"Die sollen buchen"

Interview mit dem Aufsichtsrat-Vorsitzenden Michael Burmester

Beim FC St. Pauli ist in den vergangenen Monaten, insbesondere seit dem Amtsantritt des aktuellen Präsidiums, so einiges schief gegangen. Immer wieder gab es seitens des Präsidiums fragwürdige Entscheidungen, wurden offensichtlich Fehlentscheidungen getroffen, die Satzung mit Füßen getreten sowie Aufsichtsräte und Mitglieder vor den Kopf gestoßen oder vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Übersteiger wollte es genauer wissen und lud den Aufsichtsrat-Vorsitzenden Michael Burmester zum Gespräch ein:

ÜS: Auf der letzten Mitgliederversammlung entstand der Eindruck, dass die Aufgabenerfüllung aus Richtung des Präsidiums erschwert wurde. Der Aufsichtsrat wurde offensichtlich nicht immer vom Präsidium über zu beschließende Sachverhalte unterrichtet.

MB: Die diversen von uns auf der JHV angesprochenen Satzungsverstöße verschiedener Art waren oft zeitlich bedingt. Insgesamt ist es aber richtig, dass das Präsidium den Aufsichtsrat nicht oder verspätet die Möglichkeit gegeben hat, die Kontrollfunktion auszuüben.

ÜS: Kannst du konkret einen Vorgang nennen, den ihr auf der JHV angesprochen habt. Beispielsweise bei der Verpflichtung von Siberie?
MB: Der Vertrag mit Siberie war nicht genehmigungspflichtig, dafür aber andere, deren Namen ich jetzt nicht nenne. Für die Regionalliga gilt folgendes: Genehmigungspflichtig sind Vorgänge und Verträge über 150.000 € und/oder länger als zwei Jahre Laufzeit. Es ging dabei aber auch um vereinsrelevante genehmigungspflichtige Verträge, die nichts mit den Spielern zu tun hatten.

ÜS: Um den Vertrag mit Frank Fechner vielleicht?
MB: Ja, der fällt beispielsweise darunter, wobei in diesem Fall ein neuer Vertrag aufgesetzt wurde. Es ist so: Wenn Verträge, die genehmigungspflichtig sind, vom Aufsichtsrat nicht genehmigt werden, ist der Vertrag,wenn man es genau nimmt, schwebend unwirksam. Von daher sehen wir das so, dass egal von welchem Vertrag wir sprechen, dieser erstmal läuft. Im Falle des Falles, wenn es ganz unglücklich läuft, fällt die Haftung halt auf die aus dem Präsidium zurück, die den Vertrag unterschrieben haben.

ÜS: Wenn ihr solche Sachen erlebt, wie geht ihr damit um? Man hat das Gefühl, dass sich ein Dreigestirn gebildet hat, welches die Geschäftstätigkeit im Aufsichtsrat führt, bestehend aus Tay Eich, Christoph Kröger und Dir.
MB: Das ist natürlich so. Dadurch dass die drei genannten auch gleichzeitig die Vorsitzenden sind, fokussiert sich das Tagesgeschäft auf eben diese Personen.Wobei wir es so organisiert haben, dass wir drei uns gleichberechtigt sehen und insgesamt eng zusammenarbeiten. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Vorsitzenden federführend sind, wenn Sitzungen vorbereitet oder erste Gespräche geführt werden. Es ist natürlich nicht zweckmäßig sofort alles mit dem gesamten Aufsichtsrat zu machen. Das wäre terminlich nicht zu schaffen.

ÜS: Wenn es um Entscheidungen geht, die ihr nicht mehr beeinflussen könnt, weil ihr vor vollendete Tatsachengestellt wurdet. Wie im Fall des Arbeitsvertrags mit Frank Fechner. Wie können wir uns die Kommunikation danach mit dem Präsidium vorstellen?
MB: Wenn Verträge nicht genehmigt worden sind, ist es wichtig, dass immer eine Gegenleistung da ist. Wie beispielsweise, wenn einer seine Arbeitskraft in den Dienst des FC St. Pauli stellt.Wir würden das definitiv nicht bei Verträgen machen, bei denen der FC St. Pauli schlechter da steht, weil eine konkrete Gegenleistung fehlt. Der interne Ton ist schärfer geworden

ÜS: Ihr habt aber einen bisschen den Eindruck vermittelt, als wäre es ein Instrument des Präsidiums, Entscheidungen so lange hinaus zu zögern, bis ihr einfach nur noch zustimmen oder könnt oder eben nicht, ohne eine oft wichtige inhaltliche Diskussion zu führen?
MB: Das ist richtig.Wir werden viel zu oft mit Tischvorlagen konfrontiert. Es ist leider die Ausnahme, dass wir mit entsprechender Vorlaufzeit Unterlagen bekommen. Das sollte eigentlich der Standart sein. Daraus werden natürlich Konsequenzen abgeleitet. Wir haben uns jedoch zum Ziel gesetzt, das meiste intern zu regeln. Nachteil dabei ist, dass nach außen hin der Eindruck entsteht, dass der Aufsichtsrat nichts macht und alles immer fröhlich abnickt. Der interne Ton ist auf jeden Fall schärfer geworden. Das muss man deutlich sagen. Es gibt auch schon Abstufungen seit letzten November,was die interne Kommunikation zwischen Präsidium und Aufsichtsrat angeht.Wir halten aber weiterhin nichts davon, Sachen in der Öffentlichkeit breitzutreten. Es ist seinerzeit mal ganz bewusst dieser Schritt gemacht worden, weil gewisse Grenzen überschritten wurden und eine derartige Maßnahme kommen musste. Da haben es sich einige Leute einfach gemacht und unsere Aussage bei der JHV übersetzt mit: "Noch ein, zwei Satzungsverstöße und dann muss der Aufsichtsrat das Präsidium quasi rausschmeißen".

ÜS: So wirkte es aber auch bei deiner Rede auf der JHV. Es wurde ein Punkt gesetzt und wir hatten das Gefühl, dass genau dieses nach zwei, drei weiteren Verfehlungen passieren müsste. Und genau das ist nicht passiert. Der Aufsichtsrat wirkt dadurch nicht glaubwürdig.
MB: Klar, von außen lässt sich der Eindruck nicht vermeiden. Es ist natürlich von Nachteil, wenn man versucht die Dinge intern zu regeln und nicht über die Presse geht. Dadurch entsteht sicherlich Misstrauen im Verein, welches auch das Präsidium zu verantworten hat. Die Worte, die wir gewählt haben, bedeuten, dass wir entsprechende Maßnahmen einleiten werden, gegebenenfalls bis hin zur Amtsenthebung. Die Medien haben daraus die Überschrift gemacht: "Der Aufsichtsrat droht Littmann". Übrigens fällt immer nur der Name Littmann, dabei ist das ganze Präsidium gemeint. Es wurde immer nur von Amtsenthebung gesprochen. Es ist klar, wir sind und waren in letzter Zeit in wichtigen Prozessen, z.B. Thema Umsatzsteuer etc. Eine Sache, die das Präsidium mit der Vereinbarung mit den Steuerbehörden gut gelöst hat. Man muss alles im Gesamtkontext sehen. Wenn nur Fehler gemacht worden oder ausschließlich nur die angesprochenen negativen Dinge passiert wären, hätten wir sicherlich schon ganz andere Schritte vorgenommen. Es ist aber nach der JHV nicht so weitergegangen wie vorher. Beispielsweise gibt es im Punkt Verträge nichts negatives mehr zu berichten. Es ist kein Satzungsverstoß mehr aufgetreten.

ÜS: Eine Frage zur Struktur zum Aufsichtsrat: Gibt es außerhalb der Struktur Vorsitzende/ Restaufsichtrat eine Lagerbildung? Beispielsweise ihr drei Vorsitzenden und eine Prokopp- Helbing- Fraktion und wo steht Jost Münster da?
MB: Das ist zu einfach dargestellt. Es gibt natürlich nicht den homogenen Aufsichtsrat schlechthin. Je nach Thema gibt es starke Differenzen,was das Abstimmungsverhalten angeht. Oder Diskussionen die im Aufsichtsrat wirklich sehr kontrovers geführt werden. Teilweise aber auch sehr eindeutig und einstimmig.

ÜS: Ein anderes Thema: Dadurch, dass Herr Kampmann als Alternativkandidat zu Littmann offensichtlich vom Aufsichtrat angesprochen wurde, ohne vorherige Abstimmung zwischen allen Mitgliedern, scheint der Aufsichtsrat doch nicht so homogen zu sein?
MB: Die Geschichte hat sich anders dargestellt. Ein Aufsichtsrat- Mitglied hat Herrn Kampmann ins Gespräch gebracht mit der Maxime, dass Herr Kampmann dem Verein helfen möchte und sich ein Gespräch mit dem Vorsitzenden wünscht. Daraufhin habe ich einen Termin vereinbart. Prokopp, Eich, Kröger und ich haben das Gespräch geführt. Parallel dazu lief dann in der Presse dann die Geschichte, dass Herr Kampmann Präsident werden möchte.

ÜS: Von wem wurde das lanciert? Kannst du dir das vorstellen?
MB: Ich kann mir vieles vorstellen. Das Problem in diesem Club ist, das gewisse Sachen wahrscheinlich sind, aber wer welche Dinge nach außen trägt ist fast nie zu beweisen. Herr Kampmann wollte helfen und wünschte ein Gespräch mit dem Aufsichtsrat.Als die Sache dann in der Presse hoch kochte, haben wir vorher das Präsidium informiert, damit es von unserer Seite ordentlich abläuft. Der Aufsichtsrat hat den Vorgang aber nicht forciert. Dieses Gespräch lief dann anders ab, als wir uns das vorgestellt haben.

ÜS: Also war es war ein Bewerbungsgespräch für den Posten des Präsidenten, vermutlich mit verlockenden Angeboten?
MB: So kann man das im Nachhinein bezeichnen. Es gab auch verlockende Angebote, es sind durchaus gewisse Dinge in den Raum gestellt worden. Wir haben versucht, die Landschaft im FC St. Pauli darzustellen. Daraufhin stellte sich die Sache für Herrn Kampmann offensichtlich auch etwas anders da und war für ihn unter den gegebenen Umständen kein Thema mehr.

ÜS: Wie war der Gesamteindruck von dem, was von Kampmann angeboten wurde. Klang das seriös oder eher nach schneller Eigenwerbung für sich oder sein Unternehmen? Oder hatte sich Kampmann wirklich mit dem Thema beschäftigt?
MB: Ich möchte nicht zu tief auf die Gesprächsinhalte eingehen. Beide Seiten mussten halt feststellen, dass die Vorstellungen ziemlich weit auseinander lagen.

ÜS: Hat bei eurer Entscheidung das Wissen über das Engagement der Rechtsanwälte Campmann und Oberthür bezüglich des Stadionbaus beigetragen?
MB: Nein, erstens waren die Pläne zu dem Zeitpunkt noch nicht so ausgegoren, zum zweiten hat Herr Kampmann schlussendlich die Entscheidung getroffen. Wir haben Herrn Kampmann einfach nur dargestellt,wie der FC St.Pauli mit seinen Besonderheiten gestrickt ist.

ÜS: Also waren der Umfang der Hilfe oder seine Bedingungen nicht akzeptabel?
MB: Nein, wir haben Herrn Kampmann einfach nur dargestellt, wie der FC St. Pauli mit seinen Besonderheiten gestrickt ist. Entgegen aller Ansichten, welche schon andere Präsidenten teilten, ist der FC St. Pauli eben nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen. Da steckt viel mehr hinter, nämlich viele Dinge, die man aufgrund der Struktur bei Mitgliedern und Fans beachten muss. Die machen es besonders und teilweise schwierig.

ÜS: Kannst du die Besonderheiten mal mehr definieren?
MB: Wir haben z.B. mit dem Übersteiger ein Fanmagazin, welches im Vergleich zu anderen Fanzines und Zeitungen sehr nah am Verein dran ist, teilweise sehr gut informiert ist und teilweise arg polarisiert. Wir haben Mitglieder, die eine genaue Vorstellung haben, wie es mit diesem Verein weitergeht und eine patriarchische Führungsstruktur halten wir für veraltet. Derartiges würde den Verein nicht weiterbringen. Ein weiteres Beispiel ist die AGIM, eine Interessenvertretung innerhalb des Vereins. Im Allgemeinen ist das Interesse an der Führung im Verein, also auch die Identifikation mit dem Verein und wie er sich darstellen soll viel ausgeprägter als bei anderen Vereinen. Das ist natürlich zu einem positiv, aber im Führungsbereich macht es die Sache auch manchmal etwas schwieriger. Das hätte man besser machen können

ÜS: Habt ihr nach den Gesprächen mit Kampmann innerhalb des Gremiums wieder eine Linie gefunden oder gibt es dort Differenzen über den Ausgang der Gespräche?
MB: Natürlich haben wir innerhalb des Aufsichtsrates über die Gespräche diskutiert und sie aufbereitet. Das innerhalb des Aufsichtsrates eine unterschiedliche Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit mit diesem Präsidium besteht, ist auch eine klare Sache. Das obliegt der Beurteilung eines jeden einzelnen. Das wir insgesamt nicht glücklich sind über das Verhalten des Präsidiums in den letzten Monaten ist auch ein Fakt.

ÜS: Kommen wir zu den aktuellen Vertragsgestaltungen: Auch bei den Catering und Merchandisingverträgen seit ihr von Anfang an dabei und informiert gewesen?
MB: Ich sage ganz deutlich, das hätte man besser machen können, aber wir sind dementsprechend miteinbezogen worden und konnten uns rechtzeitig dazu äußern. Manchmal etwas knapp aber zumindest rechtzeitig.

ÜS: Für den Rückkauf der Vermarktungsrechte musste das Darlehen aus dem Cateringvertrag von W. Holz herhalten. Dafür hat der FC im Gegenzug die Cateringrechte auf zehn Jahre abgegeben. Eine äußerst lange Zeit oder?
MB: Wir haben seitdem W. Holz das Catering übernommen hat deutliche Mehreinnahmen zu verzeichnen.D.h. für den Verein bleibt insgesamt mehr Geld übrig. Das zinslose Darlehen wird kontinuierlich abbezahlt. Insgesamt hat das den Verein voran gebracht.

ÜS: Aber die Mehreinnahmen können doch nicht größer sein, als wenn man das Catering selbst weiterbetrieben hätte. Schließlich verdient W. Holz auch daran. Da sind doch die zukünftigen, steigenden Vermarktungseinnahmen schon mit eingerechnet oder?
MB: Die Tilgung erfolgt überwiegend aus Werbekostenzuschüssen. Es ist also nicht so, dass aus dem laufenden Geschäftsbetrieb Gelder abfließen. Zurück zum Vertrag mit W. Holz: Der Verein erhält prozentual höhere Einnahmen aus diesem Vertrag als vorher und zusätzlich partizipiert der Verein aus den gestiegenen Umsatzzahlen.

ÜS: D.h. der Nebeneffekt des zinslosen Darlehens von W. Holz ist der, dass die Vermarktungsrechte zurükkgekauft werden konnten?
MB: Genau

ÜS: Wie kann man den Merchandisingvertrag so gestalten, dass man 90 Prozent der Einnahmen mit unendlicher Laufzeit abgibt?
MB: Beim FC St. Pauli ist eine mögliche Umsatzsteigerung der Vermarktungseinnahmen, beispielsweise durch einen Aufstieg in die 2. Liga wesentlich höher, als eine mögliche Umsatzsteigerung bei den Merchandising-Einnahmen. Deshalb ist es absolut sinnvoll, 100 Prozent der Vermarktungsrechte zu halten, weil die Steigerungen sehr hoch sind. Die Umsätze, die beim Merchandising gemacht werden, sind für Regionalligaverhältnisse immer noch hervorragend, aber eine Steigerung bei einem Aufstieg fällt natürlich wesentlich geringer aus, als bei der Vermarktung. 100 Prozent der Vermarktungseinnahmen sind eine erkleckliche Summe

ÜS: Noch sind wir aber in der Regionalliga und das kann sich auch noch ein paar Jahre hinziehen. Dann wird so ein Konstrukt über 30 Jahre Laufzeit aber gefährlich?
MB: Nein. Der Verein bekommt immer 100 Prozent der Vermarktungs-Einnahmen, welches auch eine erkleckliche Summe Geld ist. Das zweite ist, dass wir unabhängig von den prozentualen Anteilen 20 Prozent vorab als Lizenzgebühr aus den Merchandisingumsätzen erhalten. Upsolut hatte eine Option auf zusätzlich 15 Prozent, wenn ein strategischer Partner im Bereich Textilien gefunden wird. Diese haben sie zum Schluss gezogen. Ein strategischer Partner hieß in dem Fall, dass beispielsweise ein Bekleidungsunternehmen gefunden wird, das bessere Möglichkeiten bei der Herstellung und Vertrieb von Textilien hat. Derartiges Know How kommt beiden Vertragpartnern zu gute. Dabei bleiben die eben genannten 20 Prozent Lizenzgebühren unberührt. Diese 15 Prozent sind nicht Upsolut zugefallen, weil der Verein zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmt Summe nicht aufbringen konnte.

ÜS: Dann muss eine Summe reinkommen, die den Umsatz von 15 Prozent, die an Upsolut gegangen sind, aufgerechnet auf 30 Jahre übersteigt? Und das nur durch einen strategischen Partner aus der Bekleidungsindustrie?
MB: Nein, es ist natürlich so, dass bei diesem Vorgang intern Gelder verrechnet wurden, was die Kaufsummen angehen. Upsolut hat an den FC St. Pauli eine bestimmte Summe für die Merchandisingrechte bezahlt und umgekehrt der FC St. Pauli eine bestimmt Summe für die Vermarktungsrechte. Fallen dann Mehreinnahmen aus dem Merchandising an, werden weiter Gelder verrechnet.

ÜS: Der Kaufpreis für die Vermarktungsrechte fällt also proportional?
MB: Genau. Es ist ja nicht so, dass der FC St. Pauli Rechte in Höhe von 15 Prozent ohne Gegenleistung abgibt. Der Aufstieg muss deutlich früher passieren

ÜS: Wir können uns nicht vorstellen, dass sich ein strategischer Partner auf 30 Jahre verpflichtet. Entspricht das Ganze denn folgendem Modell: Der FC St. Pauli hofft innerhalb der nächsten 10 Jahre in die zweite Liga aufzusteigen, um dann 20 Jahre lang so viel Geld zu generieren, dass man dann jedes Jahr einmal zusammenkommt, um festzustellen, wir haben so viel Geld gescheffelt, dass wir noch 100 Jahre Shirts zusammen verkaufen.
MB: Erstmal muss ein Aufstieg in die 2. Liga deutlich früher passieren. Wir haben eine Summe X, die wir zurzeit durch die Vermarktungseinnahmen und eine Summe Y, die wir momentan durch das Merchandising haben. Ein möglicher Aufstieg oder ein neues Stadion würde eine wesentlich höhere Steigerung der Vermarktungsumsätze bedeuten, als im Bereich des Merchandisings.

ÜS: Das ist uns nun klar, aber Upsolut wird das auch verstanden haben. Warum bringt sich Upsolut um die Möglichkeit, an einem möglichen Aufstieg, der wirtschaftlich notwendig ist, zu partizipieren. Das kann doch nur bedeuten, dass Upsolut lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach hat, oder?
MB: Darüber kann natürlich nur Upsolut Auskunft geben. Aber es ist natürlich für Upsolut eine Ausdehnung in einen gewissen Bereich, in diesem Falle das Merchandising. Da sieht Upsolut vielleicht mehr ihre Zukunft.Und man muss dabei bedenken, dass Vertriebs- Know How im Textilienbereich bisher in dem Konstrukt Upsolut/ St. Pauli nicht vorhanden war.

ÜS: Also versucht Upsolut momentan nicht, dass Geld, was sie in den FC St. Pauli gesteckt haben, innerhalb kürzester Zeit wieder heraus zu kriegen. Sondern sie lassen sich ein Fundament für die Säule, dem zukunftsträchtigen Textilvertrieb, gießen.
MB: Es ist natürlich für beide momentan eine Win- Win- Situation.

ÜS: Das kann nach den Gesetzen des Kapitalmarkts nicht lange anhalten?
MB: Die Betonung liegt auch auf momentan. Wenn wir nicht in absehbarer Zeit aufsteigen sollten, bzw. dann eventuell den Finanzplan erheblich herunter fahren müssen, weil es in den nächsten zwei Jahren nicht mit dem Aufstieg klappt, stellt es sich für den einen Partner günstiger dar. Steigen wir auf für den anderen, sprich uns. Momentan haben beide Seiten ihre Vorteile. Momentan drückt es an allen Ecken und Enden

ÜS: Nach wie vielen Jahren 2. Liga Zugehörigkeit könnten wir denn wieder einen Teil der Merchandisingrechte zurück erwerben?
MB: Das kann man natürlich nicht so sagen, denn momentan drückt es ja an allen Ecken und Kanten. Da muss man eine Prioritätenliste aufstellen. Ein Aufstieg oder Stadionbau wäre auch kein Allheilmittel, bei dem sofort die Insel der Glückseligkeit erreicht ist. Die Begehrlichkeiten in einem Erfolgsfall müssten sauber abgearbeitet werden. Wir müssen dann erst einmal sehen, dass eine vernünftige Ausrichtung in den Investitionen statt findet, aber auch,was eine vernünftige Ausrichtung der Begleichung der Altlasten angeht.

ÜS: Gibt es in den Verträgen seitens Upsolut eine Option, wenn sich beispielsweise die Vermarktungssituation verbessert, auf einen Rückkauf von Anteilen an den Vermarktungsrechten?
MB: Nein.

ÜS: Springen wir mal ein kurzes Stück zurück: Im Oktober 2003 erklärte der damalige Buchhalter eine nicht angemeldete Umsatzsteuersumme im Rahmen einer Präsidiumssitzung und im Beisein des damaligen AR- Vorsitzenden und ehemaligen Kassenprüfer Jost Münster?
MB: Das Thema Anwesenheit ist da mit Vorsicht zu betrachten, da in dem Protokoll alle Personen genannt werden, die überhaupt an dem Tag anwesend waren. Da aber die Sitzung über mehrere Stunden ging, bedeutet das nicht automatisch, dass alle dort genannten immer anwesend waren.

ÜS: Wieso hat der Aufsichtsrat dieses Thema nicht weiter verfolgt?
MB: Bis zu Kenntnisnahme, die wir im Januar 2005 gehabt haben,war die Sache für den Aufsichtsrat eben nicht bekannt und wurde daher auch nicht verfolgt. "Insofern haben wir gemeinsam mit den Kassenprüfern beschlossen,eine Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen."

ÜS: Also im Prinzip hat das Präsidium versäumt, eine Anweisung auf Umsetzung zu kontrollieren?
MB: Wir haben natürlich mit verschiedenen Leuten gesprochen. Das schwierige ist, dass einige seiner Zeit handelnde Personen nicht mehr im Verein tätig sind. Darüber hinaus bekommen wir auch kaum konkrete Aussagen zu diesem einem Vorgang. Insofern haben wir gemeinsam mit den Kassenprüfern beschlossen, eine Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen. Diese wird in diesen Tagen der Staatsanwaltschaft Hamburg zugänglich gemacht. Es gibt eben gewisse Bereiche, in denen wir mit unseren Möglichkeiten nicht mehr vorwärts kommen.

ÜS: Also fehlen Unterlagen zu diesem Thema?
MB: Nein, aber Aussagen wurden nicht so konkret verfasst, wie eigentlich notwendig, weil wir keine Druckmittel wie eine ermittelnde Behörde haben.

ÜS: Unabhängig von Personen würde es in jeder Firma, in der derartiges passiert, doch sofort Konsequenzen geben. Es gab eine Sitzung, dort haben einige Leute teilgenommen die für die finanzielle Lage des FC St. Pauli verantwortlich zuständig sind. Dort wird von einer sechsstelligen Summe berichtet, die nicht unerheblich ist für den Gesamtetat. Dort werden entsprechende Anweisungen gegeben. Dann passiert zwei Jahre nichts mehr. Keinem fällt auf, dass man 200.000 Euro zu viel hat. Keinem fällt auf, oh, da muss ja noch was angemeldet werden. Keiner prüft, ob Arbeitsanweisung umgesetzt worden sind?
MB: Was es für die Kassenprüfer und den Aufsichtsrat so schwierig macht ist, dass es ein späteres Protokoll gibt, mit einem entsprechenden Erledigungsvermerk. Ohne ins Detail zu gehen.Außerdem sprechen wir von vier Parteien, nämlich Präsidium, Geschäftsführung, Buchhaltung,Wirtschaftsprüfer.Alle waren involviert und da ist genau die Krux für den Aufsichtsrat. Es war nicht festzustellen, dass da jemand eindeutig schuld ist. Mit den Möglichkeiten der Aufklärung, die wir hatten, kann man der Sache nah kommen, aber das Problem nicht vollständig lösen. Deswegen die Strafanzeige.

ÜS: Dabei kann es sein, dass sich die Strafanzeige im juristischen Sinne gegen den Falschen, einen kleinen Mitarbeiter, richtet. Vereinsrecht ist nun mal komplizierter. Normalerweise werden solche Sachen vereins-intern geregelt. Hier scheint es, als wäre man zu allen hingerannt und gefragt: "Warst Du es" und alle hätten "Nö" gesagt. Und dann hauen wir mal ne Anzeige raus?
MB: So ist das natürlich nicht gelaufen. Man hat halt nur gewisse Möglichkeiten. Die häufigsten Aussagen, die da gemacht wurden, waren die, dass in der eigenen Firma der Buchhalter auf den Knopf drückt und dann kommt die Unsatzsteuererklärung monatlich automatisch heraus. Beim FC wurden Buchungen zeitlich nach hinten verschoben, Umbuchungen seitens der Wirtschaftsprüfer vorgenommen, die sich jetzt mit den Möglichkeiten, die wir mit unserer Datenbank haben, nicht 100prozentig zuordnen lassen.

ÜS: Letztendlich ist doch in einer normalen Firma der Geschäftsführer dafür verantwortlich, dass am Ende des Jahres eine Umsatzsteuer vorliegt, die hieb- und stichfest ist. Das ist beim FC St. Pauli zwei Jahre lang nicht geschehen. Der Geschäftsführer hat zudem den Luxus, ehrenamtliche Kassenprüfer und teuere Wirtschaftsprüfer zu beschäftigen und dann gibt’s ja noch einen Aufsichtsrat, der darauf achten sollte, dass eine Umsatzsteuer-Erklärung vorliegt. In der freien Wirtschaft hätte man den Geschäftsführer auf der Stelle entlassen?
MB: Zuerst einmal ist dies keine klassische Aufgabe des Aufsichtsrates. Die besten Möglichkeiten haben die Wirtschaftsprüfer und die Kassenprüfer, die ja sich auch mal eine Woche Zeit nehmen um in die Materie einzusteigen. Aber auch da bleibt es letztendlich bei Stichproben. Der Aufsichtsrat prüft natürlich kontinuierlich, nur die Krux ist, dass standardisierte Vorgänge wie die Umsatzsteuer-Anmeldung von ehrenamtlichen Gremien nicht geprüft werden, weil man davon ausgeht, dass das läuft.

ÜS: Präsidium, Geschäftsführer und Wirtschaftsprüfer blieben somit in der Pflicht, besonders dann, wenn über zwei Jahre eine fette Negativsumme in der Bilanz mitgeschleift wird. Und keiner fragt sich, warum diese Summe da drin steht?
MB: Was leider auch ein Problem ist, dass die Wirtschaftsprüfer als Steuerberater tätig sind, das heißt die Buchhaltung und die Wirtschaftsprüfer haben gebucht. Leider ist auch nicht festgehalten, wer was auf Anweisung des Präsidiums gebucht hat und was nicht. Protokolle geben nur bedingt Auskunft

ÜS: Haben wir nicht seit drei Jahren ein generelles Problem, dass wir genau an den Stellen sparen, an denen es überhaupt nicht angebracht ist. Da sitzt beispielsweise ein Geschäftsführer, der anscheinend nicht weiß, was in seinem Laden los ist. Uns wird das ein bisschen zu einfach dargestellt.
MB: Der Knackpunkt ist die Nachvollzieh- barkeit, wer was gemacht oder auch nicht gemacht hat. Die Protokolle geben nur bedingt Auskunft darüber, was angewiesen worden ist und was nicht.Wenn du da keine konkreten Aussagen, bzw. sich widersprechende Aussagen bekommst, bist du auch nicht schlauer.

ÜS: Vor der Ermittlungsbehörde würden die Leute dann plötzlich die Wahrheit sagen?
MB: Es ist natürlich schon was anders ob ein Aufsichtsrat sie befragt oder ob es um strafrechtlich relevante Sachen geht. Das ist natürlich für den Aufsichtsrat etwas heikel da eventuell Sachen raus zu hauen, nach dem Motto: Da war was oder der hat was getan, denn das kann dementsprechende Konsequenzen nach sich ziehen. Es fehlt die Kontinuität

ÜS: Uns kommt es so vor, dass der Verein Opfer seiner eigenen Strukturen innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre geworden ist. Eigentlich sollten sich diese durch ein Controlling, durch Kontinuität bei den Beschäftigten und durch die Wahrnehmung der Gremien ihrer verbessert haben.
MB: Es sind schon andere Strukturen geschaffen worden aber es fehlt halt an der Kontinuität. Aber auch beispielsweise die Umstrukturierung des Alltagsgeschäfts wie es sich darstellt. Die Buchhaltung hatte in Vergangenheit beispielsweise zuviel mit allgemeinen Telefonaten oder ähnliches zu tun, was nicht zu ihrer originären Aufgaben gehört. Die sollen buchen! Das trägt natürlich nicht zu einem guten Arbeitsklima bei. Insgesamt ist der Verein jetzt aber deutlich besser aufgestellt als früher.

ÜS: Warum ist das Präsidium oder der Geschäftsführer Frank Fechner in dieser Sache nicht um Aufklärung bemüht?
MB: Hat ja niemand gesagt, dass sie nicht um Aufklärung bemüht sind.

ÜS: Warum kommt die Strafanzeige vom Aufsichtsrat und nicht vom Präsidium?
MB: Das Präsidium hat grundsätzlich die Strafanzeige begrüßt. Es wurden mündlich Änderungswünsche seitens des Präsidiums geäußert. Die kamen dann aber nicht, so dass der Aufsichtsrat die Sache selber in die Hand genommen hat, um nicht länger zu warten.

ÜS: Du sagtest gerade, dass sich einige Personalien verändert haben. Nur wer den ganzen Vorgang begleitet hat und umfassende Kenntnisse hatte, war Frank Fechner. Würdest Du unseren Eindruck teilen, dass da jemand mit seiner Aufgabe ein bisschen überfordert ist? Er erlangt von der Sache im November Kenntnis, informiert die Gremien aber erst im Januar!
MB: Uns wurde mitgeteilt, dass erst im Januar Kenntnis davon erlangt wurde.

ÜS: Masterfrage zur Umsatzsteuer: Die Steuerschulden, im Raum stehen laut der Hamburger Morgenpost bis zu 1 Millionen €, sollen monatlich in relativ kleinen Summen angeblich als Strafzahlungen abgetragen werden. Mitte 2006 soll die komplette Summe dann auf einen Schlag entrichtet werden?
MB: Nein, das sind keine Strafzahlungen. Es ist halt eine Summe vereinbart worden, die auf Bitten der Finanzbehörde intern bleibt. Der Vorgang ist bis in das nächste Jahr befristet. Nach dieser Frist wird man sich hoffentlich dann wieder zusammensetzen und die Situation, die dann vorherrscht, neu bewerten. Wir hoffen hier auf den Dialog mit den Finanzbehörden.

ÜS: Man hat immer das Gefühl, der Verein hangelt sich von Heimspiel zu Heimspiel. Da werden Handwerker- Rechnungen gar nicht oder verspätet gezahlt. Wie kann so was, vor allen Dingen im Vergleich zu anderen Drittligisten, bei einer halbwegs seriösen Etatplanung passieren? Dabei werden anscheinend hauptsächlich Kleinsponsoren und langjährige Partner vor den Kopf gestoßen! Wie könnt Ihr da Einfluss nehmen, was kann man da verbessern oder ändern?
MB: Ein Grundproblem für den FC St. Pauli ist, dass der Finanzplan in der Regionalliga immer ganz eng gestrickt ist. Im laufenden Geschäftsjahr fehlen uns Zahlungen wie die Ablöse von Kacan in Höhe von 75.000 und nicht gezahlte Miete von den Blue Devils in Höhe von über 60.000 Euro. Der DFB steigt nicht auf utopische Zahlen ein

ÜS: Dann bleiben immer noch ungefähr 500.000 Euro, die plötzlich in einem Etat von gut 2,2 Millionen Euro fehlen. Das sind ca. 25-30 Prozent im Laufe von nur einer Spielzeit! Wie kommt das zustande? Sind da utopische Zahlen eingesetzt worden, die gar nicht erreicht werden können, um dem DFB zu zeigen, dass wir ein würdiger Lizenzträger sind?
MB: Der DFB steigt auf utopische Zahlen sowieso gar nicht ein, denn was nicht 100prozentig belegt ist, wird im Finanzplan nicht zugelassen. Die Differenz ist dann gleichzeitig die Bürgschaftssumme. Wenn die Verantwortlichen beim DFB sagen, dass gewisse Erträge, die im Finanzplan eingestellt sind, nicht erreicht werden können, werden diese nicht zugelassen. Großartig blenden kann man den DFB also nicht.

ÜS: Noch mal: Wie kommt die Differenz zwischen den rund 130.000 Euro und den 600.000 bis 700.000 Euro zustande? Was war dafür eingeplant? Wo sollte das Geld herkommen? Warum klappte das nicht?
MB: Vor kurzem ist der Abschlußbericht der Wirtschaftsprüfer zum 31.12.2004 gemacht worden, der uns jetzt seit einigen Wochen vorliegt. Die Mindereinnahmen von den Blue Devils und der Sache Deniz Kacan, werfen den Verein in der Liquidität ziemlich weit zurück. Das führt leider dazu, dass wir bei den Firmen, bei denen wir Schulden haben gewisse Rechnungen nicht bezahlen können. Außerdem fehlt eine hohe Summe beispielsweise aus den Kunstaktionen und den Rasenpatenschaften. Im ersten Jahr sind da nur 111.000,- Euro eingegangen.

ÜS: Wenn man diesen Posten mal nimmt, dann akzeptiert der DFB nur Einnahmen die wasserdicht sind – also keine Kunstaktionen oder Rasenpatenschaften.
MB: Stimmt, von daher kommt auch die Bürgschaftssumme von 589.000,- zustande, da der DFB diese mögliche Generierung von Einnahmen als nicht hieb- und stichfest ansah. Sie haben eben dafür Nulleinnahmen angesetzt. Den Großteil der Bürgschaft deckt das Präsidium ab

ÜS: Wer deckt die Bürgschaft ab?
MB: Zum Großteil das Präsidium.

ÜS: Wann hat der Aufsichtsrat dieses Jahr die Lizenzunterlagen zur Prüfung bekommen? Wie wurde innerhalb des Aufsichtsrat beschieden?
MB: Die endgültige Fassung haben wir einen Tag vor Fristende abgestempelt. Ein Finanzplan ist natürlich etwas,was ständig im Fluss ist. Den ersten Finanzplan für die Lizenzierung haben wir ein, zwei Wochen vor dem Abgabetermin bekommen.

ÜS: Sind die Mindereinnahmen aus dem letzten Etat beim Finanzplan für den neuen Etat mit eingerechnet? Ihr müsst ja die Summe wieder auffangen, die Ihr dieses Jahr verbürgt habt.
MB: Die Bürgschaft wird ja vom DFB anhand des letzten Geschäftsjahres (bis 31.12. Anm. d. Redaktion) und des neuen Finanzplans festgelegt. Der hat hierbei nichts mit dem Liquiditätsplan zu tun. Da wird einfach nur dargestellt, was der FC St. Pauli in der Saison 05/06 an Einnahmen und Ausgaben erwartet.

ÜS: Die knapp 600.000 Euro, für die eine Bürgschaft beim DFB hinterlegt werden musste, resultieren also aus geplanten Einnahmen, die nie realisiert worden sind?
MB: Es sind ja schon Gelder rein gekommen aus den Aktionen. Leider nicht soviel, wie wir erwartet haben.

ÜS: Wie soll eine solche Unterdeckung denn für die kommende Saison vermieden werden? Schließlich hat Corny Littmann angekündigt, dass der Etat fast exakt genauso hoch sein soll, wie in dieser Saison. Da würden dann ja wieder 600.000 Euro fehlen. "Es wird auch Sonderaktionen zur neuen Saison geben"
MB: Das Problem ist, dass wir kaum Mehreinnahmen erzielen können, wenn wir keine besonderen Aktionen mit einbringen können. Es wird auch Sonderaktionen zur neuen Saison geben, die der Verein braucht, um eine gewisse Größenordnung im Etat zu erreichen, damit wir eine aufstiegsfähige Mannschaft zusammen bekommen.

ÜS: Beim Stichwort "Sonderaktionen" kräuseln sich den meisten Lesern wohl die Fußnägel. Das klingt so, als gäbe es eine Sonderbriefmarke oder ein Konzert von irgendwelchen Bands, die uns in der Halbzeit vom Bunker aus herunter beschallen, während der Helikopter in Pseudo- Hollywood- Manier über dem Dom kreist.
MB: Die Aktionen sehen schon ein bisschen anders aus. Ich kann da aber noch nichts endgültig verkünden, weil das alles noch in der Mache ist. Darüber hinaus müssen wir gleichzeitig sehen, wo wir die laufenden Kosten minimieren können. Stichwort Kollaustraße: Unter den jetzigen Bedingungen ist das Trainingsgelände für einen Regionalligisten einfach nicht zu halten. Die Krux ist natürlich, wenn wir da jetzt weggehen, wird das jemand anderem zugewiesen. Das ist nun mal städtisches Gelände. Wenn wir dann aber wieder aufsteigen, und wir befinden uns in der Situation, dass wir wieder von einem Trainingsplatz zum Nächsten geschickt werden, ist das sicher kontraproduktiv. Das wäre für einen Proficlub kein Zustand.

ÜS: Noch einmal zurück zum Thema Bürgschaft. Ist die Laufende bereits aufgebraucht und kann eine ähnlich dimensionierte in der kommenden Saison unter den aktuellen Voraussetzungen überhaupt erbracht werden? Zumal ja gemunkelt wird, dass diese dann sogar noch höher ausfallen wird.
MB: Die jetzige Bürgschaft ist angetastet, aber nicht aufgebraucht. Die Bürgschaft für die kommende Saison wird auf jeden Fall höher ausfallen. Da muss man kein Prophet sein. Diese darzustellen geht nur über zusätzlich generierte Gelder.

ÜS: Und im Zuge dessen gibt es auch Verschönerungsmaßnahmen an den bis zur Rückrunde freien Bandenplätzen. Dort prangt jetzt das Logo der Zeitarbeitsfirma unseres Vizepräsidenten. Den Firmennamen möchten wir an dieser Stelle nicht nennen, er hängt ja gut lesbar für jeden im Stadion.
MB: (lacht)

ÜS: Keine Widerworte?
MB: (lacht weiter)

ÜS: Ok, das ist auch eine Antwort. Inwieweit muss der Aufsichtsrat über Kredite von Angestellten oder Spielern zustimmen, wenn diese die Laufzeit von zwei Jahren überschreiten? Der eine oder andere soll ja einen Kredit beim Verein mit, sagen wir es mal diplomatisch, eher längerfristigen Rückzahlungsmodalitäten haben. Wie zum Beispiel Teammanager Christof Hawerkamp.
MB: (schweigt) Wenn wirklich Verträge vereinbart wurden, die über mehr als zwei Jahre laufen, dann ist der Aufsichtsrat zustimmungspflichtig. Ein Alternativplan könnte das Stadion sein

ÜS: Das ist ja eine Aussage. Kommen wir zu den eigentlichen Problemen zurück. Mal angenommen, der FC St. Pauli steigt in der kommenden Saison nicht auf: Wie realistisch ist es in diesem Fall, dass die laufenden Verbindlichkeiten und die Steuerschulden abgetragen werden können? Gibt es beispielsweise Alternativpläne zu den Sonderaktionen?
MB: Ein Alternativplan könnte das Stadion sein.

ÜS: Das könnte auch gleichzeitig der letzte Plan überhaupt sein?
MB: Wenn der FC St. Pauli nicht in absehbarer Zeit aufsteigt, das heißt in den kommenden zwei Jahren, dürfte es nur noch möglich sein, einen Basisetat auf die Beine zu stellen. Eine Summe von zwei Millionen für den Lizenzbereich dann darzustellen, wäre nicht mehr möglich.

ÜS: Das wäre dann aber zumindest seriös. Schließlich wirtschaften einige Regionalligisten so...
MB: Der FC St. Pauli bewegt sich aber in einem etwas anderen Umfeld. Die Erwartungshaltung von Mitgliedern, Fans und Medien ist hoch. Sportlich und finanziell sind wir leider in der Regionalliga. Man kann natürlich auch mit gewissen Maßnahmen für den FC St. Pauli einen seriösen Etat, der uns zumindest von der Papierform her aufstiegsfähig macht – zusammenstellen.

ÜS: Dabei könnte uns sicher die Rückkehr von Nascimento helfen. Wie ist eigentlich der Stand der Dinge? Schließlich schulden wir dem abgebenden brasilianischen Verein Prudentopolis noch die zweite Transferrate in Höhe von 225.000 Euro. Der Scheck, den Frank Fechner damals als Sicherheit ausgestellt hat, war schließlich nicht gedeckt? Zahlt Littmann jetzt die Ablöse persönlich, oder schickt Ihr Nascimento nach Brasilien zurück?
MB: Er hat noch einen Vertrag bis 2006 bei uns. Derzeit laufen Verhandlungen mit dem abgebenden Verein, ob es eventuell noch eine andere Regelung gibt.

ÜS: Wie könnte die aussehen?
MB: Die könnte so aussehen, dass der Vertrag mit dem Spieler Nascimento aufgelöst wird, so dass Prudentopolis wieder die Transferrechte besitzt und den Spieler anderweitig veräußern kann.

ÜS: Und der FC auf 250.000 Euro verzichtet...
MB: Es bleibt noch die Möglichkeit, den Spieler bei einem anderen Verein unterzubringen.

ÜS: Kommen wir zu einem anderen Thema. Ein Mitglied aus Eurem Gremium, Tay Eich, tauchte des öfteren im Forum unter dem Namen "Brown Sugar" auf und gab seinen Zucker zu diversen Themen. Findet Ihr das als Gremium sweet? Schließlich bist Du ja der offizielle Sprecher, so was muss einem doch eher sauer aufstoßen...
MB: Wir haben diese Vorgänge im Aufsichtsrat thematisiert. Tay hat nie irgendwelche Interna preisgegeben, das war uns ganz wichtig.

ÜS: Dafür war sich Eich nicht zu schade, sich polemisch bis abfällig über Mitarbeiter und Ex-Angestellte via Internet auszulassen. Das ist in einem seriösen Unternehmen schlechter Stil, finden wir zumindest.
MB: Wir haben darüber sehr kontrovers diskutiert mit dem Ergebnis, dass er sich deutlich zurück genommen hat. So soll es auch bleiben.

ÜS: Was völlig anderes. Du hast Tatjana Groeteke damals ihre Kündigung persönlich überbracht und hast seitdem den Spitzname "Präsidiums- Postbote" weg. Was waren die Beweggründe?
MB: Ich war damals der Meinung, dass man eine Kündigung nicht per Post schicken, sondern lieber persönlich überbringen sollte.Da habe ich mich dann zur Verfügung gestellt.

ÜS: Zum Ende eine persönliche Frage. Du kommst ursprünglich als Kritiker aus der AGiM, mittlerweile bist Du für einige Deiner Ex-Mitstreiter eher zum Schmusekater des Präsidiums mutiert... Kannst Du Deinen ehemaligen Genossen noch ins Gesicht sehen?
MB: Ja klar! Ich stehe jederzeit für Gespräche zur Verfügung,was in der Vergangenheit viel zu wenig genutzt wurde.Auch von Euch als Übersteiger zum Beispiel. Es muss ja nicht immer der hochoffizielle Weg sein. Diejenigen, die mich als Schmusekater der Vereinsführung bezeichnen, die waren noch nie – speziell in der letzten Zeit – bei einem Gespräch mit dem Präsidium zugegen. Nur halte ich nach wie vor nichts davon, Streitigkeiten in der Öffentlichkeit auszutragen. "Der Auftritt war definitiv eines Präsidenten des FC St.Pauli unwürdig."

ÜS: Womit wir beim nächsten Thema wären. Dem Verhalten von Corny Littmann im Trainingslager auf Kuba. Du hast in der Mopo vom 17. März zu der angeblichen Liebesbeziehung zwischen Corny und einem jungen Kubaner während des von Mobilcom bezahlten Trainingslagers folgendes Statement abgegeben: "Wir haben bereits vor einiger Zeit mit Corny Littmann über dieses Thema gesprochen. Wir werden das jetzt aber noch einmal tun." Dein Aufsichtsratskollege Wolfgang Helbing ging sogar noch weiter und sprach von einer "katastrophalen Außenwirkung". Wie ist der Stand der Dinge?
MB: Es hat nicht nur ein Gespräch gegeben.

ÜS: Das ist interessant, zumal vom Aufsichtsrat keiner mit auf Kuba war und unser Heft mit den Reiseberichten zu dem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen war. Warum dann trotzdem mehrere Gespräche zu diesem Thema?
MB: Das kam dadurch zustande, dass verstärkt Gerüchte durch den Verein gezogen sind. Die haben wir dann im Aufsichtsrat thematisiert und Corny Littmann damit konfrontiert.

ÜS: Mit dem Ergebnis, dass Corny in der Mopo selbst bestätigt hat, dass er sich auf Kosten des Sponsors auf Kuba vergnügt hat. Als Repräsentant eines Vereins ist es doch eigentlich nicht die Aufgabe, sich auf einer Dienstreise privat zu vergnügen, ganz egal, ob der Sexualpartner volljährig ist oder nicht.
MB: Es ist natürlich ein heikles Thema, wenn man als Offizieller unterwegs ist. Die Frage lautet dann immer:Wo hört das Dienstliche auf, wo beginnt die Privatsphäre und gibt es bei solchen Reisen überhaupt eine Privatsphäre. Da kann man trefflich drüber diskutieren. Sagen wir es mal so: Man hätte sich als Präsident des FC St. Pauli optimaler verhalten können.

ÜS: Aber mit der Aussage von Corny, dass die Sache legal war, war sie für Euch erledigt?
MB: Nein. Abgesehen von allen Gerüchten haben wir mit Corny ein entsprechendes Gespräch darüber geführt, wie man sich als Präsident des FC St. Pauli in der Öffentlichkeit darstellen sollte.

ÜS: Wieso kehrt ein Gremium von Ehrenamtlichen andauernd den medialen Scherbenhaufen zusammen, wenn man einen hoch bezahlten Medienkenner wie Christof Hawerkamp für genau solche Themen beschäftigt. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang nur ungern an Cornys Auftritt bei HH1, wo er sich über alle Maßen hinaus mit Fäkalsprache blamierte?
MB: Die Frage müsstet Ihr dann bitte Christof Hawerkamp persönlich stellen. Der Auftritt bei HH1 war übrigens der zweite Part, weswegen ich als Aufsichtsratsvorsitzender ein klärendes Gespräch mit Corny geführt habe.

ÜS: Bleibt das Thema Stadion, welches wir in unserer Mini- Ausgabe exklusiv vorgestellt haben. Glaubst Du persönlich an das Projekt?
MB: Grundsätzlich ja. Es gibt zurzeit eine Vereinbarung mit fixierten Eckdaten. Das ist die Grundlage für die Investorengruppe, um Verhandlungen zu führen. Bevor wir jedoch keine konkreten Dinge vermelden können, werden wir damit aber auch nicht rauskommen. Bislang ist jedes Stadion nicht an der Planung, sondern an der Finanzierung gescheitert. Das war und ist der Knackpunkt – auch in diesem Fall. Da laufen jetzt die Gespräche und da muss man sehen, was die nächsten Wochen bringen.

ÜS: Ist es nicht fahrlässig, die Fans komplett aus der Planung raus zu halten? Ist es sinnvoll, dass der FC nicht an einer Stadionbetriebsgesellschaft beteiligt ist?
MB: Das ist zu früh gefragt. Es macht keinen Sinn, die Fans mit einzubeziehen, wenn man keine konkrete Möglichkeit sieht, die Pläne zu realisieren. Wir haben aber in die Gespräche einfließen lassen, dass es nicht sinnvoll ist, die Fans generell außen vor zu lassen. Mit einer finanziellen Beteiligung des FC St. Pauli werden wir in absehbarer Zeit kein Stadion bauen können. Die einzige Möglichkeit, ein solches Projekt zu realisieren ist, dass der FC dabei nicht involviert ist. Das ist finanziell nicht darstellbar.

ÜS: Besteht dann nicht die Gefahr, dass der FC seine Seele verkauft? Ein hypermodernes Stadion Marke "Bayarena" will doch hier keiner sehen.
MB: Eins kann ich definitiv sagen: Es bleibt bei der 50:50 Aufteilung, dass heißt das Stadion wird zu 50 Prozent aus Stehplätzen bestehen.

ÜS: Wir danken Dir für das ausführliche Gespräch.

Das Interview führten CF, Ra, MiG

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