Initiative Violett-WeissDen Stier kastrierenStephan Huber hat die Schnauze voll: „Spontan dachte ich, dass ich in der größten Bauerndisco der Welt bin", erinnert sich der Österreicher. Dabei war er doch nur bei einem Heimspiel der Austria Salzburg. Doch es war nicht irgendein Heimspiel, sondern das erste unter dem neuen Namen „Red Bull" - und für viele Anhänger der Anfang vom Ende eines Traditionsvereins. Der Streit begann im April. Der österreichische Erstligaclub verkaufte mit dem Verkauf seiner Namensrechte an die Getränkefirma „Red Bull" auch seine Trikotfarbe. Das gefiel wiederum einer Gruppe traditionsbewusster Anhänger nicht, die daraufhin in Anlehnung an die ursprünglichen Vereinsfarben die „Initiative Violett-Weiß" gründete, der Huber vorsteht. Es folgte ein monatelanger Streit zwischen Red Bull Salzburg Geschäftsführer Kurt Wiebach und der Initiative, der mittlerweile von Seiten der Aktivisten für beendet erklärt wurde. Diese fordern die Rückkehr zu den alten Farben und organisierten in den vergangenen Monaten Proteste gegen den Ausverkauf des Vereins an den österreichischen Brausekonzern mit den Rindviechern im Logo. Vergebens. „Die Firma Red Bull kann doch nicht wegen ein paar Romantikern ihr Logo umfärben", rechtfertigt Wiebach die erste Maßnahme, die der neue Hauptsponsor vor der Sommerpause ergriffen hat. Die Salzburger wurden in den Firmenfarben rot und weiß (Heimtrikot) beziehungsweise blau (Auswärtstrikot) ausgerüstet. Der Einstieg der roten Bullen setzte sogar so viel Energie bei den Verantwortlichen frei, dass das ursprüngliche Gründungsdatum (1933) kurzerhand in 2005 geändert werden sollte. Doch so weit kam es nicht. „Der Versuch, das Gründungsdatum zu ändern, ist ein Beweis dafür, wie wenig die Herrschaften von Red Bull vom Fußball verstehen", spottet Huber. Denn eine Änderung des Datums wäre laut Verbandsstatuten einer Neugründung gleich gekommen. „Dann hätte der Club in der siebten Liga neu anfangen müssen", so Huber. Den Aktivisten ging es allerdings während der gesamten Protestphase um mehr als in Bullenkostüme gestopfte Marketingstudenten, die das Publikum mit kleinkindartigen Rumgehopse zum Anfeuern aussortierter Bundesliga-Allstars wie Thomas Linke und Alexander Zickler animieren. Sie sahen in der Übernahme nicht nur den Ausverkauf der eigenen Werte, sondern auch die Degradierung politischer Symbolhaftigkeit: „Der Name Austria sollte 1933 zu Beginn der Nazizeit die Unabhängigkeit des Clubs demonstrieren. Die Farben violett-weiß waren nicht politisch besetzt", erklärt Huber. Der Streit um die Jersey-Farbe eskalierte endgültig beim dritten Saisonspiel der Bullen in Ried. Wohl auch, weil beide Parteien bis dahin keinen Schritt aufeinander zugegangen waren. „Alte Leute und Kinder wurden mit Bier überschüttet, Randalierer haben Toilettenhäuser angezündet und mit Leuchtraketen auf das Spielfeld geschossen", fasst Huber die Ereignisse des unrühmlichen Gastauftrittes zusammen. Die Reaktion des Vereins ließ nicht lange auf sich warten. 57 Anhängern wurde Stadionverbot erteilt. Fünf der vermeintlichen Störenfriede waren in der laufenden Saison allerdings in keinem Stadion, können folglich auch nicht in Ried randaliert haben. Und auch die übrigen Sanktionen wurden nach einem Spiel weitestgehend wieder aufgehoben. „Das war ein Versehen, aber zehn Prozent ist doch eine passable Fehlerquote", so Wiebach. Da kann man nur froh sein, dass dieser Mann kein Chirurg geworden ist. Mittlerweile hat es drei Gespräche zwischen Vertretern der Initiative und dem Verein samt Besitzer Red Bull gegeben. Ein Angebot des Vereins: Ab der kommenden Saison spielt der Verein mit komplett weißen Trikots, das rund sechs Zentimeter große Sponsorenlogo von Adidas soll dann in violett gefärbt werden. „Ein Witz", so Huber. Zudem steht noch gar nicht fest, ob dann wirklich noch das Logo von Adidas oder einem Textilanbieter aus der Nachbarschaft auf der Brust der Salzburger prangt. Denn im Streit um die Trikots gibt es noch eine dritte Partei. Vor der Saison löste der Club, bei dem FC-Bayern-Präsident Franz Beckenbauer als Berater fungiert, seinen bis 2006 laufenden Vertrag mit Sportartikelhersteller Puma, um zur Konkurrenz zu wechseln. „Natürlich hat da auch die Freundschaft zwischen Red-Bull-Besitzer Dieter Mateschitz und Franz Beckenbauer eine Rolle gespielt", räumt Wiebach ein. Im Augsut hat Puma eine einstweilige Verfügung gegen die Vertragsauflösung erwirkt, so dass der Club eigentlich wieder in Puma-Kleidung auflaufen müsste. Ein weitere Posse im Bullenkäfig. Mittlerweile liegen die Nerven bei einigen Anhängern blank, eine Spaltung der Fanszene droht. Trainer und Rhetorikwunder Kurt Jara, zuvor beim 1. FC Kaiserslautern und dem Hamburger SV gefeuert, kommentierte das Problem auf seine Art: „Diese Fans gehen mir auf die Nerven. Die sind vor zehn Jahren noch in kurzen Hosen gegangen und reden von Tradition. Wenn sie einen violett-weißen Club wollen, dann sollen sie einen gründen. " Gut möglich, dass Huber und Co. diesen Ratschlag schon bald beherzigen. Denn das finale Gespräch zwischen der Initiative und Vertretern des Vereins sowie Red Bull vom 15. September haben die Aktivisten für gescheitert erklärt. In einer Mitteilung an die Unterstützer heißt es: „Von uns an kann Wiebach sein Spottangebot weiß-roter Dressen mit violetter Kapitänsschleife und violetten Tormannstutzen nach Lust und Laune noch bis Silvester 2017 aufrecht erhalten. [. .. ] Die Initiative hat die Gespräche für beendet erklärt. " Weiter heißt es in der Erklärung: „Ein herzhaftes Lachen hat uns auch die Aussagen von Rudolf Quehenberger [Ex-Präsident, Anm. d. Red. ] gekostet, der folgendermaßen zitiert wird: ´[. .. ] und nun hat eben Red Bull das Sagen und ohne Red Bull wäre der Verein nicht dort, wo er jetzt ist. ´ Wo ist der Verein, den eine Getränkefirma zum internationalen Sinnbild des herzlosen Kommerzes gemacht hat? Am vorletzten Tabellenplatz nach neun Runden, vor Gericht wegen eines nicht eingehaltenen Ausrüstervertrages. " Die Zeichen stehen auf Neugründung. „Die sollen uns doch einfach geben, was sie eh nicht mehr haben wollen", sagt ein Mitglied der Initiative und meint damit den Namen „Austria". Dann könnten die Aktivisten unter diesem einen neuen Verein in der siebten Liga gründen und wären am Ziel „Reclaim your club". // cohones |
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