Nazis am Millerntor ' oder 'unpolitische Oi-Spacken'?

Ein Konzert im Clubheim des FC St.Pauli unter Teilnahme einer Nazi-Band? Ein Skandal, heraufbeschwört durch die lokalen Blätter Hamburgs und anonyme Beiträge in dem allseits bekannten St.Pauli-Forum. "Love Music-Hate Racism"- ein Konzert im Clubheim, an dem auch Perkele teilnehmen sollte. Und dies auch letztendlich getan hat. Die Vorwürfe von beinahe allen Seiten: Links zu und der Vertrieb durch Valhallarecords, OI!rec. und D.I.M.records, vertreiben unter anderem Skrewdriver, Kategorie C, Youngland und Ultimathule (bekennende Rechtsextremisten) auf der Homepage von Perkele.

   Spricht eigentlich gegen Perkele. Doch, ist das alles? Was auch immer noch an Vorwürfen dazukommen sollte, vielleicht kann dieser Artikel es widerlegen.

   Gehört und gelesen haben wir nun Gerüchte ohne Ende. Doch was ist wirklich wahr? Sam von den Skinheads, welcher das Konzert organisiert hat und in Kontakt zu Ron, Gitarrist und Sänger von Perkele stand, hat diesem eindeutig klar gemacht, dass er nicht mit Rechtsradikalen zusammenarbeiten wird. Ron war mit diesem vollkommen einverstanden, berichtete von einem Gig den Perkele abgebrochen hat, da Rechtsradikale in der ersten Reihe den Arm zum Hitler-Gruß hoben.

Spricht eigentlich eher für Perkele, oder?

   Doch die Gerüchte die sich um die Band rankten, sorgten dafür, dass die Beteiligung der Schweden von Seiten der Veranstalter angeblich abgesagt wurde. Wie konnte es also dazu kommen, dass der Gig dennoch stattfand? Auch hier mischen Unbeteiligte durch Gerüchte fleißig mit. Zum Beispiel ist von Blickkontakt zwischen Sven und Sam ist die Rede, welcher das Ganze genehmigt haben soll.

   Brigitte, ihres Zeichens Clubheimwirtin, schlief in der Nacht vor dem Konzert aus Angst vor Anschlägen im Clubheim, machte Kontrollgänge.

   Sie besteht auf der Tatsache, dass von ihrer Seite der Auftritt definitiv abgesagt war und fühlt sich nun von Sven und Sam hintergangen und überlegt, Sam in Zukunft eventuell keine Konzerte im Clubheim mehr veranstalten zu lassen.

   Sven Brux empfindet es als höchst bedauerlich, dass in unserer Fanszene eine solche Hexenjagd überhaupt möglich ist. Grässlich, dass Leute von anonymen Schreibern diffamiert werden, ohne die Vorwürfe wirklich beweisen zu können, welche obendrein die direkten Gespräche, die direkte Konfrontation scheuen. Obwohl Sam im Vorfeld des Konzerts und auch im Nachhinein mehrmals angeboten hat, über das Konzert und die Diskussion die um den Auftritt von Perkele entfachte, zu sprechen, wurde dieses Angebot von keinem der Aufheizer genutzt. Dies sei mehr als bedauerlich, und die Vorgehensweise der Linken, der Antifa solle in diesem Zusammenhang doch stark hinterfragt werden. Dies sei doch alles einfach keine Art der Auseinandersetzung. Es mag sein, dass die Band vielleicht etwas naive Ansichten an den Tag legt, doch den Vorwurf des Rechtsradikalismus müsse sie sich darum auf keinen Fall anhängen lassen. Sven selbst habe mit der Organisation des Konzerts nichts zu tun gehabt, sei als normaler Zuschauer anwesend gewesen- aus Neugier, wer sich denn nun hinter Perkele verbirgt und das Gespräch mit den Bandmitgliedern zu suchen. Sicherlich sei er in gewisser Hinsicht auch als 'Offizieller' des Vereins anwesend gewesen- eine Präventiv-Maßnahme, sollte nun doch etwas auf dem Konzert vorfallen. Sam sei sicherlich einer der Letzten der zugelassen hätte, dass Rechte ungehindert ein Konzert geben können. Er hätte Vertrauen verdient, aufgrund seiner eigenen Ansichten und der vorausgegangenen Konzerte. Auf keinen Fall könne es möglich sein, dass man nun eine anonyme Hetzjagd in der eigenen Fanszene zulässt. Während der Diskussionen um Perkele, entstand eine klare Spaltung innerhalb der Fanszene. Wären belegbare, vernünftige Argumente gegen Perkele gekommen, so hätte Sam mit Sicherheit mit sich reden lassen, hätte sich mit klaren, belegbaren Argumenten einer Absage gegenüber Perkele sicher auch überzeugen lassen, wären die negativen Gerüchte denn nun wahr gewesen. Die ganze Sache sei einfach nur bedauerlich und die Auswirkungen werden sicher noch lange spürbar sein.

   Sam, Veranstalter von "Love Music-Hate Racism", sieht sich der ganzen Sache in gewisser Weise machtlos gegenüber, wolle natürlich nicht ins falsche Licht geraten. Sieht in der Sache aber auch einen eventuellen direkten Schuss gegen die Skinheads, insbesondere in der Situation ihn, der ihnen Schaden zufügen soll. Sorgfältigst habe er das Konzert geplant, strenge Sicherheitsvorkehrungen, ausführliche Gespräche mit Perkele, ein vierseitiger Bericht für den Verein in dem über die Bands, welche an diesem Abend auftreten sollten, informiert wurde. Ein Konzert an dem er keinerlei finanziellen Gewinn hat, organisiert um Spaß und Freude zu haben, den Leuten Auftritte guter Bands zu bieten. Natürlich könne man nicht immer einer Meinung sein, doch es müsse doch möglich sein, darüber zu sprechen, es auszudiskutieren und sich anschließend auch wieder in die Augen sehen zu können. Einfach nur stur ist Sam in keinster Weise, doch auf keinen Fall lasse er sein Handeln von anderen Leuten bestimmen, wenn diese ihm nicht vernünftige Gründe für ein Umdenken geben können. Dennoch sagte Sam den Auftritt von Perkele ab- aus Sicherheitsgründen. Er senkte den Eintrittspreis von 10 auf 8 ? und informierte jeden darüber, dass Perkele nicht spielen würde.

   Durchaus überrascht sei er von der eigentlichen Anreise der Band gewesen, denn sie reisten nicht etwa in Tourbus oder per Flieger an, sondern in einem Bus zusammen mit mehreren Rentnern, ihr Equipment in kleinen Köfferchen verstaut. Da ihre 'Deutschland Tournee' nun einmal in Hamburg beginnen sollte, die Zimmer in der Stadt schon gebucht, war die Band nun einmal vor Ort. Mühsam hatten die Tourbegleiter, ein Paar aus Deutschland, die Jungs wieder aufgebaut, denn die ständigen Anschuldigungen und Auseinandersetzungen nagen an ihnen. Sie bekamen die Möglichkeit, wenigstens Merchandise-Artikel auf dem Konzert an den Mann zu bringen.

   Vor dem Konzert gab es eine große Gesprächsrunde an der unter anderem Sam, Perkele, Volxsturm, Outfits und Andreas Speit, Autor des taz-Artikels 'Nazis am Millerntor?' zugegen waren. Speit habe nach dem Gespräch zwar eine gewisse Einsicht erkennen lassen, ließ sich aber scheinbar nicht wirklich überzeugen. Erlaubt wurde der Band während des Abends auf die Bühne zu gehen und dort eine Ansage gegenüber dem Publikum zu machen. Für diese Chance waren Perkele sehr dankbar und nutzten sie auch, gaben ein ganz klares Statement gegen Nazis, gegen Rechtsradikalismus ab. Dieses untermalten sie dann jedoch, nach Absprache mit den anderen Bands, noch mit einigen Songs, beendeten ihren Auftritt auf Zeichen von Sam dann nach 3-4 Songs auch wieder. Zwar sei Sam überrascht gewesen, sah jedoch keine Möglichkeit, den Auftritt zu unterbrechen. Hätte er etwa auf die Bühne stürmen und die Band am Spielen hindern sollen? Das Publikum sei letztendlich begeistert gewesen, habe Zugaben gewollt. Man solle der Band aber auf keinen Fall einen Vorwurf dafür machen, so Sam. Dankbar und froh sei er für die Loyalität und den Zusammenhalt, den er dennoch in diesen Tagen erfuhr, dies mache die Szene aus.

Zurück zu der Frage, wie Perkele nun einzuordnen sein könnte.

   Die Tatsache, dass Perkele mit linken Bands, unter einem Motto gegen Rechts, dass sie in diversen Punk-Läden aufgetreten sind, all dies scheint nicht wirklich zu überzeugen. Mal ganz ehrlich, würden Nazis so etwas machen?

   Man könnte also die Songtexte der Band übersetzen, um zu sehen, ob sich darin rechte Botschaften aufzeigen. Man erhält dann unter anderem folgende Passagen:

"Wenn ich mir unsere Erde ansehe, beginnen die Aggressionen in mir zu kochen.
Ein ständiges Machtverlangen, überall wo ich hin gucke.
Bullen die auf unschuldige Leute einprügeln und einfach so davon kommen.
Wie lange sollen wir denen, die ihre Macht ausnutzen noch zugucken?"

"Das war damals, wo es noch keinen Krieg gab
Es gab keine Waffen auf unserer Welt
und allen ging es gut
Damals hatten alle essen und niemand litt Not
Und alle hatten Arbeit
Es gab keine Pädophilen, Vergewaltiger und Bürgerschweine
Über die man sich aufregen konnte
Alle hatten einen Platz zum Wohnen
Und alle hatten einen Lohn mit dem sie
sich versorgen konnten
Ja, das waren Träume an die man sich erinnern will
Oder waren es nur Träume?
Ja, das waren Zeiten an die man sich erinnern will
Oder Träume der besten Sorte"
"Ein Kampf für dieses Leben, Ein Kampf für dieses Land,
Ohne Drogen und Prostitution
Für eine Zukunft unserer Kinder
Das sind Sachen für die wir uns streiten müssen"
(aus 'Maktbegär', 'Det var då' und Från flykt till Kamp')

   Spricht eigentlich nicht gegen Perkele, oder?
Man könnte Leute fragen, die wirklich wissen was Sache ist. Mit Hilfe von Pettersson und Hannu, Mitglieder der 'Verstehe-Nicht-Crew' aus Schweden, Stockholm bekam ich einige Fakten über Perkele, die bisher niemand erwähnt hat (oder erwähnen wollte?).

   Hannu ist bekennender Anarchist und Antifaschist, in der schwedischen Musikbranche tätig und kennt Ron seit nunmehr zehn Jahren. Als sie sich kennen lernten waren Perkele noch eine Punkband und wurden von MRN Records vertrieben, einem eher linksorientierten Label. Laut ihm waren und sind sie niemals eine rassistische Nazi-Band gewesen. Die Mitglieder der Band seien früher Mitglieder der Ung Vänster (junge Linke) und der KPMLR (kommunistische Partei) gewesen, als Band seien sie jedoch unpolitisch. Hannu selbst ist der Meinung, es gäbe nicht schlimmeres als unpolitische Bands, doch es habe sich zum Trend in Schweden entwickelt und die meisten schwedischen OI/Skinhead Bands seien es heutzutage, obwohl sie gegen Rassismus sind. In Schweden werden Perkele von den Nazis gehasst, ebenso sind sie jedoch bei der Antifaschistischen Aktion nicht besonders beliebt, da Patriotismus im Punk von diesen nicht befürwortet wird. Hannu kann nur bestätigen, dass Perkele keinerlei rassistische oder nazistische Sympathien hegen.

   Spricht eigentlich eindeutig für Perkele, oder?
Sam hatte unglaublich viel Ärger, sah sich ständig dahin geworfenen Gerüchten gegenüber ohne die Chance zu bekommen, dies mit den Leuten auszudiskutieren, musste darüber hinaus Drohmails über sich ergehen lassen. Brigitte hatte Angst um ihr Clubheim. Das Knust sagte einen Auftritt von der Band nach erfolgreichen Einschüchterungsversuchen, von Entglasung war die Rede, sollte das Konzert stattfinden, ab. Sven's Reifen wurden zerstochen (mag ein Zufall sein, aber direkt nach dem Konzert, und in 18 Jahren Wohnen und Parken auf dem Kiez, ohne jegliche Vorfälle ?) und Perkele bekamen anonyme Drohanrufe als bekannt wurde, dass sie einen Gig in Hamburg planen. Nach dem Abend in Hamburg starteten die Jungs ihre Tour. Geplant war ein Konzert in Münster, welches verlegt werden musste, weil Unbekannte ziemlich authentische Flyer in der Stadt verteilt hatten, wonach das Konzert abgesagt sei. Es kamen nur ca. 70 Leute zu dem Gig.

Sollte man sich von Drohungen anonymer Gerüchtetreiber einschüchtern, sich von ihnen lenken lassen und ihnen den Weg für ihre Hetzjagd frei machen, ihnen keine Stirn bieten und die Leute uninformiert lassen?
Nein,sicher nicht.

   Auch wenn ich es selber nicht gutheißen kann, dass Perkele sich von einem Label wie Valhallarecords vertreiben lassen, weil es scheinbar keine andere Möglichkeit gibt- sicher gäbe es noch andere Möglichkeiten. So sollten sich einige Leute vielleicht mal informieren, bevor sie losreden, Gerüchte hinterfragen bevor sie sie aufbauschen und herum posaunen. Oder besser einfach mal die Klappe halten. Ach, und noch etwas: die Skinheads laden zur 'Weihnachtsfeier mit Nazis' und Karaoke, (gerne im Clubheim) am 21.Dezember 2003. Nicht entgehen lassen!

von SIN

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