Interview mit Marcus Schulz

Man hatte am Abend der JHV sicher kein gutes Gefühl, als man das Tivoli verließ. Finanziell sieht es schlechter aus als je zuvor, der Präsident nimmt die Satzung ungefähr so ernst wie ein Atheist die Bibel und Kritiker scheinen mehr und mehr zu resignieren, weil geäußerte Kritik eh ungehört verpufft.
Einziger Lichtblick war Marcus Schulz, der an diesem Abend zum Vizepräsident gewählt wurde. Um nicht falsch verstanden zu werden:Auch er wird weiterhin kritisch beäugt werden,seine Zeitarbeitsfirma hat weiterhin in der Redaktion keinen guten Ruf,er ist für die Satzungsverstöße mit verantwortlich, aber zumindest an diesem Abend hatte man das Gefühl, dass das,was er da sprach, ernst gemeint und die Wahrheit war,zumindest aus seiner Sicht.Und das man als Vizepräsident in diesem Verein überhaupt redet, ist ja auch schon was, kann nicht jeder von sich behaupten.
So nahmen wir also das im Verlauf der JHV geäußerte Angebot an, ihn zum Interview zu bitten. Zeitlich war das bis zu unserem Redaktionsschluss (für beide Seiten) nahezu unmöglich, daher geht ein extra großer Dank an ihn, dass wir dies alles ganz schnell, unbürokratisch und problemlos abwickeln konnten.

Zum Vertrag mit upsolut:

Übersteiger: Auf der PK zu diesem Thema wurde Anfang September kommuniziert, dass durch die Übernahme der Vermarktung mit 350.000,- Euro Mehreinnahme zu rechnen sei.
Laut Abendblatt 4 Wochen später soll die Vermarktung 1,1 Mio Euro erzielen, inkl. dieser 350.000, wären das vorher 750.000, - Euro gewesen. Insgesamt damit eine Steigerung von knapp 50%. Wie setzen sich diese Zahlen zusammen?

Marcus Schulz: Der FC bekommt von jedem Euro lizenzpflichtigem Umsatz der Vermarktung (also z.B. Sponsorengelder, Catering etc.) eine Vorabvergütung. Das sind für die VermarktungsKG direkte Kosten, für den Verein aber Einnahmen. Darüber hinaus kommt unser Anteil am Gewinn der Vermarktung, in der Vergangenheit also ca. 50%.
Zudem waren in 2003/2004 in der Vermarktung sowohl der Bereich Sponsoren wie auch der Bereich Merchandising gebündelt. Wir reden bei den Zahlungen also immer über beides.
So, nun die Auflösung des vermeintlichen Widerspruchs: Der Verein hat ca.TEUR 350 Vorabvergütung bekommen. Darüber hinaus wurde in 2003/2004 ein Cash Flow von ca. TEUR 900 erzielt (davon ca.TEUR 700 aus dem Bereich Vermarktung und TEUR 200 aus dem Bereich Merchandising). Der Verein hat also TEUR 350 + die Hälfte der TEUR 900 = TEUR 775 bekommen.
In 2004/2005 bekommen wir wieder Vorabvergütungen (TEUR 350) und die gesamten Cash Flows aus dem Bereich Vermarktung (also TEUR 700). Da wir an der Merchandisning nur noch 25% halten, bekommen wir von den TEUR200 auch nur noch TEUR 50. Macht also TEUR 350+700+50= TEUR 1.100.
Die Einnahmerückgänge durch die niedrigere Summe von mobilcom in diesem Jahr wird durch andere Sponsorenerträge (Bommerlunder etc.) und geringere Kosten fast vollständig wieder kompensiert.
Wo ich gerade dabei bin, noch die Frage nach der Einnahme- und Ausgabenstruktur der Vermarktung aus dem Mini-Übersteiger: Insgesamt hat die Vermarktung (nur Sponsoren, Catering etc.) Umsätze von EUR 1,4 Mio., davon gehen die Vorabvergütung (s.o.) von ca.TEUR 350 ab und die Kosten der Vermarktung (Personal, Sachkosten etc.) selbst von ca. TEUR 350 p.a. ab.

ÜS: Wie ist die Merchandising in Zukunft aufgeteilt, in Bezug auf Gesellschafteranteile, Lizenzzahlung und Gewinnbeteiligung?
MS: Wir sind mit 25% an der Merchandising beteiligt, entsprechend sind die Gewinnanteile. Darüber hinaus bekommen wir eine Lizenzzahlung, die unverändert geblieben ist.

Abendblattartikel

ÜS: Wie kam es zur Veröffentlichung dieser Zahlen? Welche Intention steckte dahinter?
MS: Wir wollten Transparenz schaffen. Die Antwort auf die Frage, die mir täglich gestellt wird:Warum ist das Stadion voll und die Kasse leer. Das Abendblatt kam übrigens auf uns zu.

ÜS: Auf welchen Planzahlen beruhen die Erwartungen der Rasenpatenschaft / Kunstauktionen? Warum setzt man den Plan so hoch an, wenn man doch weiß, dass dies anhand der bisherigen Zahlen absolut utopisch ist?
MS: Wir haben mal mit 10.000 Rasenpatenschaften insgesamt gerechnet. Ich fand und finde diese Zahl nicht so unrealistisch.
Wir liegen jetzt bei etwas über 2000, 1000 weitere sind bereits fest verkauft. Richtig ist, dass wir uns etwas mehr Resonanz erhofft hatten. Dazu hat aber auch ein bisschen die schlechte Presse in Hamburg beigetragen: Ich habe bei der PK hinter einem Journalisten gestanden, da stand auf dem Zettel: Pfiffige Aktion, witzig, gut gemacht. Am nächsten Tag wurden wir in seiner Zeitung verrissen. Da steckt auch mal ein bisschen die Erkenntnis drin, dass sich ein Verriss am Ende besser verkauft als eine positive Nachricht.
Was mir persönlich erst vor kurzem klar geworden ist: Das Potential liegt nicht in erster Linie bei den Fans von hier, die auch ins Stadion gehen, sondern bei unseren Sympathisanten außerhalb Hamburgs. Mein Unternehmen hat 50 Stück gekauft und ca. 20 davon an Hamburger und ca. 30 an Kunden aus dem Süden verschenkt. Die Resonanz hier aus dem Ort war höflich, aber zurückhaltend. Aus dem Süden haben mir Geschäftsführer zweiseitige Dankesbriefe geschrieben.
Richtig ist aber auch, dass wir mit einigen Vermarktungsideen auch noch nicht raus gekommen sind. Meine Prognose: Die 10.000 werden wir noch schaffen.
Und die Mel Ramos-Bilder finden ihren Absatz bereits.

ÜS: Wie setzen sich die Mieteinnahmen Stadion zusammen? Auf welchen Erfahrungswerten basieren sie? Sind die Blue Devils ein solventer Partner und haben sie die Rechnungen aus diesem Sommer schon bezahlt?
MS: Wir orientieren uns dabei an den Einnahmen des Vorjahres. Die Mieteinnahmen betragen ca. TEUR 95, im Vorjahr waren es TEUR 93. Dazu gehören Positionen wie Blue Devils, Vermietung an Rexona und Firmen (letztes Jahr HSH-Nordbank, etc.), Clubheim, Vermietung Kollaustraße. Die Vermietung an Coupé hat glaube ich nicht so viel erbracht, dass es das wirklich rausreißt. Dazu kommen noch Catering-Erträge (TEUR 25) bei vielen dieser Vermietungsvereinbarungen.

ÜS: Auf welchen Zahlen beruht der Planwert von 150.000,- Einnahmen aus dem Jugend- und Amateurbereich?
MS: Der Istwert letztes Jahr betrug TEUR 162, also mehr als in diesem Plan berücksichtigt. Wesentliche Positionen sind Fernsehgeld für die Oberliga (TEUR 20), Spieleinnahmen TEUR 30, Jugendbeiträge TEUR 25 und natürlich jede Menge Spenden.

ÜS: Wer erhält die im Plan aufgestellte Scoutingsumme?
MS: "Scouting" hört sich da besser an als es tatsächlich ist. Das meiste davon sind Kosten, die in direktem Zusammenhang mit der Verpflichtung von Spielern stehen. Der Betrag gliedert sich wie folgt auf:
+ Berater TEUR 60 (entgegen der landläufigen Meinung – auch meiner bis vor kurzem – gibt es keine Spieler ohne Berater. Dabei fallen auch bei Vertragsverlängerungen Honorare an);
+ Übernahme von Umzugs- und Übernachtungskosten TEUR 15
+ Probespieler TEUR 15
+ ISB-Datenbank TEUR 8
Das echte Scouting wird ehrenamtlich gemacht, vor allem vom Sportbeirat.

ÜS: Ist die Gehaltsstruktur der Geschäftsstelle eines Regionalligisten angemessen?
MS: Er ist auf jeden Fall dem FC St. Pauli angemessen.Wir brauchen einen Geschäftsführer, eine Teilzeitkraft in der Buchhaltung, die Geschäftsstelle muss fünf Tage die Woche besetzt werden, ohne einen Organisationsleiter wie Sven Brux geht es nicht, jemand für die Presse muss sein (in unserem Fall ein "halber", da gleichzeitig auch Teammanager) und dann haben wir noch ein Sekretariat, das aber auch schon alle Koordinationsaufgaben wahrnehmen muss. Letztlich bin auch ich mehr als die Hälfte meiner Zeit mit dem FC beschäftigt - ein Zeichen dafür, dass mehr Arbeit da ist als Leute.

ÜS: Der ÜS kommt auf ein Minus von über 600.000,- Euro für die laufende Saison, allein bei der Ansicht dieser unvollständigen Tabelle. Ist dies korrekt und wenn ja, warum wird dies nicht kommuniziert, wenn nein, wo liegt unser Fehler?
MS: Die wesentlichen Abstriche in Eurer Rechnung müssen nicht vorgenommen werden (Vermarktung, Vermietungen, Jugend). Bei den Rasenpaten müssen wir sehen, da hoffe ich mal, dass am Ende ich Recht behalte.

ÜS: Wie erklären sich die horrenden Kosten der Buchführung und des Wirtschaftsprüfers (gesamt 115.000,- €). Sind diese Zahlen eines Regionalligisten angemessen?
MS: Zunächst einmal müssen wir formal zwei testierte Jahresabschlüsse machen, einmal für den Verein, einmal für die Lizenzierung. Das ist natürlich doppelt teuer. Darüber hinaus waren die Zahlen aus der Vergangenheit schwer zu durchschauen, mussten aufgeräumt und abgestimmt werden. Das geht mit einer so kleinen Organisation nicht, und dafür haben wir auch nicht die notwendigen Kompetenzen. Deswegen mussten diese Arbeiten raus gegeben werden, dazu kommen Kosten für die Begleitung der Betriebsprüfung 1996-1999. Und es fällt ja die Position des Buchhalters aus den Personalkosten raus und wird unter diesen externen Kosten ausgewiesen.

JHV

ÜS: Warum werden im September positive Zahlen genannt, im Oktober ebenfalls, aber auf der JHV wieder von einem strukturellen Minus gesprochen?
MS: Weil es ein strukturelles Minus gibt. Das bedeutet: Ohne Sondereinnahmen ist der Etat nicht ausgeglichen, jedes Jahr muss über Sondereinnahmen für eine Deckung gesorgt werden. In diesem Etat sind Rasenpatenschaften etc. mit drin, deswegen weisen wir einen ausgeglichenen Etat aus.Aber es bleibt das sozusagen "grundsätzliche operative Minus", das wir auch in den nächsten Jahren decken müssen. Durch den Rückkauf der Vermarktungsrechte haben wir diese Lücke aber verkleinern können, denn zukünftig stehen uns daraus eben höhere Einnahmen zu.

ÜS: Was ist das strukturelle Minus genau, auf welche Strukturen zielt dieser Begriff explizit ab: Verwaltung, Sport oder Immobilien?
MS: Gemeint ist die operative Unterdeckung des Gesamtetats. Dazu gehören natürlich sämtliche Positionen.
Man kann also den Mannschaftsetat dauerhaft senken. Man kann die Einnahmen dauerhaft erhöhen (z.B. Vermarktungsrechte). Man kann über Strukturen nachdenken wie die Kollaustraße etc. Alles, was eben ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben unter Regionalliga-Bedingungen herstellt.

ÜS: Wo finden sich in der vorgelegten Bilanz der Saison 03-04 die 350.000,- € Marketing-Zuschuss der Firma mobilcom. Wie rechnet mobilcom diese Summe gegenüber Ihren Aktionären ab?
MS: Sämtliche Einnahmen des Vereins aus dem Bereich mobilcom stehen unter den Werbeerlösen. Die Zahl ist so nicht richtig, der Sachverhalt ist so nicht richtig. Mobilcom hat sämtliche Zahlungen gemäß Vereinbarungen geleistet und uns nichts geschenkt. Insofern wird mobilcom auch alles ganz normal gegenüber den Aktionären kommunizieren.

Kollaustraße

ÜS: Woraus resultieren die hohen Stromkosten, die denen des Millerntors entsprechen? Gibt es bei der möglichen Trennung von der Kollaustr. eine adäquate sportliche Alternative?
MS: Bzgl. der Stromkosten habe ich auf die Schnelle keine blasse Ahnung. Ich/wir haben bisher über das Für und Wider der Kollaustraße und Alternativen noch nicht endgültig nachgedacht.Wenn es aber dazu käme, muss es natürlich eine sportlich tragbare Alternative geben.

ÜS: Ist seitens des FC mit allen Mitteln versucht worden, die Pacht zu drücken? Schließlich kann weder die Stadt noch die Erbengemeinschaft mit diesem Gelände wirklich etwas anfangen.
MS: Es hat intensive Gespräche mit beiden gegeben, bisher ohne zählbares Ergebnis. Offenbar wird auf Verpächterseite auf den geschlossenen Verträgen bestanden.

MDS Möhrle

ÜS: Ist es richtig, dass die letzte Bilanz nicht testiert wurde?
MS: Nein, das ist falsch. Die letzte Bilanz zum 31.12.2003 wurde uneingeschränkt testiert, die zum 30.06.2004 wird hinsichtlich der Ausleihungen des Vereins an die Stadionbetriebsgesellschaft eingeschränkt. Das bedeutet, dass MDS nichts zur Rückzahlung eben dieser Darlehen sagen kann. Mit dieser Einschränkung wird die Bilanz voll testiert.

ÜS: Ist das Testat noch eine Auflage des DFB?
MS: Wir müssen eine testierte Bilanz vorlegen, eine Einschränkung des Testats spielt dabei keine Rolle. Bereits in früheren Jahren war das Testat eingeschränkt, wenn man glaubt, was einem da hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, ist das im deutschen Fußball eher die Regel als die Ausnahme.

ÜS: Warum brauchen wir als Regionalligist einen externen Wirtschaftsprüfer?
MS: Erstmal schreibt die Satzung das vor zum Ende des Geschäftsjahres (Ende Juni). Und es ist Voraussetzung für das DFB-Zulassungsverfahren. Das finde ich auch logisch, sonst würde ja jeder Verein irgendwelche Mondzahlen beim DFB einreichen. Aber insofern kommen wir an einem solchen Wirtschaftsprüfer nicht vorbei.

ÜS: Ist es richtig, dass Möhrle unter jetzigen Bedingungen nicht mehr mit dem FC St.Pauli zusammen arbeiten will?
MS: Nein, im Gegenteil, MDS hat die Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit mehrfach ausdrücklich betont.

ÜS: Wir bedanken uns nochmals für das Interview.


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