Sozialismus,
Sex(tour)ismus
und ein großes bisschen Luxus

    Reporter suggerieren ja gerne, dass es sowas wie eine Wahrheit gäbe. Sie fahren irgendwo hin, gucken sich was an und tun dann so, als könnten sie das, was sie gesehen haben, umfassend beschreiben und in seiner Gesamtheit beurteilen. Wenn sie im Volontariat einen Tag lang einen Eisverkäufer begleiten, könnte das sogar klappen. Aber die machen das auch über monatelange Kriege mit all ihren Tätern, Opfern, Profiteuren und Verlierern, all den vielen kaputten, widersprüchlichen Geschichten.Wahnsinn! Eine Woche Havanna mit der Mannschaft, den diversen Offiziellen und 40 Fans, das war fast wie ein Krieg, jedenfalls was die Komplexität des Ganzen angeht. Da gab es viele tolle Begegnungen, unvergessliche Momente, kleine Gesten und große Geschichten, Verständnis, Hilfsbereitschaft, Begeisterung, Glück. Dieses großartige St.-Pauli-Family-Feeling. Manchmal schienen sogar die Spieler zur Familie zu gehören. Besonders wenn sie angetüdert "unsere" Lieder sangen, und zwar inbrünstig, melodiesicher und textfest.

    Aber es gab auch eine höllisch dunkle Seite. Subtilen und weniger subtilen Sexismus, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe. Das schamlose Ausnutzen der Armut der Kubaner durch Sextouristen aus unserem Tross. Die Abzocke mancher Kubaner gegenüber uns. Ich kann nur Szenen schildern und Gedanken. Zu einem Gesamtbild wird sich das in meinem Kopf nie fügen. Dafür gibt es gute Gründe:
- Kuba ist das letzte sozialistische Land dieser Erde – und damit vielleicht das Widersprüchlichste.
- St. Pauli ist ein mit dem Glauben an eine bessere Welt assoziierter Fußball-Verein, dessen "Fanpräsident" "Unternehmer des Jahres" war.
- Ich bin eine Frau, die dachte, frau werde inzwischen auch ernstgenommen und respektiert, wenn sie sich nicht als Mannsweib geriert. In meinem normalen Berufs- und Privatleben ist das nämlich so.
- Und: Ich bin als Journalistin im Auftrag einer Touristik-Fachzeitschrift mitgefahren, habe aber weder einen Hehl daraus gemacht noch vergessen können, dass ich auch Fan bin. Hier also ein paar sortierte Eindrücke von Sozialismus, Sex(tour)ismus und einem großen bisschen Luxus Kaum angekommen, begegne ich auf dem Frauenklo des Flughafens von Havanna einem neuen Berufsbild. Es gibt eine Klopapierabwicklerin. Sorgfältig zählt sie vier Blättchen von der Rolle ab und reicht sie mir mit einem freundlichen Nicken. Das passiert später auch in Musickneipen in Havanna. Für normale Kubaner ist Papier offensichtich so kostbar wie hierzulande für niemandem gar nix. Der Kuba-erfahrene Fan Doddel erklärt mir das noch mal anschaulich, als ich mich über die frische Scheiße an der Wand des Baseballstadion-Klos aufrege: "Maaaann, was solln die denn machen, die ham halt kein Papier".

    Fünf vor zwölf im Hotel. Der Mensch von der "Mopo" hastet an mir vorbei. Ich frage, wo er hinwill. "Na, zur Pressekonferenz". Pressekonferenz? "Ja, um zwölf im Business Center". Interessant. Schließlich sind aus Deutschland in der ersten Woche ja nur vier Journalisten und eine Journalistin (ich) anwesend, und mir hat niemand was von einer Pressekonferenz erzählt. Als ich Medienkoordinator Christof Hawerkamp nach der PK darauf anspreche, raunzt er mich an: "Das steht auf dem ersten Terminplan, den ich rumgemailt hab. Wenn Du den nicht mal liest, kann ich Dir auch nicht helfen". Ich hole den einzigen Terminplan, den er mir je gemailt hat. Da steht keine Pressekonferenz drauf. Hawerkamp: "Das war dann wohl der allererste. Aber Du warst ja da, also beschwer Dich nicht".

    Freundschaftsspiel des St.-Pauli-Tross gegen kubanische Journalisten und Funktionäre: Im St. Pauli Team spielt neben Truller, Bergmann, Hawerkamp, Fechner, den Journalisten und ein paar Fans, die glauben, dass sie kicken können, auch die langjährige Verbandsliga-Mittelstürmerin und mehrfache Hamburger Meisterin Gundi Reiss. Sie weiß genau, was sie tut, läuft richtig, steht richtig, fordert den Ball. Wird sie auch nur ein einziges Mal angespielt? Pustekuchen!

    Für die Fans ist Hawerkamp nicht zuständig, wie er auch bei jeder Gelegenheit mit größtem Nachdruck betont. Um die Fans soll sich ein extrem smoother junger Herr namens Alejandro als Repräsentant der "Reise- und Empfangs-Agentur" Cubadeportes S. A. kümmern. Englisch kann er kaum, ein intrinsisches Interesse an seinem Job hat er definitiv nicht. Alejandro lümmelt ab und zu in der Hotel-Lobby rum und verkauft völlig überteuerte Pässe für Busfahrten zum Training, den Eintritt zu den Spielen und die Fahrt nach Zulueta. Das Geld (130 Euro für alles – da arbeiten viele Kubaner ein ganzes Jahr für) steckt er sich hinten in die Hosentasche. Wieviel davon wohl bei Cubadeportes ankommt? Eine genaue Abrechnung muss er bestimmt nicht machen. Sonst könnte er mir den Pass ja nicht einfach umsonst geben, nur weil ich mein schweres Los als freie Journalistin beklage und ein wenig mit den Augen klimpere. Die anderen Journalisten dürfen genauso ablatzen wie die Fans.

    Havanna, drei Millionen Einwohner.Verfallene Häuser, schöne Menschen, schläfrige Hunde. Keine Leuchtreklamen, kein Konsum- Geglitzer, kaum Autos. Total entspannend!

    Aus "Reise Know-how Cuba" von Frank Herbst: In dem Moment, in dem die US-Blockade gegen Cuba wegfällt, müsste man mit einem Ansturm von etwa fünf Millionen amerikanischen Touristen rechnen".

    Spieler beim Stadtrundgang über eine Kubanerin: "Die müsste man durchbiegen und von hinten knattern".

    Spieler an der Hotelbar zu mir: "Dich würd ich auch knattern. Meine Zimmernummer ist xxx"

    In der Lobby: Andreas Bergmann guckt mich an, als könnte ich nicht bis Drei zählen. Einladung zu einer Party bei Zahnarzt und Geschäftsmann Dirk Greeffe, dessen kubanische Frau Mumi als 120-fache Basketball-Nationalspielerin die nötigen Kontakte hatte, um das Trainingslager in die Wege zu leiten. Als Gastgeschenk kriegen die beiden das mobilcom-Plakat, auf dem sich eine nackte Frau mit Stilettos und geschürzten Lippen in Fick-mich-von-hinten-Pose über einen Fußball lehnt. Die dreijährige Tochter von Dirk und Mumi betrachtet das "Kunstwerk" mit Staunen. Mumi betrachtet es nur ganz kurz. Dirk weiß nicht so recht, ob er es betrachten soll oder lieber nicht. Corny aber prahlt, dass man das Teil listig zwischen irgendwelchen Torpfosten durch den Zoll geschmuggelt habe. "Offiziell hätten wir das hier bestimmt nicht reingekriegt!" Glückwunsch, Super-Aktion!

    Weitere interessante Erkenntnis der Party: Wir zahlen bei Taxi-Fahrten in die Stadt grundsätzlich einen ungefähr ums Dreifache überhöhten Preis. Der Stadtteil Cojimar, wo die Party stattfindet, ist vom Hotel etwa dreimal so weit entfernt wie die Innenstadt. Medienkoordinator Hawerkamp hat mir die nach vorn verlegte Bus-Abfahrtszeit nicht mitgeteilt und sich später dafür mit einem dahingerotzten "Alle wussten es, nur Du nicht" nicht entschuldigt. Die PR-Managerin des Hotels sympathisiert mit meiner Lage und nordet einen Taxifahrer ein, mich für den korrekten Preis nach Cojimar zu fahren. Ich zahle am Ende 9 Peso, genauso viel wie sonst in die Stadt. Die Tour in die Stadt müsste für die ohnehin alles ca. 25 Mal so teuer bezahlenden Touristen also eigentlich 3 Peso kosten. Auch das ist noch der Gegenwert von drei Blowjobs von kubanischen Prostituierten für kubanische Kunden. Ein Taxifahrer, der auffällig kluge Fragen zur Presse in Europa stellt, erzählt mir dann auch, er hätte 20 Jahre als Professor an der technischen Fakultät der Uni von Havanna gearbeitet. "Aber dann wollte ich auch mal ein bisschen Geld haben und so fahr ich jetzt Taxi."

    Liebe geht auf Kuba eindeutig durch den Geldbeutel: Ein Schiedsrichter will mich heiraten und für immer lieben, ein Bassist auch. Da "kennen" sie mich seit fünf Minuten. Aber nett sind sie schon. Der Bassist bietet sogar an, mir viele kleine braune Kinder zu machen. Aber, hei, er würde sich in Hamburg den Arsch abfrieren. Und ich könnte niemals ohne Klopapier leben...

    Aus "Reise Know-How" Cuba von Frank Herbst: "Eine Errungenschaft der Revolution ist die niedrigste Kindersterblichkeitsrate der Welt mit 6,5 je 1000 Geburten. Pro 1000 Einwohner stehen 175 Ärzte zur Verfügung, knapp doppelt so viele wie in Deutschland".

    ... "Cuba besitzt mit 4 % die niedrigste Analphabeten- Rate des amerikanischen Kontinents. Selbst den USA ist es nicht gelungen, diesen Wert zu erreichen".

    "Charly" arbeitet als Journalist bei der staatlichen kubanischen Presseagentur. Er ist jung, kann perfekt Englisch mit amerikanischem Akzent, wirkt leicht hyperaktiv und hat ein ziemlich intellektuelles Nasenfahrrad. "Nach der PK unterhalten wir uns bestens und ich sage: Sollen wir noch’n Kaffee trinken? Er: Das geht nicht, ich habe kein Geld". Ein Kaffee im Hotel kostet 2,50 Peso Convertible (PC). Charly verdient 7 PC im Monat. Er zahlt in Havanna 20 PC Miete. "Wenn ich nicht einen Onkel hätte, der im Tourismusgeschäft arbeitet und mich unterstützt, müsste ich zurück aufs Dorf. Bei meinen Eltern wohnen und in der Fabrik arbeiten." Später sagt er: "I love this country, but it doesn’t love me back.”

    Beim Training: Andreas Bergmann guck mich an, als könnte ich nicht bis Drei zählen. Bubu am Spielfeldrand zu Taljevic: "Soll ich Dir eine reinhauen?" Taljevic: "Nein, bitte nicht!" Bubu würgt ihn von hinten und haut ihm ein paarmal kräftig auf den Hinterkopf. Taljevic: "OK, danke".

    Aus der Broschüre "Sportreiseziel Cuba" des kubanischen Ministerium für Tourismus (2003): "In wenigen Ländern der Welt kann man gesund alle die Vorzüge genießen, welche die systematische Körpererziehung und der Sport für die Lebensqualität verschafft. Kuba hat die sportliche Betätigung als Ergänzung für die geistige und körperliche Gesundheit zum Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens gemacht. Der kubanische Sport hat mannigfaltige Etappen, seine Höchstform jedoch erst durch die Revolution erreicht. ... Seit der Gründung des Nationalen Instituts für Körpererziehung, Sport und Erholung (INDER) im Jahre 1961 sind sich die Inselbewohner nach und nach der Notwendigkeit bewusst geworden, systematisch Übungen für die integrale Persönlichkeitsentwicklung und für die Heranbildung gesunder Lebensgewohnheiten durchzuführen."

    Geschäftsmann Greeffe: "Gegen Devisen gibt’s hier eigentlich alles. Aber es ist schweineteuer!" In "unserem" Supermarkt im Diplomaten-Viertel kann nur mit der Touriwährung Peso Convertible bezahlt werden. Auch da gibt’s aber nur von wenig viel – vor allem regalweise Fruchtsäfte. Und ganz viel gibt’s gar nicht.

    Auszug aus einem später vom Auswärtigen Amt nicht autorisierten Interview mit dem Deutschen Botschafter Dr. Bernd Wulffen:
Wenn ein Deutscher auf Kuba arbeiten will, wie muss er das einfädeln?
"Das wichtigste ist, dass Sie einen Sponsor haben, eine Stelle, die Sie eingeladen hat und für Sie dann verantwortlich zeichnet. Dann geht das ganz gut. Aber es ist eigentlich ein recht seltener Fall, dass Deutsche hierher kommen, um zu arbeiten. Ich hab neulich einen Fall gehabt, ein junger Architekt, der hier arbeiten wollte. Das hat auch geklappt, aber das Problem ist die Bezahlung. Die ist sehr gering, so dass nur Idealisten so etwas auf sich nehmen, hohoho."

    Können Sie einschätzen,was im Moment die dringlichsten Probleme des kubanischen Alltags sind?
"Es gibt da eine ganze Reihe. Viele Menschen haben keinen Transport, keinen Bus, keine Straßenbahn. Die stehen an Straßenecken und fahren per Anhalter – zur Arbeit. Das zweite Problem ist die Versorgung. Die Menschen müssen Schlange stehen nach Nahrungsmitteln. Ein weiteres Problem ist, dass man nach einer guten Ausbildung, die man hier bekommt, oft keine adäquate Arbeit findet. Und vor allem keine, die so bezahlt ist, dass man sich dann auch einige Wünsche erfüllen kann. Da liegt ein Widerspruch, der irgendwann gelöst werden muss."

    Ein typischer Abend in unserem Viersterne-Hotel. Wir sitzen an der Bar und versaufen zwei bis vier Monatslöhne eines jungen Reporters der kubanischen Presseagentur. Träumen vom Aufstieg. Lästern über den unsympathischen Schnauzbartträger aus der Botschaft, der schon wieder im Hotel rumhängt, und über den schamlosesten aller Sextouristen. Untermalt wird das alles dezent von einem Streichquartett. Vier junge Männer in Anzügen. Was sie wohl verdienen?

    Aus "Reise Know-How Cuba" von Frank Herbst: "1999 verbot die Regierung die Prostitution und führte drastische Strafen wie Umerziehungslager ein. Seitdem ist die Prostitution nicht mehr so offensichtlich und wird verdeckt betrieben".

    Hawerkamp zu Bergmann beim inoffiziellen Testspiel gegen die kubanische Nationalmannschaft: "Andreas, denkst Du an die Coaching- Zone?". Bubu aus dem Hintergrund: "Auf Kuba gibt’s keine Coaching-Zone, da gibt’s nur ne Knutsch-Zone".

    Beim Rundgang durch die Altstadt: Andreas Bergmann guckt mich an, als könnte ich nicht bis Drei zählen.

    Fan Evelyn (57) macht ihre erste Fernreise. Über die Kubaner sagt sie: "Die Leute sind einfach fantastisch, total relaxed. Die strahlen so eine Ruhe aus. Sogar die Hunde..."

    Nachts um eins allein am Malecon. Die Wellen schäumen auf die Straße, sonst ist nicht viel los. Vereinzelt lösen sich Gestalten aus dem Dunkel. Wenn sie mich sehen, die Touristin, allein, geben sie mir sofort durch Körpersprache zu verstehen: "Mach Dir keine Sorgen, Du bist hier sicher". Was für eine Stadt!

    HH-1-"Rasant"-Reportage über das Trainingslager. Bergmann gibt ein Interview vor schiefem Horizont. Schon beim ersten Satz verhaspelt er sich gottserbärmlich.

    Al fin doch noch eine Wahrheit, die mir während dieser Woche in Havanna immer wieder vor Augen stand: Letztlich dreht sich alles nur um Sex.

// Gastartikel von Anne

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