Personalpolitik!

Lieber Herr Gerber,

   ich weiß selber noch nicht, in welche Richtung dieser offene Brief führen soll. Auf jeden Fall liegt es mir am Herzen, Ihnen einige wenige Worte mitzuteilen, die für mich natürlich mehr als Sinn machen.Wo fange ich an?

   Ich komme aus einer rheinisch/westfälischen Familie, die aufgrund mehrerer Schicksalsschläge zerbrach und ein Teil sich im Norden wieder fand. Eine kleine Diaspora könnte man meinen. Dass diese Zeit nicht einfach war, versteht sich von selbst. Inzwischen haben sich die hohen Wogen geglättet. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass tiefe Risse im Familien-Kontinuum nicht mehr zu leugnen sind und Narben hinterlassen haben, die aber längst verheilt sind und heute nur noch schmerzen, wenn jemand kräftig auf diese Wunden haut. Das tun wir auch mal selber und es wird dann auch schnell hitzig. Familie halt. Doch keiner mag heute soweit gehen, den anderen so zu verletzen, dass dieser denjenigen zum Teufel wünscht. Man will wieder zusammen kommen. Ich schweife ab. Aber egal. Man kommt nicht drum herum, sich hin und wieder nach dem "Was wäre wenn...?" zu erkundigen. Bei mir habe ich das aufgegeben, da ich nichts mehr rückgängig machen kann und eigentlich im großen und ganzen eine gewisse Zufriedenheit erfahren habe. Sicher, man hat noch kleine oder vielleicht auch etwas größere Träume, aber die zielen auf Zukünftiges und sind erst mal nur Träume. Nur kurz zu dem was-wäre-wenn-bzgl.-der-eigenen-Person. Ich wäre sehr wahrscheinlich nicht Fan dieses einmaligen Vereins geworden, dessen Fans auch über den Fußball hinaus, ihre eminent wichtige Rolle im (immer noch und für mich immer bleibenden) Nachkriegsdeutschland erkannt haben (rückwirkend versteht sich, schließlich tut man einfach, ohne die Konsequenzen genau zu erahnen) und diesen Stadtteilverein zu dem gemacht haben, was er heute ist. Dass viele Klischees, die von der Boulevard-Presse immer wieder aufgegriffen werden, auch etwas nerven, versteht sich ebenfalls. Ist einfach so und ist ja nun hin und wieder auch förderlich. Ohne glorifizieren zu wollen, bin ich heute sehr froh bei St. Pauli gelandet zu sein. Und Sie habe ich schon mit der halbkahlen Platte Tore köpfen sehen, da war das hier gerade alles am Entstehen und ich war noch verdammt grün hinter den Ohren und zu oft auch blau hinterm Zaun.Tja, nun sind wir hier bei unserem FC und jeder weiß auch irgendwie, welchen Stellenwert und welche Rolle dieser Verein im Leben eingenommen hat. Für Sie und für mich!

"Der Respekt voreinander ist ein hohes Gebot und Gut"

   Es gibt natürlich gerade im sehr persönlichen eigenen Umfeld Personen, die besonders geprägt haben. Das ist fester Bestandteil belebter Natur. Bei mir war das mithin auch der Vater. In diesen Zeiten des intensiven Miteinanders waren ausufernde Emotionen Teil der Ganzwerdung. In den Momenten des gegenseitigen Erlebens spielte auch Zorn eine Rolle. Sicherlich, der Respekt vor einander und gerade einem Elternteil gegenüber ist ein hohes Gebot und Gut, wenn der oder diejenige nicht ein komplettes Arschloch oder Gewalttäter ist. Viele werdende Eltern verkannten und verkennen ihre Verantwortung im Zusammenspiel des Lebens. Mit ein bisschen Abstand zu jenem erwähnten emotionalen Durcheinander steht doch häufig die Erkenntnis, das Eltern eigentlich nur das Beste für ihre Nachkommen wollen und deswegen naturgemäß auch zur Übertreibung neigen können, schließlich sind deren Erfahrungsschätze die einzig wahren und überhaupt, müssen die Kinder ja nicht die gleichen Fehler begehen. Müssen Sie doch, denn nur der Irrtum wirkt gelehrig und die ureigenen Erfahrungen inkl. Fehler bestimmen die Ich-Werdung mit. Nun denn, auch die Kinder werden älter, werden eventuell zu Vätern oder Müttern und üben eine ähnlich Strenge aus, um Ihren Kindern wiederum eine Obhut zu vermitteln, die diese doch irgendwann aufzubrechen versuchen. Und so scheint das Leben zwischen Aufbruch und Zusammenkunft hin und her zu wogen. Ich schweife weiter ab und komme doch zurück.

   Vorhin stellte ich die Frage nach dem "Was wäre wenn...?". Was wäre aus meinem Vater geworden, wenn wir in der alten Heimat geblieben wären? Wenn nicht die Erfordernisse der damaligen Zeit wie eine Granate eingeschlagen hätten und alles Geschaffene unwiderrufbar in Einzelteile zerbrochen wäre. Er wäre mit Sicherheit ein noch größerer Jugendtrainer geworden, der er sowieso schon war. Man kann fragen, warum er dieses Talent der Jugendförderung nicht auch in Norddeutschland weiter kultivierte. Na ja, er war in erster Linie Vater und nicht Trainer. Diese schwierige Zeit erforderte einen Menschen, der, so gut es eben möglich war, für seine Nächsten zu sorgen hatte. So war er. Mit all seinen Stärken und Schwächen! Hier musste er besonders stark sein, um nicht auch noch selber zu zerbrechen. Die Folgen wären auch für uns Kinder fatal gewesen. Ich schweife und schweife, doch der Punkt ist nahe.

"Hokus Pokus Knappheide"

   Damals Ende der 70er gab es beim SSV Erkrath eine junge Truppe, die als hoffnungslos galt. Ja, ein paar Talente zwar, aber eher ein Hühnerhaufen, dem ein Trainer fehlte. Wie er genau dahin kam, weiß ich gerade nicht, aber er hat sich gewiss nicht aufgedrängt. Das war nicht seine Art. Er machte aus dieser mittelmäßigen Truppe eine Meistermannschaft. Er war ein harter Hund, wie Sie, aber auch ein fairer Sportsmann und integer als Trainerfigur, der die schlummernden Talente förderte und das Beste aus seinen 14 Jährigen Bubis herausholte. Einer dieser Bubis, der Uwe Toex, hat später immerhin bei Union Solingen zweite Liga gespielt.Auch mein Vater ist wie viele und Sie vielleicht auch von scheuklappentragenden und engstirnigen Vereinsfunktionären gefeuert worden. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist zwar ganz groß, aber führt an dieser Stelle zu weit. Doch das war sein Glück, denn der ETB Schwarz-Weiß Essen suchte einen guten Trainer und die Verbindungen nach Essen existierten schon, schließlich gab es da mal ein Jugend-Freundschaftsspiel zwischen dem ETB und dem SSV, welches der kleine zweitgenannte Verein für sich entschied. Klein gegen groß, David gegen Goliath, das sind Geschichten, die nicht nur zufällig passieren. Und so kam der in Essen geborene zurück und gab der Erfolgsgeschichte neue Nahrung. Sie schlugen hochgelobte Truppen wie den MSV und die Jungens blickten zu Ihrem Trainer auf, auch wenn einige schon länger waren als er. Er gab allen eine Chance und setzte mal laute Querulanten auf die Bank und machte auch Fehler, aber er war gerecht.

   Einer seiner Spieler war der Volker Knappheide. "Hokus Pokus Knappheide" stand später mal in der Bild. Vier zu null mit Bochum in Stuttgart gewonnen und den Torreigen eröffnete ein junger in der 54. Minute eingewechselter Nachwuchskicker, über den Karl-Heinz Förster nachher meinte: "Knappheide? Nie gehört. Den muss man sich wohl merken!" Tja, wie sehr Glück und Unglück beieinander liegen, zeigt auch sein Schicksal. Kurze Zeit später war er Sportinvalide und der aufsteigende Stern erlosch. Schade! Aber nun zu des Pudels Kern. Wird ja auch Zeit.

"Lichtblick in einer Gesellschaft, in der Moral und Werte den Hungertod erleiden"

   Heute fachsimpeln mein Vater und ich viel über das große Geschäft Fußball, über diese oft raue kleine, fast schon elitäre Gesellschaft, in der die Ellenbogen schneller denn je zum Kopf gehen. Ich blicke zu meinem Vater und bin immer von Neuem erstaunt, wie viel er nicht nur weiß, sondern wie er mit dem Wissen umgeht. Ich entdecke und erkenne, wie viel Tiefe in diesem oberflächlich gewordenen Mikrokosmos verloren geht. Was müssen denn heute junge Spieler noch tun, um eine wirkliche Chance zu bekommen? Und damit meine ich nicht nur einen Kurzeinsatz in einem Spiel, welches sowieso schon entschieden ist. Wo ist die Menschlichkeit geblieben, die vielleicht nie existiert hat, der ich aber doch hinterher trauere!?

   Also muss es sie gegeben haben. Wo ist der Mut, in diesem schnelllebigen Geschäft gerade die zu fördern, die die Ernte von morgen einfahren (könnten)? Hier schwingt auch leichte Verzweiflung mit in Anbetracht der häufig getätigten geistigen Schnellschüsse. Ich bin immer noch felsenfest davon überzeugt, dass mit wenig viel erreicht werden kann, dass ein Starensemble (nicht das wir eins hätten, eher einen zusammen gekauften Haufen, nicht etwas zusammen Gewachsenes) mit "elf Freunden" geärgert werden kann, dass den jungen Spielern auch eine hervorragende Zukunft in ihrem Verein erklärt werden kann, dass dieses Geschäft nicht nur ein Geschäft ist, in dem man in der kurzen Zeit als Spieler nicht nur finanziell absahnen sollte, um ja sorgenfrei leben zu können (Blödsinn! Das Leben geht weiter und neue Aufgaben warten!). Es geht um einen Lichtblick für junge Menschen in einer Gesellschaft, in der Moral und Werte langsam den Hungertod erleiden. Junge Menschen wollen ernst genommen werden und wollen nicht zu Nomaden im Fußballeralltag degradiert werden, in dem sie ihrer Familie, den Freunden und Bekannten schulterzuckend berichten müssen "Ich darf mir einen neuen Verein suchen. Warum, weiß ich nicht genau, angeblich hab ich meine Chance vertan." Ich weiß um den Druck, dem Sie und viele Ihrer Trainerkollegen ausgesetzt sind. Diese Drücke führen zu vorschnellen Entscheidungen, damit andere zufrieden gestellt werden. Ich schwafele zuviel aber auch gerne und schließe hier meine kleine Reise in die Psyche der Menschen. Ich bin ein Idealist. Na und! Ich hörte neulich, dass der Hauke Brückner und der Philip Albrecht sich einen neuen Verein suchen könnten und fragte mich halt wie so häufig: "Warum"?

pelstinho

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