Stilwandel in der extremen Rechten

   In den letzten Jahren hat sich innerhalb der rechtsextremen Szene ein Wandel vollzogen, welcher zum großen Teil von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurde und erst jetzt langsamthematisiert wird. Die Neonazis haben andere Musik und Kleidungsstile für sich entdeckt und öffnen sich sogar für Jugendkulturen, deren Inhalten sie eigentlich konträr gegenüberstehen. DieseEntwicklung markiert eine wichtige Veränderung in der extremenRechten. Haben sie sich früher über Ausgrenzung und Ausschluss definiert, kennzeichnet das heutige Verhalten eher den Versuch, sich Teile anderer Stile anzueignen, sie umzudeuten und für sich zu vereinnahmen. Die Vorteile einer solchen Praxis liegen auf der Hand. Über diese neuartige Akzeptanz gegenüber anderen Stilen und Geschmäckern gelingt es ihnen, einen rechtsextremen Lifestyle zu kreieren, der sich attraktiver darstellt und auch Leute erreicht, die vorher nie in Kontakt mit rechtsextremem Gedankengut gekommen sind.

Veränderungen im Rechtsrock

   Angefangen haben diese Veränderungen und die Öffnung der Neonazis zu anderen Jugendkulturen und Einflüssen hin, beim Rechtsrock. Der Rechtsrock, welcher seinen Ursprung in der Skinheadszene hat, hat den engen Spielraum dieser Subkultur längst verlassen. Schon seit Mitte der 90er Jahre hat sich der musikalische Rahmen von Rechtsrock erheblich verändert. Waren früher vor allem Oi-Konzerte und peinlich-biedere Liederabende mit Frank Rennicke oder Annett in der Szene populär, hat sich der Musikgeschmack heute beträchtlich erweitert – ohne dass die früheren identitätsstiftenden Bands und SängerInnen an Bedeutung verloren hätten. Techno, Pop und sogar der ursprünglich migrantisch dominierte HipHop finden Anklang, ohne dass diese Geschmäcker in Konkurrenz zur rassistischen Weltanschauung stehen. Gründe hierfür sind einerseits die wiederholten Versuche rechter Bands und Musiker, in anderen Musikstilen erfolgreich zu sein, andererseits die spezielle Art der Aneignung einzelner Aspekte der jeweiligen Stile. Innerhalb der extremen Rechten werden jeweils nur bestimmte Faktoren, Symbole oder Aspekte benutzt und im neonazistischen Sinn umgedeutet:so wie früher die Skinhead-Kultur „weiß“ und proletarisch gedeutet wurde, so werden heute auch andere Musikstile wegen ihres angeblich „weißen“ Ursprungs, wegen der allgemeinen Systemfeindlichkeit oder angeblicher nationalrevolutionärer Tendenzen versucht sich anzueignen. Während es im Techno und Hip Hop bisher bei einzelnen Versuchen blieb, haben sich extrem rechte Einflüsse z. B. in der Dark Wave- und der Black Metal-Szene fest etabliert. Hier gelingt es teilweise durch die Bezugnahme auf sich ähnelnde Inhalte, wie. z. B. die nordischen Vorfahren und deren Mythologie oder die Ablehnung der Moderne und der westlichen Welt, eine Gemeinsamkeit herzustellen und rechtsextremes Gedankengut in der Szene unterzubringen.

Moderne Kleidung

   Ähnlich verhält es sich auch mit den Veränderungen bei den Klamotten und dem öffentlichen Auftreten der Neonazis insgesamt. Wer sich die TeilnehmerInnen einer rechtsextremen Demonstrationen in der heutigen Zeit mal genauer anschaut, wird sehr schnell feststellen, das dieses allseits vermittelte Bild vom „hässlichen Skinhead“ als typischer Neonazi nicht mehr passt. In der rechtsextremen Szene hat sich ein Wandel vollzogen, der es den heutigen Akteuren erlaubt, über diese alten, eingefahrenen Kultur- und Kleidungsmuster hinwegzugehen. Die heutige Kleidung der meisten Neonazis sieht modern aus, und ist von normaler Kleidung kaum noch zu unterscheiden – dennoch sind sie politische Bedeutungsträger mit hohem Wiedererkennungswert. Rechtsextreme Botschaften oder für nicht eingeweihte schwer verständliche Zahlencodes (88 = Heil Hitler, 28 = Blood&Honour) werden peppig layoutet und auf Shirts, Pullover und Jacken gedruckt. Es existieren mehrere eigene Klamottenmarken, die die große Nachfrage nach schicker Kleidung mit eindeutigen rechten Aussagen bedienen und es so den Neonazis ermöglichen, in zweifacher Hinsicht für sie „politisch korrekte“ Klamotten zu bekommen. Zum einen können sie über die Zahlencodes oder Sprüche, die meist nahe am Rande der Legalität liegen, polizeiliche Repression umgehen und immer noch ihre rechtsextreme Gesinnung zum Ausdruck bringen. Und zum anderen kaufen sie bei Neonazis ein, das heißt, das Geld, das sie ausgeben, bleibt in der Szene und kann auch dort wieder verwendet werden. Dieser finanzielle Aspekt spielt bei den Neonazis durchaus eine tragende Rolle. Die Anzahl der produzierten CDs von rechtsextremen Bands steigt jährlich um ein Vielfaches, und jedes Wochenende finden im ganzen Land legal oder illegal organisierte Konzerte statt. Über eigene Labels, Versände und Läden stellen sie sicher, dass Kleidung, Musik und Merchandise mit rechten und neonazistischen Inhalten sehr einfach zu bekommen ist.

   Durch diese Akzeptanz verschiedener Geschmäcker und Bedürfnisse erreichen sie natürlich ein viel breiteres Feld an Leuten und somit an potentiellen KundInnen. Dass der Umsatz mit rechtsextremem Merchandising seit einigen Jahren in die Höhe schnellt ist eine logische Konsequenz dieser veränderten Praxis.

Übernahme linker Symbolik

Mit der Vereinnahmung und Umdeutung geht ein Teil der Neonazis sogar soweit, das sie Symbole und Stile, die von links besetzt sind, kopieren und versuchen, sie ihren Inhalten anzupassen.

   Plötzliche Solidarität mit linken besetzten Zentren, Che Guevara-T-Shirts oder „Ton Steine Scherben“ auf rechten Demos – alle diese Skurrilitäten finden in der extrem rechten Weltanschauung eine Erklärung, sei es die gemeinsame Suche nach Freiräumen, die in diesen Kreisen antisemitisch aufgeladenen Solidarität mit PalästinenserInnen oder eben eine allgemeine Kritik am bundesdeutschen Staat, an der Polizei und am Kapitalismus allgemein. Diese Praxis ist in der rechten Szene aber auch umstritten, und so regte sich auch Widerstand. Zu peinlich, überhaupt nicht nachvollziehbar und schon gar nicht im Sinne der nationalen Bewegung finden viele Neonazis das Kopieren linker Symbolik (z. B. Che Guevara) und die Nachäffung linker Aktionsweisen (Errichtung eines schwarzen Blocks).

   Auch wenn diese Vorgehensweise zu Auseinandersetzungen in der Szene führt, ist es nicht so, dass deswegen Personen ausgeschlossen oder nicht mehr als Teil der extremen Rechten angesehen werden.

   Gewisser Ähnlichkeit zum Trotz, besteht innerhalb der extremen Rechten doch immer ein großer Unterschied zu linken Argumentationen und damit zur linken Benutzung und Besetzung der Symbole:während in der radikalen Linken die Interpretationen immer allgemein herrschaftskritisch, gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus gerichtet und auf die Utopie einer befreiten Gesellschaft allgemein ausgerichtet sind, verkürzen die Nazis ihre Kritik, so dass Befreiung und Herrschaftsfreiheit immer nur für weiße Deutsche zum Ziel wird. Weiterhin besteht hier ein positiver Bezug zur Nation sowie immer antisemitische Untertöne, die Kapitalismus als eine Art Verschwörung einer Gruppe von Personen (die Juden, die Spekulanten) deuten.

Lifestyle von Rechts?

   Diese Verbreiterung der Lifestyle-Angebote hat eine wichtige Bedeutung für die extreme Rechte:sie schaffen und repräsentieren ein größeres Angebot, mit dem es vor allem für jüngere, noch nicht fest eingebundene Rechte möglich wird, gewissermaßen ihr ganzes Le ben innerhalb der Szene zu verbringen. Die politische Überzeugung wird nicht mehr als nur partiell bedeutsam empfunden, sondern ei ne Identifikation in allen Lebensbereichen ist möglich, über Kleidung, Musik, Parties, Merchandising, Fanzines und politische Manifestationen selbst.

   Dadurch wird die Szene interessanter und eine Identifikation mit rechten Inhalten leichter, da sie immer mehr in der Mainstream-Kultur wiederzufinden sind.

   Es ist nicht klar zu entscheiden, ob diese Veränderungen bewusste politische Taktik, Zufall oder einfach Ausdruck einer allgemeinen Modernisierung der Szene sind. Sicherlich gibt es einige politische Kader, die recht bemüht und entsprechend erfolglos versuchen, sich jugendgerecht zu geben. Der Großteil dieser Entwicklung kann aber dadurch erklärt werden, dass sich die Szene über einen langen Zeitraum hinweg verändert und geöffnet hat – entsprechend ähnlicher Veränderungen in der sie umgebenden bürgerlichen Gesellschaft. Eine ähnliche Tendenz ist anhand der Rolle von Frauen innerhalb der extremen Rechten zu beobachten: je mehr Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft präsent sind und Einfluss fordern und erlangen, umso mehr wirken sich diese Entwicklungen auch in der extremen Rechten aus. Die gesellschaftlichen Umbrüche nach ´68 sind auch an der Neonaziszene nicht spurlos vorbeigegangen, wenn auch mit deutlicher Verspätung. So wird auch hier die Teilnahme von Frauen am politischen Alltag immer selbstverständlicher, das Frauenbild erweitert sich, aktive, dominante und kluge Frauen werden sogar in Führungspositionen geduldet.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Veränderungen im rechten Lifestyle eine Anpassung der Szene an gesamtgesellschaftliche Entwicklungen darstellt, die keinesfalls im Widerspruch zu ihrer unverändert rassistischen Ideologie stehen müssen. Wenn immer nur einzelne Aspekte von Strömungen sowohl von Subkulturen als auch aus dem Mainstream benutzt und rassistisch umgedeutet werden, bedeutet das zunächst nur eine positive Bereicherung der Szene und keine Infragestellung ihrer Ideologie. Allerdings ist auch zu bedenken, dass diese Erweiterung in der Konsequenz eine Art postmoderne Beliebigkeit bedeutet:wenn der Einstieg in die Szene immer mehr erleichtert wird, die Identifikationsangebote kaum noch von denen anderer Subkulturen zu unterscheiden sind, dann wird auch der Ausstieg leichter, die Bindung an die Szene weniger stark und die Überzeugung weniger intensiv. Die scheinbare Vereinnahmung linker Symbole oder Musikstile durch die Neonazis überrascht immer wieder, sich darüber aufzuregen ist aber sinnlos. Wichtiger ist es, die eigenen Symbole nicht inhaltsleer, sondern immer konsequent antirassistisch und herrschaftskritisch zu besetzen, was eine feindliche Übernahme verhindert. Ebenso wichtig ist es, die Versteckspiele und die veränderten Stile der Neonazis zu enttarnen, öffentlich zu machen und ihnen entschlossen entgegenzutreten, wie es mit der Demonstration, hier in Hamburg am 10.09. gegen den Naziladen auf dem Kiez erfolgreich geschehen ist.

Gastartikel von Avanti, Projekt undogmatische Linke

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