Nur noch peinlich
Kuba - Episode II
Mopo-Redakteur entlassen, Forum
dichtgemacht – mehr kann man als
Übersteiger eigentlich nicht erreichen.
Doch Spaß beiseite, dazu ist das Thema
Kuba nach wie vor zu ernst. Die Reaktionen
auf einige Formulierungen in der letzten
regulären Ausgabe waren heftig.An dieser
Stelle möchten wir versuchen, die Dinge
noch einmal Revue passieren zu lassen und
die Geschehnisse aufzuarbeiten.
Wenn Andeutungen Wellen schlagen...
Im Reisebericht von unserem Gastautoren
Orsen fand sich unter der Zwischenüberschrift
"Prostitution auf Kuba" folgende Formulierung:
"Auch in ?unserer’ Reisegruppe
gab es drei mir bekannte Fälle. Ein ?Fan’, ein
Pressevertreter und ein Offizieller." Nach einer
kurzen Beschreibung des Fans ging Orsen
noch einmal auf die anderen beiden Personen
ein: "Zu den anderen beiden schreib
ich jetzt lieber nix, sonst kotz ich noch die Tastatur
voll. Nur eines, ein 17 oder 18 jähriger
Kubaner bzw. eine 17 oder 18 jährige Kubanerin
sind für mich noch keine erwachsenen
Menschen. Vielleicht sollten die beiden
Herren jenseits der 50 mal darüber nachdenken.
Zudem befand sich auf Seite 18
eben dieser ÜS-Ausgabe 72 eine Schilderung,
wie einige Offizielle schon – ohne zu
wissen, was wir denn veröffentlichen werden
– Druck auf eine andere Gastautorin
ausübten und vollmundig mit Klage drohten.
Soweit die Vorgeschichte.
Eigentlich zitieren wir das Forum ja nicht
mehr, aber was dann folgte, sollte wirklich einigen
Leute mal zu denken geben. Aufgrund
dieser oben genannten Aussagen, die weder
Namen noch andere persönliche Angaben
enthielten bzw. Persönlichkeitsrechte verletzten,
entwickelte sich eine Internet-Diskussion,
in deren Verlauf Corny Littmann von Forumsusern,
die sich teilweise als Kuba-Augenzeugen
ausgaben, verdächtigt wurde, auf Kuba
sexuellen Umgang mit einem Minderjährigen
gehabt zu haben. Dieses Gerücht haben
wir bzw. unsere Gastautoren nicht in die Welt
gesetzt. Da haben Leute im Forum vielleicht
eins und eins zusammengezählt und sich eine
Meinung gebildet. Schön aber, den Übersteiger
in diesem Zusammenhang mit dem
"Stürmer" zu vergleichen, ein nationalsozialistisches
Hetzblatz, dass zur Ermordung von
Menschen aufrief.. Einigen Forumsusern müsste
man vielleicht mal von links unten nach
rechts oben auf ihren Monitor schreiben, dass
der Überbringer der schlechten Nachricht
nicht gleichzeitig der Erzeuger ist.Wenn Herr
Osterkorn morgen beispielsweise in seinem
"Stern" schreibt, dass Bush den Iran angreifen
will, so hat Herr Osterkorn das lediglich
überbracht, Herr Bush hingegen ist es, der die
Soldaten los schickt.Aber wenn Liebe so blind
macht, bringen wohl auch rationale Erklärungen
nichts mehr.
Zurück zum Thema: Es gab also zwei
Sachverhalte,die diskutiert wurden.
Hat Corny auf Kuba Sex mit einem Minderjährigen
gehabt?
Hat Corny auf Kuba (käuflichen) Sex mit einem
Einheimischen gehabt?
Zu Punkt 1 können wir an dieser Stelle
nichts sagen, da wir nicht dabei waren.
Wenn wir allerdings den Aussagen einiger
Mitreisender Glauben schenken, so war Cornys
ständiger Begleiter auf jeden Fall hart an
der Altersgrenze. Leider hat dieser rein spekulative
Teil die Diskussion so sehr ausarten
lassen, dass sich die Wenigsten mit Punkt 2
auseinander gesetzt haben. Die "BZ" stellte
Mitte März in einem Interview folgende
Frage an Corny Littmann: "Im Internet-Forum
Ihres Klubs wird Ihnen vorgeworfen, Sie
hätten das Trainingslager auf Kuba zum Sex-
Tourismus missbraucht?"
Littmann erwiderte:"Im November 2004
habe ich einen Kubaner kennen und lieben
gelernt. Den habe ich im Januar wieder getroffen.
Wir wollten das beide.Wir haben uns
ganz ohne Kohle gemocht und geliebt."
Nun, vor nicht allzu langer Zeit haben
sich Leute mal über sexistische AFM-Plakate
aufgeregt oder Maxim-Werbemotive zum
Kippen gebracht, aber die Zeiten haben sich
wohl geändert. Da fliegt also der Präsident
des FC St. Pauli auf Kosten des Hauptsponsors
in ein Drittweltland und vergnügt sich
mit einem waswissenwirwiealten Einheimischen,
den er im November, also erst zwei
Monate vorher kennen und lieben gelernt
hat? Wir wollen hier gar nicht beurteilen,wo
Liebe beginnt, wie lange man zum Verlieben
braucht oder wie wichtig gerade am Anfang
einer Beziehung das Verbalisieren der Gefühle
ist. Dies war ja aufgrund der mangelnden
Spanischkenntnisse von Corny gar
nicht möglich. Aber das können und wollen
wir gar nicht bewerten. Was wir durchaus
bewerten wollen ist die Tatsache, dass sich
jemand auf Vereinskosten einen netten Sexurlaub
gegönnt hat und das sogar offen zugibt
und beim FC St. Pauli interessiert das
keine Sau. Seid ihr aufgrund der miserablen
Fußballspiele mittlerweile soweit abgestumpft,
dass ein solches Verhalten keinem
mehr sauer aufstößt?
"Wir haben in dieser Woche ein Gespräch
über verschiedene Themen, da werden
wir auch über Kuba sprechen", kündigte
Aufsichtsratsboss Michael Burmester via
Morgenpost am 17. März an. Und weiter:
"Wir haben bereits vor einiger Zeit mit Corny
Littmann über dieses Thema gesprochen.
Wir werden das aber jetzt noch einmal tun.
Und uns seine Sichtweise der Dinge anhören.
" Aha. Dann hat sich der böse Übersteiger
wohl doch nicht alles aus den Fingern
gesogen? Denn wie kommt es sonst, dass
Burmester von Gesprächen zu dem Thema in
der Vergangenheitsform spricht. Nachdem
der Aufsichtsrat die angekündigten Gespräche
– es waren mehrer zu dem Thema Kuba
– mit Littmann geführt hatte, kommt der für
seine Diplomatie bekannte Burmester im
Interview mit dem Übersteiger zu folgendem
Resumé: "Man hätte sich als Präsident des
FC St. Pauli optimaler verhalten können." Da
würden wir gerne noch einen drauflegen.
Littmann hätte seinen schier unbändigen Sexualtrieb,
den er selber ja gerne bei jeder Gelegenheit
erwähnt, lieber in einem stadtbekannten
Hamburger Hotel ausleben sollen,
als ausgerechnet auf dieser vom Sponsor bezahlten
Dienstreise. Die daraus resultierende
Außenwirkung auf potentielle Sponsoren
kann sich jeder vorstellen. Es soll sogar bereits
einen Sponsor gegeben haben, mit dem
der FC kurz vor dem Abschluss war und der
es sich nach Kuba anders überlegt hat. Aber
vielleicht liegt das auch an der Intoleranz
dieser verklemmten westlichen Generation,
wo Leute mit der Nase rümpfen, wenn ein
über 50-Jähriger in ein Drittweltland fliegt
und einen Einheimischen liebt, den er gerade
mal zwei, drei Wochen kennt und nicht
einmal verstehen kann. Möglich ist ja bekanntlich
alles.
Die Macht des Geldes
Nachdem die Diskussionen im Forum immer
heftiger wurden – mittlerweile hatte sich
Littmann mit einem Statement zu Wort gemeldet
– kam es dann zum absoluten Eklat.
Einige Mitreisende hatten inzwischen den
Namen des oben erwähnten Pressevertreters
raus gefunden und selbigen inklusive
der Artikel gepostet. Das wiederum passte
der Rechtsabteilung dieses großen deutschen
Nachrichtenmagazins ganz und gar
nicht in den Kram und kurzerhand wurden
die Betreiber des Forums dazu aufgefordert,
nicht weiter zu ermöglichen, dass solche Behauptungen
aufgestellt werden. Auch Littmann
soll sich in eine ähnliche Richtung geäußert
haben, jedoch ohne die Justizkeule
geschwungen zu haben. Daraufhin wurde
das Forum erstmal geschlossen. Ein Auszug
aus der Begründung: "Unsere Beweggründe
sind andere. Leider nimmt die Hamburger
Presselandschaft (und dies schließt Fanzines
mit ein) dieses Forum als Zitatenschatz und
Recherchemöglichkeit. Dies ist erstmal was
sehr ehrenvolles und kann einen mit Freude
erfüllen, wir müssen nun aber die Nachteile
erkennen. So sind uns rechtliche Konsequenzen
angedroht worden, wenn wir gewisse
Beiträge nicht editieren. Wir möchten
auf jeden Fall eine rechtliche Auseinandersetzung
vermeiden. Da wir nicht garantieren
können jeden Beitrag zeitnah genaustens
auf seine rechtlichen Konsequenzen zu prüfen,
bleibt uns nichts weiteres übrig, als insgesamt
eine Pause einzulegen." Damit spielten
die Betreiber auf eine Ausgabe der Hamburger
Morgenpost an, wo Redakteur Stefan
Krause als einziger dieses heiße Eisen anpackte.
Bereits kurz nach der Ankunft des
Kuba-Tross’ zurück in Hamburg hatte ein anderer
Journalist einem Übersteiger-Redakteur
erzählt, dass es teilweise widerlich war,
wie Corny sich verhalten hat, dass er das
aber nicht aufschreiben wird, um dem Verein
nicht zu schaden. Ähnliches berichteten
dann ja auch unsere Augenzeugen. Der
Sportchef einer anderen großen Tageszeitung
soll seinen Redakteur sogar zurückgepfiffen
haben, weil er seinen Lesern die Kuba-
Geschichte nicht zumuten wollte.
In seinem ersten Artikel vom 16. März bezieht
sich Krause auf die Aussagen der Forumsuser,
die er zuvor zum Teil persönlich
kennen gelernt hat. Gepaart mit seinen persönlichen
Eindrücken ergibt das ganze einen
Artikel, über den man sicher streiten kann.
Worüber man aber ganz und gar nicht streiten
kann, ist die Nachtausgabe vom 17.
März. Dort stellen drei Redakteure (neben
Krause noch Dirk Hoffmann als stellvertretender
Sportchef sowie Jens Friesendorff) auf
einer Doppelseite Fakten, Interviews und
Stimmen zu dem Thema zusammen, dass
Corny Littmann die Kubareise als Sexurlaub
benutzt hat. Das hatte Littmann inzwischen
ja sogar schon via Forum die ganze Welt wissen
lassen.An Nachmittag des 17. März war
Corny nebst Beistand bei Mopo-Chefredakteur
Josef Depenbrock über mehrere Stunden
zu Gast. Wir kennen zwar nicht den Inhalt
des Gespräches, aber eines dürfte klar
sein. Das Wort "Anzeigenschaltung" wird aller
Wahrscheinlichkeit nach gefallen sein.
Schließlich schaltet Littmanns Theater, das
Schmidts Tivoli, einmal im Jahr eine Sonderbeilage,
die so um und bei 12-16 Seiten liegt
und wirbt auch so häufig tagesaktuell für
Veranstaltungen. Rund 30.000 Euro kommen
da wohl im Jahr zusammen.
Nach dem Gespräch hatte es Herr Depenbrock
dann wohl nicht mehr für nötig
gehalten, sich die Berichte von drei (!) seiner
Sportredakteure durchzulesen bzw.
ein Gespräch über den Verlauf der Recherche
zu führen. Stattdessen schmiss er
beide Seiten komplett und ersatzlos aus
der Tagesausgabe. In der Internetausgabe
der Mopo wiederum erfreuten sich die Leser
fast den kompletten Tag an den Berichten.
Da fehlen einem die Worte.
Zwei Tage später folgte dann eine persönliche
Entschuldigung von Depenbrock
via Mopo an Corny Littmann, in der er davon
spricht, dass der betreffende Redakteur
"die Rote Karte erhalten" habe. Dieses
Bild – der Begriff Metapher wäre ja
wohl Perlen vor die Säue werfen - ist ebenso
eines Journalisten unwürdig, wie der
gesamte Vorgang. Besagter Redakteur
wurde eben nicht – wie viele es im Forum
gewusst haben wollen – rausgeschmissen,
sondern lediglich von der Berichterstattung
über den FC St. Pauli abbestellt.
Seitdem gab es leider auch so gut wie kein
kritisches Wort mehr zu lesen. Doch nicht
genug, der FC kungelt inzwischen sogar
mit der Bild und vergibt exklusiv Storys an
die Zeitung, mit der unser Fanpräsident
laut seiner Antrittsrede "kein Wort mehr
sprechen" wollte. Doch zurück zu Herrn
Depenbrock, der jetzt sicher ein paar Anzeigen
mehr, ein paar motivierte Redakteure
weniger und vor allem ein zensiertes
Blatt sein Eigen nennt: Wieso kann eigentlich
eine Titelzeile der Marke "Littmann
im Sex-Sumpf" erscheinen, wenn
an der Geschichte gar nichts dran ist? Ist
bei Ihnen im Haus der Artdirector verantwortlich
für den Inhalt der Aufmacherschlagzeile?
Manchmal kommt einem das
ja so vor.Als Chefredakteur wird diese Zeile
doch wohl über ihren Tisch gegangen
sein. Selbst wenn nicht: Am nächsten Tag
wollten drei ihrer Redakteure dann mit
sauberen journalistischen Mitteln eine –
zugegeben – etwas gewagte Story fundieren
und Sie haben nichts Besseres zu
tun, als sich von einem Anzeigenkunden
beschwatzen zu lassen und anschließend
fundierte Berichte aus ihrer eigenen Zeitung
zu werfen? Wenn einer die Rote Karte
hätte bekommen sollen, dann doch
wohl Sie als Gesamtverantwortlicher.Aber
Sie sind ja eigentlich mit dem "Hinzugewinn"
der TV Today schon genug gestraft.
Und wie immer: kein Gewimmer
Fassen wir also noch mal zusammen: Unser
Präsident vergnügt sich auf Kosten des
Sponsors auf einer offiziellen Dienstreise
mit einem jungen Einheimischen. Leute,
die dieses Verhalten kritisieren werden mit
Nazis verglichen. Die Mopo, die kritisch
über den Vorfall berichtet, wird mit welchen
Mitteln auch immer zum Schweigen
gebracht und seitdem erhält die Bild exklusive
Infos von einem Vereinsoffiziellen
(siehe Meggle-Verpflichtung, Dauerkarten
auf Lebenszeit). In einem demokratischen
Land wird ein Meinungsforum von Fußballfans
geschlossen weil dort die Behauptung
zu lesen ist, dass ein Journalist
auf Kuba Sex mit einer Prostituierten hatte.
Und zack: Fünf Tage später halten alle
wie auf Fingerschnipp die Backen still und
regen sich wieder über Fehlpässe von Dinzey
auf. Gelernt ist eben gelernt. Wie waren
wir noch vor einigen Jahren stolz auf
das kritische Potential der St. Pauli-Fans
und wie sehr sind wir jetzt enttäuscht,
dass wir uns da in den vergangenen drei
Jahren wohl was vorgemacht hatten.
Oder wie sagte ein Bekannter kürzlich im
Bezug auf die jüngsten Eskapaden der
Vereinsführung so schön: "Für mich ist das
die mit Lichtjahren Abstand größte Enttäuschung
in Sachen außerweiblicher Leidenschaft.
Eure Redaktion
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