von Sven Brux und dem Verein, den Block zur Halbzeit zu räumen. Im Gegenteil: Die rot-weißen Naziflaggen wollte man auch nicht entfernen. Als sich dann Brux, Heiko Schlesselmann und Marcus Schulz aufmachten, um die Dinger im Zuge des Hausrechts zu entfernen, wurde auch klar gemacht, dass die Einsatzleitung es auch gar nicht einsehe zur Hilfe zu kommen, falls es deswegen dann Ärger gebe. Dankeschön, Freunde und Helfer! Und dann mal wieder die Polizeitaktik, die überall gleich ist und die ich wohl nie verstehen werde: Nach dem Spiel den Gästeblock nicht öffnen, damit (so die offizielle Version) die Heimfans abziehen können. In der Praxis heißt dies (egal ob in Essen, Rostock, Braunschweig oder wo auch immer - und eben auch am Millerntor) dass man sich zum Adrenalinabbau in aller Ruhe vorm Gästeblock versammeln kann ohne zu hetzen. Hätte man mit dem Schlusspfiff die Chemnitzer in bereit stehende HVV Busse gesetzt, wäre wohl noch alles einigermaßen glimpflich abgelaufen, aber man musste ja unbedingt warten. Wie heißt es so schön? Wenn ich stundenlang in der Kneipe am Tresen stehe und nach einem Bier verlange, muss ich mich nicht wundern, wenn ich irgendwann eins bekomme. So bekam auch die Polizei, was sie verlangt hat, nämlich einen inzwischen ansehnlich versammelten Haufen St.Paulianer, die keinen Bock hatten, sich mal wieder im eigenen Stadion und Stadtteil von den Nazis vorführen zu lassen, sondern handelten. Jeder, der sich in dieser Situation gegenüber den Chemnitzern wehren wollte, tat dies aus meiner Sicht völlig zu recht, ansonsten kann man sich die „Gegen Rechts“ Aufnäher auch gleich zuhause an die Pinnwand nageln. Sicher kann der HVV Bus für diese Penner (egal ob aus Chemnitz, Neumünster, Kiel, Magdeburg oder sonst woher) nichts, genauso wenig wie der arme HVV - Busfahrer, der wohl den Schock seines Lebens bekam, und so was muss auch nicht sein, aber das ganze wäre eben auch nicht passiert, wenn die Polizei nicht stundenlang am Tresen geblieben wäre, um bei dem Bild zu bleiben.

3, 2, 1, meins!

   Die Kartensituation rund ums Bayern Spiel hat ja schon für genug Wirbel gesorgt, während ich dies schreibe gibt es 90(!) Auktionen mit meist zwei Karten für das Spiel bei jenem bekannten Internet-Auktionshaus. Halten wir fest: Jeder Dauerkarteninhaber hat (wenn er will) eine Karte, die meisten Mitglieder ohne DK werden wohl bei Interesse auch eine bekommen haben. Gewissensfrage: Wenn man diesem Verein seit Jahren die Treue hält und durch dick und dünn gegangen ist, darf man dann, weil man tatsächlich am 12.April im Urlaub ist, seine Karte zum Höchstpreis verkaufen? Darf man, wenn man sich das Geld für die Dauerkarte jedes Jahr mühsam zusammen spart, durch den Verzicht auf dieses absolute Highlight sich die Dauerkarte für die nächste Saison auf einen Schlag verdienen? Auch die Situation um die Rückrundendauerkarten ist schwierig. Ist es den Käufern vorzuwerfen, wenn sie die RDK nur als Spekulationsobjekt erworben haben? Oder dem Verein, dass er diese Möglichkeit überhaupt eröffnet hat? Und wer spätestens hier immer noch nicht zugeschlagen hat, kein Mitglied ist und sowieso keine Dauerkarte hat, ist der nicht auch ein bisschen selber Schuld, wenn er für das Bayern Spiel keine Karte bekommt? Will ich gar nicht bewerten, ist die Entscheidung jedes Einzelnen.

   Trotzdem gab es in dieser ganzen Geschichte sicher kritikwürdiges. Die fehlende Transparenz des Vereins zum Beispiel, denn nach den veröffentlichten Zahlen fehlen immer noch ca. 2.000 Tickets, die wahrscheinlich durch irgendwelche dunklen Kanäle über Sponsoren oder ähnliches dann auch bei ebay auftauchen. Löblich sicher die geäußerte Absicht, Missbrauch des Vorkaufsrechtes bei ebay-Auktionen zu bestrafen. Peinlich und schade nur, wenn das dann nicht passiert:

   Ihr erinnert Euch vielleicht noch an Jörg A., der vor dem Werder Spiel von der Mopo als „Paulis größter Pechvogel“ gehyped wurde, weil er beim öffentlichen Verkauf 22,5 Stunden angestanden hatte, um drei Nordkurvenkarten zu ergattern, sich aber leider bei Glatteis einen Bänderriss zuzog und die Karten nicht in Anspruch nehmen konnte. Corny „In meinem Wasserwerfer bin ich Kapitän“ Littmann nahm ihn dann, Ex-Fanpräsident der er ist, großzügigerweise mit auf die Haupttribüne. Super, feine Geste, das ist mein Pauli, gelle? Okay, Jörg war schon ein bisschen deppert, dass er angeblich sein Vorkaufsrecht für seine Sitzplatz Dauerkarte nicht hatte einlösen können, weil er ja Schicht arbeitet, und offensichtlich auch keine Freunde hat, die ihm die Karte hätten mitbringen können, aber so sind wir halt, wir ach so kultigen Zecken aus dem Freudenhaus der Liga, nicht wahr?

   Nun hatte der Verein ja angekündigt, dass Vorkaufsrecht zu streichen, wenn im Vorfeld schon Karten bei ebay auftauchen, bevor diese abgeholt sind. Jörgs Sitzplatzkarte (identifizierbar durch Angabe von Block, Reihe und Sitz) wurde bei ebay angeboten, lange bevor er diese überhaupt abholen konnte. Nachdem die Auktion für einen ansehnlichen dreistelligen Betrag abgelaufen war, stand Jörg dann strahlend im Kartencenter, wo ihm der ebenso strahlende Mitarbeiter mitteilte, dass sein Vorkaufsrecht aufgrund der ebay Auktion erloschen sei. Korrekte Reaktion des Vereins, so viel Dummheit muss bestraft werden, zumal, wenn der Verein dies vorher in allen Printmedien bekannt gibt.

   Etwas später bekam Jörg dann aber doch noch seine Karte ausgehändigt. Begründung seitens des Vereins auf Nachfrage des ÜS: Die ebay Auktion sei ja gar nicht vom armen Jörg gewesen, dies hätte er glaubhaft versichert, da wollte ihm jemand übel mitspielen. Im Zweifel für den Angeklagten? Schön, bleibt zu hoffen, dass der Verein auch bei Stadionverboten in Zukunft so entscheiden wird.

Ein schöner Tag, um Geschichte zu schreiben!

   Sportlich sind wir (bei Redaktionsschluss vor dem Jena Spiel) ja irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. Bei einem Sieg in Jena ist der Aufstieg theoretisch noch möglich, wenn man dann heute durch einen unberechtigten Handelfmeter im Nachschuss in der 119.Minute die Bayern rausschmeißt, ist die Bezeichnung „erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte“ tatsächlich zum Greifen nahe. (Nur fürs Protokoll, damit es mal gesagt wird: Wenn wir tatsächlich nächste Saison im UEFA Cup spielen sollten, will ich meine Heimspiele entweder vor 5.000 Zuschauern am Millerntor spielen oder in Bremen, Hannover, Berlin oder Glasgow, auf jeden Fall nicht in der AOLA…)

   Sollte das Spiel in Jena in die Grütze gegangen sein und wir heute überraschend scheitern, dürfte die Saison bereits heute Abend beendet sein und nächste Saison geht es wieder irgendwie ums sportliche und finanzielle Überleben in der Regionalliga. Zuzuschreiben wäre letzteres sicherlich der mangelnden Einstellung einiger nach den Erfolgen im Pokal. Auftritte wie in Leverkusen oder Lübeck, wo man teilweise das Gefühl hatte, keine Mannschaft auf dem Platz zu haben, die aufsteigen will, sondern ein paar hochnäsige Einzelkönner, die gefühlt schon Pokalsieger und Aufsteiger sind und nächste Saison alle zur Hertha wechseln, waren einfach nur schwach.

   Hoffen wir, dass sich alles zum Guten wendet, wir dann in „B“erlin gegen „B“ielefeld das Wunder schaffen, nächstes Jahr in der Liga unter anderem auf Burghausen und in einem anderen Wettbewerb auf Bröndby, Barcelona oder Besiktas treffen.

// Frodo

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