Mondiali Antirazzisti 2005
"Dort, wo der Staat aufhört, beginnt erst der Mensch..." (Nietzsche)
Diesmal möchte ich einen sehr persönlichen Bericht über die Mondiali hier
platzieren. Ich empfinde mich sowieso weniger als Journalisten; mehr als schreibenden
Lebenskünstler, doch das ist eine andere spannungsgeladene Geschichte.
Wie sehr ich eigentlich im Vorfeld des Turniers unter Druck stand, wird mir allmählich
klar und ich begreife, wie (mich) erkennende Mechanismen meist nur nachgeschaltet
am Kragen packen. Was sind wir naiv in Momenten des Geschehens und bleiben das
auch; womöglich ein Leben lang. Bei aller Vorausschau, die den Verstand fesseln kann, bleibt die Sehne des Bogens dem Zerreißen
nahe - solange -, bis der Pfeil endlich abschnellt...
Was war das auch für ein Kontrast, dem wir uns auslieferten; ein Tag zuvor noch wandernd
im einsamen Idyll des Berner Oberlandes und 36 Stunden später auf der
"Showbühne des antirassistischen Allerleis".
Bei unserer Ankunft erwischte uns schlussendlich die Lawine. Erfahrungsgemäß
waren schon viele sprachverwandte Leute
da und unser Wahrnehmen dieser hörte sich
dann so an: "Aha, die sind auch schon da;
und da drüben sind die. Aber was machen
die denn eigentlich hier? Haben die jetzt das
Lager gewechselt? Na ja, mal abwarten und
Johanniskrauttee trinken...!?" Nach kurzer
Neu- bzw. Umorientierung fanden wir uns
dann ein, bemerkten sogleich, dass die Veranstalter
durchaus Möglichkeiten gefunden
hatten, Konfliktpotential so niedrig wie
möglich zu halten; und das mit einfachen
Mitteln: da war x auf Campingplatz eins und y auf zwei.
Der Grossteil der Braun-Weißen war
schonein getrudelt, und wir mischten uns
dazu. Die zum ersten mal angereisten
Schwarz-Weiß-Blauen waren natürlich auf
dem anderen Campgrund und sollten die Tage
über naturgemäß einen nicht unbeträchtlichen
Teil unserer Gespräche ausmachen.
Transparente wurden aufgehängt, alt und
neu vertraute Wegbegleiterausgemacht
und begrüßt. So akklimatisierte man sich
langsam und kam an. Abends ging nach
zwölf nicht mehr viel bei mir; zu fertig war
ich noch von den physischen und nun auch
aufkommenden psychischen Begleiterscheinungen
der Tage.
"Was ist los, was ist passiert, was hat dich bloß so ruiniert"
Was man dann am nächsten Morgen über
spätnächtliche Eskapaden erfuhr, war erwartungsgemäss
der erste Tiefschlag in die
Magengrube, was aber im Nachhinein als intensives
Beschnuppern und Grenzen ausloten
vernommen werden kann. So sind im Eifer
des formvollendeten Rausches bei einigen
Wenigen die Sicherungen etwas angekokelt;
doch es blieb bei verbalem Geifer!
Dennoch: Wir wären nicht St. Paulianer aus
Leidenschaft (Betonung auf der ersten Silbe),
wenn wir der nahenden Flut nicht schon
im Vorfeld begegnet wären. So haben wir
uns auf ein paar Verhaltensregeln geeinigt,
um dem Frieden eine Chance zu geben.
Langsam begriff ich auch, aus welcher Richtung
der Wind wehte. Die Lokalrivalen waren
alles andere als auf Krawall gebürstet.
Im Gegenteil: Sie schienen ebenso wie wir,
dem Geist der Mondiali Respekt zollen zu
wollen vielmehr konzentrierte sich das Ärgernis
auf mehr oder minder einen Berliner
mit wenig hirnschmalziger Füllung, dessen
Bekanntschaft ich schon zwei Wochen vorher
auf einem Turnier in Hanau machen musste.
Wenn ich jetzt über jenen Luftikus wenige
Worte verliere, dabei nicht auszuschließen
ist, dass dieser das hier liest, wird er sich
vermutlich noch geehrt oder sich zu Unrecht
angeprangert fühlen, anstatt der Kritik ins
Auge zu sehen. Doch wer ständig in der
Muckibude abhängt, seinen schlagenden Argumenten
mehr Kraft beimisst und sich regelmäßig
ins Tal der Tränen säuft, ist entweder
vom Frust dermaßen zerfressen und/oder
hat gegebenenfalls jegliche Fähigkeit zur
Selbsterkenntnis eingebußt. "Was ist los,
was ist passiert, was hat dich bloß so ruiniert",
möge man fragen. Ich hörte, du seiest
früher auch bei Spielen rund um unseren FC
gesichtet worden. Ist aus irgendeinem abstrusen
Grunde Liebe zu Hass umgeschlagen?
Bist du deswegen ein (Tennis)Schläger
geworden? Wie gut das deine vereinnahmenden,
manipulierenden, ja aufhetzenden
Versuche nach dem Banda Bassotti-Konzert
nicht gefruchtet haben und die "Zehn gegen
Zehn-Angebote" verpufft sind wie ein abglimmender
Bengalo. Regression kann auch
Progression bedeuten...
"Für die Überflüssigen war der Staaterfunden"
Doch nun genug von den enervierenden Ereignissen
der Tage. Die positiven Eindrücke
überwiegen sowieso; und spätestens nach
dem Auftritt von Banda Bassotti war bei mir
der Kloß aus der Magengegend verdaut, und
die losgelöste Zeit begann. Selbst der Regen,
der hin und wieder hereinfiel und das Spielen
auf den Plätzen zu einer Rutschpartie gemacht
hätte - die restlichen Gruppenspiele
und alle Finalspiele wurden im Fünf- bis Siebenmeterkicken
(irgendwo dazwischen war der rot auf die Stoppeln gesprühte Punkt)
ausgetragen - ,trübte nur den Himmel. Man
könnte unken, dass der Wettergott uns nicht
wohl gesonnen war, da doch die Wochen zuvor
die Sonne den Po nahe ins Bett zurückgedrängt
hatte und vielerorts das lebensstiftende
Nass bedenklich knapp wurde.
Man könnte aber auch meinen, dass es unserem
Auftauchen zu verdanken war, dass
die erbarmungslose Hitze ein Päuschen
machte und dem Fußballspiel dadurch einen
herrlich wettbewerbsverzerrenden Charakter
gab. Mit gutem Auge und standfesten
Tritt sicherten sich hier Fanatic Marseille den
Cup. Aus demz um ersten Mal gespielten
Frauen-Turnier gingen mit Kreuzberg 36 und
Black Chiquas gleich zwei Mannschaften als
Sieger hervor, da es nach regulärer Spielzeit
und anschließendem Siebenmeterschießen
immer noch unentschieden stand und sich
niemand krönen lassen wollte. In Anbetracht
solcher einvernehmlichen Entscheidungen
und Erlebnisse sinkt mein Interesse für die
kommende Scheiß-WM ins Bodenlose. "Für
die Überflüssigen ward der Staat erfunden",
um noch mal Nietzsche, den Massenverächter,
zu zitieren.
Ich frage: Ist es wirklich etwas besonderes,
wenn Professionelle - die ihre meiste
Zeit im Training dem Fußball widmen - aufeinander
treffen, dort zwischen Kampf und
Kunststück einen (nur einen!!!) Pokal ausspielen,
was von Milliarden von Menschen
umjubelt wird? Oder ist es von besonderer
Bedeutung, wenn zahlreiche Laien in einem
Turnier wenige Geniestreiche vollbringen -
weitab von Kamera und Ruhm -, womöglich
aber sportlichl eer ausgehen und dann doch
bei der Ehrung auf die Bühne gerufen werden,
weil sie sich in vorbildlicher Weise während
der Tage im Parco Enza hervor getan
haben?
"Liegt St.Pauli etwa in Rotterdam?"
Wir haben eine fantastische Zeit miteinander
verbracht, haben unter uns und zwischen
uns Bande und Kontakte geknüpft, Unverständnis
abgebaut, Verständnis aufgebaut;
wir sind näherzusammen gerückt, haben
ferne des alltäglichen Stresses Zeit füreinander
gefunden, haben zuhören können,
und haben erzählen können; haben erfahren
können, was es bedeutet, Menschen mit Gefühl,
Sprache und Verstand zu treffen. Und
wir haben einen Pokal gewonnen. Ich denke,
die Ultras und der Fanladen pflichten mir
bei, wenn dera n sie überreichte Mondiali
Antirazzisti Cup allen St. Paulianern gewidmet
ist und wird, die dazu beigetragen haben,
dass sich unsere Fanszene zu dem entwickelt
hat, was sie ausmacht. Auf das wir
das verteidigen! Auf das wir auch in Zukunft
unsere Sinne nach innen und nach außen
richten werden! Ich bin mir sicher, dass gerade
unsere große heterogene Gruppe, die
wir dort gaben, näher zusammen gerückt ist,
dass die Schnittmenge vervielfacht wurde.
Mögen wir im Sturme zusammenstehen und
dabei die kritische Selbstbetrachtung nicht
verlieren. Ich bin bereichert, ich bin beseelt
und das kann mir zu Lebzeiten keiner mehr
nehmen.
Abschließend noch eine amüsante Anekdote:
Nach Abschluss der Siegerehrung kam
eine BBC-Reporterin auf uns zu und wollte
neben etwas Liedgut auch ein Interview haben.
Nach diesem fragte sie doch glatt, in
welcher Stadt St. Pauli denn liegt. "In Rotterdam?!?",
war ihre wage Vermutung...
pelstinho
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