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Beim FC St. Pauli ist in den vergangenen Monaten,
insbesondere seit dem Amtsantritt
des aktuellen Präsidiums, so einiges schief
gegangen. Immer wieder gab es seitens des
Präsidiums fragwürdige Entscheidungen,
wurden offensichtlich Fehlentscheidungen
getroffen, die Satzung mit Füßen getreten
sowie Aufsichtsräte und Mitglieder vor den
Kopf gestoßen oder vor vollendete Tatsachen
gestellt. Der Übersteiger wollte es genauer
wissen und lud den Aufsichtsrat-Vorsitzenden
Michael Burmester zum Gespräch ein:
ÜS: Auf der letzten Mitgliederversammlung entstand
der Eindruck, dass die Aufgabenerfüllung aus Richtung
des Präsidiums erschwert wurde. Der Aufsichtsrat wurde
offensichtlich nicht immer vom Präsidium über zu
beschließende Sachverhalte unterrichtet.
MB: Die diversen von uns auf der JHV angesprochenen
Satzungsverstöße verschiedener
Art waren oft zeitlich bedingt. Insgesamt ist
es aber richtig, dass das Präsidium den Aufsichtsrat
nicht oder verspätet die Möglichkeit
gegeben hat, die Kontrollfunktion auszuüben.
ÜS: Kannst du konkret einen Vorgang nennen, den ihr
auf der JHV angesprochen habt. Beispielsweise bei der
Verpflichtung von Siberie?
MB: Der Vertrag mit Siberie war nicht genehmigungspflichtig,
dafür aber andere, deren
Namen ich jetzt nicht nenne. Für die Regionalliga
gilt folgendes: Genehmigungspflichtig
sind Vorgänge und Verträge über
150.000 € und/oder länger als zwei Jahre
Laufzeit. Es ging dabei aber auch um vereinsrelevante
genehmigungspflichtige Verträge,
die nichts mit den Spielern zu tun hatten.
ÜS: Um den Vertrag mit Frank Fechner vielleicht?
MB: Ja, der fällt beispielsweise darunter, wobei
in diesem Fall ein neuer Vertrag aufgesetzt
wurde. Es ist so: Wenn Verträge, die genehmigungspflichtig
sind, vom Aufsichtsrat nicht
genehmigt werden, ist der Vertrag,wenn man
es genau nimmt, schwebend unwirksam.
Von daher sehen wir das so, dass egal von
welchem Vertrag wir sprechen, dieser erstmal
läuft. Im Falle des Falles, wenn es ganz
unglücklich läuft, fällt die Haftung halt auf
die aus dem Präsidium zurück, die den Vertrag
unterschrieben haben.
ÜS: Wenn ihr solche Sachen erlebt, wie geht ihr damit um?
Man hat das Gefühl, dass sich ein Dreigestirn gebildet hat,
welches die Geschäftstätigkeit im Aufsichtsrat führt, bestehend
aus Tay Eich, Christoph Kröger und Dir.
MB: Das ist natürlich so. Dadurch dass die
drei genannten auch gleichzeitig die Vorsitzenden
sind, fokussiert sich das Tagesgeschäft
auf eben diese Personen.Wobei wir es
so organisiert haben, dass wir drei uns
gleichberechtigt sehen und insgesamt eng
zusammenarbeiten. Es liegt in der Natur der
Sache, dass die Vorsitzenden federführend
sind, wenn Sitzungen vorbereitet oder erste
Gespräche geführt werden. Es ist natürlich
nicht zweckmäßig sofort alles mit dem gesamten
Aufsichtsrat zu machen. Das wäre
terminlich nicht zu schaffen.
ÜS: Wenn es um Entscheidungen geht, die ihr nicht
mehr beeinflussen könnt, weil ihr vor vollendete Tatsachengestellt
wurdet. Wie im Fall des Arbeitsvertrags
mit Frank Fechner. Wie können wir uns die Kommunikation
danach mit dem Präsidium vorstellen?
MB: Wenn Verträge nicht genehmigt worden
sind, ist es wichtig, dass immer eine Gegenleistung
da ist. Wie beispielsweise, wenn einer
seine Arbeitskraft in den Dienst des FC
St. Pauli stellt.Wir würden das definitiv nicht
bei Verträgen machen, bei denen der FC St.
Pauli schlechter da steht, weil eine konkrete
Gegenleistung fehlt.
Der interne Ton ist schärfer geworden
ÜS: Ihr habt aber einen bisschen den Eindruck vermittelt,
als wäre es ein Instrument des Präsidiums, Entscheidungen
so lange hinaus zu zögern, bis ihr einfach
nur noch zustimmen oder könnt oder eben nicht, ohne
eine oft wichtige inhaltliche Diskussion zu führen?
MB: Das ist richtig.Wir werden viel zu oft mit
Tischvorlagen konfrontiert. Es ist leider die
Ausnahme, dass wir mit entsprechender Vorlaufzeit
Unterlagen bekommen. Das sollte eigentlich
der Standart sein. Daraus werden
natürlich Konsequenzen abgeleitet. Wir haben
uns jedoch zum Ziel gesetzt, das meiste
intern zu regeln. Nachteil dabei ist, dass
nach außen hin der Eindruck entsteht, dass
der Aufsichtsrat nichts macht und alles immer
fröhlich abnickt. Der interne Ton ist auf
jeden Fall schärfer geworden. Das muss man
deutlich sagen. Es gibt auch schon Abstufungen
seit letzten November,was die interne
Kommunikation zwischen Präsidium und
Aufsichtsrat angeht.Wir halten aber weiterhin
nichts davon, Sachen in der Öffentlichkeit
breitzutreten. Es ist seinerzeit mal ganz
bewusst dieser Schritt gemacht worden, weil
gewisse Grenzen überschritten wurden und
eine derartige Maßnahme kommen musste.
Da haben es sich einige Leute einfach gemacht
und unsere Aussage bei der JHV übersetzt
mit: "Noch ein, zwei Satzungsverstöße
und dann muss der Aufsichtsrat das Präsidium
quasi rausschmeißen".
ÜS: So wirkte es aber auch bei deiner Rede auf der JHV.
Es wurde ein Punkt gesetzt und wir hatten das Gefühl,
dass genau dieses nach zwei, drei weiteren Verfehlungen
passieren müsste. Und genau das ist nicht passiert.
Der Aufsichtsrat wirkt dadurch nicht glaubwürdig.
MB: Klar, von außen lässt sich der Eindruck
nicht vermeiden. Es ist natürlich von Nachteil,
wenn man versucht die Dinge intern zu regeln
und nicht über die Presse geht. Dadurch entsteht
sicherlich Misstrauen im Verein, welches
auch das Präsidium zu verantworten hat.
Die Worte, die wir gewählt haben, bedeuten,
dass wir entsprechende Maßnahmen einleiten
werden, gegebenenfalls bis hin zur
Amtsenthebung. Die Medien haben daraus
die Überschrift gemacht: "Der Aufsichtsrat
droht Littmann". Übrigens fällt immer nur
der Name Littmann, dabei ist das ganze Präsidium
gemeint. Es wurde immer nur von
Amtsenthebung gesprochen. Es ist klar, wir
sind und waren in letzter Zeit in wichtigen
Prozessen, z.B. Thema Umsatzsteuer etc. Eine
Sache, die das Präsidium mit der Vereinbarung
mit den Steuerbehörden gut gelöst
hat. Man muss alles im Gesamtkontext sehen.
Wenn nur Fehler gemacht worden oder
ausschließlich nur die angesprochenen negativen
Dinge passiert wären, hätten wir sicherlich
schon ganz andere Schritte vorgenommen.
Es ist aber nach der JHV nicht so
weitergegangen wie vorher. Beispielsweise
gibt es im Punkt Verträge nichts negatives
mehr zu berichten. Es ist kein Satzungsverstoß
mehr aufgetreten.
ÜS: Eine Frage zur Struktur zum Aufsichtsrat: Gibt es
außerhalb der Struktur Vorsitzende/ Restaufsichtrat eine
Lagerbildung? Beispielsweise ihr drei Vorsitzenden
und eine Prokopp- Helbing- Fraktion und wo steht Jost
Münster da?
MB: Das ist zu einfach dargestellt. Es gibt natürlich
nicht den homogenen Aufsichtsrat
schlechthin. Je nach Thema gibt es starke
Differenzen,was das Abstimmungsverhalten
angeht. Oder Diskussionen die im Aufsichtsrat
wirklich sehr kontrovers geführt werden.
Teilweise aber auch sehr eindeutig und einstimmig.
ÜS: Ein anderes Thema: Dadurch, dass Herr Kampmann
als Alternativkandidat zu Littmann offensichtlich vom
Aufsichtrat angesprochen wurde, ohne vorherige Abstimmung
zwischen allen Mitgliedern, scheint der Aufsichtsrat
doch nicht so homogen zu sein?
MB: Die Geschichte hat sich anders dargestellt.
Ein Aufsichtsrat- Mitglied hat Herrn
Kampmann ins Gespräch gebracht mit der
Maxime, dass Herr Kampmann dem Verein
helfen möchte und sich ein Gespräch mit
dem Vorsitzenden wünscht. Daraufhin habe
ich einen Termin vereinbart. Prokopp, Eich,
Kröger und ich haben das Gespräch geführt.
Parallel dazu lief dann in der Presse dann die
Geschichte, dass Herr Kampmann Präsident
werden möchte.
ÜS: Von wem wurde das lanciert? Kannst du dir das vorstellen?
MB: Ich kann mir vieles vorstellen. Das Problem
in diesem Club ist, das gewisse Sachen
wahrscheinlich sind, aber wer welche Dinge
nach außen trägt ist fast nie zu beweisen.
Herr Kampmann wollte helfen und wünschte
ein Gespräch mit dem Aufsichtsrat.Als die
Sache dann in der Presse hoch kochte, haben
wir vorher das Präsidium informiert, damit
es von unserer Seite ordentlich abläuft. Der
Aufsichtsrat hat den Vorgang aber nicht forciert.
Dieses Gespräch lief dann anders ab,
als wir uns das vorgestellt haben.
ÜS: Also war es war ein Bewerbungsgespräch für den
Posten des Präsidenten, vermutlich mit verlockenden
Angeboten?
MB: So kann man das im Nachhinein bezeichnen.
Es gab auch verlockende Angebote,
es sind durchaus gewisse Dinge in den
Raum gestellt worden. Wir haben versucht,
die Landschaft im FC St. Pauli darzustellen.
Daraufhin stellte sich die Sache für Herrn
Kampmann offensichtlich auch etwas anders
da und war für ihn unter den gegebenen
Umständen kein Thema mehr.
ÜS: Wie war der Gesamteindruck von dem, was von
Kampmann angeboten wurde. Klang das seriös oder
eher nach schneller Eigenwerbung für sich oder sein
Unternehmen? Oder hatte sich Kampmann wirklich mit
dem Thema beschäftigt?
MB: Ich möchte nicht zu tief auf die Gesprächsinhalte
eingehen. Beide Seiten mussten
halt feststellen, dass die Vorstellungen
ziemlich weit auseinander lagen.
ÜS: Hat bei eurer Entscheidung das Wissen über das Engagement
der Rechtsanwälte Campmann und Oberthür
bezüglich des Stadionbaus beigetragen?
MB: Nein, erstens waren die Pläne zu dem
Zeitpunkt noch nicht so ausgegoren, zum
zweiten hat Herr Kampmann schlussendlich
die Entscheidung getroffen.
Wir haben Herrn Kampmann einfach
nur dargestellt,wie der FC St.Pauli mit
seinen Besonderheiten gestrickt ist.
ÜS: Also waren der Umfang der Hilfe oder seine Bedingungen
nicht akzeptabel?
MB: Nein, wir haben Herrn Kampmann einfach
nur dargestellt, wie der FC St. Pauli mit
seinen Besonderheiten gestrickt ist. Entgegen
aller Ansichten, welche schon andere
Präsidenten teilten, ist der FC St. Pauli eben
nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen. Da
steckt viel mehr hinter, nämlich viele Dinge,
die man aufgrund der Struktur bei Mitgliedern
und Fans beachten muss. Die machen
es besonders und teilweise schwierig.
ÜS: Kannst du die Besonderheiten mal mehr definieren?
MB: Wir haben z.B. mit dem Übersteiger ein
Fanmagazin, welches im Vergleich zu anderen
Fanzines und Zeitungen sehr nah am Verein
dran ist, teilweise sehr gut informiert ist
und teilweise arg polarisiert. Wir haben Mitglieder,
die eine genaue Vorstellung haben,
wie es mit diesem Verein weitergeht und eine
patriarchische Führungsstruktur halten
wir für veraltet. Derartiges würde den Verein
nicht weiterbringen. Ein weiteres Beispiel ist
die AGIM, eine Interessenvertretung innerhalb
des Vereins. Im Allgemeinen ist das
Interesse an der Führung im Verein, also auch
die Identifikation mit dem Verein und wie er
sich darstellen soll viel ausgeprägter als bei
anderen Vereinen. Das ist natürlich zu einem
positiv, aber im Führungsbereich macht es die
Sache auch manchmal etwas schwieriger.
Das hätte man besser machen können
ÜS: Habt ihr nach den Gesprächen mit Kampmann innerhalb
des Gremiums wieder eine Linie gefunden oder gibt
es dort Differenzen über den Ausgang der Gespräche?
MB: Natürlich haben wir innerhalb des Aufsichtsrates
über die Gespräche diskutiert
und sie aufbereitet. Das innerhalb des Aufsichtsrates
eine unterschiedliche Zufriedenheit
bzw. Unzufriedenheit mit diesem Präsidium
besteht, ist auch eine klare Sache. Das
obliegt der Beurteilung eines jeden einzelnen.
Das wir insgesamt nicht glücklich sind
über das Verhalten des Präsidiums in den
letzten Monaten ist auch ein Fakt.
ÜS: Kommen wir zu den aktuellen Vertragsgestaltungen:
Auch bei den Catering und Merchandisingverträgen seit
ihr von Anfang an dabei und informiert gewesen?
MB: Ich sage ganz deutlich, das hätte man
besser machen können, aber wir sind dementsprechend
miteinbezogen worden und
konnten uns rechtzeitig dazu äußern. Manchmal
etwas knapp aber zumindest rechtzeitig.
ÜS: Für den Rückkauf der Vermarktungsrechte musste
das Darlehen aus dem Cateringvertrag von W. Holz herhalten.
Dafür hat der FC im Gegenzug die Cateringrechte
auf zehn Jahre abgegeben. Eine äußerst lange
Zeit oder?
MB: Wir haben seitdem W. Holz das Catering
übernommen hat deutliche Mehreinnahmen
zu verzeichnen.D.h. für den Verein bleibt insgesamt
mehr Geld übrig. Das zinslose Darlehen
wird kontinuierlich abbezahlt. Insgesamt
hat das den Verein voran gebracht.
ÜS: Aber die Mehreinnahmen können doch nicht größer
sein, als wenn man das Catering selbst weiterbetrieben
hätte. Schließlich verdient W. Holz auch daran.
Da sind doch die zukünftigen, steigenden Vermarktungseinnahmen
schon mit eingerechnet oder?
MB: Die Tilgung erfolgt überwiegend aus
Werbekostenzuschüssen. Es ist also nicht so,
dass aus dem laufenden Geschäftsbetrieb
Gelder abfließen. Zurück zum Vertrag mit W.
Holz: Der Verein erhält prozentual höhere
Einnahmen aus diesem Vertrag als vorher
und zusätzlich partizipiert der Verein aus den
gestiegenen Umsatzzahlen.
ÜS: D.h. der Nebeneffekt des zinslosen Darlehens von
W. Holz ist der, dass die Vermarktungsrechte zurükkgekauft
werden konnten?
MB: Genau
ÜS: Wie kann man den Merchandisingvertrag so gestalten,
dass man 90 Prozent der Einnahmen mit unendlicher
Laufzeit abgibt?
MB: Beim FC St. Pauli ist eine mögliche Umsatzsteigerung
der Vermarktungseinnahmen,
beispielsweise durch einen Aufstieg in die 2.
Liga wesentlich höher, als eine mögliche Umsatzsteigerung
bei den Merchandising-Einnahmen.
Deshalb ist es absolut sinnvoll, 100
Prozent der Vermarktungsrechte zu halten,
weil die Steigerungen sehr hoch sind.
Die Umsätze, die beim Merchandising gemacht
werden, sind für Regionalligaverhältnisse
immer noch hervorragend, aber eine
Steigerung bei einem Aufstieg fällt natürlich
wesentlich geringer aus, als bei der Vermarktung.
100 Prozent der Vermarktungseinnahmen
sind eine erkleckliche Summe
ÜS: Noch sind wir aber in der Regionalliga und das
kann sich auch noch ein paar Jahre hinziehen. Dann
wird so ein Konstrukt über 30 Jahre Laufzeit aber gefährlich?
MB: Nein. Der Verein bekommt immer 100
Prozent der Vermarktungs-Einnahmen, welches
auch eine erkleckliche Summe Geld ist.
Das zweite ist, dass wir unabhängig von den
prozentualen Anteilen 20 Prozent vorab als
Lizenzgebühr aus den Merchandisingumsätzen
erhalten.
Upsolut hatte eine Option auf zusätzlich 15
Prozent, wenn ein strategischer Partner im
Bereich Textilien gefunden wird. Diese haben
sie zum Schluss gezogen. Ein strategischer
Partner hieß in dem Fall, dass beispielsweise
ein Bekleidungsunternehmen
gefunden wird, das bessere Möglichkeiten
bei der Herstellung und Vertrieb von Textilien
hat. Derartiges Know How kommt beiden
Vertragpartnern zu gute. Dabei bleiben die
eben genannten 20 Prozent Lizenzgebühren
unberührt. Diese 15 Prozent sind nicht Upsolut
zugefallen, weil der Verein zu einem
bestimmten Zeitpunkt eine bestimmt Summe
nicht aufbringen konnte.
ÜS: Dann muss eine Summe reinkommen, die den Umsatz
von 15 Prozent, die an Upsolut gegangen sind,
aufgerechnet auf 30 Jahre übersteigt? Und das nur
durch einen strategischen Partner aus der Bekleidungsindustrie?
MB: Nein, es ist natürlich so, dass bei diesem
Vorgang intern Gelder verrechnet wurden,
was die Kaufsummen angehen. Upsolut hat
an den FC St. Pauli eine bestimmte Summe
für die Merchandisingrechte bezahlt und
umgekehrt der FC St. Pauli eine bestimmt
Summe für die Vermarktungsrechte. Fallen
dann Mehreinnahmen aus dem Merchandising
an, werden weiter Gelder verrechnet.
ÜS: Der Kaufpreis für die Vermarktungsrechte fällt also
proportional?
MB: Genau. Es ist ja nicht so, dass der FC St.
Pauli Rechte in Höhe von 15 Prozent ohne
Gegenleistung abgibt. Der Aufstieg muss deutlich früher passieren
ÜS: Wir können uns nicht vorstellen, dass sich ein strategischer
Partner auf 30 Jahre verpflichtet. Entspricht
das Ganze denn folgendem Modell: Der FC St. Pauli
hofft innerhalb der nächsten 10 Jahre in die zweite Liga
aufzusteigen, um dann 20 Jahre lang so viel Geld
zu generieren, dass man dann jedes Jahr einmal zusammenkommt,
um festzustellen, wir haben so viel
Geld gescheffelt, dass wir noch 100 Jahre Shirts zusammen
verkaufen.
MB: Erstmal muss ein Aufstieg in die 2. Liga
deutlich früher passieren. Wir haben eine
Summe X, die wir zurzeit durch die Vermarktungseinnahmen
und eine Summe Y,
die wir momentan durch das Merchandising
haben. Ein möglicher Aufstieg oder ein neues
Stadion würde eine wesentlich höhere
Steigerung der Vermarktungsumsätze bedeuten,
als im Bereich des Merchandisings.
ÜS: Das ist uns nun klar, aber Upsolut wird das auch
verstanden haben. Warum bringt sich Upsolut um die
Möglichkeit, an einem möglichen Aufstieg, der wirtschaftlich
notwendig ist, zu partizipieren. Das kann
doch nur bedeuten, dass Upsolut lieber den Spatz in der
Hand als die Taube auf dem Dach hat, oder?
MB: Darüber kann natürlich nur Upsolut Auskunft
geben. Aber es ist natürlich für Upsolut
eine Ausdehnung in einen gewissen Bereich,
in diesem Falle das Merchandising. Da sieht
Upsolut vielleicht mehr ihre Zukunft.Und man
muss dabei bedenken, dass Vertriebs- Know
How im Textilienbereich bisher in dem Konstrukt
Upsolut/ St. Pauli nicht vorhanden war.
ÜS: Also versucht Upsolut momentan nicht, dass Geld,
was sie in den FC St. Pauli gesteckt haben, innerhalb
kürzester Zeit wieder heraus zu kriegen. Sondern sie
lassen sich ein Fundament für die Säule, dem zukunftsträchtigen
Textilvertrieb, gießen.
MB: Es ist natürlich für beide momentan eine
Win- Win- Situation.
ÜS: Das kann nach den Gesetzen des Kapitalmarkts
nicht lange anhalten?
MB: Die Betonung liegt auch auf momentan.
Wenn wir nicht in absehbarer Zeit aufsteigen
sollten, bzw. dann eventuell den Finanzplan
erheblich herunter fahren müssen, weil es in
den nächsten zwei Jahren nicht mit dem Aufstieg
klappt, stellt es sich für den einen Partner
günstiger dar. Steigen wir auf für den anderen,
sprich uns. Momentan haben beide
Seiten ihre Vorteile.
Momentan drückt es an allen
Ecken und Enden
ÜS: Nach wie vielen Jahren 2. Liga Zugehörigkeit könnten
wir denn wieder einen Teil der Merchandisingrechte
zurück erwerben?
MB: Das kann man natürlich nicht so sagen,
denn momentan drückt es ja an allen Ecken
und Kanten. Da muss man eine Prioritätenliste
aufstellen. Ein Aufstieg oder Stadionbau
wäre auch kein Allheilmittel, bei dem sofort die
Insel der Glückseligkeit erreicht ist. Die Begehrlichkeiten
in einem Erfolgsfall müssten
sauber abgearbeitet werden. Wir müssen
dann erst einmal sehen, dass eine vernünftige
Ausrichtung in den Investitionen statt findet,
aber auch,was eine vernünftige Ausrichtung
der Begleichung der Altlasten angeht.
ÜS: Gibt es in den Verträgen seitens Upsolut eine Option,
wenn sich beispielsweise die Vermarktungssituation
verbessert, auf einen Rückkauf von Anteilen an
den Vermarktungsrechten?
MB: Nein.
ÜS: Springen wir mal ein kurzes Stück zurück: Im Oktober
2003 erklärte der damalige Buchhalter eine nicht
angemeldete Umsatzsteuersumme im Rahmen einer Präsidiumssitzung
und im Beisein des damaligen AR- Vorsitzenden
und ehemaligen Kassenprüfer Jost Münster?
MB: Das Thema Anwesenheit ist da mit Vorsicht
zu betrachten, da in dem Protokoll alle
Personen genannt werden, die überhaupt
an dem Tag anwesend waren. Da aber die
Sitzung über mehrere Stunden ging, bedeutet
das nicht automatisch, dass alle dort genannten
immer anwesend waren.
ÜS: Wieso hat der Aufsichtsrat dieses Thema nicht weiter
verfolgt?
MB: Bis zu Kenntnisnahme, die wir im Januar
2005 gehabt haben,war die Sache für den
Aufsichtsrat eben nicht bekannt und wurde
daher auch nicht verfolgt.
"Insofern haben wir gemeinsam mit den
Kassenprüfern beschlossen,eine Strafanzeige
gegen Unbekannt zu stellen."
ÜS: Also im Prinzip hat das Präsidium versäumt, eine
Anweisung auf Umsetzung zu kontrollieren?
MB: Wir haben natürlich mit verschiedenen
Leuten gesprochen. Das schwierige ist, dass
einige seiner Zeit handelnde Personen nicht
mehr im Verein tätig sind. Darüber hinaus
bekommen wir auch kaum konkrete Aussagen
zu diesem einem Vorgang. Insofern haben
wir gemeinsam mit den Kassenprüfern
beschlossen, eine Strafanzeige gegen Unbekannt
zu stellen. Diese wird in diesen Tagen
der Staatsanwaltschaft Hamburg zugänglich
gemacht. Es gibt eben gewisse Bereiche, in
denen wir mit unseren Möglichkeiten nicht
mehr vorwärts kommen.
ÜS: Also fehlen Unterlagen zu diesem Thema?
MB: Nein, aber Aussagen wurden nicht so
konkret verfasst, wie eigentlich notwendig,
weil wir keine Druckmittel wie eine ermittelnde
Behörde haben.
ÜS: Unabhängig von Personen würde es in jeder Firma,
in der derartiges passiert, doch sofort Konsequenzen
geben. Es gab eine Sitzung, dort haben einige
Leute teilgenommen die für die finanzielle Lage des
FC St. Pauli verantwortlich zuständig sind. Dort wird von
einer sechsstelligen Summe berichtet, die nicht unerheblich
ist für den Gesamtetat. Dort werden entsprechende
Anweisungen gegeben. Dann passiert zwei Jahre
nichts mehr. Keinem fällt auf, dass man 200.000 Euro
zu viel hat. Keinem fällt auf, oh, da muss ja noch
was angemeldet werden. Keiner prüft, ob Arbeitsanweisung
umgesetzt worden sind?
MB: Was es für die Kassenprüfer und den
Aufsichtsrat so schwierig macht ist, dass es
ein späteres Protokoll gibt, mit einem entsprechenden
Erledigungsvermerk. Ohne ins
Detail zu gehen.Außerdem sprechen wir von
vier Parteien, nämlich Präsidium, Geschäftsführung,
Buchhaltung,Wirtschaftsprüfer.Alle
waren involviert und da ist genau die Krux
für den Aufsichtsrat. Es war nicht festzustellen,
dass da jemand eindeutig schuld ist. Mit
den Möglichkeiten der Aufklärung, die wir
hatten, kann man der Sache nah kommen,
aber das Problem nicht vollständig lösen.
Deswegen die Strafanzeige.
ÜS: Dabei kann es sein, dass sich die Strafanzeige im juristischen
Sinne gegen den Falschen, einen kleinen Mitarbeiter,
richtet. Vereinsrecht ist nun mal komplizierter.
Normalerweise werden solche Sachen vereins-intern geregelt.
Hier scheint es, als wäre man zu allen hingerannt
und gefragt: "Warst Du es" und alle hätten "Nö" gesagt.
Und dann hauen wir mal ne Anzeige raus?
MB: So ist das natürlich nicht gelaufen. Man
hat halt nur gewisse Möglichkeiten. Die häufigsten
Aussagen, die da gemacht wurden,
waren die, dass in der eigenen Firma der
Buchhalter auf den Knopf drückt und dann
kommt die Unsatzsteuererklärung monatlich
automatisch heraus. Beim FC wurden Buchungen
zeitlich nach hinten verschoben,
Umbuchungen seitens der Wirtschaftsprüfer
vorgenommen, die sich jetzt mit den Möglichkeiten,
die wir mit unserer Datenbank haben,
nicht 100prozentig zuordnen lassen.
ÜS: Letztendlich ist doch in einer normalen Firma der
Geschäftsführer dafür verantwortlich, dass am Ende
des Jahres eine Umsatzsteuer vorliegt, die hieb- und
stichfest ist. Das ist beim FC St. Pauli zwei Jahre lang
nicht geschehen. Der Geschäftsführer hat zudem den
Luxus, ehrenamtliche Kassenprüfer und teuere Wirtschaftsprüfer
zu beschäftigen und dann gibt’s ja noch
einen Aufsichtsrat, der darauf achten sollte, dass eine
Umsatzsteuer-Erklärung vorliegt. In der freien Wirtschaft
hätte man den Geschäftsführer auf der Stelle
entlassen?
MB: Zuerst einmal ist dies keine klassische
Aufgabe des Aufsichtsrates. Die besten
Möglichkeiten haben die Wirtschaftsprüfer
und die Kassenprüfer, die ja sich auch mal eine
Woche Zeit nehmen um in die Materie
einzusteigen. Aber auch da bleibt es letztendlich
bei Stichproben. Der Aufsichtsrat
prüft natürlich kontinuierlich, nur die Krux
ist, dass standardisierte Vorgänge wie die
Umsatzsteuer-Anmeldung von ehrenamtlichen
Gremien nicht geprüft werden, weil
man davon ausgeht, dass das läuft.
ÜS: Präsidium, Geschäftsführer und Wirtschaftsprüfer
blieben somit in der Pflicht, besonders dann, wenn über
zwei Jahre eine fette Negativsumme in der Bilanz mitgeschleift
wird. Und keiner fragt sich, warum diese
Summe da drin steht?
MB: Was leider auch ein Problem ist, dass die
Wirtschaftsprüfer als Steuerberater tätig
sind, das heißt die Buchhaltung und die Wirtschaftsprüfer
haben gebucht. Leider ist auch
nicht festgehalten, wer was auf Anweisung
des Präsidiums gebucht hat und was nicht.
Protokolle geben nur bedingt Auskunft
ÜS: Haben wir nicht seit drei Jahren ein generelles Problem,
dass wir genau an den Stellen sparen, an denen
es überhaupt nicht angebracht ist. Da sitzt beispielsweise
ein Geschäftsführer, der anscheinend nicht
weiß, was in seinem Laden los ist. Uns wird das ein bisschen
zu einfach dargestellt.
MB: Der Knackpunkt ist die Nachvollzieh-
barkeit, wer was gemacht oder auch nicht
gemacht hat. Die Protokolle geben nur bedingt
Auskunft darüber, was angewiesen
worden ist und was nicht.Wenn du da keine
konkreten Aussagen, bzw. sich widersprechende
Aussagen bekommst, bist du
auch nicht schlauer.
ÜS: Vor der Ermittlungsbehörde würden die Leute dann
plötzlich die Wahrheit sagen?
MB: Es ist natürlich schon was anders ob ein
Aufsichtsrat sie befragt oder ob es um strafrechtlich
relevante Sachen geht. Das ist natürlich
für den Aufsichtsrat etwas heikel da
eventuell Sachen raus zu hauen, nach dem
Motto: Da war was oder der hat was getan,
denn das kann dementsprechende Konsequenzen
nach sich ziehen.
Es fehlt die Kontinuität
ÜS: Uns kommt es so vor, dass der Verein Opfer seiner
eigenen Strukturen innerhalb der letzten zweieinhalb
Jahre geworden ist. Eigentlich sollten sich diese durch
ein Controlling, durch Kontinuität bei den Beschäftigten
und durch die Wahrnehmung der Gremien ihrer
verbessert haben.
MB: Es sind schon andere Strukturen geschaffen
worden aber es fehlt halt an der
Kontinuität. Aber auch beispielsweise die
Umstrukturierung des Alltagsgeschäfts wie
es sich darstellt. Die Buchhaltung hatte in
Vergangenheit beispielsweise zuviel mit allgemeinen
Telefonaten oder ähnliches zu tun,
was nicht zu ihrer originären Aufgaben gehört.
Die sollen buchen! Das trägt natürlich
nicht zu einem guten Arbeitsklima bei. Insgesamt
ist der Verein jetzt aber deutlich besser
aufgestellt als früher.
ÜS: Warum ist das Präsidium oder der Geschäftsführer
Frank Fechner in dieser Sache nicht um Aufklärung bemüht?
MB: Hat ja niemand gesagt, dass sie nicht
um Aufklärung bemüht sind.
ÜS: Warum kommt die Strafanzeige vom Aufsichtsrat
und nicht vom Präsidium?
MB: Das Präsidium hat grundsätzlich die
Strafanzeige begrüßt. Es wurden mündlich
Änderungswünsche seitens des Präsidiums
geäußert. Die kamen dann aber nicht, so dass
der Aufsichtsrat die Sache selber in die Hand
genommen hat, um nicht länger zu warten.
ÜS: Du sagtest gerade, dass sich einige Personalien verändert
haben. Nur wer den ganzen Vorgang begleitet
hat und umfassende Kenntnisse hatte, war Frank Fechner.
Würdest Du unseren Eindruck teilen, dass da jemand
mit seiner Aufgabe ein bisschen überfordert ist?
Er erlangt von der Sache im November Kenntnis, informiert
die Gremien aber erst im Januar!
MB: Uns wurde mitgeteilt, dass erst im Januar
Kenntnis davon erlangt wurde.
ÜS: Masterfrage zur Umsatzsteuer: Die Steuerschulden,
im Raum stehen laut der Hamburger Morgenpost bis
zu 1 Millionen €, sollen monatlich in relativ kleinen
Summen angeblich als Strafzahlungen abgetragen
werden. Mitte 2006 soll die komplette Summe dann
auf einen Schlag entrichtet werden?
MB: Nein, das sind keine Strafzahlungen. Es
ist halt eine Summe vereinbart worden, die
auf Bitten der Finanzbehörde intern bleibt.
Der Vorgang ist bis in das nächste Jahr befristet.
Nach dieser Frist wird man sich hoffentlich
dann wieder zusammensetzen und
die Situation, die dann vorherrscht, neu bewerten.
Wir hoffen hier auf den Dialog mit
den Finanzbehörden.
ÜS: Man hat immer das Gefühl, der Verein hangelt sich
von Heimspiel zu Heimspiel. Da werden Handwerker-
Rechnungen gar nicht oder verspätet gezahlt. Wie kann
so was, vor allen Dingen im Vergleich zu anderen Drittligisten,
bei einer halbwegs seriösen Etatplanung passieren?
Dabei werden anscheinend hauptsächlich
Kleinsponsoren und langjährige Partner vor den Kopf
gestoßen! Wie könnt Ihr da Einfluss nehmen, was kann
man da verbessern oder ändern?
MB: Ein Grundproblem für den FC St. Pauli
ist, dass der Finanzplan in der Regionalliga
immer ganz eng gestrickt ist. Im laufenden
Geschäftsjahr fehlen uns Zahlungen wie die
Ablöse von Kacan in Höhe von 75.000 und
nicht gezahlte Miete von den Blue Devils in
Höhe von über 60.000 Euro.
Der DFB steigt nicht auf utopische Zahlen ein
ÜS: Dann bleiben immer noch ungefähr 500.000 Euro,
die plötzlich in einem Etat von gut 2,2 Millionen
Euro fehlen. Das sind ca. 25-30 Prozent im Laufe von
nur einer Spielzeit! Wie kommt das zustande? Sind da
utopische Zahlen eingesetzt worden, die gar nicht erreicht
werden können, um dem DFB zu zeigen, dass
wir ein würdiger Lizenzträger sind?
MB: Der DFB steigt auf utopische Zahlen sowieso
gar nicht ein, denn was nicht 100prozentig
belegt ist, wird im Finanzplan nicht
zugelassen. Die Differenz ist dann gleichzeitig
die Bürgschaftssumme. Wenn die Verantwortlichen
beim DFB sagen, dass gewisse
Erträge, die im Finanzplan eingestellt sind,
nicht erreicht werden können, werden diese
nicht zugelassen. Großartig blenden kann
man den DFB also nicht.
ÜS: Noch mal: Wie kommt die Differenz zwischen den
rund 130.000 Euro und den 600.000 bis 700.000 Euro
zustande? Was war dafür eingeplant? Wo sollte das
Geld herkommen? Warum klappte das nicht?
MB: Vor kurzem ist der Abschlußbericht der
Wirtschaftsprüfer zum 31.12.2004 gemacht
worden, der uns jetzt seit einigen Wochen
vorliegt. Die Mindereinnahmen von den Blue
Devils und der Sache Deniz Kacan, werfen
den Verein in der Liquidität ziemlich weit zurück.
Das führt leider dazu, dass wir bei den
Firmen, bei denen wir Schulden haben gewisse
Rechnungen nicht bezahlen können.
Außerdem fehlt eine hohe Summe beispielsweise
aus den Kunstaktionen und den
Rasenpatenschaften. Im ersten Jahr sind da
nur 111.000,- Euro eingegangen.
ÜS: Wenn man diesen Posten mal nimmt, dann akzeptiert
der DFB nur Einnahmen die wasserdicht sind
– also keine Kunstaktionen oder Rasenpatenschaften.
MB: Stimmt, von daher kommt auch die Bürgschaftssumme
von 589.000,- zustande, da der
DFB diese mögliche Generierung von Einnahmen
als nicht hieb- und stichfest ansah. Sie haben
eben dafür Nulleinnahmen angesetzt.
Den Großteil der Bürgschaft
deckt das Präsidium ab
ÜS: Wer deckt die Bürgschaft ab?
MB: Zum Großteil das Präsidium.
ÜS: Wann hat der Aufsichtsrat dieses Jahr die Lizenzunterlagen
zur Prüfung bekommen? Wie wurde innerhalb
des Aufsichtsrat beschieden?
MB: Die endgültige Fassung haben wir einen
Tag vor Fristende abgestempelt. Ein Finanzplan
ist natürlich etwas,was ständig im Fluss
ist. Den ersten Finanzplan für die Lizenzierung
haben wir ein, zwei Wochen vor dem
Abgabetermin bekommen.
ÜS: Sind die Mindereinnahmen aus dem letzten Etat
beim Finanzplan für den neuen Etat mit eingerechnet?
Ihr müsst ja die Summe wieder auffangen, die Ihr dieses
Jahr verbürgt habt.
MB: Die Bürgschaft wird ja vom DFB anhand
des letzten Geschäftsjahres (bis 31.12. Anm.
d. Redaktion) und des neuen Finanzplans festgelegt.
Der hat hierbei nichts mit dem Liquiditätsplan
zu tun. Da wird einfach nur dargestellt,
was der FC St. Pauli in der Saison 05/06
an Einnahmen und Ausgaben erwartet.
ÜS: Die knapp 600.000 Euro, für die eine Bürgschaft
beim DFB hinterlegt werden musste, resultieren also aus
geplanten Einnahmen, die nie realisiert worden sind?
MB: Es sind ja schon Gelder rein gekommen
aus den Aktionen. Leider nicht soviel, wie wir
erwartet haben.
ÜS: Wie soll eine solche Unterdeckung denn für die
kommende Saison vermieden werden? Schließlich hat
Corny Littmann angekündigt, dass der Etat fast exakt
genauso hoch sein soll, wie in dieser Saison. Da würden
dann ja wieder 600.000 Euro fehlen.
"Es wird auch Sonderaktionen zur
neuen Saison geben"
MB: Das Problem ist, dass wir kaum Mehreinnahmen
erzielen können, wenn wir keine
besonderen Aktionen mit einbringen können.
Es wird auch Sonderaktionen zur neuen
Saison geben, die der Verein braucht, um
eine gewisse Größenordnung im Etat zu erreichen,
damit wir eine aufstiegsfähige
Mannschaft zusammen bekommen.
ÜS: Beim Stichwort "Sonderaktionen" kräuseln sich den
meisten Lesern wohl die Fußnägel. Das klingt so, als
gäbe es eine Sonderbriefmarke oder ein Konzert von
irgendwelchen Bands, die uns in der Halbzeit vom Bunker
aus herunter beschallen, während der Helikopter
in Pseudo- Hollywood- Manier über dem Dom kreist.
MB: Die Aktionen sehen schon ein bisschen
anders aus. Ich kann da aber noch nichts endgültig
verkünden, weil das alles noch in der
Mache ist. Darüber hinaus müssen wir
gleichzeitig sehen, wo wir die laufenden Kosten
minimieren können. Stichwort Kollaustraße:
Unter den jetzigen Bedingungen ist
das Trainingsgelände für einen Regionalligisten
einfach nicht zu halten. Die Krux ist natürlich,
wenn wir da jetzt weggehen, wird das
jemand anderem zugewiesen. Das ist nun
mal städtisches Gelände. Wenn wir dann
aber wieder aufsteigen, und wir befinden uns
in der Situation, dass wir wieder von einem
Trainingsplatz zum Nächsten geschickt werden,
ist das sicher kontraproduktiv. Das wäre
für einen Proficlub kein Zustand.
ÜS: Noch einmal zurück zum Thema Bürgschaft. Ist die
Laufende bereits aufgebraucht und kann eine ähnlich
dimensionierte in der kommenden Saison unter den
aktuellen Voraussetzungen überhaupt erbracht werden?
Zumal ja gemunkelt wird, dass diese dann sogar
noch höher ausfallen wird.
MB: Die jetzige Bürgschaft ist angetastet,
aber nicht aufgebraucht. Die Bürgschaft für
die kommende Saison wird auf jeden Fall höher
ausfallen. Da muss man kein Prophet
sein. Diese darzustellen geht nur über zusätzlich
generierte Gelder.
ÜS: Und im Zuge dessen gibt es auch Verschönerungsmaßnahmen
an den bis zur Rückrunde freien Bandenplätzen.
Dort prangt jetzt das Logo der Zeitarbeitsfirma
unseres Vizepräsidenten. Den Firmennamen
möchten wir an dieser Stelle nicht nennen, er hängt ja
gut lesbar für jeden im Stadion.
MB: (lacht)
ÜS: Keine Widerworte?
MB: (lacht weiter)
ÜS: Ok, das ist auch eine Antwort. Inwieweit muss der
Aufsichtsrat über Kredite von Angestellten oder Spielern
zustimmen, wenn diese die Laufzeit von zwei Jahren
überschreiten? Der eine oder andere soll ja einen
Kredit beim Verein mit, sagen wir es mal diplomatisch,
eher längerfristigen Rückzahlungsmodalitäten haben.
Wie zum Beispiel Teammanager Christof Hawerkamp.
MB: (schweigt) Wenn wirklich Verträge vereinbart
wurden, die über mehr als zwei Jahre
laufen, dann ist der Aufsichtsrat zustimmungspflichtig.
Ein Alternativplan könnte das Stadion sein
ÜS: Das ist ja eine Aussage. Kommen wir zu den eigentlichen
Problemen zurück. Mal angenommen, der
FC St. Pauli steigt in der kommenden Saison nicht auf:
Wie realistisch ist es in diesem Fall, dass die laufenden
Verbindlichkeiten und die Steuerschulden abgetragen
werden können? Gibt es beispielsweise Alternativpläne
zu den Sonderaktionen?
MB: Ein Alternativplan könnte das Stadion
sein.
ÜS: Das könnte auch gleichzeitig der letzte Plan überhaupt
sein?
MB: Wenn der FC St. Pauli nicht in absehbarer
Zeit aufsteigt, das heißt in den kommenden
zwei Jahren, dürfte es nur noch möglich
sein, einen Basisetat auf die Beine zu stellen.
Eine Summe von zwei Millionen für den Lizenzbereich
dann darzustellen, wäre nicht
mehr möglich.
ÜS: Das wäre dann aber zumindest seriös. Schließlich
wirtschaften einige Regionalligisten so...
MB: Der FC St. Pauli bewegt sich aber in einem
etwas anderen Umfeld. Die Erwartungshaltung
von Mitgliedern, Fans und Medien
ist hoch. Sportlich und finanziell sind
wir leider in der Regionalliga. Man kann natürlich
auch mit gewissen Maßnahmen für
den FC St. Pauli einen seriösen Etat, der uns
zumindest von der Papierform her aufstiegsfähig
macht – zusammenstellen.
ÜS: Dabei könnte uns sicher die Rückkehr von Nascimento
helfen. Wie ist eigentlich der Stand der Dinge?
Schließlich schulden wir dem abgebenden brasilianischen
Verein Prudentopolis noch die zweite Transferrate in Höhe
von 225.000 Euro. Der Scheck, den Frank Fechner
damals als Sicherheit ausgestellt hat, war schließlich nicht
gedeckt? Zahlt Littmann jetzt die Ablöse persönlich, oder
schickt Ihr Nascimento nach Brasilien zurück?
MB: Er hat noch einen Vertrag bis 2006 bei
uns. Derzeit laufen Verhandlungen mit dem
abgebenden Verein, ob es eventuell noch eine
andere Regelung gibt.
ÜS: Wie könnte die aussehen?
MB: Die könnte so aussehen, dass der Vertrag
mit dem Spieler Nascimento aufgelöst
wird, so dass Prudentopolis wieder die Transferrechte
besitzt und den Spieler anderweitig
veräußern kann.
ÜS: Und der FC auf 250.000 Euro verzichtet...
MB: Es bleibt noch die Möglichkeit, den Spieler
bei einem anderen Verein unterzubringen.
ÜS: Kommen wir zu einem anderen Thema. Ein Mitglied
aus Eurem Gremium, Tay Eich, tauchte des öfteren im
Forum unter dem Namen "Brown Sugar" auf und gab
seinen Zucker zu diversen Themen. Findet Ihr das als
Gremium sweet? Schließlich bist Du ja der offizielle
Sprecher, so was muss einem doch eher sauer aufstoßen...
MB: Wir haben diese Vorgänge im Aufsichtsrat
thematisiert. Tay hat nie irgendwelche
Interna preisgegeben, das war uns
ganz wichtig.
ÜS: Dafür war sich Eich nicht zu schade, sich polemisch
bis abfällig über Mitarbeiter und Ex-Angestellte via
Internet auszulassen. Das ist in einem seriösen Unternehmen
schlechter Stil, finden wir zumindest.
MB: Wir haben darüber sehr kontrovers diskutiert
mit dem Ergebnis, dass er sich deutlich
zurück genommen hat. So soll es auch
bleiben.
ÜS: Was völlig anderes. Du hast Tatjana Groeteke damals
ihre Kündigung persönlich überbracht und hast
seitdem den Spitzname "Präsidiums- Postbote" weg.
Was waren die Beweggründe?
MB: Ich war damals der Meinung, dass man
eine Kündigung nicht per Post schicken, sondern
lieber persönlich überbringen sollte.Da
habe ich mich dann zur Verfügung gestellt.
ÜS: Zum Ende eine persönliche Frage. Du kommst ursprünglich
als Kritiker aus der AGiM, mittlerweile bist
Du für einige Deiner Ex-Mitstreiter eher zum Schmusekater
des Präsidiums mutiert... Kannst Du Deinen
ehemaligen Genossen noch ins Gesicht sehen?
MB: Ja klar! Ich stehe jederzeit für Gespräche
zur Verfügung,was in der Vergangenheit
viel zu wenig genutzt wurde.Auch von Euch
als Übersteiger zum Beispiel. Es muss ja
nicht immer der hochoffizielle Weg sein. Diejenigen,
die mich als Schmusekater der Vereinsführung
bezeichnen, die waren noch nie
– speziell in der letzten Zeit – bei einem Gespräch
mit dem Präsidium zugegen. Nur halte
ich nach wie vor nichts davon, Streitigkeiten
in der Öffentlichkeit auszutragen.
"Der Auftritt war definitiv eines Präsidenten
des FC St.Pauli unwürdig."
ÜS: Womit wir beim nächsten Thema wären. Dem Verhalten
von Corny Littmann im Trainingslager auf Kuba.
Du hast in der Mopo vom 17. März zu der angeblichen
Liebesbeziehung zwischen Corny und einem jungen Kubaner
während des von Mobilcom bezahlten Trainingslagers
folgendes Statement abgegeben: "Wir haben bereits
vor einiger Zeit mit Corny Littmann über dieses Thema
gesprochen. Wir werden das jetzt aber noch einmal
tun." Dein Aufsichtsratskollege Wolfgang Helbing ging
sogar noch weiter und sprach von einer "katastrophalen
Außenwirkung". Wie ist der Stand der Dinge?
MB: Es hat nicht nur ein Gespräch gegeben.
ÜS: Das ist interessant, zumal vom Aufsichtsrat keiner mit
auf Kuba war und unser Heft mit den Reiseberichten zu
dem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen war. Warum
dann trotzdem mehrere Gespräche zu diesem Thema?
MB: Das kam dadurch zustande, dass verstärkt
Gerüchte durch den Verein gezogen sind. Die
haben wir dann im Aufsichtsrat thematisiert
und Corny Littmann damit konfrontiert.
ÜS: Mit dem Ergebnis, dass Corny in der Mopo selbst
bestätigt hat, dass er sich auf Kosten des Sponsors auf
Kuba vergnügt hat. Als Repräsentant eines Vereins ist
es doch eigentlich nicht die Aufgabe, sich auf einer
Dienstreise privat zu vergnügen, ganz egal, ob der Sexualpartner
volljährig ist oder nicht.
MB: Es ist natürlich ein heikles Thema, wenn
man als Offizieller unterwegs ist. Die Frage
lautet dann immer:Wo hört das Dienstliche
auf, wo beginnt die Privatsphäre und gibt es
bei solchen Reisen überhaupt eine Privatsphäre.
Da kann man trefflich drüber diskutieren.
Sagen wir es mal so: Man hätte sich
als Präsident des FC St. Pauli optimaler verhalten
können.
ÜS: Aber mit der Aussage von Corny, dass die Sache legal
war, war sie für Euch erledigt?
MB: Nein. Abgesehen von allen Gerüchten
haben wir mit Corny ein entsprechendes Gespräch
darüber geführt, wie man sich als
Präsident des FC St. Pauli in der Öffentlichkeit
darstellen sollte.
ÜS: Wieso kehrt ein Gremium von Ehrenamtlichen andauernd
den medialen Scherbenhaufen zusammen,
wenn man einen hoch bezahlten Medienkenner wie
Christof Hawerkamp für genau solche Themen beschäftigt.
Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang
nur ungern an Cornys Auftritt bei HH1, wo er sich über
alle Maßen hinaus mit Fäkalsprache blamierte?
MB: Die Frage müsstet Ihr dann bitte Christof
Hawerkamp persönlich stellen. Der Auftritt
bei HH1 war übrigens der zweite Part, weswegen
ich als Aufsichtsratsvorsitzender ein
klärendes Gespräch mit Corny geführt habe.
ÜS: Bleibt das Thema Stadion, welches wir in unserer
Mini- Ausgabe exklusiv vorgestellt haben. Glaubst Du
persönlich an das Projekt?
MB: Grundsätzlich ja. Es gibt zurzeit eine
Vereinbarung mit fixierten Eckdaten. Das ist
die Grundlage für die Investorengruppe, um
Verhandlungen zu führen. Bevor wir jedoch
keine konkreten Dinge vermelden können,
werden wir damit aber auch nicht rauskommen.
Bislang ist jedes Stadion nicht an der
Planung, sondern an der Finanzierung gescheitert.
Das war und ist der Knackpunkt –
auch in diesem Fall. Da laufen jetzt die Gespräche
und da muss man sehen, was die
nächsten Wochen bringen.
ÜS: Ist es nicht fahrlässig, die Fans komplett aus der
Planung raus zu halten? Ist es sinnvoll, dass der FC
nicht an einer Stadionbetriebsgesellschaft beteiligt ist?
MB: Das ist zu früh gefragt. Es macht keinen
Sinn, die Fans mit einzubeziehen, wenn man
keine konkrete Möglichkeit sieht, die Pläne
zu realisieren. Wir haben aber in die Gespräche
einfließen lassen, dass es nicht sinnvoll
ist, die Fans generell außen vor zu lassen.
Mit einer finanziellen Beteiligung des FC
St. Pauli werden wir in absehbarer Zeit kein
Stadion bauen können. Die einzige Möglichkeit,
ein solches Projekt zu realisieren ist,
dass der FC dabei nicht involviert ist. Das ist
finanziell nicht darstellbar.
ÜS: Besteht dann nicht die Gefahr, dass der FC seine
Seele verkauft? Ein hypermodernes Stadion Marke
"Bayarena" will doch hier keiner sehen.
MB: Eins kann ich definitiv sagen: Es bleibt bei
der 50:50 Aufteilung, dass heißt das Stadion
wird zu 50 Prozent aus Stehplätzen bestehen.
ÜS: Wir danken Dir für das ausführliche Gespräch.
Das Interview führten CF, Ra, MiG
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