Bei Singen:
Stadionverbot!

   Heimspiel des FC St.Pauli in der Saison 2005/2006, 2. Bundesliga, 27. Spieltag, ein kalter, regnerischer Freitag Abend im April. Vor ausverkauftem Haus will der Tabellenführer gegen den Tabellenzweiten aus Düsseldorf einen großen Schritt in Richtung Rükkkehr in die Belle Etage des deutschen Profifußballs machen. Das neu zusammengesetzte Präsidium hat pünktlich zum 01.April auch wieder den Stadionumbau prognostiziert, die Stimmung im Verein kann also durchaus als "humorvoll" bezeichnet werden. Nach 60 Minuten steht es in einem Spiel ohne Höhepunkte immer noch 0:0, als sich der Wahnsinn ankündigt: Eine Gruppe von Fans hat sich auf der Gegengeraden zusammengerottet, einer holt unter seiner Jacke ein Megaphon hervor und ein langgezogenes "Alleeez,Alleeeeeeez!" ertönt. Die Gegengerade erwacht, nicht nur die kleine Gruppe um die Person mit dem Megaphon, nein, die gesamte Gegengerade stimmt in den Chor mit ein und beginnt zu singen und zu hüpfen.

   Keine zwei Minuten später stürmen behelmte und mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten den Bereich der Gegengeraden und ziehen die Person mit dem Megaphon heraus. Die 20.000 wissen, dass er nun 5 Jahre Stadionverbot bekommen wird, aber sie sind ihm dankbar, dass es endlich wieder einmal so was wie Stimmung am Millerntor gab.

Eine Schreckensvision?

   Sicher, neben dem Aprilscherz sind auch die sportliche Ausgangsposition und die gewünschte Reaktion einer wiedergeborenen Stimmungshochburg Gegengeraden mehr als unrealistisch, die Reaktion der Polizei allerdings könnte weitaus schneller Realität werden, als beispielsweise ein Stadionumbau am Millerntor.

   Beispiel gefällig? Gerne? wir zitieren mal, Ratet mal wo das Zitat herkommt.
"[?] Besonders hervorgetan hat sich bei diesen Aktionen die sogen. "Ultra-Fan- Gruppe" der St.Pauli Fans. Diese ca. 150- köüfige Personengruppe fiel während der gesamten Begegnung durch ihr Verhalten auf, was zur Folge hatte, dass sich die polizeilichen Beobachtungen auf diese Gruppe konzentrierten.

   Besonders auffällig war dabei Ihr Mandant, dem es immer wieder gelang, die Gruppe mithilfe eines Gigafons "in Bewegung" zu halten. Ihrem Mandanten gelang es während des gesamten Spiels, die Gruppe zu "ultrafan- typischen" Verhalten (unterhaken, tanzen, Sprüche skandieren, verbale Provokationen in Richtung Ordnungsdienst) zu animieren."

Und nun kommts ganz dicke:

   "Hatte sich die Gruppe zeitweise beruhigt, wurde sie von ihrem Mandanten zu erneuten Aktionen aufgefordert.[?]"v

   So steht es im Anklageschreiben der Anwälte der "hsv-UFA Stadionmanagement GmbH & Co. KG" in dem ein Stadionverbot gegen einen Fan des FC St. Pauli bestätigt wird, und man mag sich fragen: Mein Gott, was kann das bloß für ein Mensch sein?

   Die Person gehörte zu den sechs Personen gegen die ein Stadionverbot von Seiten unseres Vereins nach den Vorfällen in der AOLArena verhängt worden war, sie gehörte auch zu den fünfen, bei denen es wieder aufgehoben wurde. Die Polizei war von diesem unerwarteten Ungehorsam unserer Vereinsführung bzw. der Entscheidung durch Sicherheitsbeauftragten und Fanladen, die ja schlussendlich nach Prüfung der Sachlage die Aufhebung der Stadionverbote beim Präsidium beantragt hatten, scheinbar so angepisst, dass die völlig alberne Verweigerung des Bierausschanks beim Heimspiel gegen Chemnitz als "Rache des kleinen grünen Männchens" wohl nicht ausreichte.

   Mit "aussagekräftigen" Fotos unterm Arm ging man also zu unseren geliebten Nachbarn und bat um Erteilung eines Stadionverbotes, welches dann auch umgehend erteilt wurde. Begründung?

   "Diese verbal aggressiven Aktionen gegen den hsv steigerten sich noch nach dem Siegtor des hsv. In dieser aufgeheizten Stimmung unter den St.Pauli Fans kam es dann im unmittelbaren Bereich der "Ultra-Fans" zu der oben beschriebenen Straftat. Das Feuer hätte voraussichtlich rechtzeitig durch heraneilende Ordnungskräfte gelöscht werden können, wenn ihnen der Weg nicht vorsätzlich von den Gruppenmitgliedern der von ihrem Mandanten "aufgeheizten" Ultra- Fans versperrt worden wäre.[?]"

   Schön, dass Herr Anwalt das Wort "aufgeheizt" hier schon selbst in Anführungsstriche setzt, sonst hätte man dieses vielleicht auch noch falsch interpretiert?

   Mal ganz abgesehen davon: Das Siegtor für den hsv fiel in der 13.Minute! Das Feuer kam irgendwann nach Spielschluß, als die Ränge schon fast leer waren.Wer diese zwei Ereignisse zeitlich miteinander verknüpft, disqualifiziert sich also schon von ganz alleine. Was also konket wird vorgeworfen? Brandstiftung? Behinderung von Ordnungskräften? Nein, das Initiieren von Gesängen und das Verursachen von Stimmung. Sind wir schon so weit, im WM Land 2006? Scheinbar ja.

   Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an unser Gastspiel in Dortmund. Dort hing ein Transparent mit der Aufschrift "Rädelsführerei – Ganz Dortmund ist dabei!".

Offensichtlich also nicht nur ein St.Pauli spezifisches Problem und bei weitem kein Einzelfall.

   Was heißt das für die Zukunft? Alle Ultra- Gruppierungen Deutschlands können die Koffer packen, wenn diese Praxis Schule macht. Jeder Verein pickt sich nach dem Spiel gegen einen ungeliebten Gegner einfach denjenigen mit Megaphon (wo ist eigentlich der Unterschied zu einem Gigaphon?) raus und spricht ein Stadionverbot aus. In absehbarer Zeit gibt es keine Ultras mehr, Deutschland hat zur WM 2006 "gesäuberte" Stadien, die ganzen Sponsoren können ein friedliches Turnier und sich selbst feiern, die Stimmung wird vielleicht etwas leiden, vielleicht auch nicht, und nach der WM wird die Bundesliga in ein Zuschauerloch fallen, weil plötzlich der Hype der WM weg ist und die Stimmungskonsumenten langsam merken, dass Konsumieren nicht mehr möglich ist, da keine Stimmung mehr entfacht wird.

   Es wäre natürlich schön gewesen, mal ein Statement des hsv zu erhaschen, wo denn nun die Unterschiede z.B. zu den Attacken gegen Spieler, Offizielle und Ordner nach einem jüngst verlorenen Heimspiel sind, und warum es da keine Stadionverbote gab sondern man "in Ruhe die Lage sondieren" wollte, oder warum bei den CHOSEN FEW immer noch ungestraft Lieder angestimmt werden dürfen, diese sogar von einem Podest aus mit einem Megaphon? (Oder haben die evtl. auch ein "Giga-" oder gar ein "Tetra"phon?) Leider war da keine Aussage zu bekommen.

   Was bleibt? Wir müssen es schaffen, in diesen Fällen eine Art Öffentlichkeit herzustellen, damit diese Willkür gestoppt wird. Erzählt diese Geschichte im Bekanntenkreis, mailt die Artikel aus diesem Heft an Freunde und Bekannte weiter (die sind online unter www.uebersteiger.de) und kommt am 01.06.2004 um 19.30h in den Ballsaal (VIP Container hinter der Haupttribüne) zur Info- Veranstaltung und Podiumsdiskussion von PRO FANS ST.PAULI mit dem Thema "Stadionverbot – Was tun?!"

Frodo

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