Interview mit Brigitte

"Danke für eine unvergessliche Zeit"

Die Meldung schlug ein, wie eine Bombe: Am 14. Oktober verkündete der Verein via Pressemitteilung,dass das Clubheim des FC St .Pauli "von Amts wegen geschlossen" wurde. Der Informationsdrang eines Vereinsmitarbeiters ging sogar soweit, dass er persönlich die Redakteure der Boulevardzeitungen anrief und sich erkundigte, ob denn die Pressemitteilung auch wirklich angekommen sei.Zudem bot er an,dass "der Präsident persönlich für Rückfragen zu der Geschichte jederzeit zur Verfügung steht". Das alles, obwohl beide Parteien über ihre Anwälte ausgehandelt hatten, dass ein Austausch nicht über die Presse stattfindet.Aber gelernt ist eben gelernt.
Rund einen Monat nachdem Brigitte das Clubheim verlassen hat,traf sich DER ÜBERSTEIGER zu einem Interview mit der Wirtin,die insgesamt über zehn Jahre hinter dem Tresen des vereinseigenen Wirtshaus gestanden hat.

ÜS: Hast Du das Clubheim seit Deinem "Ausscheiden" schon einmal wieder betreten?
Brigitte: Nein, das kann ich noch nicht. Ich war auch noch nicht wieder im Stadion.Aber ich habe mir vorgenommen, es am 3. Dezember gegen Wuppertal wieder zu versuchen.

ÜS: Wie kam es denn letztlich dazu, dass es diesen Knall gegeben hat?
Brigitte: Angefangen hatte alles, als der Verein vor knapp einem Jahr auf die Idee kam, ich solle eine nicht unerhebliche Pacht zahlen. Mit Nebenkosten bin ich so auf gut 3000 Euro monatlich gekommen. Das konnte ich nicht erwirtschaften.

ÜS: Vorher lief der Deal so ab, dass Du die Mannschaft und Vereinstermine bewirtschaftest und im Gegenzug keine Pacht bezahlen musstest...
Brigitte: Richtig, so lief das seit einer Vereinbarung mit Götz Weisener. Auf der anderen Seite habe ich mich verpflichtet, meine Buchführung über den Verein abwickeln zu lassen, damit mir keiner vorwerfen konnte, dass ich mir die Taschen voll stopfe. Wir haben verabredetet, dass ich wieder Pacht zahle, sobald der Umsatz steigt. Dies war aber in den letzten Jahren nicht mehr der Fall....

ÜS: Dazu hat sicher auch der Bierverkauf unter Deinem Fenster beigetragen?
Brigitte: Auf jeden Fall. Ich kenne ja die Umsatzahlen, da die AFM bei mir ihre Ware bezogen hat und ich mit einem geringen Prozentsatz an den Einnahmen aus dem Bierverkauf am Stand vor dem Clubheim beteiligt war. Insgesamt wurden da im Jahr rund 30.000 Euro umgesetzt, die mir natürlich gefehlt haben.

ÜS: Es gab eine Gruppe Fans, die sich für Dich nach dem angedrohten Rausschmiss im vergangenen Jahr sehr stark engagiert haben. Bei diesen Leuten herrscht fast durch die Bank weg Enttäuschung.
Brigitte: Wer mich kennt, weiß, dass ich kein unkomplizierter Mensch bin. Ich war und bin sehr dankbar für die Hilfe, aber es gab auch einige, die sich schnell auf die andere Seite geschlagen haben. Einer, der anfangs sehr engagiert war, ist Corny Littmann am Ende regelrecht in den Arsch gekrochen und hat sich wie ein Kleinkind gefreut, dass er die Privatnummer unseres Präsidenten hat.

ÜS: Ein Redaktionsmitglied vom Übersteiger hat berichtet, er stand nach dem Training seiner Fußballmannschaft nicht nur einmal vor verschlossenen Türen. Außerdem habe der eine oder andere Mitarbeiter auch gerne mal unwirsch beim Betreten darauf hingewiesen, dass "hier für heute Feierabend ist", obwohl noch eine ganze Fußballmannschaft für Umsatz sorgen wollte...
Brigitte: Das ist sicher auch mal vorgekommen, war aber bestimmt nicht die Regel. Ich habe selber ganze Nachmittage ohne einen einzigen Gast bis in den Abend am Tresen gestanden. Irgendwann muss man sich dann überlegen, ob sich der Aufwand für vier, fünf Apfelschorlen lohnt. Dann schließt man ab und ist frustriert. Klar, fällt da auch das eine oder andere derbe Wort, aber wer meine Mitarbeiter kennt, weiß, dass sie es sicher nie böse gemeint haben.

ÜS: Der Verein sprach am Ende von erheblichen Pachtrückständen und verwies darauf, dass sich nichts zum Positiven geändert habe...
Brigitte: Ich habe im Mai 16.000 Euro Pacht für die davor liegenden Monate überwiesen. Im Juni habe ich einen Brief an Frank Fechner und das Präsidium geschickt, indem ich aufgezeigt habe, dass die geforderte Pacht unter diesen Bedingungen einfach nicht aufzubringen ist. Eine Antwort habe ich nicht bekommen. Zudem fühlte ich mich vom Verein im Stich gelassen, da Pressetermine oder Mannschaftsabende lieber woanders veranstaltet wurden. Im September habe ich dann nochmals schriftlich darauf hingewiesen, wieder habe ich keine Antwort erhalten. Das ist schlechter Stil.

ÜS: Wie hast Du von der Kündigung erfahren?
Brigitte: Wie so oft in diesem Verein aus der Bildzeitung. Obwohl über die Anwälte vereinbart wurde, dass nichts über die Presse ausgetragen werden sollte. Daran habe ich mich während des gesamten Prozesses gehalten.Andere leider nicht.Am selben Tag erhielt ich die schriftliche Aufforderung, an der Präsidiumssitzung teil zu nehmen. Ich bin aber nicht hingegangen. Ich konnte mich nicht vor dieses Tribunal setzen. Da sitzen vier, fünf Männer und attackieren dich von allen Seiten, das hätte ich unter diesen Umständen nicht ausgehalten.

ÜS: Wie ging es dann weiter?
Brigitte: Der Verein sprach eine Kündigung zum 30. September aus, der ich sofort widersprochen habe. Dann stand als Termin der 31.12. im Raum, mit dem ich hätte leben können. Der Verein bestand auf den 15. Oktober. Da war es schon ein recht komischer Zufall, dass ein Vertreter der Behörde am 14. Oktober das Clubheim aufgrund meiner Zahlungsrückstände beim Finanzamt dicht gemacht hat. Ich habe darauf hin sofort meine Konzession zurück gegeben. Dies müsste eigentlich auch zur Folge haben, dass weder vor dem Stadion noch am AFM-Container Bier verkauft werden darf, da dafür eigentlich keine Konzession mehr vorliegen dürfte, es sei denn, der Verein bzw. die Service GmbH hat eine neue beantragt...

ÜS: Wie ging die "Trennung" über die Bühne?
Brigitte: Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich einen Großteil der Einrichtungsgegenstände, die mir im Laufe der Jahre geschenkt wurden, mitnehmen darf. An die verbleibenden Bilder und Pokale werden Schilder angebracht, dass es sich dabei um Leihgaben von mir handelt. Am Ende habe ich sogar die Gläser gegen einen kleinen Geldbetrag da gelassen. Den Rest haben wir ein einem kompletten Tag mit einem Kleinlaster in zwölf Stunden rausgeräumt, es musste ja alles ganz schnell gehen, damit der Verein den Laden wieder aufmachen konnte. Corny Littmann parkte irgendwann neben dem Kleinlaster und wurde von meinen Mitarbeitern, die mir beim Ausräumen geholfen haben, mit hämischen Applaus bedacht. Er ist darauf hin mehr oder weniger in sein Auto geflüchtet und meinte noch "ich kann doch nichts dafür, ich bin nicht das Finanzamt". Natürlich hat er keinem dabei in die Augen sehen können, aber das kennt man ja.

ÜS: Bestehen noch offene Forderungen Dir gegenüber?
Brigitte: Mit dem Verein ist finanziell alles geklärt, da bestehen keine Forderungen mehr. Die Steuerschulden bleiben natürlich. Ich hoffe, dass sich da noch andere Zahlen ergeben, da die bisherigen auf Schätzungen basierten. Aber an der Geschichte bin ich letztlich auch selber Schuld. Ich bin eben nicht die geborene Buchhalterin.

ÜS: Wovon bist Du im Nachhinein am meisten enttäuscht?
Brigitte: Von diesem ständigen Gegeneinander. Nicht nur, dass der Verein seine Veranstaltungen lieber woanders ausgerichtet hat. Kaum bin ich raus, wird die Dunstabzugshaube, die seit Jahren kaputt war, plötzlich sofort repariert. Der neue Betreiber arbeitet mit unterschiedlichen Bierpreisen. Einen teuren am Spieltag, einen günstigen unter der Woche. Das war mir per Vertrag untersagt. Dabei lächelt er dann noch und sagt, dass er über seine Stadionlieferanten ja eh ganz andere Preise bekommt. Diese Vorteile hatte ich alle nicht. Jetzt ist mir auch klar, wie der Verein auf solche Pacht kommt bzw.warum das Präsidium gerade überlegt, das Clubheim weiter selbst zu betreiben.Ach ja, Deckel durfte ich auch keine mehr machen und kaum bin ich weg, höre ich, dass Bubu schon wieder fünf Euro anschreiben lassen hat. Außerdem sind mir nach der Kündigung nahezu alle Vereinsangestellten aus dem Weg gegangen. Da konnte mir kaum noch einer in die Augen gucken. Schon traurig nach so langer Zeit.Was mich dazu unheimlich getroffen hat, sind die anonymen Pöbeleien im Forum. Diese Leute hätten mir das alles gerne am Tresen ins Gesicht sagen können.

ÜS: Der Blumenstrauß, der Dir auf der JHV zum Abschied gereicht werden sollte, wird jetzt wohl in der trockenen Elektroheizungsluft der Geschäftsstelle verdörren?
Brigitte: Ich konnte da einfach nicht hingehen. Außerdem finde ich es ziemlich unangemessen, wenn im gleichen Atemzug eine Vereinsangestellte zusammen mit mir verabschiedet wird, die den Verein monatelang im großen Stil beklaut hat. So jemand wird dann noch geschützt und fast heldenhaft gefeiert,während man mir ein Stück meines Lebens genommen hat. Es wird überhaupt mit einer unglaublichen Doppelmoral gearbeitet. Einerseits hat man von mir akribische Buchführung und Rechenschaft verlangt, andererseits haben einige vor dem Tresen das komplette Gegenteil an den Tag gelegt. Ich kann mich noch an ein Heimspiel erinnern, als Frank Fechner, Andreas Bergmann und einige weitere Vereinsangestellte nach dem Spiel zu mir kamen, als im VIP-Raum Feierabend war. Fechner hat für die vier, fünf Leute Runden bestellt wie ein Weltmeister. Als die Gesellschaft dann nach vier, fünf Runden den Laden verlassen wollte, meinte Fechner nur zu meiner Mitarbeiterin: "Schreib das mal auf Liga". Da fehlen einem die Worte...

ÜS: Wie geht es jetzt für Dich weiter?
Brigitte: Ich habe schon das eine oder andere in Aussicht, man wird mich auf jeden Fall bald in Stadionnähe wieder sehen. Ich möchte mich auf diesem Weg noch mal bei allen Fans und Gästen bedanken. Es war eine unvergessliche Zeit beim FC St. Pauli. Ganz besonders möchte ich mich bei den Chaotikern, der Amateurverwaltung, den Schiris, der Herrenabteilung, meiner Familie, Inge, Kai, Dicken und Christiane und überhaupt allen bedanken, die in dieser schwierigen Zeit zu mir gehalten haben.

ÜS: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Dir alles gute für Deine Zukunft...

Interview: MiG

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