Die Welt zu Gast im Knast

Sicherheit- ein Spiel ohne Grenzen

Durch das neue Polizeigesetz sind Personenkontrollen ohne konkreten Verdacht möglich. Die Videoüberwachung, möglichst flächendeckend, wird erheblich ausgedehnt. Zusätzlich zu den üblichen Kontrollen wird es einen äußeren Sicherheitsring geben. Die Sicherheitskräfte sollen mit dem neu entwickelten Fingerabdrucksystem „Fast Identification“ ausgestattet werden. Im nationalen Informations- und Kompetenzzentrum sollen Antiterrorexperten des Bundesnachrichtendienstes, des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes zusammen arbeiten. Eine zeitweise Sperrung des Luftraums wird vorgesehen. AWACS Aufklärungsflugzeuge der NATO sichern den Luftraum. Das Schengener- Abkommen wird ausgesetzt. Der Bundesinnenminister fordert den Einsatz von Bundeswehrsoldaten. Es werden 300 ausländische Zivilpolizisten die deutschen Ordnungsbehörden unterstützen. Die drei Säulen des Sicherheitskonzeptes Bundespolizei, Landespolizei und private Sicherheitsdienste arbeiten eng zusammen. Alle Kräfte werden bundesweit gebündelt. In Kaiserslautern sollen relevante Straßenzüge von 3000 Polizisten und Militärpolizei der US- Basis Ramstein geschützt werden.

Wer nun glaubt, die vorherigen Zitate aus diversen Medienberichten, kündigen uns die Vorbereitungen auf einen bevorstehenden mindestens gemeinsam stattfindenden G8-, Nah-Ost und UNO Gipfel zum gleichen Zeitpunkt im gleichen Land an oder meint, es werden erste Vorbereitungen für einen dritten Weltkrieg getroffen, der sei enttäuscht. Nein, Deutschland bereitet sich lediglich, aber offenbar äußerst gründlich, auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 vor. Es handelt sich tatsächlich um Ausschnitte aus dem Sicherheitskonzept des größten Fußball- (!!) turniers der Welt.

Otto Schily: „Wir werden vorübergehend Grenzkrontrollen durchführen!“

Jeder Fußballfan, der seine Mannschaft auch auswärts begleitet, konnte mit Sicherheit bereits mit der ein oder anderen Repression gegenüber sich selbst und anderen Bekanntschaft machen. Schließlich üben die Sicherheitsbehörden seit ca. zwei Jahren fleißig den Ernstfall gegenüber den Horden von Hooligans und Terroristen, die unser Land für 4 Wochen bevölkern sollen, am überwiegend friedlichen Fan. Während die Medien, ich behaupte bewusst gesteuert und ohne jegliche Reflektion, ein Bild vom gewaltbereiten und hässlichen Fußballfan, sprich Hooligan, zeichnen, um jegliche Art von Repression, Sicherheits- und Polizeimaßnahmen schon mal von vorne herein zu rechtfertigen, brüsten sich die Sicherheitskräfte mit Festnahmen, in Gewahrsamnahmen sowie Platz- und Stadionverboten. Dass dabei überwiegend eher friedfertige Fanszenen betroffen sind, ist bedenklich. So prügelten sich die Polizeibeamten, laut dem Fanprojekt Mainz, mit den, ausgerechnet vom DFB überwiegend wegen deren Fans im Fair Play ausgezeichneten Mainzern, nach deren Spiel in Mönchengladbach ziemlich grundlos an den Shuttlebussen. In Hamburg gab es beim Auswärtsspiel der Bremer nach einer völlig überflüssigen Eskalation einer übersichtlichen Szene in Gewahrsamnahmen von 67 Leuten über mehrere Stunden. Vor dem Auswärtsspiel in Rostock wurden die Busse der Stuttgarter Ultras mit einem Polizeihubschrauber begleitet und schließlich mit 30 Polizeiwannen abgefangen und durchsucht. Von schwachsinnigen Stadionverboten mal ganz abgesehen: z.B. das des Bremen- Fans, der in Gelsenkirchen einen Aufkleber verklebt hat oder dem Freiburger, bei dem der Vater eines angeblichen Übeltäters nach einer Anzeige gegenüber der Polizei als Antwort selbst mit einem Stadionverbot belegt wurde, obwohl er gar nicht im Stadion war und sich auch sonst nichts zu schulden hat kommen lassen. Unkontrollierte und daher oft brutale Ordnerübergriffe wie z.B. gegen Hannoveraner Fans in Gelsenkirchen, bei dem eindeutig gewaltfreie Fans betroffen waren, kann man schon zur Tagesordnung zählen. Zivilbeamte und sogenannte Szenekundige Beamte verfolgen und beschatten Fußballfans nach den Spielen bis nach Hause, treiben sich bei Heimspielen in den jeweiligen Vierteln herum, fliegen sogar bei internationalen Spielen, ganz inkognito versteht sich, den Fans hinterher. Beschäftigungstherapie in ziemlich demonstrations- und nationalen staatsfeindlosen Zeiten? Fußballfans als neues Beschäftigungsfeld? Der Verdacht drängt sich einem durchaus auf...

Fast zeitgleich ziehen hunderte tatsächlich gewaltbereite Dresdner beim Spiel in München durch Bayerische Lande, schlagen Passanten als auch Fans und verwüsten Raststätten. Ausgerechnet in Bayern, wo sonst jeder noch so harmlose St. Pauli Fan auf Bahnhöfen und in Stadien auf links gedreht wird. Auch die Rostocker genießen im Gegensatz zu den Bremern eher Narrenfreiheit in Hamburg und können unbehelligt Prügeleien anfangen und Fahnen klauen, werden einfach „nett“ von der Staatsmacht begleitet. In Stendal wird mal eben ein ganzer Bahnhof nebst nebenstehenden Polizeifahrzeugen verwüstet. Schlagzeilen? Kaum bis keine! Dafür füllt dann bei eher doch harmlosen und undurchsichtigen Vorfällen in Slowenien wieder der furchterregende deutsche Hooligan tagelang die Schlagzeilen. Vorfälle, auf die seitens der Politik und Sicherheitsbehörden geradezu gewartet wird, um umgehend sämtliche Repressionen und Überwachungsmaßnahmen zu rechtfertigen.

Warum allerdings die Sicherheitskräfte offenbar nur gegen harmlosere Fangruppierungen ihre Muskeln spielen lassen, macht nachdenklich.

Polizeipräsident Udo Nagel (Hamburg):
„Die Menschen fühlen sich nur mit Sicherheit wohl!“

Die Medien spielen als Instrument der WM- Organisatoren und des DFB eine wichtige Rolle. Wurden in den neuen Bundesländern zu DDR- Zeiten noch regierungsnahe politische Parolen in den staatlichen Zeitungen und auf Laufbändern in Bussen verbreitet, geschieht dies heutzutage über die angeblich „neutralen“ Tageszeitungen, um einer breiten, oft unwissenden Bevölkerung, vorgefertigte Meinungen einzutrichtern. Auch in Hamburg lässt beispielsweise die Mopo kaum eine Gelegenheit aus, und sei es unter einer kleinen Randnotiz in den WM News, ihre Leser durch Hooligan Meldungen zu verunsichern. So lässt sich in den Köpfen der nicht direkt betroffenen Bevölkerung langsam aber stetig ein Bild von raufenden und gefährlichen Fußballfans nieder, die es zu bekämpfen gilt. Befürworter für drangsalierende und repressive Vorgehensweisen erhält man damit schnell und viele. Gerne werden irreführende und oft falsche Polizeiberichte und - meldungen fast im Original- Text veröffentlicht, oft sogar noch ein wenig garniert mit weiteren erfundenen „Details“. Ausgewogene oder erfragte Inhalte oder gar recherchierte Artikel sind absolute (absichtliche?) Mangelware. Dazu passt eine natürlich unkommentierte aktuelle Meldung aus eben erwähnten Blatt: Eine Umfrage eines von einer Beratungsfirma in Sachen Sicherheit (!!) und Einsatzleitsysteme (!!) beauftragten Meinungsforschungsinstitutes bestätigt eine mehrheitliche Akzeptanz der Bevölkerung über den Einsatz von Überwachungsanlagen. Klasse! Das ist ungefähr so, als wenn eine Umfrage des Übersteigers unter Fußballfans das Ergebnis liefert, dass die Mehrheit eben dieser Fans für ein Fußballspiel in ein Stadion gehen würde. Da darüber hinaus ein Großteil der Bevölkerung ohnehin kaum Kontakt zu Fußballfans oder Fußballspielen und deren Begleiterscheinungen hat, bilden sich deren Meinungen und Ansichten ausschließlich über die Berichterstattung der Medien. Wenn im Zuge der WM gemeldet wird, dass in Hamburg zwischen zehn und zwanzigtausend Fans aus dem Land xy erwartet werden und damit die Alarmstufe 1 ausgerufen wird, sieht ein Dorfbewohner in Nordfriesland das Ende der Hansestadt schon vor sich, während der aktive Fußballfan für diesen Umstand nur ein müdes Lächeln übrig hat. Schließlich kommt derartiges Szenario im nationalen als auch internationalen Fußballgeschehen relativ häufig vor. Ein nicht Fußball Interessierter oder jemand, der sich die Spiele zu Hause weit entfernt im Fernsehen anschaut, bekommt in der Regel (egal ob während der WM oder nicht) absolut überhaupt nichts vom Geschehen rund um ein Fußballspiel mit. Aber gegen die bösen Fans mal den Finger heben und Repression unterstützen, ist trotzdem drin. „Man weiß ja Bescheid“. Das macht nachdenklich!

Wirklich erschreckend ist eigentlich aber die Tatsache, dass unter dem Deckmantel der WM vielerlei Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen dem ganzen Volk übergestülpt werden, die nach der Weltmeisterschaft mit Sicherheit oder zumindestens in großen Teilen nicht wieder zurückgenommen werden. Dazu gehört zum Beispiel das Sammeln von persönlichen Daten beim Ticketkauf, Durchleuchtung abertausender Mitarbeiter und Helfer, Führen von Personendateien, Meldeauflagen, Videoüberwachungsanlagen an öffentlichen Plätzen, persönliche Datenerfassung und mögliche Überwachung mit Eintrittskarten, Verurteilungen durch Schnellgerichte ohne ordentliches Verfahren usw. Die Sicherheitsmaßnahmen haben sich bewährt, wird argumentiert werden. Auch, wenn sie vor lauter friedfertigem Fanvolk erst gar nicht in Anspruch genommen werden sollten. Der Weg zum Überwachungsstaat ist dabei nicht mehr weit. Befürworter dieser Maßnahmen sollten bedenken, dass diese schnell auch auf den persönlichen Bereich ausgedehnt werden kann. Da kann eine wilde Knutscherei mit einer Geliebten am falschen Ort auf einem Video schon mal zum Bumerang werden, einem am Ende des Jahres als Kundenkartenbesitzers schon mal vorgerechnet werden, wie viele Kondome sie verbraucht haben, oder ihr Weg durch das Hamburger U- Bahn Netz mittels RFID- Ship auf der Geldkarte oder Monatskarte nachverfolgt werden. Mit welchen Lebensmitteln der häusliche Kühlschrank gefüllt ist, weiß Rewe ohnehin schon lange. Das an dieser Stelle meistens genannte Totschlagargument „wenn du nichts machst, passiert dir auch nichts“ ist äußerst zwiespältig. Irgendwann erwischt es jeden. Genauso wie beim Fußball. Zur falschen Zeit mit einem Fanschal in Bahnhofsnähe herumgelaufen oder einfach mit mehreren anderen Fans, die man nicht unbedingt kennen muss, aus dem Zug gestiegen und schon vom Team Green umzingelt. Frei in einer Stadt bewegen ist ohnehin nicht drin. Ganze Zugladungen von Fans oder Gästekurven werden heutzutage unabhängig vom Alter, Geschlecht, Gesinnung und Vorhaben erstmal eingekesselt und festgehalten, und damit ihrer Freiheit, einem Grundrecht, beraubt. Gängige Praxis. Woche für Woche. Gerne wird auch die Waffe des Denunziantentums eingesetzt. Auf diese Weise werden gerne Personen identifiziert, die meist „Einzeltäter“ genannt und meistens als „hirnlos“ dargestellt werden. Wenn sie beispielsweise ein früher durchaus beliebtes Bengalo gezündet haben und heutzutage von einem Ex- Zündler an den Pranger gestellt werden. Ist ja verboten! Die Sippenhaft, beispielsweise möglich über Geldstrafen gegenüber dem Verein, ist ein ebenso kritisches als auch beliebtes Instrument. Ein par saftige Geldstrafen für einen finanziell klammen Verein und schon werden die Vereinsvorsitzenden, Sicherheitsleiter und manchmal sogar Fanprojekte gegenüber den eigenen Fans aktiv. Ganz im Sinne der Politik, denn die ist schon lange, aber schleichend, auf dem besten Wege zurück zu einem Überwachungsstaat. Auch außerhalb des Fußballs wachsen Überwachungsmaßnahmen an Geldkonten, in Bahnen, an öffentlichen Plätzen, im Telefon- und Datennetz usw. wie Pilze in den Himmel. Das macht noch mehr nachdenklich!

Polizeipräsident Udo Nagel (Hamburg):
„Null-Toleranz-Strategie soll fröhliche Atmosphäre garantieren!“

Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem sich Fußballfans in vereinsübergreifenden Gruppierungen und Zusammenschlüssen (etwa bei BAFF oder ProFans) zusammenfinden, um gegen die Überregulierung, Repression und den Sicherheitswahn aufmerksam zu machen und dagegen zu protestieren, fällt der 1. FC Köln um den Fanbeauftragten Reiner Mendel nicht nur den eigenen Fans gewaltig in den Rücken. Möchte doch der Verein eine Kartenpolitik nur gegen Angaben von persönlichen Daten, einschl. eines Haftungsvertrages für die Fanclubs bzw. deren Vorsitzenden für Schäden und Geldstrafen, durchsetzen. Der DFB ist schon mal begeistert und hofft auf Nachahmer und kommt damit seinem Ziel „echte Fans raus aus den Stadien“ ein ganzes Stück näher. Der Kreislauf, Druck durch Geldstrafe auf den Verein, Verein macht Druck auf Fans, unerwünschte Fans verschwinden, funktioniert. Durch stetige Verbote und Nötigungen sind viele Fangruppierungen schon zufrieden, einen Teil ihrer Wünsche genehmigt zu bekommen und stehen damit genau da, wo sie der Verein und DFB hinhaben möchte. In der Ecke der Bittsteller! Aber an dieser Stelle macht sich das eigentliche Dilemma der ganzen Thematik sichtbar: Die Fans wehren sich nicht wirklich. Die oben genannten Gruppierungen und Zusammenschlüsse sind meist personell zu wenig besetzt, erreichen meist nur die ohnehin aktiven und engagierten Fans, werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und somit von den Vereinen und dem DFB nicht sehr ernst genommen. Alle bisherigen Protestaktionen waren und sind viel zu harmlos. Selbst in Köln kommt es nicht zu dem eigentlich notwendigen Aufschrei bezüglich der abstrusen Empfehlung, sondern wird der Vorschlag tatsächlich kontrovers diskutiert. Ein paar Veröffentlichungen in internen Fanmagazinen, ein paar Transparente im Stadion und zehnminütige Blocksperren oder Schweigeminuten vom harten Kern der Fans reichen da nicht aus. Da müsste schon mal mindestens ein ganzes Spiel bestreikt werden oder andere öffentlichkeitswirksame Maßnahmen getroffen werden. Aber in der heutigen, egoistischen Gesellschaft, in der gerne wieder mit dem Finger auf den anderen gezeigt wird, in der Solidarität eher ein Fremdwort ist, die sich von Arbeitgebern und Politikern nötigen und fast widerstandslos erpressen lässt, in der Warnstreiks überwiegend außerhalb der Arbeitszeit durchgeführt werden, damit ja auch keiner zu stark belästigt wird, sind wirksame Proteste und Widerstand nun mal Mangelware.

Daher bekommt jede Gesellschaft schlussendlich den Fußball und die WM, die sie verdient.

Oder besser, ihr engagiert euch in einer der schon angesprochenen Gruppierungen im FC St. Pauli oder darüber hinaus. Ansprechpartner und Kontakt gibt es bei den Ultras St. Pauli, beim Fanclubsprecherrat des FC St. Pauli oder der Soligruppe „Freiheit für die Kurven“ des FC St. Pauli, bei Pro Fans und natürlich dem Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF).

//CF

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