Sankt Pauli spielt gegen einen Weltkonzern

Regionalliga ist eine Drei-Klassen-Gesellschaft ohne wirtschaftliche Zukunft Traum von der Dritten Bundesliga?
Von Hermannus Pfeiffer

    Wirtschaftlich ist die Fußballregionalliga eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Einige Vereine, wie unser FC St. Pauli, spielen zwar regelmäßig vor 10.000 oder 15.000 Zuschauern, müssen aber finanziell ums Überleben kämpfen, dagegen kicken kleine Provinzvereine wie die TSG Hoffenheim lediglich vor ein paar hundert Zuschauern und schwimmen im Geld.

   Sportlich ist die Regionalliga dagegen besser als ihr Ruf. Wie der DFB-Pokal regelmäßig zeigt, ist die Kluft zur Zweiten Liga gering und die Spanne zur spielerisch schwächelnden Bundesliga immerhin überschaubar, wie spielerisch klare Siege des SC Paderborn gegen den HSV (4:2) oder Eintracht Braunschweigs gegen Hertha BSC (3:2) zeigen. Das hohe sportliche Niveau kostet Geld, viel Geld, auch wenn die Gehälter nicht überall pünktlich überwiesen werden. Lediglich Neuling FC Nöttingen spielt in der professionellen "Amateurliga" noch Amateurfußball.

   Neben den teuren "Amateuren" von elf Bundesligisten und einem Dutzend unabhängiger Klubs, die schlecht und recht von Zuschauern und diversen Werbepartnern leben, gibt es Firmen-Kicker und Sponsor- Klubs. Fortuna Düsseldorf gehört zur Oberschicht in der Drei-Klassen-Gesellschaft, immerhin soll ein gestandener Weltmeister wie Thomas Berthold den zweimaligen Pokalsieger nach oben managen, im Auftrage der Walter Bau AG. Der international aktive Konzern hat die über 200 Millionen Euro teure städtisch-private "Multifunktionsarena Düsseldorf" nicht nur errichtet, sondern will mit seiner Tochter, der Stadionbetreiberin WPF, für ein ausgelastetes WM-Stadion (D’dorf ist kein WM-Stadion, Anm.d.L.) sorgen. Ohne einen Erstligisten droht die Arena ab 2006 zu einer unbezahlbaren Immobilien-Ruine zu verkommen. Zwar nennt man im Augsburger Baukonzern keine zahlen, aber Sprecher Alexander Görbing ist "zufrieden über die enge Zusammenarbeit mit der Fortuna". Fortuna ist freilich vielerorts. So hängt beispielsweise der SC Paderborn, nahe dem Teutoburger Wald, am Tropf des Möbelhändlers Wilfried Finke und im Taunus träumt der Inhaber des internationalen Wasserfilter-Produzenten Brita, Heinz Hankammer, von Bundesliga-Spielen seines SV Wehen. Ähnlich abhängig ist die TSG Hoffenheim, nördlich des Schwarzwaldes, von seinem Tycoon Dietmar Hopp, dem Gründer der globalen Softwareschmiede SAP. Der SAP-Gründer gönnt sich neben seinem Dorfverein noch andere Spielwiesen im Eishockey, Handball und Golf. Hoffenheim gilt untern Regionalliga-Süd-Trainern als Aufstiegsfavorit.

   In dieser Drei-Klassen-Gesellschaft tut sich selbst ein landesweit populärer Klub wie der FC St. Pauli schwer, der mit einer bundesliga-zwei-tauglichen Zuschauerzahl von 14.500 und - laut Vereinsangaben - Einnahmen daraus von netto 1,9 Millionen Euro für dieses Saison kalkuliert. Ein Etatansatz, der nicht einmal für den sportlichen durchschnittlichen Lligahaushalt von etwa 2,5 Millionen netto ausreicht.Zwar gehört unser FC mit einem Umsatz von fünf Millionen Euro zu den Krösussen der Liga, aber anders als bei vielen Konkurrenten steht weder ein Millionen-Mäzen, noch Stadt oder Bundesland als - oft heimlicher - Sponsor bereit, und von dem runden Millionenhaushalt verschwindet die Hälfte in das vereinseigene Stadion und das gemietete Trainingsgelände, in Jugend- und Amateursport und den relativ großen Verwaltungsapparat, den ihrerseits die üppigen Zuschauerzahlen verlangen. Wir haben keinen Sugar-Daddy aus vordemokratischer Zeit", sagt Geschäftsführer Frank Fechner nicht ohne stolz, "wir leben allein von dem Geld, dass wir erwirtschaften." Dazu gehört das ausgefuchste Sponsoringkonzept "Herz von St. Pauli" und bundesweite, wenngleich umstrittene Rettungskampagnen unter Fans, Stars und Künstlern. Auf Dauer kann allerdings selbst in einer Millionenstadt wie Hamburg das klügste Konzept nicht aufgehen, befürchtet man am Millerntor, denn, so Sprecher Christof Hawerkamp, "während in der Zweiten Liga die Vereine teilweise zu 80 Prozent vom TV leben, spielt das Fernsehen in der Regionalliga nur etwa 10 Prozent ein". Auf St. Pauli ist klar: "die Regionalliga ist ein Zuschussgeschäft und nicht lebensfähig."

Fernsehen leidet unter Zuschauerschwund

   Wirtschaftswissenschaftler Jörn Littkemann kritisiert ebenfalls die Drei-Klassen- Gesellschaft. Sie sei sportlich wie wirtschaftlich problematisch. Professor Littkemann lehrt an der Fernuniversität Hagen und gilt als Gegner von Regularien, trotzdem fordert er vom DFB, endlich saubere Grenzen zu ziehen "Wir sollten", so Littkemann, "danach streben, die unabhängigen Klubs zu stärken." Auch beim Deutschen Fußballbund sieht man das Dilemma, und tröstet sich, verzehrte Wettbewerbsstrukturen habe es immer gegeben, sagt DFB-Direktor Willi Hink."Wer aufsteigen will, braucht Gönner", so Hink, "allein betriebswirtschaftlich wird ein Aufstieg in die Bundesliga nicht generiert."

   Die Wettbewerbsverzerrung durch Bundesliga-Amateure und Weltkonzerne ärgert mittlerweile auch das Fernsehen. Der SWR hat seine Regionalligasendung abgesetzt, die Kosten seien zu hoch, und die Zuschauerresonanz in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist "enorm zurück gegangen", so ein SWR-Sprecher. Auch der bislang noch überaus engagierte NDR beobachtet die Entwicklung skeptisch. Im Schnitt gerade mal 110.000 TV-Zuschauer und ein Marktanteil am Sonnabend um 17.00 Uhr von fünf Prozent verunsichern Fernsehproduzenten.

    Dem Fußball bleibt nur ein Traum: eine dritte, klassenlose Profiliga, ohne Bundesligisten und mit zuschauerträchtigen Traditionsklubs, die auch das träge Fernsehpublikum wieder reizen. Bis dahin ist es noch weit. Auf dem DFB-Bundestag im Oktober machten reiche wie arme Traditionsklubs vor allem gegen die Amateurmannschaften der Profiklubs mobil. Angenommen wurde der Antrag 140a, der die Probleme nach bewährter deutscher Art an eine Kommission weiterreicht. Ausgang offen.

Regionalliga: Der Manager stellt die Mannschaft auf

Für DFB-Direktor Willi Hink ist die Regionalliga, wie auch die Oberliga, eine Durchgangsstation mit Doppelfunktion: einerseits Auffangbecken für gestürzte Klubs und Zwischenstadion für Aufsteiger, anderseits dient sie der Talentförderung für die Bundesliga. Uli Hoeness gilt als Regionalliga-Fan, weil hier der Bayern-Nachwuchs von gestandenen Profis mal ordentlich "auf die Socken" kriegt. Regionalliga-Klubs sehen jedoch nicht ein, dass sie mittelbar für die nationale Nachwuchsförderung teuer bezahlen sollen, denn während die "Amateur"-Mannschaften der Bundesligisten fast alles dürfen, ist das Spielerkontingent der anderen Drittligisten hart reglementiert, so müssen im Kader beispielsweise sechs Spieler stehen, die jünger als 24 Jahre alt und für eine DFB-Auswahl spielberechtigt sind, zwei davon dürfen höchstens 20 Lenze zählen. Unterschiedlich für Bundesligisten und normalen Regionalligisten sind auch die Einsatzmöglichkeiten von Nicht-EU-Spielern. Wieder anderes sieht das komplizierte Regelwerk für Pokalspiele vor.Manager beklagen die Regelungswut des DFB und sind für die Mannschaftsaufstellung fast so wichtig wie der Trainer.

hape

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