|
Trainingslager auf Kuba. Am 10.11. um kurz vor halb zehn hob der Flieger ab. 11.5 Stunden sollte der Flug dauern, der blanke Horror. Wir saßen alle ziemlich verteilt im Flieger, aber es war immer gut zu erkennen, wer dazu gehörte. Nicht nur an den Klamotten, sondern auch am Bierkonsum. Die Flugstrecke ging über Amsterdam, Schottland, Island, Südgrönland, Kanada und dann die amerikanische Ostküste runter. Das Bier ging kurz vor der kanadischen Küste aus, aber alle konnten sich noch gut benehmen. Pünktlich landeten wir auf Kuba. Nach der Passkontrolle gingen wir zur Gepäckabholung und ausgerechnet "unserer" Familie mit zwei kleinen Kids fehlten fast alle Koffer. Nach ca. 25 Minuten erreichten wir mit Bussen das Hotel. Das Bier mit dem Namen Cristal schmeckte ganz gut, hatte aber etwa Hamburger Preise. Doch auch das hinderte uns nicht, der Hoteldirektor meinte am nächsten Tag, dass er noch nie erlebt hätte wie die Biervorräte einer Hotelbar leer gesoffen wurden. 11.01.05 Am Nachmittag waren wir neugierig auf das
Stadion und fuhren mit einem Taxi zum Training
ins Estadio Pedro Marrero. Beim Aussteigen
fiel mir das Kennzeichen des Taxis
auf: hsv985! Na großartig, in Zukunft sollten
wir besser darauf achten, zu was für Leuten
wir uns ins Auto setzen.
Das Stadion bestand aus zwei großen Tribünen,
wovon die größere überdacht war. Klasse sah auch der umgeknickte Flutlichtmast
aus.Wäre so etwas in Deutschland passiert,
dann wäre sofort alles abgesperrt gewesen
und das Ding außer Betrieb genommen.
Auf Kuba werden einfach die Scheinwerfer
auf der anderen Seite wieder angeschraubt.
Irgendwann wurde es uns beim Training
zu langweilig und wir beschlossen, die Altstadt
von Havanna zu erkunden. Die sehr
nette Taxifahrerin, eine Frau mit einer 60er
Jahre Frisur, versuchte uns auf Spanisch die
Sehenswürdigkeiten zu erklären.Wir gingen
als erstes in eine von den Millionen Hemingway-
Bars, die es auf der Insel gibt. Ein
reiner Tourischuppen, neben uns waren
auch Menschen aus China, Kanada, Frankreich
und anderen Ländern auszumachen.
Ich probierte meinen ersten und auch letzten
Mojito: Weißer Rum mit Zucker, Soda
und frischer Minze. Ekelhaft!
12.01.05Abends waren wir in die deutsche Botschaft eingeladen. Wir wurden alle per Handschlag vom Botschafter begrüßt und trugen uns in das Buch der Botschaft ein. Neben der Mannschaft waren auch schon sehr viele andere Leute dort und auf einer kleinen Terrasse spielte eine megageile kubanische Band. Zwischen den Leuten rannten Kellner rum, die fleißig Schnittchen und Drinks verteilten. Der Star des Abends war Javier Sotomayor. Ohne Starallüren lief er durch den Garten, ließ sich mit jedem fotografieren und war die ganze Zeit nur am Grinsen. Super sympathisch. 13.01.05Um 15 Uhr stand das erste Testspielspiel gegen Kuba an. Das Spiel fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, d.h., neben unserer Gruppe waren noch ca. 100 kubanische Zuschauer da, alles Sportler die sonst in dem Stadion trainieren und einige Funktionäre. Von richtiger Stimmung kann kaum die Rede sein, ein büschen "St.Pauli! St.Pauli!" und das war´s. Das Spiel ging 3:2 für uns aus, lustig war das zwischenzeitliche 2:2 für Kuba. Der Ball sprang vor Frank Dröge auf und prallte in eine andere Richtung ab uns ins Tor. Unhaltbar. So viel zu den Platzverhältnissen, das Feld glich eher einem Kartoffelacker. 14.01.05Heute schauten wir uns die legendäre kubanische Propaganda vor der amerikanischen Interessenvertretung an. Das Gebäude war ein schlichtes, einigermaßen modernes Hochhaus, welches direkt, nur von einer Straße getrennt, am Wasser lag. Ringsherum standen in 20 Meter Abstand kubanische Soldaten, mit dem Rücken zur "Botschaft". Vor dem Gebäude waren riesige Plakate mit Hakenkreuzen, Folterbildern aus dem Irak und Sprüchen wie: "Fascista made in USA". PROSTITUTION AUF KUBAOffiziell ächtet und verfolgt Fidel die Prostitution, in der Praxis sieht das aber ganz anders aus. Letztes Jahr besuchte ich ein Spiel von Glasgow Celtic in Tschechien. Hinter der Grenze soll angeblich der längste Straßenstrich Europas sein. Und es waren auch sehr viele Damen dieses Gewerbes zu sehen, aber das war ein Scheißdreck gegen das,was auf Kuba abgeht. In der Altstadt von Havanna war das nicht sehr auffällig, aber etwas außerhalb und besonders im Diplomaten Viertel, wo wir wohnten, standen Hunderte von jungen Mädchen, kaum eine über 25, und haben gewartet.Von einem Kubaner erfuhr ich, was die Mädchen von einem Kubaner für einen oralen Dienst verlangen: 1 Dollar. Die Preise für Touristen konnte er mir nicht nennen, aber auf Kuba kann fast alles mit 25 multipliziert werden. Auch was teilweise bei uns im Hotel abging war nur noch ekelhaft. Z.B. dieser fette Schnauzbartträger aus der Deutschen Botschaft (nicht der Botschafter! Anm.d.Red.). An 4 Abenden nacheinander war er mit einem anderen jungen Mädchen an der Hotelbar. Dieser ekelhafte Typ war um die 50, die Mädchen höchstens 20, eine von denen war vom Aussehen her gerade 16. Auch in "unserer" Reisegruppe gab es drei mir bekannte Fälle. Ein "Fan", ein Pressevertreter und ein Offizieller. Diesem hirnamputierten "Fan" muss ich ja noch zu Gute halten, dass er sich eine Frau um die 25 ausgesucht hatte, also etwa nur halb so alt wie er. Er schleppte sie am helllichten Tag mit ins Hotel und wollte mit ihr aufs Zimmer. Es gab zwei Probleme. Erstens lassen die Sicherheitsleute solche Damen nicht in den Fahrstuhl (Treppen gab’s keine), und zweitens hatte sie ihre kleine Tochter (ca. 3 oder 4 Jahre) dabei. Nun lief dieser Vollidiot rum und fragte die anderen Mitreisenden, ob sie mal auf die kleine Tochter aufpassen könnten, damit er die Mutter auf dem Hotelzimmer bumsen kann. "Lustig" am Ende, das er sie schon bezahlt hatte, aber leider nicht zum Ziel kam, weil alle ihm ne Meise zeigten. Zu den anderen beiden schreib ich jetzt lieber nix, sonst kotz ich noch die Tastatur voll. Nur eines, ein 17 oder 18jähriger Kubaner bzw. eine 17 oder 18jährige Kubanerin, sind für mich noch keine erwachsenen Menschen.Vielleicht sollten die beiden Herren jenseits der 50 mal darüber nachdenken. 16.01.05Um 15 Uhr fand das Spiel Kuba gegen Haiti statt. Die Reisegruppe quetschte sich samt Kinderwagen in zwei kleine Busse und wurde zum Stadion gekarrt. Und heute war endlich mal was los hier. Lange Schlangen an den Kassen, vor dem Stadion ein bunter Trubel und laute Musik.Wir kamen mit unseren Ausweisen schnell ins schon gut gefüllte Stadion, ca. eine halbe Stunde vor Anpfiff. Wir saßen direkt hinter dem Fanblock aus Haiti, der ungefähr 200-250 Personen stark war. Ich hatte ehrlich gesagt nicht mit einem Fan von der Nachbarinsel gerechnet und war sehr überrascht. Wie mir ein Einheimischer erklärte, bestand dieser Auswärtsmob zu drei Viertel aus Sportlern des Landes (es waren auch fast nur junge Leute) und zu einem Viertel aus Haiti-Bullen, die auf die Sportler aufpassten, damit die nicht die Biege machen. Im Gegensatz zu Haiti geht es den Menschen auf Kuba nämlich noch ziemlich gut. Klasse war auch, was alles mit ins Stadion genommen werden konnte. Wir hatten auch alle Dosen und Flaschen mit Bier, Cola, oder Wasser mit, aber einige Kubaner nahmen sogar ihre Fahrräder mit ins Stadion. Einer der haitianischen Fans hatte 2 lange Eisenstangen dabei, mit denen er Krach machte. So etwas wie Sitze gibt es in dem Stadion nicht, Fan saß (keiner stand während des Spiels) auf nacktem Beton. Im Stadion waren jetzt ca. 8000 Zuschauer und das Spiel ging los. Die Haitianer machten auf ihren Instrumenten einen Höllenlärm und feuerten ihre Mannschaft auch mit vielen Sprechchören an. Absolut nicht mit europäischen Verhältnissen zu vergleichen, aber sehr geil. Halt mal was anderes. Von den Kubanern kam so gut wie nix, nur ab und zu mal ein "Kuuuba, Kuuuba". Das Hinspiel hatte Kuba mit 1:0 gewonnen, und Haiti brauchte einen Sieg mit 2:0, oder 2:1, oder 3:2 usw. Und es ging gut los für sie, in der ersten Halbzeit kegelte der Ball zum 1:0 für Haiti ins kubanische Tor. Verstanden habe ich zwar nicht, was die Haitianer danach sangen, aber die Schadenfreude war deutlich heraus zu hören. Nach 90 Minuten stand es immer noch 1:0 für Haiti, und das bedeutete Verlängerung. Aus dem 0:1 an der manuellen Anzeigetafel wurde ein 2:2 gemacht, verstanden hatte ich das nicht. Egal, Kuba schoss dann ein Tor in der Verlängerung und hatte somit eins mehr und gewonnen. Lustig war auch das Pappschild von der Anzeigetafel auf dem "Haiti" stand. Einmal klappte es zur Hälfte um und was stand auf der Rückseite? Genau: St.Pauli.
18.01.058 Uhr Abfahrt nach Zulueta zum Spiel gegen Villa Clara. Der Reisebus mit den Fans gondelte einmal quer durch Havanna zur Autobahn. Na ja, als Autobahn würden solche Straßen hier nicht bezeichnet werden. Es gab immerhin zwei Spuren plus einer Standspur, die einstigen Linien waren nur noch schwach zu erkennen, wenn überhaupt. Nach einer ganzen Zeit hatten wir Zwischenstopp in Santa Clara, beim Ché Mausoleum und Museum. Ein riesiger Platz mit Flutlichtmasten (keiner war umgeknickt und einem großen Denkmal. Es folgte das Highlight der Tour. Wir fuhren mit dem Bus nicht mehr über Autobahnen, sondern über enge Landstraßen. Nach ca. einer Stunde fuhren wir durch ein Dorf mit kleinen Häuser, maximal zweistöckig, und es war kein Mensch zu sehen. Wir hielten an einem kleinen Platz und stiegen aus. Um den Platz herum standen 300 bis 400 Menschen und beobachten uns. Keiner begrüßte uns, keiner sagte etwas. Am Anfang von diesem Platz, auf dem sonst ein paar schöne Palmen standen, war eine Art Fußballdenkmal. Ein altmodisches Abbild eines schwarz-weißen Fußballs mit einer kleinen Tafel. Die Minuten vergingen. Einige von uns machten Fotos, unterhielten sich, aber von den Einheimischen kam kein Wort. Nach einer knappen halben Stunde, kam der Bus mit der Mannschaft, er hielt an, die Spieler stiegen langsam aus und gingen auf den Platz zu. Jetzt kam Bewegung in die Massen, und es ertönte Musik. Drei Typen mit Trommeln, einer mit einem abgebrochenen Spaten, den er mit einer verrosteten Schraube bearbeitete, schlichen auf unsere Jungs zu. Die Spieler verteilten Autogrammkarten, ein alter Mann fing an zu tanzen, ein kleines Mädchen ging auf die beiden Kiddies unserer Reisgruppe zu. Es war unglaublich. Böller knallten, Raketen gingen hoch und plötzlich war alles nur noch am Feiern. Überall waren fröhliche und glückliche Gesichter zu sehen. Der ganze Tross setze sich dann die Straße abwärts in Bewegung, links und rechts standen Menschen und winkten uns zu, mittendrin die Band, die Spieler, die Fans, Fahnen. Nach einiger Zeit hieß es dann, jetzt geht es zum Stadion.Welches Stadion? Bis dahin war noch nix zu sehen. Ich dachte, wir gehen jetzt ein Stück und sehen uns mit den ganzen netten Menschen hier ein Fußballspiel an, auf einem Stück Rasen nebenan.Voll daneben. Wir "mussten" uns wieder in den Bus setzen, der mittlerweile nachgerollt war, weil unser Reiseleiter rumquengelte. Nach nicht mal fünf Minuten fuhren wir auf ein Feld und sahen mitten in dieser Pampa eine große Tribüne. Noch jetzt bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. Wir rollten hinter diese Tribüne, stiegen aus, gingen zu unseren Plätzen und wurden mit Applaus begrüßt! Keine Ahnung wie viele Zuschauer gekommen waren. 4000-5000? Kleine Stände waren aufgebaut mit Reiskuchen, Süßigkeiten, Obst und gekühlten Getränken. Wir nahmen an der unteren Seite in der Mitte der Tribüne Platz. Diese war weiß gestrichen und an vielen Stellen noch nicht ganz trocken. Hinter einem Mauervorsprung vor der Tribüne zog ich die mitgebrachte Passanten-Schwenkfahne auf. Es vergingen noch ein paar Minuten und die Mannschaften liefen ein.An Schwenken war wegen dem starken Wind nicht zu denken, ich hielt sie einfach nur hoch. Hinter mir hörte ich lautes Erstauen und sogar Applaus. Ach ja, Fußball? War das wichtig? Für die Menschen hier schon sehr, deswegen waren sie gekommen, mir war es an diesem schönen Spätnachmittag völlig egal. Diese Freude, diese Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden, hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Es war einfach nur fantastisch. Einige Mädchen hatten sie sich bereits in den einen oder andern Spieler verknallt, saßen mit den Autogrammkarten auf ihren Plätzen und kreischten. Hallo, nicht die Beatles, nicht Take That. Regionalliga!!! Villa Clara schoss in der ersten Hälfte das 1:0, und der Jubel war groß. Der Platz sah übrigens viel besser aus als im Estadio-Umgeknickter- Flutlichtmast. Zur zweiten Hälfte frage ich einige von den Jungs, ob sie mir bei der Schwenkfahne mal helfen würden. Große Augen und na klar. Rauf mit der Fahne, an der dann 5 bis 6 kleine Fußballfans hingen und sie im Wind hielten. Wieder Applaus von den Zuschauern, wie peinlich. Zum Ende des Spiels noch Dramatik. St. Pauli schoss aus sehr abseitsverdächtiger Position das 1:1. Okay, ist ja nur ein Freundschaftsspiel, dachte ich, aber nicht die einheimischen Fans und Spieler. Lautes Gepfeife und der "schuldige" Linienrichter wurde von aufgebrachten Spielern des Gastgebers mit einigen Ohrfeigen "zur Rede gestellt". Kurz darauf war Abpfiff und die Schiris mussten sich durch die wütenden Zuschauer kämpfen. Was würde hier bloß bei einem Meisterschaftsspiel los sein? Der Rest der aufgebrachten Masse lächelte uns an, winkte und versuchte gleichzeitig immer noch die Schiris zu lynchen. In diesem Durcheinander enterten wir unseren Bus, der nach einigen Startschwierigkeiten wieder auf die Landstraße fuhr. Dies war das aufregendste Auswärtsspiel was ich je erlebt hatte. 19.01.05Abendblatt, Mopo und BLÖD berichteten über das Spiel gegen Santa Clara, aber keiner der Reporter war vor Ort. Respekt. 22.01.05Letzter Spieltag auf Kuba, heute ging es zum 2ten mal gegen die Nationalmannschaft. Mit dem Bus ging es Richtung Stadion und die Frage war, wie viele Zuschauer wohl kommen würden? Die Schätzungen lagen zwischen 200 und 20.000. Na ja, vorm Stadion war lange nicht so viel los wie beim Länderspiel, und es waren am Ende irgendwas zwischen 1.500 und 2.000. Das Spiel endete 3:1 für Kuba, die Stimmung war mäßig. Sehr nett war aber, dass viele Kubaner, die wir beim Länderspiel kennen gelernt hatten, auch bei diesem Spiel waren. Nervig war das Kamerateam von HH1 und der ARD, die immer auf der Suche nach Interviewpartnern waren. 25.01.05Sichere Landung in Frankfurt. Im Bus zum Flughafengebäude belauschte ich zwei Spieler unserer Mannschaft: "Ey, voll krass Alder, hast du gesehn? Muss du gucken da, voll das große Fliegegerät, ey". Nicht, dass mich das überrascht hat, die beiden Knallköppe haben sich die zwei Wochen nur so unterhalten. Die haben sich nicht nur ein Zimmer geteilt, sondern auch ein Gehirn. Zum Schluss möchte ich noch meiner lieben Schwester danken, die mich zum Flughafen gebracht und auch wieder abgeholt hat. Nicht danken möchte ich den Sextouristen (geht kacken) und Alejandro von Cubadeportes, dem fiesen Abzocker. Hoffentlich hast Du Dir die Taschen schön voll gestopft, Herr Reiseveranstalter? Alles in Allem war das ein schöner Urlaub, bis auf die ätzenden Begleitumstände, die bei Vielen von uns, aber vor allem bei den Betroffenen (Strichjungen und fast noch minderjährige kubanische Mädels) sicher einen üblen Nachgeschmack hinterlassen haben. Ich hoffe, Ihr habt wenigstens Euer Geld bekommen. Und ich hoffe, Ihr wisst, dass nicht alle "Urlauber" aus Deutschland/Europa so Scheiße drauf sind wie diese Kranken. Gastartikel von Orsen |
|
Titelseite dieser Ausgabe |
|