Rausschmiss von Clubheim-Wirtin Brigitte, Katalogisierung der Fans in gut und böse, willkürliche Stadionverbote, kein wirtschaftliches Konzept, keine Ahnung vom Fußball und dazu jede Menge personelle Fehlentscheidungen und inkompetente Mitstreiter: Auch die Besetzung des Präsidentenstuhls und der Führungspositionen beim FC St. Pauli unterstreicht einmal mehr die Andersartigkeit dieses Clubs – leider auf eine sehr traurige Art und Weise. Aber lest selbst...

Dezember 2002

   Schon wenige Tage nachdem der Aufsichtsrat Corny Littmann als (Interims-)Präsident des FC St. Pauli inthronisiert hat, begeht der Theatermann mit der lustigen Quäkstimme den ersten kapitalen Fehler. Zur Erinnerung: Seit Wochen tobte ein Machtkampf zwischen dem entmachteten Manager Stephan Beutel auf der einen und dem Sportdirektor bzw. Philipkowski-Nachfolger Franz Gerber auf der anderen Seite. Jedem neutralen Beobachter war klar, dass der machthungrige Stephan Beutel nicht mit dem gerissenen Franz Gerber zusammenarbeiten kann. Statt dieses Possenspiel endlich konsequent zu beenden, in dem Littmann Beutel vor die Tür setzt und Gerber den Rücken stärkt, geht der selbsternannte Präsident der Fans den anderen Weg: Er feuerte um die Jahreswende Ex-Vize und Beutel-Gegner Christian Pothe sowie die ehemalige Geschäftsführerin Tatjana
Littmann: Ich habe bei meinem Amtsantritt schon gesagt: In der Not erkennt man seine wahren Freunde. Ich bin kein Hurra-Präsident. Und in aller Bescheidenheit sage ich: Ich glaube, ich kann den Job. (Mopo, 25.02.2003)
Groeteke, die Beutel erst liebte und dann mobbte. Damit waren zwei Sündenböcke für den Missstand beim FC gefunden, die sicherlich nicht ganz unschuldig an der wenig rosigen Situation im Dezember 2002 waren. Doch weder Pothe noch Groeteke haben Spieler wie Marcao oder Cenci für bundesligatauglich befunden oder Leute wie Bajramovic und Klasnic vergrault, weil diese es wagten, 1000 Euro mehr im Monat zu verlangen. Statt endlich den völlig kontraproduktiven Machtkampf zwischen Beutel und Gerber zu entschärfen, eröffnet Littmann in einer Situation, als der Verein Zusammenhalt und Ruhe gebraucht hätte, eine Baustelle von ungeahntem Ausmaß. Nicht etwa Beutel, der mittlerweile zudem das Klima auf der Geschäftsstelle vergiftet hatte, wurde endlich nach Sansiba geschickt - Littmann feuert mit einer Schrotflinte um sich und trifft dabei mit Tatjana Groeteke seiner Meinung nach die fleischgewordene Vereinsschädigung.

   So feuert der Unternehmer des Jahres 1999 die Geschäftsführerin nicht nur wegen eines Scheinarbeitsvertrages, von dem nachweislich auch Littmanns Berater Stephan Beutel wusste, sondern auch wegen der "Veruntreuung" von 38,10 Euro. Umso unverständlicher bleibt die Tatsache, dass Littmann in diesem Monat den Finanzplan von Groeteke, der er zudem wie dem gesamten ehemaligen Präsidium wirtschaftliche Kompetenzen abgesprochen hatte, ungeprüft übernimmt und 400.000 Euro für neue Spieler bereit stellt. Sein zweiter Fehler in diesem Monat, denn Geld war längst keines mehr da. Auch die folgenden zweieinhalb Monate scheint der Geschäftsmann nicht zum Rechnen zu kommen: Littmann antwortet im Abendblatt vom 1. Februar 2003 auf die Frage, wie "acht Neuzugänge mit nur 400 000 Euro zu haben sind, ob dabei getrickst wurde?": `Bei uns wird nicht getrickst, bei uns wird ganz genau gerechnet, genau und sparsam. Und vor allem wird verantwortlich gewirtschaftet.` Immerhin leitet Littmann erste Sparmaßnahmen ein. So wird die Kündigung an Tatjana Groeteke nicht auf dem teuren Postweg per Einschreiben, sondern von Aufsichtsrat Michael Burmester persönlich überbracht...

   Im gleichen Monat benennt Littmann seine beiden Vizepräsidenten.Auch hier bleibt der radikale Schnitt aus: Mit Gunter Preussker kommt ein Beutel-Freund, der das Präsidium kurz nach Beutels Rauswurf aus persönlichen Gründen verlässt und kaum messbare Erfolge erzielt. Als zweiter Kandidat wird der langjährige Kassenprüfer Guntram Uhlig zum Vize erkoren, der sich fortan durch peinliche Presseauftritte und Abnicken von Littmannschen Entscheidungen auszeichnet.

Januar 2003

   Die gefeuerte und gekränkte Geschäftsführerin schlägt zurück und behauptet, beim FC St. Pauli gebe es schwarze Kassen. Littmann reagiert geschockt und mit einer völlig überzogenen Maßnahme. Gemeinsam mit dem Aufsichtsrat werden alle Angestellten, die indirekt oder direkt mit Geld zu tun haben, in Einzelgesprächen verhört. Die meisten der Mitarbeiter haben ihren obersten "Chef" bei dieser laut eigener Aussage "notwendigen Maßnahme" zum ersten Mal "persönlich" kennen gelernt. Nicht nur, dass die Befragung
Littmann zu Stephan Beutel: Bislang waren die Vorwürfe gegen ihn unberechtigt, soweit ich es geprüft habe. Ich halte ihn für einen sehr qualifizierten Mitarbeiter. Die Spekulationen, dass es bereits eine Abfindungsvereinbarung gibt, sind absurd! (Mopo, 25.02.2003)
der Mitarbeiter durch betriebsfremde Personen wie dem Aufsichtsrat rechtswidrig war, auch die Stimmung litt unter diesen Maßnahmen schwer. Auf einer Pressekonferenz verkündet Littmann die Ergebnisse der Befragungen. Der Interimspräsident versucht, die angespannte Stimmung mit einer Verquickung aus Information und Show aufzulockern, indem er eine Veranstaltung im Clubheim inszeniert, die bei den anwesenden Journalisten und Mitarbeitern allerdings nur Kopfschütteln auslöst. Zu Beginn werden an alle Anwesenden leere, schwarze Kassen verteilt. Littmann und Hawerkamp freuen sich ob des gelungenen Scherzes wie kleine Kinder, obwohl die Medienvertreter die Aktion mit Kopfschütteln quittieren. Um seine Offenheit zu demonstrieren, verstößt Littmann gleich mehrfach gegen Datenschutzrichtlinien. So händigt er den anwesenden Journalisten ein Anschreiben mit der vollständigen Privatadresse von Tatjana Groeteke aus. Ungeschwärzt. Ferner plaudert Littmann die Gehälter von zwei Mitarbeitern aus, die er namentlich nennt. Unnötig und rechtswidrig werden die betroffenen Personen in den kommenden Tagen in der Presse vorgeführt,was ebenfalls nicht zu einer Verbesserung des Betriebsklimas beiträgt.

   Der nächste Fehlgriff lässt nicht lange auf sich warten. Ende Januar stellt Littmann den von Pothe gefeuerten Leiter der Stadionbetriebsgesellschaft, Frank Fechner, wieder ein. Ein weiterer Beweis dafür, dass der Theaterbesitzer von einem echten Neuanfang meilenweit entfernt ist. Fechner, damals noch bekannt als Beutel-Freund, soll künftig die Geschicke auf der Geschäftsstelle leiten. Wohl nicht zuletzt mangels kaufmännischer Ausbildung kommt ihm der Titel "Leiter der Geschäftsstelle" zu Teil. Einen klassischen "Geschäftsführer" wird es fortan nicht mehr geben – was sich leider bis heute negativ auf die Finanzlage auswirkt. Genauso wie die Gehälter der so genannten Führungskräfte, für die trotz aller Finanzkrisen immer wieder genug Geld da zu sein scheint.

   In diesem Monat zeigt Littmann erstmals deutlich, wie wenig er sich mit der Fanszene auskennt. Im Interview mit der 1/4NACH5 antwortet er auf die Frage: "Im Moment lebt endlich wieder politisches Engagement im Viertel auf. Wie politisch darf und muss der FC St. Pauli sein" mit folgendem Statement: [...] "Es gibt allerdings eine Berührung mit dem Club, wenn die Vereinsembleme auf einer Demonstration zur Schau getragen werden. Diejenigen, die das nicht trennen können, gehören für mich nicht zu den Fans des FC St. Pauli, weil sie offensichtlich nicht den Unterschied kennen zwischen einem Fan auf der einen und politisch engagierten Menschen auf der anderen Seite".

   Schon einen Monat nach seiner Installation sorgte der Schauspieler und Regisseur erstmals für ein gellendes Pfeifkonzert in Reihen der St. Pauli-Fans. So schrieb beispielsweise Christiane Berger als Reaktion auf das Interview einen Leserbrief, der nach den jüngsten Vorfällen schlagartig ein Deja Vu in die Köpfe des Betrachters treibt: "Zu Beginn seiner Amtszeit bezeichnetet sich Corny Littmann selbst als `Präsident der Fans`. Diese sind keine homogene Gruppe – ich kann Herrn Littmann nur raten, keine Spaltung dieser Gruppe in "Gute" und "Falsche" vorzunehmen. (1/4NACH5, Ausgabe 2/03). Wie auch im aktuellen Fall der Stadionverbote rudert Littmann nach einigem Widerstand zurück und bezeichnet seine Aussagen sowohl in der 1/4NACH5 (Ausgabe 2/03) als auch im Übersteiger Nr. 62 als "missverständlich formuliert". Der gleiche Präsident, der meint, St. Pauli Embleme haben bei politischen Kundgebungen nichts zu suchen, steht am 29. Februar 2004 bei den Neuwahlen zum Hamburger Senat mit seiner angewachsenen St. Pauli-Kappe vor der N3-Kamera und fabuliert über Schwarz-Grün.

Februar 2003

   Das Spiel um den (vermeintlich chancenlosen) Gegenkandidat Andreas Held, der sich selber ins Gespräch für das Amt des Präsidenten gebracht hatte, wird zur absoluten Posse. Statt einen zweiten Kandidaten zu ermöglichen, verhindern die Aufsichtsräte um Oberkontrolleur und Littmann-Freund Münster das Duell. "Er hat in einigen Punkten den Qualifikations-Ansprüchen nicht genügt", erklärte Münster am Tag der Wahl der Hamburger Morgenpost. Hätte Littmann einen Funken Größe und Selbstüberzeugung bewiesen, hätte er den Aufsichtsrat zu der Nominierung eines Gegenkandidaten gedrängt.Was bleibt sind weitere, negative Schlagzeilen sowie ein erster despotischer Beigeschmack der Person Littmann. Am 25. Februar wird Littmann mit einer populistischen und doch inhaltslosen Rede von den Mitgliedern zum Präsidenten gewählt. Dabei präsentiert er weder ein sportliches noch ein wirtschaftliches Konzept. Dafür erfahren die anwesenden eine Menge über die wirtschaftlichen Kontakte von Vize Preussker und die Duscherlebnisse vom zweiten Vize Uhlig. Ferner legt sich Littmann in seiner Rede öffentlich mit der Bildzeitung an, was den Verein wenig später einen in dieser Situation nicht unerheblichen wirtschaftlichen Schaden einbringt. Mit Sätzen wie "So untreu ich meinen Sexualpartnern manchmal bin, so treu bin ich diesem Verein." überzeugt Littmann immerhin 78,3 Prozent der anwesenden Mitglieder.

März 2003

   Um eines der 21 mittlerweile anhängenden Gerichtsverfahren zu beenden, greift Littmann tief in die Tasche des klammen Klubs. Dazu das Abendblattt vom 23.05.2003 in einem Fazit zum Thema Finanzkrise: "Ins Kontor schlug besonders der Vergleich mit dem Architekturbüro KHD Czerner (Stadionplanung). Obwohl das Ex-Präsidium die ursprünglichen Forderungen von 270 000 Euro auf 150 000 Euro heruntergehandelt und ein BGH-Urteil von Februar 2003 befunden hatte, dass es ein triftiger Grund für eine Kündigung sei, wenn die vorgegebenen
"Der Club braucht keine Selbstdarsteller, sondern jemanden, der weiß, was zu tun und was zu lassen ist". Corny Littmann in der 1/4NACH5 Ausgabe 01/2003
Kosten nicht eingehalten werden können, ging Corny Littmann auf einen Vergleich ein, der den Verein letzlich 174 000 Euro kostete - zuzüglich Gerichts- und Anwaltskosten. Die Planungsrechte (Vorplatz) verblieben jedoch beim Architekturbüro . . .". Genau dieser Präsident warf dem alten Präsidium zeitgleich vor, es habe buchhalterisch wertlose Objekte (wie das Jugendleistungszentrum am Brummerskamp) fahrlässigerweise in der laufenden Liquiditätsplanung eingestellt. Am Rande sei erwähnt, dass Littmann vor der Einigung einen renommierten Baurechtler, der vom Ex-Präsidium mit dem Fall betraut war, durch seinen Leib- und Magenanwalt Patett austauschte, der auf Arbeitsrecht spezialisiert ist.

April 2003

   Littmann reagiert auf einen offenen Brief aus Teilen der Fanszene, die den sofortigen Rausschmiss von Stephan Beutel fordern. Im Forum der Hamburger Morgenpost schreibt er am 1. April 2003 unter dem Nicknamen "Praesident": "Weil es in eurem Schreiben zentral um die Person Stephan Beutel geht, sage ich auch gerne: der Manager hat zu Zeiten meiner Präsidentschaft hervorragend und immer im Interesse des Vereins verhandelt. Und Franz Gerber hat ja wohl auch sportlich die richtigen Entscheidungen getroffen, oder?!" Alleine die Satzzeichenwahl am Ende der Gerber-Passage unterstreicht die Gerissenheit Littmanns. Die Nibelungentreue zum Manager Beutel fängt an zu riechen und dabei zäh wie Kaugummi an den bunten Outfits des Theaterbesitzers zu kleben. Immer und immer wieder lobt Littmann Beutel, obwohl dessen Ruf längst über die Grenzen Hamburgs hinaus ruiniert ist. Treue, die der Manager im Januar 2004 mit einer Kündigungsschutzklage honoriert, nachdem er bereits über ein halbes Jahr sein Gehalt fürs Nichtstun eingestrichen hat.

Mai 2003

   Am 7. Mai präsentiert Littmann eine niederschmetternde Bilanz. Das berühmte "2-Millionen- Loch" droht, den FC St. Pauli in die Insolvenz zu führen. Obwohl der Präsident auf Schuldzuweisungen verzichten will, macht er in mehreren Stellungnahmen das ehemalige Präsidium für die katastrophale Lage verantwortlich. Und dass, obwohl doch der flammende Appell des Präsidenten aus dem Mopo-Forum mit folgendem Satz endet: "Schuldzuweisungen einzelnen gegenüber – egal wen es ´trifft´ – sind da wenig hilfreich." Ein weiteres Zeichen für die Littmannsche Doppelmoral.

   Was nun folgt, spottet jeder Beschreibung und spricht Bände über den Unternehmer Littmann: "Warum aber wurden noch Kicker verpflichtet, wenn es doch so schlecht um die Barmittel stand?", fragte die Hamburger Morgenpost am Tag nach der Verkündung und erhielt folgende Antwort des 50-Jährigen: "Wir wurden erst am 12. Februar von unserem Wirtschaftsprüfer über die zu erwartende Entwicklung informiert. Uns wurde im Dezember von der damaligen Geschäftsstellenleiterin gesagt, wir hätten 400.000 Euro für Neuverpflichtungen zur Verfügung." Littmann-Spezi Beutel wird in der gleichen Ausgabe mit folgenden Worten zitiert: "Ich habe erst Mitte Dezember davon erfahren". Ausreichend genug, um die Winterschluss- Einkaufstour des Präsidenten noch zu stoppen. Wäre Beutel nach Unwissenheit bezahlt worden, wäre der Verein spätestens zu diesem Zeitpunkt mit 8 Millionen Euro in der Kreide gewesen. Littmann scheint dieser weitere Beweis für die Unfähigkeit des Managers allerdings nicht zu einer Kündigung zu genügen. Auch auf die Frage, wieso der Aufsichtsrat in Person des langjährigen Kassenprüfers und Vorsitzenden Jost Münster nichts von der Schieflage gewusst haben will, gibt es die nächsten peinlichen Ausflüchte zu hören: "Uns wurden entweder falsche oder nicht ausreichend geprüfte Zahlen vorgelegt", so der Mann, der maßgeblich an der Installierung von Littmann beteiligt war und dessen originäre Aufgabe es ist, eben solche Zahlen kritisch zu hinterfragen.

   Als erste Konsequenz wird der Kahlschlag im Mitarbeiterstab betrieben. So müssen unter anderem Scout Lars Mrosko, Kollaustraßenwirt Michael Lappen, Platzwart Marco Natzenberg sowie die komplette 1/4NACH5- Redaktion ihren Hut nehmen. Komisch: Im Falle der Redaktion kommt es zu einer gütlichen Einigung, auf die besonders Ex-Vermarktungschef Marc Wallas gedrängt hat. Im Verein hingegen werden sowohl Mrosko als auch Lappen erst vor Gericht abgefunden. Dabei hatte zumindest der Talentscout
Littmann: Ich habe mich als Seiteneinsteiger ohne Vorkenntnisse der Querelen im Klub keiner Fraktion, sondern der sachlichen Arbeit gewidmet. (Mopo, 5.12.2003)
versucht, mit seinem Anwalt eine außergerichtliche Einigung mit dem FC zu erzielen. Doch nachdem Littmann erst Mroskos Anwalt despektierlich behandelt hatte ("das bisschen Juristerei, was sie drauf haben, habe ich als Allgemeinbildung") und später im Gespräch den Satz "ich bin der FC St. Pauli" fallen lässt, zieht Mrosko verärgert vor Gericht und erhält eine Abfindung. Überflüssig zu erwähnen, dass Littmanns Hausanwalt Patett – wenn denn die Rechnung an ihn pünktlich bezahlt wurden – stets angemessene Honorare bei diesen Prozessen erhalten hat.

   Trotz der schier aussichtslosen Finanzlage zieht der Verein die Option für die Verpflichtung von Nascimento, der Transfer kostet rund 500.000 Euro, zudem verdient der Brasilianer ein für die Regionalliga utopisches Gehalt. Das vom Präsidium kommunizierte Konstrukt, zwei Hamburger Geschäftsleute haben das Geld für Nascimento auf den Tisch gelegt, wollen aber anonym bleiben, entpuppt sich im Nachhinein als Lüge. Das Geld wurde aus dem laufenden Etat für den sportlichen Bereich aufgebracht. Damit geht das Präsidium in dieser Phase des Vereins ein unangemessen hohes Risiko, das bis heute verbleibt: wechselt der ausgeliehen Abwehrspieler am Ende der Saison nicht nach Frankfurt, wird sich die Ablöse wohl nicht mehr amortisieren lassen. Ganz nebenbei verstößt das Präsidium in eklatanter Weise gegen die Satzung, da sie den Transfer nicht durch den Aufsichtsrat genehmigen lässt – wie später auch die Einkäufe Rico Hanke und Willem Hupkes. Ober-Kontrolleur Münster gibt diesen Umstand auf der Mitgliederversammlung im November 2003 dann nach einigem Druck aus dem Saal zu, stottert sich danach um Kopf und Kragen. Der Littmann-Freund wird kurze Zeit später durch den aalglatten "Postboten" Michael Burmester ersetzt.

   In dem Wissen, gerade 500.000 Euro für EINEN Spieler ausgegeben zu haben, startet Littmann eine Retterkampagne, die zwar vordergründig das notwendige Ziel – die Lizenz für die Regionalliga einbringt – bei genauerer Betrachtung aber einen ganz bitteren Beigeschmack hinterlässt.

Juni und Juli 2003

   Halb Hamburg ist an der Rettungsaktion beteiligt. Sämtliche Vereinstrukturen sind über den Haufen geworfen, längst kann jeder den FC St. Pauli nahezu ungefragt ein Stückchen mitretten. Plötzlich wird auf das Know-How der Mitarbeiter kaum noch Wert gelegt, Ehrenamtliche werden mit der Durchführungen der Maßnahmen betraut. Statt ein konstruktives Miteinander einzuleiten, setzt Littmann einmal mehr die verbleibenden Angestellten vor vollendete Tatsachen. Dies endet in zum Teil blinden Aktionismus, der sich kaum oder gar nicht in finanziellen Erfolgen wieder spiegelt (Jazzfestival, Kino). Nahezu Tag und Nacht verkaufen ehrenamtliche Helfer TShirts, um den FC die fehlenden zwei Millionen zu
Es gibt berechtigte Fragen und berechtigte Kritik an der Vereinsführung. Fraglos ist es so, dass in den bewegten letzten zwölf Monaten alle lernen mussten, einen neuen Umgang miteinander zu pflegen. (Corny Littmann am 5.12.03 in der taz)
beschaffen. Umso bitterer, dass trotz anhaltendem Erfolg plötzlich wert auf "prominente" Verkäufer gelegt wurde. Der negative Höhepunkt dann am 5. Juni 2003: Bambule- Gegner und Schill-Koalitionspartner Ole von Beust verkauft im Kartencenter Retter- Shirts und Dauerkarten. 15 Jahre Politisierung beim FC St. Pauli schienen durch den Besuch des CDU-Bürgermeisters auf einen Schlag wie weg geblasen. Auch der Besuch von "Euch Uwe" Seeler so wie das Anbiedern beim FC Bayern und dort speziell bei Herrn Hoeneß trieben vielen alt eingesessenen Fans der Braun-Weißen die Nahrungs- brocken die Speiseröhre hoch. Da half auch kein Fastfood. Denn spätestens als Mc Donalds als neuer Vertriebspartner der Retter- Shirts präsentiert wurde (damals waren schon rund 90 Prozent der Shirts verkauft), bekam ein Großteil der "Geretteten" das kalte Kotzen. Letzter Beweis für den völlig gespürlosen Ausverkauf des FC durch Littmann war die Kooperation mit Budnikowsy.

   Ganz nebenbei rettete sich Medienkoordinator Christof Hawerkamp, der eigentlich nach dem Abstieg keine Weiterbeschäftigung in Aussicht gestellt bekommen hatte, von einer Honorarkraft zu einer gut bezahlten Vollzeitkraft. Diese Maßnahme, das Führungsgespann um einen weiteren Kopf auszubauen, gleichzeitig aber bei den schlechter bezahlten Mitarbeitern um Gehalts- und Urlaubsverzicht zu betteln,war sicherlich nicht die populärste in der Ära Littmann. Zumal anscheinend auch Hawerkamp ähnlich wie Fechner nicht gerade überqualifiziert für diesen Job zu sein scheint, wenn man dem Hamburger Abendblatt vom 23. März 2004 glauben darf: "An Stelle von Fachleuten wurden die für das Drittligateam entscheidenden Posten im gewohnten Klüngel- Stil vergeben. Der von Ex-Präsident Reenald Koch geschasste Frank Fechner wurde Geschäftsführer, der von Großteilen der Mannschaft belächelte Hawerkamp zum Team- und Kommunikations-Manager befördert. Dass Fechner und Hawerkamp keine Freunde, sondern eher Kritiker Gerbers sind, ist ein offenes Geheimnis. Missgunst ist darum an der Tagesordnung." Fürwahr, ein Neuanfang hätte sicher anders ausgesehen. Am 27. Juni ist Littmann zu Gast bei der WDR-Talkshow "b.trifft". Auf die Frage von Moderatorin Bettina Böttinger, wie denn der Unternehmer des Jahres ausgerechnet bei einem eher proletarischen Club wie dem FC St. Pauli den Vorsitz übernehmen könne, antwortet Littmann sinngemäß, dass proletarische Jugendliche ja die besten im Bett seien. Humor ist, wenn man trotzdem lacht...

   Übrigens: Während halb Deutschland den FC St. Pauli rettet, fabulierte Guntram Uhlig keine zehn Tage nach der Rettung vom "Aufschütten der Stehtraversen in der Gegengerade", der Errichtung von Vip-Logen ("die heißen bei uns dann Separees") und Tennisplätzen und Sauna an der Kollaustraße. Einfach unfassbar!

   Ganz nebenbei kündigt Littmann am 17. Juni mit dem Segen des Aufsichtsrates den Pachtvertrag mit Clubheim-Wirtin und St. Pauli-Unikum Brigitte. Es scheint so, als interpretiere Littmann die erfolgreiche Retterkampagne als Freibrief, erneut eine über mehrere Jahre gewachsene aber vielleicht nicht wirklich monetär profitable Einrichtung im FC zu zerstören. Dass es letztlich nicht soweit kommt, ist erneut ein Verdienst der aktiven Fans, die sich solidarisch zu Brigitte zeigen und dies durch Aktionen wie beispielsweise die friedliche Besetzung des Clubheims am 4. Juli, an der mehr als 300 Leute teilnahmen, untermauern. Wie auch im Fall der Stadionverbote ist Littmann nach den Protesten um Schadenbegrenzung gemüht. Und auch in diesem Fall zieht er, der erst mit dem Kopf durch die Wand ging, den Schwanz ein und legt die Verantwortung, die ja sonst in diesem Verein eigentlich nur ihm obliegt, in die Hände des ständigen Ausschuß`. Dieser entscheidet dann am 29. Juli, dass Brigitte für ein Probejahr weiterhin Pächterin des Clubheims bleiben darf.

   Littmann beendet einen der grausamsten Monate der Vereinsgeschichte am 31. Juli mit einem fast noch grausameren Artikel in der Welt, mit dem er erneut eindrucksvoll beweist, wie wenig Ahnung er vom FC St. Pauli hat: "Fußball am Millerntor - das ist der Bankdirektor, der zumindest für neunzig Minuten Punk sein darf. Oder sich wenigstens so fühlen. Da darf der Lude noch er selbst sein. Und die Friseuse endlich richtig kreischen." Noch Fragen?

August 2003

   Da anscheinend keiner die Erlöse der Retterkampagne kumulieren kann, herrscht Tohuwabohu beim FC. Gerber fühlt sich nach der "ersten Hochrechnung" der Zahlen verarscht, da intern stets kleinere Summen gehandelt wurden. Bei den Verantwortlichen des FC weiß man aber nicht so genau, ob es sich jetzt um Gewinn, Umsatz, Erlös oder Überschuss brutto oder netto handelt, ob die Kosten für den Gesellschafter upsolut schon rausgerechnet sind und welche Absprachen es da gab. Die letzte Frage ist bis heute nicht abschließend geklärt. In der Folge entbrennt ein peinlicher Streit zwischen Littmann und Gerber um die Definition des Etats, ob Offizielle wie der neu eingestellte Teammanager in den sportlichen Bereich fallen oder nicht. Ober-Peinlich: Mit Physiotherapeut Uwe Eplinius, der immerhin seit neun Jahren im Verein ist, hat bis zum ersten Saisonspiel keiner der Verantwortlichen über einen Vertrag gesprochen. Statt sich um die wirklich wesentlichen Fragen zu kümmern, wird der AFM-Vorsitzende Andreas Kahrs mit einer DFB-Regionalliga-Karte ausgestattet, die Offizielle zum uneingeschränkten Einlass in alle Stadien berechtigt. Franz Gerber indes soll keine erhalten haben...

   Als krönender Abschluss laufen Littmann und Uhlig am 26. August nach dem ansehnlichen 3:0-Erfolg über den Hamburger SV wie von der Tarantel gestochen nach dem Schlusspfiff auf das Spielfeld, um mit der Mannschaft vorm Block 1 die Welle zu machen. Eine solche Peinlichkeit hat selbst Heinz Weisener sich nicht geleistet. Ähnlich peinlich verläuft auch der Auftritt der Herren Littmann, Uhlig und Hawerkamp auf der Abteilungsversammlung der AFM am 15. August. In
LITTMANN: Ich bin überrascht von der Qualität des Fußballgeschäftes. Die guten hamburgischen Sitten eines Kaufmannes gelten scheinbar nicht in allen Betrieben, aber ich bin guten Mutes, dass sich das schnell zum Positiven wandelt, denn mir stehen erfahrene Unternehmer zur Seite. (Abendblatt, 23.05.2003)
gewohnter Klüngel-Manier übernimmt Rhetoriker Littmann den Part des Auskunftsgebers auf alle kritischen Fragen, quasi im Gegenzug für die 270.000 Piepen, die auf Beschluss von drei AFM-Vorständen an den Verein während der Retterkampagne verliehen wurden. Dabei wird schnell klar, dass die mangelnde Transparenz von Littmann und Co. auf die Fördermitglieder abgefärbt hat. Auf die Frage nach den Rückzahlungsmodalitäten wird den Mitgliedern, um deren Geld es schließlich geht, ein lapidares: "das ist alles geregelt" entgegen gerotzt. Wir verweisen an dieser Stelle auf den ÜS Nr. 65, Seite 7.

September 2003

   Der von Littmann gefeuerte Scout Lars Mrosko unterschreibt beim Bundesligisten VfL Wolfsburg einen Vertrag als Nachwuchsund Talentsichter.

Oktober 2003

   Das Präsidium kündigt in einer Phase, in der es sportlich eher nach unten geht, den Verkauf von mindestens einem Leistungsträger in der Winterpause an.

November 2003

   Ex-Torwart Volker Ippig rechnet via Mopo vom 5. November mit dem FC St. Pauli ab, verpasst der Führungsriege eine verbale Breitseite: "St. Pauli ist halt auch nur ein Geschäft. Mit vielen lustigen Leuten zwar, aber eben ein Geschäft. Zum Schluss ist mir der Spaß an der Sache eh verloren gegangen. Wenn du zwei Mal hintereinander absteigst, die Verantwortlichen das Ding sehenden Auges gegen die Wand fahren, weil ihnen die Weitsicht oder Qualität fehlen, dann ist das schon sehr traurig." Derweil wettert Littmann im Musik-Magazin "Alert" gegen seine Vorgänger. "Ich habe mich gewundert, wie schlecht die Geschäfte betrieben worden waren." Ferner spricht
Schließlich sagte Corny Littmann zum Dauerbrenner Stadion-Neubau: "Ich will keine Luftschlösser bauen, aber das Stadion muss in den nächsten drei bis fünf Jahren kommen. Lange können wir nicht mehr flicken." (Abendblatt, 09.01.2003)
er von "Laienhaftigkeit" und "Dilettantismus als Prinzip". Und: "Im Grunde hätte ich im Februar mit Fug und Recht sagen können: 'Ihr habt mich beschissen und belogen, keiner hat mir die Wahrheit gesagt. Sucht euch mal einen anderen." Ein Schelm, wer angesichts der am 5. Dezember stattfindenden Mitgliederversammlung an Wahlkampf denkt...

   Am 21. November hat das Präsidium zu einer Elefantenrunde u.a. mit Christian Pothe und Reenald Koch an die Kollaustraße geladen, um mit dem ehemaligen Präsidium den Verbleib der zwei Millionen zu erörtern. Das komplette ehemalige Präsidium ist anwesend - Corny Littmann nimmt an dieser Runde nicht teil.Am Ende sind alle genauso schlau wie vorher... Kurz vor der Mitgliederversammlung dann die nächste Posse, die dem FC St. Pauli erneut einen großen Gesichtsverlust dank der Unfähigkeit der Handelnden beschert. Nachdem Franz Gerber ein Angebot von Zweitligist Jahn Regensburg erteilt bekommen hat, erteilt Littmann dem ungeliebten Übungsleiter die Freigabe. Anscheinend vergisst der sonst so akribische Littmann, diese Tatsache seinem Verwaltungsleiter mit zu teilen. Franz Gerber beschreibt die Vorgänge in der Mopo vom 21. November wie folgt: "Er (Anm. der Red. Heinz Groenewold, Vorsitzender von Jahn Regensburg) erzählte mir, dass er einen Anruf von unserem Geschäftsführer Frank Fechner erhalten hätte. Der hätte ihm gesagt, dass es mich lediglich im Paket mit unserem Spieler Cory Gibbs für 100.000 Euro geben würde und fiel aus allen Wolken. Denn ich hatte ihm zuvor gesagt, was mir Präsident Corny Littmann mitgeteilt hatte: Dass ich ohne Wenn und Aber gehen könnte." Konter Fechner im Abendblatt vom 27. November: "Corny Littmann und Guntram Uhlig waren eingeweiht. Es war intern abgestimmt. Neben dem Präsidium war auch der Trainer informiert, dass wir Regensburg ein Paket anbieten wollten." Darauf erwidert Littman: "Der Trainer wusste nichts von einem so genannten Koppelgeschäft." Schlusswort Gerber: "Herr Fechner lügt. Wenn man den gesamten Vorgang betrachtet, der ohnehin schon ungewöhnlich ist, wird einem klar, wie unsinnig das Ganze ist. Seine Behauptungen passen vorne und hinten nicht zusammen. Ich weiß nicht, was das nun wieder soll." Am Ende bleibt Gerber beim FC, weil Regensburg vom Geschäftsgebaren der St. Pauli- Verantwortlichen die Schnauze voll hat.

Dezember 2003

   Für den ersten Chartbreaker im Dezember sorgt Jost "Addi" Münster, als er – angesprochen auf den beurlaubten Stephan Beu- tel – in Erwägung zieht, den ehemaligen Manager wieder zu beschäftigen und in die Blöcke der Reporter trompetet, dass "wir drüber nachdenken müssen, ihn in einem anderen Bereich einzusetzen." Doch soweit kommt es zum Glück nicht. Auf der Jahreshauptversammlung am 5. Dezember im CCH stockt den Mitgliedern dann der Atem: Trotz Retterkampagne, Bayern- Spiel, Rekorddauerkartenverkauf und dem Geld, dass sich das Präsidium aus den Abteilungen des Vereins zusammen geliehen hat, droht eine erneute Unterdeckung von 886.000 Euro. "Wo ist es geblieben, das ganze Geld", fragt Thomas Jurisch aus der Amateurabteilung in seiner Rede. Und erhält den kompletten Abend keine Antworten. Littmann spult die alte Leier ab: Fehlende Fernsehgelder, hohe Personalkosten und die Fehlplanungen des ehemaligen Präsidiums seien an der Lage schuld. Lediglich die Kassenprüfer trauen sich, Littmann einige Fehler auf´s Brot zu schmieren. So bezeichnen sie beispielsweise den Kauf von Nascimento als viel zu hohes Risiko und erwarten eher eine Unterdeckun von rund 1.200.000 Euro. Ebenso wie Jurisch weisen die Kassenprüfer darauf hin, dass der Verein seine Gemeinnützigkeit und somit steuerliche Vorteile verlieren wird, wenn die Abteilungen das geliehene Geld nicht noch im laufenden Geschäftsjahr zurück bekommen. Jurisch prangert zudem die "Führung des Vereins nach Gutsherrenart" an und fordert "eine Verbesserung des Informationsflusses und der vereinsinternen Kommunikation". Und täglich grüßt das Murmeltier... Beim Tagesordnungspunkt "Entlastungen" dann erneut Aufregung: Sowohl das Präsidium um Pothe/Beutel/Koch als auch das Interimspräsidium Pothe/Beutel/Littmann werden von den Mitgliedern nicht entlastet. Ein Umstand, der zumindest Christian Pothe ziemlich Banane gewesen sein dürfte, da dieser bereits in seinem Aufhebungsvertrag von Corny Littmann neben
MILLERNTOR: Präsident Corny Littmann hält einen Stadionneubau am Millerntor selbst in der 3. Liga für machbar: "Rot-Weiß Essen baut als Regionalligist auch ein neues Stadion. Allerdings geht ohne die Stadt Hamburg überhaupt nichts." (Mopo, 14.05.2003)
einem Blumenstrauß und einer Grillparty an der Kollaustraße schriftlich seine Entlastung zugesichert bekommen hatte. Ein weiterer Beweis dafür, dass Littmann sich gerne als den personifizierten Verein sieht und sich über das laut Satzung höchste Gremium – die Mitgliederversammlung, die immerhin noch über Entlastung oder Nichtentlastung zu entscheiden hat – hinwegsetzt.

   Ganz nebenbei verabschiedet sich Gunter "Wirtschaftskontakte" Preussker aus beruflichen und privaten Gründen aus dem Präsidium.

   Jost Münster bekommt die Quittung für eine ganz schlechte Vorstellung, bei der er indirekt zugibt, dass der Aufsichtsrat seiner Kontrollfunktion nur unzureichend nachgekommen ist bzw. nachkommen konnte und wird am 19.12 als Vorsitzender des oft ratlosen Rates durch Burmester ausgetauscht. Was bleibt ist ein massiver Vertrauensverlust der Mitglieder in die Verantwortlichen, ein wieder einmal peinliches Bild in der Öffentlichkeit und ein Präsident, der den FC St. Pauli durch zwei Kunstauktionen wieder auf gesunde Beine stellen will....

Januar 2004

   Am 20. Januar stellt Littmann den Preussker Nachfolger vor. Ab sofort soll der Diplom- Kaufmann Marcus Schulz als zweiter Vizepräsident für das längst fällige Controlling sorgen. Kaum einer nimmt Notiz daran, dass Schulz ganz nebenbei Mehrheitsaktionär einer Zeitarbeitsfirma ist,was wohl noch vor wenigen Jahren einen Sturm der Entrüstung unter den Hardlinern ausgelöst hätte. Trägt die Entpolitisierung durch den Verein erste Früchte?

   Littmann kündigt gleichzeitig an, die Vertragsgespräche mit der Mannschaft schnellstmöglich abschließen zu wollen. Bis heute herrscht bei den meisten Spielern allerdings Unklarheit.

   Am 28. Januar wechselt Nascimento auf Leihbasis zur Frankfurter Eintracht. Franz Gerber beklagt erneut mangelnde Kommunikation. Er sei vom Präsidium nicht über den Verhandlungsstand informiert und ginge davon aus, dass der Brasilianer am Tag seines Wechsels zum Training kommt. Kommunikation? Ach, das hatten wir schon... Nur zwei Tage nach dem Nascimento-Verkauf und zwei Tage, bevor der Verein Cory Gibbs für einen Schleuderpreis nach Dallas verscheuert, sitzen Littmann und Gerber zu ersten Vertragsgesprächen zusammen. Danach jubiliert der Schauspieler über den Coach: "Franz Gerber ist der richtige Trainer für unseren Klub. Er hat die fachliche Qualität und ein großes Herz für St. Pauli. Er versteht es zudem, eine Mannschaft zu formen, und kann junge Spieler begeistern. Genau so einen Mann brauchen wir."

Februar 2004

   Man mag es kaum noch aufschreiben: Erneut bringt ein Kommunikationsdefizit dem FC Negativschlagzeilen. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet ein ehemaliger Senatssprecher, ein Medienkoordinator und
"Die Mannschaft ist unser Aushängeschild, die Fans sind unser Kapital" Littmann auf der Jahreshauptversammlung am 25.02.2003 (Quelle: Mopo)
ein Regisseur und Schauspieler das Miteinander- Reden nicht beherrschen. Nach tagelangen Vertragsverhandlungen mit Torwart Achim Hollerieth sitzt dieser mit Co-Trainer Harry Gärtner und Teamchef Christof Hawerkamp für Vertragsgespräche in der (!) Lobby (!) des Trainigslager-Hotels und lässt sich von einem Mopo-Reporter belauschen. Grund für das Streitgespräch: Gerber hatte dem Keeper tags zuvor gesagt, er dürfe mit ihm nicht in finanzielle Details gehen, wenn es um seine Vertragsverlängerung geht. Hawerkamp behauptet einen Tag später das Gegenteil. Doch damit nicht genug: Uhlig versichert Gerber via Zeitung, dass er mit den Spielern ins Detail gehen darf,Aufsichtsrat Burmester weist darauf hin, dass Gerber sich aber auch beim Kontrollgremium zurück versichern muss. Eine schriftliche Erlaubnis für Gerber gibt es nicht. Künftig wird dann wohl ein Saal im CCH angemietet werden müssen, um alle Selbstdarsteller, die bei Transfers mitreden wollen, an einen Tisch zu bringen. Die Verhandlungen mit Hollerieth scheitern am Veto des Aufsichtsrates...

   Bertrand Bingana erhält ein Angebot von der Nachwuchsabteilung des VfL Wolfsburg. Wer war da noch gleich Scout?

März 2004

   Kein Monat ohne Posse. Schon am 2. März scheppert es erneut zwischen Präsidium und Trainer. Diesmal zieht Guntram Uhlig den Zorn des Trainergespannes auf sich. Der Vize hatte den Footballern des FC – den Buccaneers – erlaubt, auf den Rasenplätzen an der Kollaustraße zu trainieren – zur gleichen Zeit wie das Training der ersten Fußballmannschaft angesetzt war. Unglaublich aber Guntram! Franz Gerber kopfschüttelnd zur Mopo: "Ich habe angeboten, dass man uns doch einfach den Belegungsplan der Kollaustraße zukommen lassen möge. Danach können wir uns dann richten. Zur Not trainieren wir halt morgens um sieben." In derselben Ausgabe legt Gerber noch Zwei drauf: "Im Fußballgeschäft haben zu viele Leute was zu sagen, die von der Materie einfach keine Ahnung haben." Nur von einem Stadionbesuch pro Woche kriegt man eben keinen Sachverstand", fährt Gerber fort und erklärt: "Ich habe auch in einigen Häusern gewohnt und mir noch mehr angesehen. Aber erzähle ich deshalb einem Architekten, was er zu tun und zu lassen hat?". Jedem dürfte klar sein, wer damit gemeint ist... Komisch nur, dass weder Fechner noch Littmann die harschen Worte des Trainers auf sich münzen. Lediglich Uhlig fühlt sich angesprochen, kontert aber zugleich knallhart: "Als ahnungslos fühle ich mich nicht. Ich kann durchaus ein Spiel oder einen Spieler beurteilen - natürlich lange nicht so gut wie Franz."

   Ganz nebenbei verkündet Littmann nach dem Verschleudern von Gibbs vor knapp einen Monat, dass der FC quasi schuldenfrei sei und sogar noch mit einem Plus von gut 100.000 rechnet. Wo genau Marcus Schulz in drei Monaten rund eine Million Euro gefunden hat, wird dagegen nicht näher erklärt. Ein Insider: "Das riecht nach Bilanztricks". Wir werden es spätestens im Sommer sehen. Schon komisch, auf der einen Seite schuldenfrei zu sein, auf der anderen Seite aber die Abteilungsgelder weiter nicht zurück zu zahlen und die AFM um gefakte Verträge anzubetteln (siehe anderer Artikel). Der unrühmliche Höhepunkt folgt dann in der Woche vor dem Heimspiel gegen Holstein Kiel. Nachdem Littmann und Fechner willkürlich sechs Stadionverbote ausgesprochen haben, ohne dabei die üblichen Wege (Brux, Fanladen, Anhörung) eingehalten zu haben, eskaliert die Situation.Wütende Proteste beim Spiel und danach sowie zahlreiche Solidaritätsbekundungen im Internet lassen Littmann den kompletten Salto rückwarts machen. Wie schon so oft zuvor hat Littmann seine Grenzen ausgetestet und ist dabei mit 220 km/h gegen den Schlagbaum gefahren. Wieder einmal ignorierte er sämtliche etablierte Vorgehensweisen, ein Mitarbeiter wurde trotz schwerster Bedenken zu einer Unterschrift genötigt und der Sprecher der Fanclubs erst gar nicht geund später verhört. Wieder einmal rudert Littmann zurück, als er merkt, dass die Welle des Protestes zu groß wird (siehe ausführlicher Artikel).

April 2004

   Wir möchten es gar nicht wissen....

Die Redaktion

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter