Wir sind die Asis vom Kiez,
wir sind die Asis vom Kiez,

ja man sieht’s, ja man sieht’s!

   Diesen Song auf die Melodie der „Kreuzberger Nächte“ hört man in letzter Zeit öfter am Millerntor und auf Auswärtsfahrten. Inwieweit der Song bei einzelnen Sängern ironisch gemeint ist, andere diesen Song allerdings voll ausleben (dies auch schon, bevor es das gute Lied gab) muss jeder selber wissen. Fakt ist, dass in letzter Zeit viel im Verein, in Fankreisen, in der Presse über das Verhalten der „herrlich verrückten, toleranten, politisch korrekten, nie gewalttätigen“ Fans unseres Vereins diskutiert wurde. Über die Vorkommnisse der letzten Monate habe ich mich mit Heiko (unserem Fanbeauftragten) kurz unterhalten, da er in einigen Themen genau zwischen den Fronten steht, zu anderen Dingen aber klar Stellung bezieht. Der Auslöser, der mich bewegte diesen Artikel zu schreiben, war die Wut über das Verhalten einiger oder etlicher rund um das Auswärtsspiel in Kiel.

„Die Kotze hat meine Jacke verklebt – Frühstücks-Korn!“

   Ich gebe ja zu, dass ich auch nicht gerade nüchtern von Auswärtsspielen heimkomme. Aber was ich in Kiel vor dem Stadion (ich musste zum Glück nicht mit dem Entlastungszug fahren, sondern bin in einer entspannten PVG-Entlastungsbus-Atmosphäre gefahren), während des Spiels und danach auf dem Weg zum Zug erlebte, lässt in mir nur noch Scham aufsteigen. Zum Glück ist mir die Frau mit den vollgekackten und vollgepissten, weißen Leggins erspart geblieben. Es ist unbegreiflich, dass mir morgens um halb zehn zwei Jugendliche mit einer halb ausgetrunkenen 30er Astra-Kiste auf dem Hamburger (!!!) Hauptbahnhof entgegentorkeln. Neben mir an der Pinkelrinne in der Stadiontoilette kotzte einer nicht nur die Rinne, sondern auch seinen Schal voll. Der unkontrollierte, hemmungslose Alkoholgenuss ist zwar ekelig anzuschauen, allerdings jedem selbst überlassen. Anders sieht die Geschichte aus, wenn im Suff Andere verletzt oder beleidigt werden, rechtsradikales Gedankengut gegrölt oder weil es gerade so lustig ist, irgendwas blindwütig zerstört wird.

„Schwule Fotzen!“

   Mal davon abgesehen, dass diese Wortkombination schon absurd ist, war das wohl die harmloseste Entgleisung, an die ich mich erinnern kann. „Schwuchteln“, „schwule Störche“, „verficktes Kiel“ waberten regelmäßig durch unsere Kurve. Vereinzelnd hat man auch direkte Kritik der umliegenden Fans gehört, allzu oft wurden diese Äußerungen einfach nur toleriert. Ein Ding der Unmöglichkeit ist, dass die Mannschaft sich nach einer „passablen“ zweiten Halbzeit in der Kurve entschuldigen und für die Unterstützung in der 2. Hälfte bedanken will und dafür mit Feuerzeugen und Bierbechern belohnt wird. Die Krönung setzte dann noch ein in Fankreisen des Öfteren auffälliger „Supporter“ auf, der dem nicht am Spiel teilgenommenen Palikuca eine brennende Kippe ins Gesicht schnippte. Dieser Subä-Fan hat daraufhin vom Verein eine Denkpause verordnet bekommen, bis er sein Fehlverhalten eingesehen hat. Soweit ich weiß, hat der Schnipser bis heute noch keine Reue gezeigt und dementsprechend meiner Meinung nach berechtigtes „Hausverbot“.

Der kurze Dienstweg – kommt die DB nach Hamburg?

   Es ist ja bekannt, dass je mehr Fans unseren FC begleiten, die Anzahl der Vollpfosten proportional ansteigt, um so mehr ist es aber die Aufgabe der „Allesfahrer“, die Klappe aufzumachen und diesen „richtigen“ Asis zu zeigen, dass es für uns um Fußball geht und nicht um „endlich mal wech von zu Hause und auffe Kagge haun!“. Die Fans von St. Pauli hatten im Gegenteil zu den Rauten-Fans bis zum Kiel-Spiel einen ordentlichen Ruf bei der DB. Es gab vielleicht mal Schäden im höheren dreistelligen Bereich, auch das Öffnen der Vebindungsklappe zwischen zwei Waggons, die einem unserer Anhänger fast mal das Leben gekostet hätte hat weder die Deutsche Bahn noch unsere Fanszene vergessen. Dass auf einer Rückfahrt aus einer ca. 150 km entfernten Stadt ein Schaden in einem unteren fünfstelligen Bereich erreicht wird, ist für unsere Verhältnisse trauriger Rekord. Wir können froh sein, dass der Zug nicht vom Fanladen angemietet wurde und die Deutsche Bahn keine Regressansprüche an den Fanladen stellen kann, sondern nur an Einzelpersonen, die die Schäden verursacht haben. Im Gegenzug zum Kippenschnipser haben sich einige der Zerstörer im Fanladen entschuldigt und ihre Personalien hinterlassen. Bis heute ist von der Deutschen Bahn beim Fanladen noch nichts eingetrudelt. Allerdings hat sich die Deutsche Bahn bei den letzten (kleineren!) Schäden ein halbes Jahr Zeit genommen, bis der Regressanspruch in den FL-Postkasten flatterte.

St.Pauli-Fans gegen Rechts?

   Ein absolutes „Geht gar nicht“ haben wir dann im Kieler Bahnhof gehört, als zwei „Fans“ mit Braun Weiße Kämpfer-Kutten „St. Pauli – Sieg Heil“ brüllten. Wie mir Heiko sagte, sind die Braun Weißen Kämpfer kein richtiger Fanclub, sondern ein mittlerweile nur noch loser Haufen an Fans aus der Nordkurve, die teilweise sogar „St. Pauli-Fans gegen Rechts“-Aufnäher tragen. Ich kann nur hoffen, dass diese Schwachmaten regelmäßig von ihren eigenen Kollegen auf die Backen bekommen, oder ist der Aufnäher nur gerade schick gewesen und passte in die noch offene Lücke der Kutte? Apropos gegen Rechts: in der Lage der Nation findet Ihr schon einiges über die Vorkommnisse nach dem Jena-Spiel (und dem wahrscheinlich aufgezwungenem Aufruf gegen Gewalt seitens des Fanladens), die ich so auch bis aufs letzte Wort mit unterschreibe. Der Aufruf des Fanladens enthält mit Sicherheit eine ganze Menge, wohinter das Personal gar nicht steht. Man kann sich ja nicht ein 3/4 Jahr Gedanken um den ominösen Laden in der Thadenstraße machen, um dann ein paar Wochen später zu behaupten, dass viele Träger von Thor Steinar-Klamotten nicht wüssten , was sie da tragen. Was mit Sicherheit ernst gemeint ist, ist die Tatsache, dass bei uns immer mehr pauschalisiert wird. Nicht jeder Ostdeutsche ist ein Nazi (siehe Kontakte nach Babelsberg, Leipzig). Das sehen leider viele unserer Fans nicht so. Nicht jeder, der einen Deutschland-Schal trägt ist ein Nazi, nicht mal dann, wenn auf diesem Schal Deutschland in Frakturschrift steht (die meisten tragen den Schal natürlich schon mit diesen Hintergedanken, aber eben nicht alle!).

   Ende der 80er Jahre hatten viele St. Pauli-Fanartikel eine schwarz-rot-gelbe Umrandung. Ich hatte z.B. den Schal „Die Macht vom Millerntor“ mit der s-r-g-Umrandung und hatte trotzdem nie das Bedürfnis Ausländer oder Zecken zu klatschen. Die Differenzierung ist vielen Fans einfach abhanden gekommen, statt Toleranz herrscht immer mehr ein Schwarz-Weiß-Schubladendenken, Selbstreflexion findet kaum noch statt. Was uns aber jetzt unsere Gesetzeshüter als Ergebnis zusammen mit dem NOFV und dem DFB an Auflagen aufdrücken wollen, grenzt schon an diktatorischer Zensur. Auf der Sicherheitsbesprechung nach den brutalen und lebensgefährlichen Ausschreitungen auf dem Heiligengeistfeld wurde von diesen Parteien gefordert, dass Politik im und um das Stadion keinen Platz haben darf. Es dürfen zukünftig weder Aufrufe zu Demonstrationen durchgesagt noch politisch motivierte Transparente im Stadion aufgehangen werden. Wir werden sehen, wie weit sich Herr Littmann in sein eigenes Hausrecht hineinreden lässt. Vorstellbar ist bei seinen guten Kontakten zur Stadt ja vieles.

Pauli, peinlich, infantil

   Zum Pokal-Spiel gegen Lübeck im Oktober 2003 hielten die USPler eine große, lange Tapete im Block hoch: LÜBECK PEINLICH INFANTIL – WIR SCHENKEN EUCH NE PRISE STIL. Hoffentlich haben wir den Lübeckern nicht zu viel von unserem Stil geschenkt und nur noch peinliches und infantiles aus St. Pauli für uns behalten. Bereits auf der nächsten Auswärtsfahrt können wir zeigen, dass Kiel kein Standard-Programm für kurze Auswärtstouren sein muss. Vom Fanladen und vom Fanclubsprecherrat besteht der Wunsch, dass gerade die Fanclubs nicht mit eigenen Bussen oder PKWs, sondern möglichst mit dem Entlastungszug nach Lübeck fahren sollen, da es kleineren Gruppen immer noch eher möglich ist, einzelne Spacken in ihre Schranken zu weisen (wenn möglich verbal!), als es Einzelpersonen möglich ist. Sprecht Fans, die sich daneben benehmen an, holt Euch Unterstützung, wenn Ihr allein seid. Die Quote der Idioten ist auf kurzen Auswärtsfahrten zwar hoch, allerdings ist die Quote der vernünftigen Fans wesentlich höher. Zur Not gibt es an Bord immer noch genügend Ordner und die Fanladencrew, die Euch unterstützt. Lasst Euch nicht von jedem popeligen Lübeck-Fan zur Weißglut treiben. Wir waren mal Meister des verbalen Gegenschlags. Schlagt sie mit Selbstironie und verscheißernden Gesängen. Bleibt in Lübeck zusammen, lauft nicht auseinander und schlagt Euch nur, wenn Ihr angegriffen werdet. Die Fanszene hat sich gar nicht so gravierend verändert. Wir müssen nur wieder den von Herrn Stanislwski propagierten „selbstreinigenden“ Zusammenhalt leben. Dann klappt das auch wieder mit dem Stil.

Ohne Arme

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