Interview mit der Clubheim-Pächter-Bewerber-Gruppe

Nach langjähriger Zusammenarbeit zwischen
Brigitte und dem FC St.Pauli ging im Herbst eine
Ära zu Ende.Über die Hintergründe der Trennung
wird an anderer Stelle im Heft berichtet, doch
was wird in Zukunft passieren? Wie stellt sich
die Vereinsführung das Clubheim und eine(n)
Pächter(in) vor? Es gibt und gab bereits mehrere
BewerberInnen für die Ausschreibung der
Clubheim-Pacht, doch Corny Littmann und das
Restpräsidium des Vereins entschieden sich für
eine vereinsinterne Lösung mit MitarbeiterInnen
der Vermarktung. Der Übersteiger sprach
mit Thomas Lengefeld und Thorsten Wendt, die
zu einer der Bewerbergruppen gehören,über die
Hintergründe ihrer Bewerbung, die Ziele und
Wünsche als Pächter des Clubheims und Fans
des Vereins:
ÜS: Wer seid Ihr? Wie kommt ihr dazu Euch zu bewerben und was qualifiziert Euch dafür?
Thomas: Wir sind eine Gruppe von fünf Personen
aus dem Umfeld St. Paulis, wohnen
und arbeiten im Viertel, sind Mitglieder und
Fans des Vereins und haben allesamt Erfahrungen
oder Ausbildungen in der Gastronomie.
Wir sitzen jetzt nur stellvertretend hier.
Ich betreibe mit meinem Mitbewerber Arno
seit 6 Jahren die Max-Bar in der Paul-Roosen-
Straße und bin verantwortlich für das
Booking im Hafenklang. Matthias ist gelernter
Koch und hat während seiner Arbeit für
die AFM die Vereinsabteilungen kennen- und
schätzen gelernt und kocht zur Zeit für die
Regionalliga-Mannschaft am Trainingsgelände.
Heiko ist gelernter Hotelfachmann,
hat in diversen Hamburger Hotels Gastronomieerfahrung
gesammelt und ist durch
seinen Job im Fanladen in der Fanszene
bekannt.
Thorsten: Dazu muss man sagen, dass Arno
nicht nur die Max-Bar macht sondern bei der
Produktion und Durchführung von großen
Veranstaltungen und Events in der Musikbranche
tätig ist. Ich selbst bin Barbetreiber
der Bar im Hafenklang seit 2001 und seit
1997 Vorstand im Hafenklang Kultur e.V..Wir
alle sehen das Clubheim als große Chance
unsere gastronomischen Erfahrungen und
Ausbildungen umzusetzen und ein neues
berufliches Standbein, teilweise nebenbei
aber Thomas und Matthias auch hauptamtlich,
zu schaffen.
Thomas: Ich gehe jetzt seit 1990 zu den Spielen
des FC St. Pauli, habe diverse Konzerte
im Clubheim Mitte der 90er Jahre durchgeführt
und war eine Zeitlang regelmäßiger
Gast dort. Unter einem Clubheim stelle ich
mir allerdings viel mehr vor als das was uns
in den letzten Jahren und zur Zeit geboten
wurde. Über Stil und Geschmack lässt sich
sicherlich streiten aber...
Thorsten: ...was bietet das Clubheim seinen
Mitglieder und Fans wirklich? Das sieht aus
wie eine Wartehalle in den 70er. Das ist
ungemütlich und ich gehe da schon lange
nicht mehr hin. Man kann soviel daraus
machen. Neues Interieur, mal ein paar Pflanzen,
eine vernünftige Musikanlage und
Lichtverhältnisse wären ein Anfang, dann die
Speisekarte und Küche überarbeiten,
Brunch, Frühstück, Mittagstisch anbieten.
Das waren so die Ideen, die uns sofort
kamen. Wir haben uns zufällig rund um die
Presseberichte über Brigitte und die Neubesetzung
des Clubheims unterhalten und
sprudelten vor Ideen. Schließlich beschlossen
wir, das Clubheim selbst zu betreiben
und unsere Ideen umzusetzen.
ÜS: Ein bisschen habt ihr ja schon anklingen lassen aber
was sind denn Eure Neuerungen, Ziele und Pläne für
das Clubheim ?
Thomas: Wir werden jetzt sicherlich hier
nicht unser Konzept komplett darstellen.
Erstens ist es zu umfangreich, wir haben fast
40 Seiten zusammengeschrieben und zweitens
lesen sicherlich auch andere potentielle
Bewerber mit.
Thorsten: Unser Konzept ist eigentlich ganz
einfach. Wir wollen eine Heimat für alle St.
PaulianerInnen schaffen. Egal ob aktive
oder passive Mitglieder, Gremien und Gruppen
rund um St. Pauli, die Fans oder auch
BewohnerInnen des Viertels. Alle sollen sich
bei uns wohlfühlen und das nicht nur an den
Spieltagen.
Thomas: Ja, der Spieltag ist nur ein kleiner
Teil des Alltags rund um das Clubheim. Im
Schnitt sind es 1,5 Spieltage im Monat.
Damit das Clubheim läuft werden wir auch
viele Veranstaltungen wie Konzerte, Partys
oder Privatfeiern an den spielfreien Wochenenden
durchführen. Uns ist einerseits wichtig,
dass der Schachspieler seine Spiele und
Training bei uns durchführen kann, die FußballerInnen
nach dem Training oder den
Spielen gern zu uns kommen aber auch das
Leute den Mittagstisch oder die Atmosphäre
am Abend schätzen um einfach mal reinzuschauen.
Thorsten: Uns ist es auch wichtig, verlässlicher
Partner für den FC St. Pauli zu sein,
finanziell und auch für Pressekonferenzen
oder Termine dem Präsidium einen vorzeigbaren
Rahmen zu schaffen.
ÜS: Und wie wollt ihr das alles finanzieren?
Thomas: Mit einem Eigenkapital von 50.000
Euro. Jeder von uns fünfen bringt einen Teil
mit in die GmbH, die wir gründen werden.
Wir haben in unserem Konzept einen Finanzierungs-
und Investitionsplan. Dieser wurde
uns von einer Unternehmensberatung
testiert. Die waren ganz begeistert von dem
Konzept und werden uns dabei unterstützen.
Die haben auch eine Bilanz für die nächsten
drei Jahre erarbeitet an der wir und der Verein
sich orientieren könnten.
Thorsten: Das ist natürlich nicht vollständig.
Das Konzept und auch die geplanten Investitionen.
Wir haben uns am Markt orientiert
und was wir uns so vorstellen an Renovierungen
usw. Allerdings haben wir noch keine
richtigen Zahlen vom Verein, wir konnten
die Kühlräume im Keller noch nicht begehen
und wissen bei vielen Sachen noch gar nicht
ob das nötig ist. Wir planen Investitionen
von mehr als 10.000 Euro in der Küche und
wissen noch nicht, ob das nötig ist oder viel
zu wenig ist.
Thomas: Wir machen ja nicht die erste Gaststätte
auf und kennen viele GastronomInnen
aus dem Viertel. Unsere Pachtvorstellung
zum Beispiel richtet sich nach den marktüblichen
Quadratmeter-Preisen in St. Pauli. Wir
sind also nicht fünf Träumer, die mal eben
das Clubheim übernehmen sondern das
steht alles auf festen Füßen.
ÜS: Was sagt ihr denn dann zu den jetzigen Entwikklungen
in Richtung Clubheim und den Aussagen des
Präsidiums auf der Jahreshauptversammlung?
Thomas: Wir finden es sehr verwunderlich,
das sich der Verein erst jetzt einen Überblick
über die Einnahmen machen will.
Thorsten: Vor allen Dingen wurde das Clubheim
im "Viva St. Pauli"-Stadionmagazin
bereits ausgeschrieben und auf einmal lässt
Corny Littmann verlautbaren "Wir machen
das erst mal selber und schauen uns die
Umsätze an". Auf einmal redet der von
10.000 Euro möglicher Pacht an dem einen
Tag und auf der Jahreshauptversammlung
von 5.000 Euro, die er haben will monatlich.
Da scheint der Verein das Clubheim als
Melkkuh zu entdecken und ohne Investitionen
seine Fans und Mitglieder durch Bierverkauf
abzuschröpfen. Das ist nicht unser
Ziel. Natürlich soll der Verein möglichst hohe
Pacht haben aber da muss schon das Preis-
Leistungsverhältnis und Angebot stimmen.
Wir werden viel investieren, wir werden
Arbeitsplätze schaffen und ein vergrößertes
Speisenangebot und verlängerte Öffnungszeiten
anbieten. Das ist eine qualitative Steigerung
für alle Mitglieder, Mitarbeiter und
Fans des Vereins, die aber auch mehr kostet
als mal eben ein paar Tische vom Schmidts
Tivoli rüberzuschleppen und einen Eimer Farbe
an die Wand zu klatschen.
Thomas: Ich finde das auch unglaublich. Es
ist sehr bedauerlich, das man nicht mal am
Wochenende oder unter der Woche bei seinem
Verein ins Clubheim gehen kann um
etwas zu essen oder im gemütlichen Rahmen
ein Getränk zu nehmen. Das wirkt
immer noch wie ein Wartezimmer im Krankenhaus,
verraucht und Neonlicht. Da fehlt
nur noch der Cola-Automat. Das ist nicht
sehr einladend um mit seinen Kindern mal
hinzugehen. Und das sehen die als Standard
und wollen an der Ausstattung die Umsätze
prüfen. Ist doch klar, dass dann eine völlig
überzogene Pacht rauskommen wird.
Thorsten: Der Verein schaut nur auf das
schnelle Geld. Man sollte aber auch daran
denken, das Niveau dort zu heben. Gemütlichere
Einrichtung, bessere Küche, viele Veranstaltungen
garantieren viele Gäste. Wir
wollen nicht nur mit dem Namen Clubheim
kokettieren und einen kahlen Raum anbieten.
Wir werden die Privatveranstaltungen
der Mitglieder und Fans rund um begleiten
und durchführen und schaffen eine wohnliche
Atmosphäre. Eine Heimat von Fans für
Fans.
Wir bieten dem Verein eine Gewinnbeteiligung
mit einer Grundpacht an aber 5.000
Euro kann dort mit unseren Vorstellungen
und Investitionen keiner von Beginn an
monatlich abdrücken.
ÜS: Das klingt aber schon so, dass ihr Euch gar nicht
vorstellen könnt den Verein jetzt, wie es Corny Littmann
auf der Jahreshauptversammlung als Wunsch äußerte,
mit Ideen und Veranstaltungen zu unterstützen ?
Oder besteht da schon eine Zusammenarbeit ?
Thorsten: Wer möchte schon ne Veranstaltung
in nem Warteraum eines Krankenhauses
durchführen. Wir sind doch nicht morbid.
Thomas: Das ist auf jeden Fall 'ne Gratwanderung.
Auf der einen Seite bist Du eingeladen
Ideen zu verwirklichen, auf der anderen
wollen wir uns auch in Zukunft noch offiziell
für das Clubheim bewerben.Wenn wir jetzt
eine Veranstaltung unter den gegebenen
Voraussetzungen wie Licht, Einrichtung und
fehlender Technik
machen, fällt das ja
auch auf uns zurück.
Das wirkt unprofessionell.
Keine Bühne,
keine vernünftige
Musikanlage und auf
der Toilette keine Seife.
Thorsten: Wir wissen
auch gar nicht wie das
rechtlich dort aussieht.
Was für eine Konzession besteht?
Was ist mit der GEMA und der Künstlersozialkasse?
Thomas: Vor allen Dingen wenn wir denen jetzt die Wochenenden
mit Veranstaltungen zubuchen werden die Umsätze und
damit die Pacht höher.
Da beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz. Es ist auf
jeden Fall schade, das soviel Zeit verschenkt wird. Die Winterpause
hätten wir zum Renovieren nutzen können
und ab Mitte Februar wäre das Clubheim
ein völlig neuer Ort. Jetzt wird es noch
ein paar Monate vor sich hinvegetieren und
es ändert sich nichts. Nichts für uns, nichts
für die Abteilungen oder Fans. Der Verein verdient
im Moment natürlich damit mehr Geld,
hat aber auch keine nennenswerten Personalkosten.
Der Hansi Rösch von der Vermarktung
bekommt sein Gehalt sowieso.
Das ist im Endeffekt dann ein schlechter Vergleich
für ein Pachtmodell.
Thorsten: Wir sind auch etwas frustriert. Da
steckt man soviel Energien und Ideen in das
Konzept und freut sich den Mitgliedern, Mitarbeitern
und Fans etwas zu bieten. Und
dann ist abzusehen, das alles so bleibt wie
bisher. Objektiv betrachtet ändert sich nichts.
Da wird eine Chance vertan.Wenn man mit
Bekannten und Freunden aus der Fanszene
oder Viertel gesprochen hat in den letzten
Wochen waren die von unserer Idee sehr
begeistert. Wir sind mit unserem Konzept
durch die Abteilungen und Gremien gegangen,
die waren alle angetan. Viele gehen
nicht mehr ins Clubheim aber würden das
auf jeden Fall wieder machen wenn sich am
Äußeren und den Inhalten einiges ändert.
ÜS: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute bei der Bewerbung.
// Frodo
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