Ausblick Mondiali Antirazzisti 2005
Gemeinsamkeiten finden!

    Die Geschehnisse auf der Mondiali im letzten Jahr machen es notwendig, schon im Vorfeld auf wichtige Begleitumstände aufmerksam zu machen. Das Diffamieren von "ganzen" Gruppen und gewalttätige Auseinandersetzungen dürfen sich nicht wiederholen; wer dennoch in geistiger Umnachtung – anders kann ich es gar nicht ausdrücken – seiner Verantwortung nicht nachkommt und außerhalb des Fußballfeldes offensiv gegen andere Turnierteilnehmer vorgeht, muss mit Konsequenzen und Ausschluss aus dem Parco Enza, dem für ein paar Tage im Juli bunt werdenden Park am Rande Montecchios, rechnen. Das vorweg! Doch warum muss(te) es erst so weit kommen?

   Im Übersteiger 68 rissen wir sehr verkürzt ein mehr als heikles Thema an, das den politischen Hintergrund für die Verfehlungen einiger Weniger auf der letztjährigen antirassistischen WM bildete. Vor geraumer Zeit hat sich in der Linken ein Graben aufgetan, der scheinbar zu einer kaum überwindbaren Schlucht eruptierte. Die Protagonisten üben sich im Starrsinn und suchen das adrenalingeladene Abenteuer in demonstrativen Scharmützeln. Im Zuge des Israel/ Palästina-Konfliktes wurde eine – meiner Meinung nach – notwendige Debatte angeschoben, die aber zum Leidwesen mutierte,einmal mehr tatkräftig menschliche Schwächen unterstrich, in einen Polarisierungswahnsinn ausuferte und - puff - einen Graben aufsprengte, an deren Kanten sich nun die Antideutschen und Antiimperialisten zornige Parolen entgegen schmettern.Der allegorische Graben schützt in der Realität aber nicht vor physischer Nähe dort, wo ein Aufeinandertreffen zum Risikospiel mit eventuell bösen Folgen werden kann. Siehe Mondiali 2004!

   Der Eklat begann mit einem anonymen Flugblatt (es war lediglich mit "Antifaschistischer Aktion" untertitelt), das über Nacht verteilt wurde, und in dem die Gruppe des Roten Stern Leipzig pauschal als rassistisch denunziert und der Ausschluss vom Turnier gefordert wurde. Im weiteren Verlauf des Turniers weigerten sich eine Kopenhagener Gruppe und zwei Frauenteams gegen den RSL zu spielen, es gab eine Art Demonstration und schließlich kam es nachts zu einem tätlichen Angriff,bei dem auch Unbeteiligte zu Schaden kamen. So weit, so schlecht!

   Ohne an dieser Stelle auf inhaltliche Aufarbeitung des Flugblattes und des vorher entstandenen Grabenkampfes einzugehen – wie soll mensch dem auch gerecht werden, ohne mit Scheuklappen und Abgrenzung zu arbeiten – möchte ich den Fokus auf die Mondiali Antirazzisti richten.Was kann ein Turnier wie dieses leisten, das über die wenigen Jahre seiner Existenz so gewaltig gewachsen ist und einmal im Jahr für ein verlängertes Wochenende stattfindet? Was können gerade die TeilnehmerInnen dazu beitragen, dass dieses kurze Turnier zu einem festlichen Miteinander und nicht zu einem bösartigen Gegenaneinader erwächst?

   Im Hinterkopf die traurigen Umstände des letzten Jahres und am Horizont die Mondiali 2005 luden die Veranstalter,Progetto Ultra und Istoreco, Mitte Februar zu einer Diskussionsrunde nach Berlin, um noch mal die Geschehnisse aufzuarbeiten und gerade die gestellten Fragen zu erörtern. Gekommen waren auch mehr oder weniger unmittelbar Beteiligte der Konfliktparteien, die in konstruktiver Atmosphäre zwar nicht die ungeheuren politischen Differenzen ausräumen konnten (wie auch?), - und das wohl zukünftig auch nicht leisten können, zu deutlich war herauszuhören, dass Grundsätze und Prinzipien weit auseinander liegen, um ein gemeinsames Arbeiten möglich zu machen (schade!) – dennoch das Gelingen der Mondiali in diesem Jahr in den Vordergrund stellen wollen. In diesem Zusammenhang war gerade den Veranstaltern wichtig zu betonen, dass die Mondiali nicht eine Plattform bieten kann, um seit Jahren schwelende innerpolitische Auseinandersetzungen in der Linken auszutragen und zu lösen.Sicherlich können im Dialog geführte und auf freiwilliger Basis initiierte Diskussionen zu unterschiedlichen politischen Standpunkten stattfinden, die aber wiederum nicht von den Veranstaltern supervisionär betreut werden können und nicht ausarten sollten, denn "Gewalt macht alles kaputt", wie Carlo vom Progetto Ultra so treffend sagte. Vielmehr sei die Mondiali als ein Ort zu verstehen, wo, ausgehend von einer gemeinsamen Ablehnung von Rassismus und jeglicher Form von Diskriminierung, der interkulturelle Charakter und das Finden von Gemeinsamkeiten im Vordergrund stehen sollte. Die Mondiali soll Leuten den Raum bieten, miteinander in Kontakt kommen zu können, die ansonsten in eher verschiedenen Welten leben; also Fußballfans, politische Leute,MigrantInnen,Flüchtlinge, etc. Von daher ist die Mondiali ein sehr politischer Ort,dessen spezieller Charakter von den teilnehmenden Gruppen respektiert werden sollte!

   In der Mitteilung zur Mondiali Antirazzisti schreiben die Veranstalter auf deren Homepage (www.mondialiantirazzisti.org) zu den Prinzipien und Idealen des Turniers weiter:"Unterschiede akzeptieren, Solidarität üben, interkultureller Austausch, Sportlichkeit und Fairplay in jeglicher Hinsicht – um nur einige der für uns wichtigen Punkte zu nennen.Diese Prinzipien zu missachten, ist eine Respektlosigkeit gegenüber allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und Ignoranz gegenüber dem antirassistischen Engagement vieler, dem Grund, aus dem wir uns Jahr für Jahr in Montecchio treffen." Dem ist nichts hinzuzufügen!

   Letzter wichtiger, beim Treffen im Februar angesprochener Punkt im Hinblick auf die vom Mittwoch, den 6.Juli bis Sonntag,den 10.Juli stattfindende Antirassistische Fußball-Weltmeisterschaft 2005 im Parco Enza in Montecchio Emilia (Italien) betrifft die Verantwortlichkeit und die bewusste Auseinandersetzung mit dem Turnier im Vorfeld.

   Es soll an alle teilnehmenden Gruppen appelliert werden, sich mehr und stärker für das Auftreten der Gruppen verantwortlich zu fühlen. Deswegen sollte es zumindest eine Person (besser mehr) geben, die diesen Part bewusst übernimmt (zum Beispiel dafür Rechnung tragen, wenn Leute aus der Gruppe zu besoffen sind und dann anfangen, sich in der "Testosteron- Bude" daneben zu benehmen).

   Und gerade auch weil sich die Mondiali ein "wenig" weg von einer großen politischen Manifestation hin zu einem beliebigen Wochenendfußball und Männersaufgelage entwickelt hat, soll der "Geist" des Turniers durch gezielte Informationen (z.B. kurze Ansprache im Bus, Verteilen eines Flugis an die Gruppenmitglieder, Bekanntmachung in einschlägigen Foren wie Fanzines, etc.) in die teilnehmenden Gruppen hinein getragen werden, damit von vornherein im Groben klar ist, um was es geht und was nicht geht!

   Da in den vergangenen zwei Jahren speziell deutsche Gruppen negativ aufgefallen sind, eine verbreitet zur Schau gestellte, inhaltslose und unreflektierte Gewaltbereitschaft von einigen Leuten kaum tolerierbar ist und die Sitten untereinander allgemein zu verwildern drohen, herrscht Handlungsbedarf.Zum Beispiel im Essensbereich,der später am Abend gerne zum Aufenthalt und Singen benutzt wird (die schon oben erwähnte und erst in den vergangenen zwei Jahren mit dem kaum positiven Namen "Testosteron-Bude" betitelt wurde), traten gehäuft sogenannte "Anti-Gesänge" auf. Die Mondiali ist kein Ort,um Fanfeindschaften auszuleben. Viele Teilnehmer aus den Jahren davor waren mehr als enttäuscht über diese Entwikklung, da sie das gemeinsame Singen von Liedern wie z.B. "Bella Ciao" als wunderschöne Erlebnisse in Erinnerung hatten. Das kann durchaus wieder so werden. Das "Zusammenabfeiern" schafft Eindrücke,die das Herz höher schlagen lassen und ist mit eine der schönsten Solidaritätsbekundungen. Das "Sichselberabfeiern" schafft Abgrenzung und Unverständnis bei den Anderen.Wollt ihr das wirklich?

   Ich will das keineswegs und weiß, dass die meisten Mondiali-Gernfahrer ebenfalls so denken. Deswegen noch einmal:Gemeinsamkeiten finden und nicht Unterschiede herausarbeiten!

   Abschließend bleibt zu hoffen, dass sich alle an die besprochenen Abmachungen halten und diese weit in die teilnehmenden Gruppen hinein tragen. Aufgrund der Diffamierungen, der anonymen Denunziationen und der Gewalt im letzten Jahr sind viele sensibilisiert, und die Mondiali 2005 wird dadurch zu einer besonderen Herausforderung. Gehen wir Ihr mutig entgegen, und seien wir guter Dinge!

pelstinho

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