"Voran FC St.Pauli,
zwing deine Gegner in die Knie, ganz egal, was auch geschieht, es erklingt stets dieses Lied?"

   Schöner Gesang von USP, der es leider noch nicht zur ganz großen Entfaltung im großen Stadionrund gebracht hat.

   Doch, wie so oft bei Fangesängen, hat er mit der harten Realität leider nur wenig zu tun. Der ruhmarme FC St.Pauli von 1910 geht eigentlich nie voran, zwingt sich höchstens selber in die Knie, und das Lied, welches stets erklingt, ist wohl eher die stets gleiche Leier, nämlich dass es eben niemandem in verantwortlicher Position bei diesem Verein gelingt, vernünftig mit Geld umzugehen.

   Ihr wollt da nichts mehr von hören? Gerne, überspringt diesen Artikel, bis zum nächsten Mal. Ihr wollt nun endlich mal wissen, wo denn das viele Geld immer bleibt, welches wir mit jenem Zuschauerschnitt verdienen müssten, welcher auch in Liga Zwei den Platz an der Sonne bedeuten würde? Sorry, wird Euch nach diesem Artikel auch nicht viel klarer sein, aber vielleicht erahnt Ihr die Richtung.

   Es ist also wie jedes Jahr, die JHV steht vor der Tür, die Gazetten sind voll von Horrormeldungen und überbieten sich gegenseitig in Schreckensszenarien und wie so oft muss man konstatieren, dass sie zwar von der Tendenz her recht haben, die Wahrheit aber nun mal doch nur sehr selektiert wiedergeben, je nach persönlichen Freundschaften zu den handelnden Personen.

   Neu in diesem Jahr ist, dass in dem doch stets gleichen Ränkespiel vor der JHV diesmal der Trainer im Mittelpunkt des Interesses steht. Liest man sich mal so die Tagespresse durch (vom Internet ganz zu schweigen), könnte man meinen, dass ein Abgang Gerbers (zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels noch nicht abschließend entschieden) dem Untergang des Abendlandes gleichzusetzen ist, vom sofortigen Abstieg in die Oberliga ist die Rede, vom Weggang des letzten Mannes mit Fußballverstand gar, mindestens aber vom Auseinanderbrechen der Mannschaft.

   Dass dies alles sogar die (gewohnt vollständig) katastrophale finanzielle Lage des Vereins in den Schatten stellt, und selbst die sonst doch immer zielsicher auftauchende Opposition (aus welcher Richtung auch immer) scheinbar diesmal ob der Tragweite dieser Entscheidung in Ehrfurcht erstarrt, ist nun wirklich mal was neues, fast ist man geneigt, dem Franzl zu danken. Doch betrachten wir diese Personalie mal weniger Emotional.

   Gut, die Mannschaft hat er größtenteils alleine zusammengestellt, einige Spieler sind gar nur wegen ihm bei uns, ein gewisses Konfliktpotential ist also durchaus gegeben, wenn ein neuer Trainer geholt wird. Das gute Auge des Sportdirektors Gerber ist ebenfalls unbestritten, hier wäre es sicher ein herber Verlust, unbestritten auch bei seinen Kritikern.

   Als Trainer aber würden sich die Tränen sicher in engen Grenzen halten lassen, auch Ende der Hinrunde hat die Mannschaft immer noch kein taktisches Konzept erkennen lassen, auch 2003 hat Gerber an seiner merkwürdigen Auswechselei festgehalten, obwohl er sicher manchmal so um die 65.Minute verzweifelt gesucht hat, wo sich denn Yakubu Adamu aufhalte, den er doch eigentlich jetzt bringen müsse.

   Wie dem auch sei, ablenken tut die ganze Diskussion jedenfalls davon, was in diesem Verein wirklich im Argen liegt, und davon gibt es (sehe ich überraschte Gesichter? Wohl eher nicht?) doch mal wieder eine ganze Menge.

   Man weiß eigentlich gar nicht, wo man anfangen soll, also beginnen wir doch zum Erstaunen aller mit was positivem. (Ja, es hat mich einiges an harter Recherche gekostet, was zu finden.)

   Die AFM, oft auch von uns kritisierte größte Abteilung des Vereins, hat nun doch einen unterschriebenen Vertrag mit dem Präsidium geschlossen, der die Rückzahlung der geliehenen 270.000,- Euro regelt. Der Verein bezahlt zunächst im Dezember die fällige letzte Rate für das erworbene Haus (in anderen Vereinen liebevoll Jugendinternat genannt) und schießt den Rest dann in den Jugendetat, den eigentlich die AFM sonst selber getragen hätte. Immerhin etwas, wer negatives momentan nicht gut verträgt, sollte mit dem Lesen nun ebenfalls aufhören.

   Dass die Bilanz des Vereins in der vergangenen Saison ein negatives Ergebnis von 2,3 Millionen Euro aufweist, überrascht niemanden mehr. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass in der Budgetplanung zunächst ein Plus von knapp einer Million veranschlagt war, die Einnahmen schlussendlich sogar um ca. 2 Millionen höher ausfielen als erwartet, heißt dies natürlich im Umkehrschluss, dass man sich bei der Ausgabenseite um lächerliche 5 Millionen verkalkuliert hat. Wenn sich (um nur mal ein Beispiel zu nennen) die TV und Hörfunk Einnahmen von 10 auf 4 Millionen verringern, die Personalkosten im Lizenzspielerbereich aber nur geringfügig von 6,8 auf 5,3 Millionen, hätte das aber auch fast jedem Drittklässler mit durchschnittlichen Mathekenntnissen klar werden sollen. Jetzt überrascht? Nee, schon zu lange dabei, ich weiß?

   Eine Schuldfrage? Nein, mag ich jetzt nicht stellen, geschweige denn beantworten, aber der dringende Appell, am 05.12. eben diese Frage im CCH an alle Beteiligten (also altes und neues Präsidium, die beide für den jeweiligen Zeitraum entlastet werden müssen, oder auch eben nicht) zu stellen, geht an Euch alle.

Ah, da komme ich ja langsam auch zum eigentlichen Thema des Artikels, die JHV 2003

   Ja, was liegt denn außer dem Beinahe-Genickbruch im Sommer (bzw. wie es dazu kam) sonst so an Themen an?

   In erster Linie wohl ein sich darüber klar werden, was für uns dieser Verein eigentlich sein soll. Folgt man der Argumentation des Amateurvorstandes, so ist dieser Verein immer noch ein Verein, in dem es für alle möglich sein sollte, den Sport seiner Wahl zu betreiben und sich wohl zu fühlen. Folgt man hingegen der momentanen Linie des Präsidiums, so ist der FC St.Pauli eigentlich nur noch die Lizenzspielerabteilung, alles andere ist mehr oder weniger lieb gewonnenes schmückendes Beiwerk. Anders zumindest kann man es sich wohl kaum erklären, was hinter den Kulissen des Gesamtvereins momentan so vor sich hinbrodelt.

   Wie ganz Deutschland weiß, hatten wir ja im Sommer ein klitzekleines Liquiditätsproblem. Schon lange vor der Herstellung des ersten RETTER-Shirts, hatte der Gesamtverein die vorhandenen Gelder aller einzelnen Abteilungen eingefordert, was in Zeiten der Not sicher auch nur normal ist und auch unverzüglich erfolgreich abgeschlossen wurde.

   Nun mag man es der Naivität oder Unerfahrenheit der Abteilungen in solchen Situationen zuschreiben, es wurden jedenfalls keine oder nur unzureichende Absprachen darüber getroffen, wie und wann das Geld zurückfließen sollte. Die einen sprachen gar nichts ab, andere erwarteten das Geld zu Beginn dieser Saison, wieder andere erst im Herbst 2004.

   Mag alles okay sein, ist ja jeweils das Geld der Abteilungen, welches diese in der Regel aber auch bitter brauchen, nur spätestens bei der letzten Variante kommt man in ernsthafte Probleme. Sportvereine sind Gemeinnützig, was bei der Steuer immense Vorteile verschafft. Nicht Gemeinnützig ist jedoch der Lizenzspielerbereich (ja, auch in der Regionalliga nennt sich das noch so), und aus den gemeinnützigen Bereichen des Vereins dürfen keine Gelder in eben diesen Lizenzspielerbereich fließen, bzw. müssen nach spätestens einem Jahr wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt werden. Dies hat auch das Präsidium realisiert und ist gewillt die Gelder bis März/April 2004 zurückzuzahlen.

   Soweit löblich, nur ist dies eben nicht mehr als ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die sie allein in dieser Frage bereits vernachlässigt haben. Wenn Abteilungen beispielsweise zugesichert wird, das Geld bis zu einem gewissen Datum zurückzuzahlen, dieses dann aber nicht geschieht, so ist dies schlechter Stil. Wenn die Abteilung dies dann noch nicht mal wenigstens kurz vorher erfährt, sondern erst nachdem man selber hinterher rennen musste, so ist dies schon mit nichts mehr zu entschuldigen.

   Liebes Präsidium, das sind Gelder der Breitensportabteilungen dieses Vereins, die gehören den Mitgliedern des eingetragenen Vereins FC St.Pauli von 1910, davon sollen keine aufgedonnerten Regionalligakader finanziert werden, nur weil man auch noch den 26. Elitekicker unbedingt verpflichten muss. Diese Gelder wurden bereitwillig zur Rettung des Vereins herausgegeben, weil eben diese Lizenzspielerabteilung den Karren ganz tief in den Mist gezogen hat, und nun muss man wie ein Bittsteller auch noch dieser Selbstverständlichkeit hinterherlaufen? Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Steuerschulden?

   Mit 960.000,- Euro soll unser Verein beim Fiskus in der Kreide stehen. Schlimm genug, Gründe dafür gibt es sicher viele, und das ganze zu durchschauen ist sicher für uns auch viel zu komplex, doch wenn da ein sehr großer Teil darauf zurückzuführen sein soll, dass der Verein als Arbeitgeber seinen Anteil an der Lohnsteuer und den Sozialversicherungsabgaben nicht beglichen hat, so fehlt (nicht nur) mir dafür jegliches Verständnis, ebenso wie dem Finanzamt, was dann im Herbst auch zu einer Pfändung bzw. Sperrung der Vereinskonten führte. Hat es so was schon mal gegeben? Dass Frank Fechner im Nachhinein berichten kann, dass man das ja noch am selben Tag klären konnte, ist zwar ebenso löblich wie schon oben erwähnt, nur auch hier ist es das absolut mindeste, was man erwarten durfte. Schlimm genug, dass es so weit gekommen war.

Mythos NO 1

   Ja, die NO1, jene sagenumwobene Abteilung, in der alle Mitglieder "organisiert" sind, die keiner Abteilung (weder einer Breitensportabteilung noch der AFM) angehören. Zu Weiseners Zeiten versickerten die Gelder immer unerkannt irgendwo im Verein, was dann u.a. ja auch zur Gründung der AFM führte, um die Gelder Zielgerichteter der Jugendförderung zukommen zu lassen. Nun gibt es aber immer noch ca. 1000 Mitglieder in eben dieser NO1, was natürlich immer noch einiges an Mitgliedsbeiträgen abwirft. Auf der JHV 2001 wurde daher darüber gesprochen, ob man eben diese Beiträge nicht auch an die einzelnen Jugendabteilungen verteilen kann, während die AFM ihr Hauptaugenmerk ja doch eher auf den Fußball legt. In der Erinnerung vieler ist damals ein Entschluss in diese Richtung zustande gekommen, leider lässt sich dieser in den Protokollen nicht wieder finden. Gut möglich also, dass es nur eine Empfehlung an das Präsidium gab, dies zu klären. Eben dies ist dann später geschehen, nämlich in einem Memorandum, unterzeichnet von Präsidium (noch unter Koch), AFM Abteilungsleitung und Amateurvorstand, die Gelder sollten also fortan an die Jugendabteilungen gehen. Nun warten die Abteilungen nur leider auf die Gelder der letzten Saison (geschätzte 90.000,- Euro) noch heute, was schon schlimm genug ist, siehe oben. Auf der JHV wird es nun wohl einen Antrag des Präsidiums und Aufsichtsrates geben, die Gelder ab sofort nicht mehr zweckgebunden verwenden zu müssen.

   Mal ganz abgesehen davon, ob das nicht auch unter die oben angeführten Steuerprobleme mit Verwendung eigentlich gemeinnütziger Gelder fällt, was dann sicher wieder einige Juristengelder verschlingt, ist dies einfach ein Armutszeugnis für unseren Verein. Da werden über 2 Millionen Euro durch die Fans im Zuge der RETTER-Kampagne eingefahren, und man hat dann nicht mal das Geld, die Schulden bei der eigenen Jugend zu begleichen, und will für die Zukunft dann denen das Geld ganz streichen? Armer FC St.Pauli!

   Sind wir doch mal ehrlich: Wir wollen alle bezahlten Fußball in Liga zwei oder höher sehen, aber um welchen Preis? Und vor allem: Wie kurzsichtig? Dieser Verein hat auf lange Sicht gar keine andere Wahl, als die herausragende Jugendarbeit von Andreas Bergmann weiter zu unterstützen und zu forcieren, und welcher andere Regionalligist kann schon von sich behaupten, dass A- und B-Jugend jeweils in der höchsten deutschen Spielklasse antreten? Und ausgerechnet da will man sparen?

   An die hier mitlesenden NO1 Mitglieder: Wenn Euch dieses Hickhack um Eure Beiträge nervt: Ein Anruf auf der Geschäftsstelle genügt, tretet wahlweise in eine der Sport treibenden Abteilungen oder in die AFM über und ihr wisst wenigstens, wohin Euer Geld fließt.

   Und noch mal ganz ab vom Fußball: Von "meinem" Verein wünsche ich mir Strukturen, in der die Lizenzspielerabteilung die notorisch klammen gemeinnützigen Abteilungen subventioniert, und nicht umgekehrt? leider sind wir davon nicht nur in der Praxis meilenweit entfernt, sondern offensichtlich auch in der Zielsetzung des Präsidiums.

   Und hier schließt sich der Kreis, ich bin wieder bei unserem (Stand 19.11.) aktuellen Trainer Franz Gerber. Statt ebenfalls diese Jugendarbeit zu unterstützen, und gezielt Spieler aus der Oberligaelf oder gar der A-Jugend an die erste Mannschaft heranzuführen, holt man lieber Spieler aus dem benachbarten Ausland und schickt junge Spieler aus der ersten Mannschaft in die Oberliga zurück. Kann man dem wichtigsten Gut dieses Vereins, der Jugendarbeit, noch deutlicher ins Gesicht treten? Ist es nicht auch hier ein Armutszeugnis für den in der Presse so gefeierten Trainer, wenn ein Präsident, der nebenbei noch ein Theater zu leiten hat, wahrscheinlich mehr A-Jugend und Oberligaspiele gesehen hat, als der Trainer Halbzeiten?

   Ihr seht vieles ähnlich? Ihr seht vieles ganz anders? Egal, bildet Euch Eure eigene Meinung und kommt am 05.12. ins CCH zur JHV? oder werdet endlich Mitglied, wenn Ihr es noch nicht seid.

Frodo

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter