BAFF-Wintertreffen in Bremen
- ein Arbeitsbericht -
Vom 13. bis 15. Januar 2006 trafen sich über 80 Fans aus ganz Deutschland, Österreich, den Niederlanden und England (Gastreferent Dave Boyle von der britischen Faninitiative „Supporters Direct") im Jugendzentrum "Friese" in Bremen zum traditionellen BAFF-Wintertreffen.
Der Freitag stand ganz unter dem Motto "Kommen, sehen, begrüßen, reden, austauschen" bei einer oder manchmal auch mehreren Flaschen Bier oder Bionaden. Dazu gab es wilde Kickerspiele bis in die späte Nacht hinein und Musik vom Band.
Am Samstag nach einem Frühstück in der Friese konnte der Kongress dann beginnen. Zunächst wurden aktuelle Entwicklungen der Fanszenen eingebracht durch entsprechende Berichte der Teilnehmenden. Neben positiven Entwicklungen im Hinblick auf das Einmischen von Fans in die Belange, die für sie von Bedeutung sind, wurden aber auch einige negative Vorfälle z.B. im Zusammenhang mit Polizei und Ordnungsdienst, Verein oder Rassismus aufgezeigt. Manche Fangruppen befinden sich im Umbruch, andere versuchen, die Kräfte zu bündeln. Insgesamt konnte ein spannender Einblick in die doch ganz verschiedenen Szenen gewonnen werden. Unter den Kongressteilnehmern waren auch einige Ultragruppierungen, vor allem aus Bremen, München und Sankt Pauli
Zu Gast beim Kongress war auch Mathias Scheurer aus Frankfurt, der den Zusammenschluss "Unsere Kurve" vertrat. Dort haben sich Fanabteilungen aus den Vereinen vor Kurzem zu einem Bündnis zusammengeschlossen (wie z.B. die Fanabteilung der Eintracht Frankfurt, Supportersclub Hamburg u.a.). Es geht nicht darum, in Konkurrenz zu den bestehenden Fanorganisationen wie BAFF oder ProFans zu treten, sondern die Arbeit der einzelnen Fanabteilungen besser zu vernetzen und sich so gegenseitig auch zu stärken. Das Ziel der Fanabteilungen ist es vor allem, Fans im Verein eine starke Stimme zu verleihen und sich so aktiv in die Vereinsarbeit einzubringen. Daneben stellte Michael Tröster von "Fans for Football" sein Projekt vor und ein Vertreter von Flutlicht e.V. berichtete über den Stand der geplanten Ausstellung zum Thema "Migration im Fußball", die im Mai an den Start gehen soll (www.flutlicht.org).
Im Anschluss an diese Runde wurde Dave Boyle von der britischen Faninitiative „Supporters Direct" begrüßt, der über die aktuelle Entwicklung in England berichtete. Er fand die Zustände in Deutschland verglichen mit dem Heimatland des Fußballs fast als Paradies gegenüber dem Umstand, dass in England die Vereine als Ware gehandelt werden können, ohne dass der Ursprungsverein noch eine Rolle spielt (in Deutschland muss dieser zur Zeit immer noch 51 % beteiligt sein an einer Kapitalgesellschaft, was zumindest noch ein
Mindestmaß an Teilhabe über eine im Vergleich doch eher preiswerte Mitgliedschaft erlaubt). Hohe Eintrittspreise, der Wegfall von Stehplätzen, Fußball als Ware, die Dominanz von Chelsea als Faktor der Langeweile, Spielansetzungen, die sich nach dem Marktwert richten. Alles Dinge, die vielen Fans den Spaß am Profifußball verdorben haben. Von daher ist es vielleicht auch nicht weit zu dem Schritt, dass Fans an einigen Orten Vereine übernommen, bzw. gegründet haben, bei dem sie aktiv das Geschehen mit beeinflussen können. Beispiele hierfür sind der AFC Wimbledon oder der FC United of Manchester, auch, aber nicht nur, als Protest gegen die Glazer-Übernahme vor einiger Zeit. Dave mahnte die anwesenden KongressteilnehmerInnen, Zustände wie in England in Deutschland zu verhindern. Vor allem die 51 %-Regel sei unbedingt wichtig und dafür müsse man auch notfalls gegen die EU oder andere kämpfen. Mit großem Interesse, einigen Rückfragen und Beifall wurde Dave bei seinem Vortrag bedacht.
Am Nachmittag wurde die Arbeit in verschiedenen Arbeitsgruppen und Work-shops weitergeführt, einige Aspekte sollen hier angerissen werden, ausführliche Ergebnisse können auf der BAFF-Website www.aktive-fans.de nachgelesen werden:
AG Ombudsstelle
Es gab wieder Signale vom Innenministerium, dass sich hier was tut und diese auch gewollt ist. Die Gruppe stellte konkrete Vorstellungen zusammen, wie sich die Ombudsstelle zusammensetzen soll (je ein Vertreter von Fanprojekten, Polizei und Co., Fanbündnissen, DFB und Datenschützern), wo sie angesiedelt werden soll (evtl. bei der Deutschen Sportjugend) und welche Aufgaben und Rechte sie haben kann. Wichtig sei, dass die Beteiligten sich auf klare Verfahrensregeln einigen, damit die Stelle nicht zum Papiertiger mutiert.
AG Rechtshilfefond
Auf dem letzten ProFans-Treffen wurde beschlossen, ein bundesweites Konto einzurichten, mit dessen Hilfe bei strittigen rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Fans bei Fußballveranstaltungen entsprechende Musterprozesse geführt werden können.
Das Konto soll treuhänderisch verwaltet werden und die entsprechende Fälle von einem Gremium, bestehend aus 5 Vertretern der Fanszenen, ausgewählt und begleitet werden. BAFF wird diesen Fond in Zukunft auch finanziell unterstützen.
AG Rassismus
Die TeilnehmerInnen gaben an, dass sie das Gefühl haben, dass rassistische und rechte Vorfälle in der letzten Zeit zugenommen haben oder sich zumindest offener präsentierten. Vor allem im Osten (aber nicht nur dort!) und bei den Auswärtsländerspielen der Nationalmannschaft. BAFF sollte sich diesem Themenbereich wieder vermehrt annehmen, die Probleme aufzeigen, aber auch eine Öffentlichkeit für Aktionen gegen Rassismus schaffen. Auch ist BAFF gerne bereit, als erfahrene Organisation in diesem Bereich, dem DFB hilfreich und beratend in der Arbeit gegen Rassismus (aber auch Sexismus, Homophobie...) zur Verfügung zu stehen.
AG Frauen und Fußball
An dieser AG, an der mehrheitlich männliche Kongressteilnehmer mit dabei waren, wurde herausgearbeitet, dass sich BAFF diesem Thema mehr annehmen muss als bisher. BAFF soll in Zukunft auf aktuelle Geschehnisse öffentlich reagieren (wie z.B., wenn Herr Blatter knappere Outfits für Fußballerinnen fordert) und andere sexistische Vorfälle rund um den Fußball. Über die Homepage soll aktuell über die Entwicklung in diesem Bereich informiert werden, entsprechende Literatur vorgestellt und inhaltliche Arbeit geleistet werden. Die Vernetzung muss weitergehen und das Thema muss ein Thema von BAFF werden und sein, und nicht nur ein Thema von Frauen, die bei BAFF aktiv sind.
BAFF und Ultras
Dieses Thema ist nicht ganz neu, aber immer wieder aktuell. Es wurde über die unterschiedlichen Sichtweisen gesprochen, aber auch, wie eine Kooperation von statten gehen kann. Zum nächsten Kongress sollen gezielt Ultragruppen, die wie BAFF sich auch aktiv gegen Rassismus einsetzen, mit eingeladen werden, um hier auf dieser gemeinsamen Ebene neue Kontakte zu knüpfen. Es wurde klargestellt, dass es sich bei BAFF, ProFans usw. nicht um Konkurrenten handelt, sondern um Zusammenschlüsse, die teilweise die gleichen Ziele formulieren, aber auch ein eigenes Profil haben.
Spielverderba 2006
In dieser AG wurde die Aktion, an der sich vor allem Gruppen aus Berlin beteiligten, vorgestellt. Auch BAFF-Berlin ist hier mit dabei. Gruppen, die die WM dazu nutzen wollen, auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen ohne sich von Herrn Blatter und Herrn Beckenbauer vereinnahmen zu lassen.
BAFF stellt sich hier, gerade auch den kleineren Gruppierungen, als Partner mit seinen Ressourcen zur Verfügung, z.B. in der Pressearbeit. Eine eigene Aktion von BAFF soll Prolleo und sein Kumpane, die sprechende Pulle Pilz werden. Die eigenwillige Interpretation eines Maskottchens, das die Herzen aller Fußballfans erobern wird. In der Zwischenzeit hat sich in dieser Hinsicht schon einiges getan, schaut auf die BAFF-Homepage...
AG Wissenschaftliche Arbeiten rund um Fußball, Fans und Co.
Neben den bekannten Forschungsarbeiten eines Wissenschaftlers aus dem Norden gibt es auch immer mehr wissenschaftliche Arbeiten (Diplomarbeiten usw.), die sich mit Fans auseinandersetzen. Oft auch von Fans geschrieben. BAFF wird sich bemühen, diesen Arbeiten eine zusätzliche Öffentlichkeit zu geben, um die Vielfalt aufzuzeigen. Es kann nicht sein, dass immer nur eine Sichtweise in der Öffentlichkeit oder von offizieller Seite gesehen wird. Auf www.stadionwelt.de sind nun erste Arbeiten zum Thema veröffentlicht worden.
AG Pressearbeit
Neben einem regen Austausch, den Erwartungen im Hinblick auf die WM usw. wurde in dieser AG auch der Vorschlag gemacht, die Ressourcen besser zu nutzen. So soll es z.B. möglich sein, dass BAFF auf seiner Homepage Artikel aus Fanzines veröffentlicht um somit ein breitgefächertes Meinungsbild zu schaffen. Viele Fanzines erarbeiten Berichte zu den Themen, die BAFF wichtig sind (Rassismus, Kommerzialisierung, Repression, Bürger- und Fanrechte, Sexismus....). Hier gilt es, sich gegenseitig zu befruchten und gezielter, gebündelter die Öffentlichkeit anzusprechen. Wichtig sei auch, die WM und alle ihre Folgen kritisch zu begleiten und zu kommentieren, auch wenn in vielen Fällen kritische Stimmen zur WM gleich als Nestbeschmutzung angesehen werden. Es ist aber unbedingt notwendig, Diskussionen zu versachlichen, Relationen wieder herzustellen und die Sicht von BAFF als Bestandteil der Fankultur deutlich zu machen und so der Hochglanzpressearbeit und unkritischen Hofberichterstattung aber auch der Hysterie und sensationsheischenden Presse etwas entgegensetzten.
Nach den ausführlichen und ergiebigen Diskussionen wurde natürlich gefeiert. Ein auch auf Sankt Pauli nicht unbekannter Skinhead aus Göttingen und seine Band weckten die müden Geister mit ihren eigenwilligen Interpretationen von Nena-Songs schnell auf und brachten die Tanzbeine in Schwung. Nach dem beeindruckenden Konzert gab es dann Musik vom Plattenspieler, CD-Player oder vom Laptop. Nachdem die Spuren der Nacht beseitigt waren, das Frühstück verfrühstückt wurde, konnte es am Sonntag Morgen wieder vor doch noch recht vollem Hause losgehen. Zuerst wurden die Ergebnisse der AGs vorgestellt (s.o.), bevor Michael Gabriel von der KOS (Koordinierungsstelle Fanprojekte) die Fanarbeit zur WM vorstellte. Im Anschluss folgte die notwendige Mitgliederversammlung von BAFF eV, in der der Vorstand entlastet wurde, die Weichen für die Unterstützung des Rechtsmittelfonds gestellt wurden und Themen wie Merchandising, Sommertreffen (voraussichtlich kurz nach der WM in Berlin), Wintertreffen (da hat sich Leipzig freundlicherweise mal wieder angeboten) und weitere notwendige Formalien geklärt wurden. Ein Grußwort des verhinderten BAFF-Ehrenmitglieds Dieter Bott durfte auch nicht fehlen. Danach konnte der angekündigte tränenreiche Abschied losgehen. Was nicht fehlen darf, ist der Dank an die örtliche Veranstaltungscrew in Bremen, das hat alles wunderbar geklappt!!
Thomas Glöy / BAFF www.aktive-fans.de
(unter Verwendung des Protokolls und der Fotos von Johannes Stender/BAFF)
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