on the road to Pokalfinale

Welch ein Genuss, einen Artikel über die aktuelle Lage beim FC St.Pauli zu schreiben, sollte man meinen. In der Liga vorn dabei, zum ersten Mal im DFB Pokal Halbfinale und damit natürlich komplett entschuldet und im Begriff sich goldene Wasserhähne zu bestellen. Sicher scheint die Sonne derzeit heller als sonst, aber zumindest ein paar kleine Wolken sind doch schon wieder zu sehen.

Das letzte Spiel vor der Winterpause in Erfurt 1:2 verloren, danach mit einem 4:2 gegen Emden gestartet, business as usual also am Millerntor. Nichts großartiges beim Jahreswechsel vorgefallen? Eben doch, denn zwischen diesen beiden Spielen nahm der Wahnsinn mal wieder Gestalt an in unserem Verein, zugegebenermaßen ausnahmsweise mal absolut positiver Natur!

Zwei Tage vor Heiligabend beschenkte die Mannschaft sich selbst und die Fans mit einer Energieleistung, bei der wohl im Normalfall die Floskel „nicht für möglich gehalten“ vorangestellt sein müsste. Hörte man sich aber vor diesem 22.12. am Millerntor um, so schien ein Sieg gegen den Bundesligafünften Hertha BSC durchaus im Bereich des „für möglich halten“, schließlich war die Hertha in den letzten Jahren ja in schöner Regelmäßigkeit auf unrühmliche Art und Weise aus dem Pokal gekegelt worden, meist von unterklassigen Teams. Motto: In den ersten paar Minuten Marcelinho auf die Samba-Puschen treten und ihm die Lust nehmen, dann kann das was werden. Doch nach dem 0:2 glaubte wohl keiner mehr dran; auch das 2:3 in der Verlängerung, durch ausgerechnet jene bis dahin kaum in Erscheinung getretenen Samba-Puschen, wirkte wohl auf die meisten Anwesenden wie der endgültige Todesstoß. Doch an diesem Abend gelang das erste kleine Wunder und mit 4:3 zog man ins Viertelfinale ein.

„Auf dem Bauch da stand drauf:
In Liebe für immer und ewig -
Werder Bremen“

Anders als vor dem Hertha Spiel, traute gegen die Bremer Pokalmannschaft kaum einer unseren Jungs einen Sieg zu. Doch es folgte ein Tag, an den man wohl noch lange zurückdenken wird, nicht zuletzt aufgrund der besonderen Umstände. Mehrfach versuchten Allofs und Schaaf den Schiedsrichter und die Platzkommission zur Absage zu bewegen, doch entweder die ARD, der Münchner (Bayern Fan?) Dr.Brych oder auch einfach nur der Fußballgott, irgendwer wehrte sich so vehement gegen eine Absage, dass angepfiffen wurde. Mal ehrlich: Ähnliche Platzverhältnisse in einem Punktspiel der Regionalliga, und das Spiel wäre definitiv abgesagt worden. Doch wie dem auch sei: Wenn das Spiel angepfiffen wird steht es 0:0, es gibt einen Ball, zwei Tore, und je elf Spieler die das gleiche versuchen, wie auf mundgeblasenen mit der Pinzette gezupften englischen Rasenhalmen sonst auch, nämlich das Runde ins Eckige zu bringen. Und während das unsere Jungs eben vier mal schafften (das nicht gegebene Tor wäre zumindest ne Diskussion wert) brachte Werder es nur einmal aus (nicht gegebener) Abseitsposition zustande, was dann auch ein „völlig verdient“ vor das Wort „Sieg“ setzen lässt, da gab es auch auf Bremer Seite keine Diskussion. Die wiederum gab es nach dem Spiel noch lange bzgl. des Platzes, angeheizt durch Kloses Schulterverletzung. Ob er auf normalem Rasen auch gefallen wäre, ist sicher fragwürdig, aber ein zwischen den Beinen des Gegenspielers eingeklemmter Arm hätte auch auf anderem Untergrund zur gleichen Verletzung geführt und wäre ebenso gut am Samstag zuvor beim Bremer Freundschaftsspiel in Kropp gegen unsere Freunde aus Stellingen möglich gewesen. Da hatte niemand den Kroppern schon vor dem Spiel die Schuld für ein mögliches Scheitern bei der WM zugeschoben, wenn sich auf dem dortigen Acker Nationalspieler verletzt hätten. Und mal ehrlich: Wie scheiße war denn dann erst der Rasen im Stuttgarter ehemals Neckarstadion, als sich Andi Reinke mal kurz das Gesicht verformen ließ? Das wäre bei uns kaum passiert, zumindest wäre mehr Kühlmaterial sofort vorhanden gewesen. Spaß beiseite, gute Besserung an unseren Ex-Keeper.

Was bleibt, ist der (nach dem Einzug ins Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 1948) zweitgrößte Erfolg der Fußballabteilung des Vereins und ein ganz fettes „Respekt!!!“ an unser Team.

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben

Doch über diesen Erfolg stellen alle Protagonisten stets den Aufstieg in die zweite Liga, und zumindest finanziell muss der wohl auch zwingend her, wenn man nicht nächstes Jahr erneut das Halbfinale erreichen will, um überleben zu können. Vorschnell sprach der Boulevard ja schon vom sanierten FC St.Pauli, um dann kurze Zeit später von unserem Finanzchef Schulz zurückgepfiffen zu werden, denn selbst mit den Einnahmen des Halbfinales werden wir noch lange nicht schuldenfrei sein. Um bei Schulz’ Vergleich des Krankenhaus Patienten zu bleiben, hat man sicherlich die Intensivstation verlassen und kann sich inzwischen sogar ein Einzelzimmer leisten. Bei einem weiteren Verbleib in der Regionalliga kann aber das wieder Anschließen der lebenserhaltenden Maßnahmen nur eine Frage der Zeit sein.

Und genau dieser notwendige Aufstieg scheint im Schatten der grandiosen Pokalerfolge fahrlässig verschusselt zu werden. Seit jenem finsteren Oktobertag in Kiel, eilte man von Erfolg zu Erfolg, aber die letzten vier Spiele hätten einen sicher auf den Boden der Realität zurückgeholt, wenn der Pokal zwischendurch nicht für einen Daueraufenthalt auf Wolke sieben gesorgt hätte. Beim Abstiegskandidaten aus Erfurt verloren, gegen das Mittelmaß aus Emden nur dank Schiedsrichter gewonnen, gegen die Fortuna einen verdienten Punkt und beim harmlosen RWO eben auch nur ein lausiges Pünktchen. Fünf Punkte aus diesen vier Spielen sind zu wenig um aufzusteigen. Zum Glück schwächelt die Konkurrenz genauso, lediglich RWE lacht sich über die Dummheit der Anderen scheintot und sprintet an die Spitze. Nun liegt zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen das Spiel in Lübeck und der Autor hofft auf einen eingefahrenen Dreier, dann könnte man mit einem Heimsieg heute gegen Wuppertal ja schon wieder langsam beruhigter in die Zukunft schauen.

Need Tickets!

Und wenn man in die Zukunft schaut, kommt, Aufstieg hin oder her, eben auch der 12.April wieder ins Blickfeld, und mit ihm leider auch die Situation um die Eintrittskarten. Zunächst einmal freut sich der Übersteiger sehr darüber, dass dieses Spiel am Millerntor stattfinden wird, da muss man Corny Littmann ausnahmsweise auch mal loben. Bei Papa Heinz oder Reenald Koch wäre vielleicht ein Umzug ins damalige Volksparkstadion bittere Realität geworden. Heute wird die sportliche Chance über einen (in Anbetracht der zu erwartenden Miete allerdings ohnehin geringen) finanziellen Vorteil gestellt, Danke dafür. Die Kehrseite dieser Entscheidung ist, dass Karten Mangelware sind, so weit, so klar und nicht zu ändern.

Man muss Verständnis dafür haben, dass der Verein vor lauter ?-Zeichen im Auge noch schnell Rückrundendauerkarten inkl. Vorkaufsrecht für das Halbfinale unters Volk streute, auch wenn man hätte voraussehen können, dass ein großer Teil bei ebay landet. Auch, dass diese per Einzeltickets vorteilhafter für den Schwarzmarkt sind als eine einzige Plastikkarte, mag man verzeihen, denn auch die Plastikkarten wären sicher bei ebay gehandelt worden und sie wären in der Herstellung eben wieder teurer gewesen. Natürlich wollen auch die Sponsoren ihre Kartenpakete haben, und wenn es wirklich nur die kolportierten 1.500 Tickets sind, so sind es weniger als 10% und damit wohl auch im Rahmen, so schwer das für einige sein mag. Traurig aber wahr, ohne Sponsoren geht es nicht, alles andere ist romantische Träumerei. Sicher kann man stundenlang diskutieren, ob vielleicht auch 1.000 oder nur 500 Tickets gereicht hätten, aber der große herbei geschriene Skandal ist es wohl nicht. Die Spieler, so munkelt man, sollen ca. zwanzig Tickets pro Person bekommen. Zu viel? Auch hier mal ehrlich: Die haben das überhaupt erst möglich gemacht, für viele von ihnen wird es DAS Spiel ihres Lebens werden. Da sind zwanzig Tickets ein Maß, mit dem man leben können sollte, zumal sie diese auch selber bezahlen. Stellt Euch mal vor, Ihr gebt ein Konzert und bekommt nur zwanzig Tickets? Auch die Vollzeit beschäftigten Vereinsangestellten werden ein paar wenige Karten erhalten, der Eigenbedarf des Vereins inkl. Spielern soll insgesamt bei 700 Tickets und damit unter 5% liegen.

Die meisten Mitglieder dürften eine Dauerkarte haben, alle anderen sollen jetzt bei der Vergabe der ca. 1.200 Karten bevorzugt werden; sollte also für die meisten reichen, zumindest eine Karte zu erhalten. Wie viel Karten (von Dauerkarteninhabern und Mitgliedern?) bereits bei ebay aufgetaucht sind treibt einem die Zornesröte ins Gesicht. Es wäre wünschenswert, dass der Verein hier mehr unternimmt als nur leere Drohungen auszusprechen, allerdings ist daran ja u.a. auch schon die FIFA gescheitert. Unter den zur Zeit des Schreibens dieser Zeilen 26 Auktionen sind 24, die wahrscheinlich von Dauerkarten-, Rückrundendauerkarteninhabern oder Mitglieder gestartet wurden; lediglich zwei Auktionen beziehen sich auf VIP Tickets, also offensichtlich aus dem Sponsoren Paket. Bevor sich also einige aufregen, sollte man lieber die Realität betrachten. Ein größerer freier Verkauf oder mehr Karten an Mitglieder hätte größtenteils auch nur zu mehr Umsatz bei ebay geführt.

Fazit: Natürlich kommen bei diesem Spiel alle aus den Löchern, sind schon seit mindestens 1909 eingefleischte Fans und halten dem Verein seit Ewigkeiten die Treue, aber solange sie eine Dauerkarte haben bekommen sie ihr Ticket auch garantiert. Wenn sie keine haben aber zumindest Mitglied sind, haben sie zumindest noch eine recht hohe Chance, da sie bei der Verlosung den DK-Inhabern vorgezogen werden. Härtefälle wird es immer geben, der ein oder andere Nicht Hamburger hat vielleicht gerade dieses Jahr keine Dauerkarte und ist auch kein Mitglied und trotzdem ein großer Fan, aber das würden wahrscheinlich derzeit 50.000 von sich behaupten und wie soll der Verein hier objektiv die 1.000 – 2.000 „ehrlichsten Bedürftigen“ herausfiltern? Unmöglich. Ein fader Beigeschmack bleibt sicherlich, weil bei den Auflistungen des Vereins mindestens 1.000 Tickets fehlen, die (ebenso wie die 400 Karten „Puffer“) wohl schlussendlich auch an die Sponsoren statt an die Fans gehen, und der Verein trotz großem Getöse nichts gegen den ebay Handel unternommen hat, aber bei einer derartigen Karten-Problematik gibt es wohl den goldenen Weg nicht, um es allen gerecht zu machen. Natürlich wäre ein Kontingent für den Fanladen nett gewesen, allerdings stapeln sich auch dort die Anfragen und wie hätte man dort eine faire Verteilung gewährleisten sollen?

Leidtragender ist sicher die AFM, die ja in der Vergangenheit gerne auch mal mit diesem Vorkaufsrecht (zumindest unterschwellig) um Mitglieder geworben hat, und jetzt nur hoffen kann, dass ihre 700 Karten für die Nicht DK Besitzer unter ihren Mitgliedern reichen, ansonsten drohen Austritte.

Wuppertal war schon
immer Polizeistaat

Abschließend noch ein paar Worte zum Hinspiel bei unserem heutigen Gegner. Nach einem kleineren Scharmützel mit der Polizei haben zwei junge St.Pauli-Fans jeweils ein Stadionverbot erhalten. Traurig, kommt viel zu häufig vor, wird wohl vor der WM auch eher schlimmer als besser werden, entlockt vielen wahrscheinlich nur noch ein „Selber Schuld!“. Was aber absolut unverständlich ist, ist die Art und Weise, wie hier das Strafmaß angesetzt wurde. Beide waren vorher nicht auffällig gewesen, für beide findet (im „normalen“ Rechtssystem) noch das Jugendstrafrecht Anwendung, der Vorfall an sich war im Vergleich zu anderen Handlungen im Fußball vergleichsweise harmlos. Trotzdem haben beide ein bundesweites Stadionverbot bis zum Saisonende plus fünf Jahre bekommen, dürfen also 2011 mal wieder ein Fußballspiel sehen. Ombudsstelle? Einzelfallprüfung? Anhörung der Angeklagten? Verhältnismäßigkeit? Vergesst es, eine absolute Schweinerei die man in keinem Fall nachvollziehen kann.

Auch, wenn weder Wuppertaler Spieler noch deren Fans etwas dafür können, aber lasst uns heute sowohl sportlich auf dem Platz als auch akustisch auf den Rängen die passende Antwort geben.

// Frodo

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