Freiheit am Horizont
Querpässe mit Johnny Cash

"It's good to know who hates you.
And it's good to be hated by the right people."
Johnny Cash

   John R. Cash ist tot. Als klar war, dass der Übersteiger dies aufs Cover nimmt, reagierte ich verärgert. Was bildeten wir uns eigentlich ein? Musste an all die yuppieesken Spießer in den Agenturen von Berlin-Mitte denken, die sich berufen sahen, direkt nach Cashs Tod etwas über ihn zu schreiben, ein T-Shirt zu drucken, rumzuposaunen, etc. - Hört ein für allemal her, Johnnys berühmter Stinkefinger ist auch gegen euch. Die Aeronauten haben euch in ihrem Stück "Countrymusik" genau zwischen die Augen getroffen: "Und es interessiert uns einen Dreck, was draußen vor sich geht, / denn es ist nur ein Werbegag, wenn sich die Arbeiterschaft erhebt. / Und sie lachen in ihren PR-Büros, ich hör sie vor ihren Fenstern draußen. Und leise hört man Johnny Cash in ihren Mittagspausen..." Denn genau so sahen die ersten Tickermeldungen auch aus. Bei Reuters war zwischendurch mal von "Johnny Nash" die Rede, woanders behaupteten "Fans", die ihn "schon immer geliebt" haben, dass der letzte Song "Hurt" - wohlgemerkt von der Band "Nine Inch Nails" - der beste sei, "den er je geschrieben" habe.

   Cash hören kann solchen PR-Heinzen in egomaner Mission niemand verbieten, sich interessant machen durch auf den Zug springen auch nicht. Traurig aber, dass selbst der Tod von Johnny Cash diesen omnipotent umnachteten Hornochsen nicht doch einen einzigen geistreichen Moment würdevoller Zurückhaltung beschert hat. -Mögt ihr auf ewig an eine Werbeagentur gefesselt elendig verenden. An Menschen wie euch muss er gedacht haben, als er sang: "I shot a man in Reno / just to watch him die." Zu seinem Leidwesen seid ihr noch da: "But those people keep on moving / and that's what tortures me." Ihr könnt ihm hinterher reiten, ihr werdet ihn nicht einholen.

   Johnny Cash war auch kein St. Paulianer - und somit verärgert es mich weiter, wenn das hier so verstanden würde, als wolle der ÜS ihn eingemeinden. Cash hat wahrscheinlich niemals ein Fußballspiel gesehen. Aber er gehörte zum St. Pauli des Country - zusammen mit Hank Williams, Kinky Friedman und weiter entfernt auch Woody Guthrie, der einst auf seine Gitarre geschrieben hatte: "This machine kills Fascists". Wie der FC St. Pauli im Fußball waren sie in ihrer Musikszene Geschenke des Himmels, einsame Reiter in einer ansonsten verkommenen Prärie aus gleichgeschalteter Jubelperser-Einöde.

Wie der FC St.Pauli im Fußball waren sie in ihrer Musikszene Geschenke des Himmels, einsame Reiter in einer ansonsten verkommenen Prärie aus gleichgeschalteter Jubelperser-Einöde.

   Die Indianer nahmen es Cash ab, wenn er "The Ballad of Ira Hayes" sang, einen Protestsong des Nargaset-Indianers Peter LaFarge. "Ihr könnt mich abstempeln, mich in eine Schublade stecken - mich ersticken, aber es wird nicht funktionieren", legte Cash sich im Billboard Magazine mit den Radiostationen an, als die ihm wegen "Ira Hayes" Populismus vorwarfen. Auch der Ku-Klux-Klan schickte ihm Morddrohungen. Noch zwei Jahrzehnte später sagte Cash darüber: "Man sollte jedem dieser Burschen 40 Hiebe mit einer Schlangenpeitsche geben." Cash, der selbst gegenüber dem Schill-Versteher und Ehefrau-Verprügler Gunter Gabriel eine fast übermenschliche Barmherzigkeit zeigte und ihm in der Kölner Sporthalle zurief: "Come on stage, Gunter, let us sing a song".

   Die Leute nahmen Cash ab, wenn er über einfache, aber elegante Vertonung zu seiner schwarzen Kleidung erklärte: "I wear the black for the poor and the beaten down / living in the hopeless hungry site of town." Auch seine zahlreichen Knastauftritte, bei denen er immer für bessere Haftbedingungen eintrat, nahmen ihm die Insassen ab, weil er es in dem Moment verstand selbst Insasse zu werden. Nicht wie ein Schauspieler, sondern so, wie es der Philosoph Gilles Deleuze fordert: In den entsprechenden Situationen, beim Songschreiben wurde Cash Indianer, Knacki, Plantagenarbeiter. Selbst später baute er noch noch schätzenswerte Ansagen wie "Heavy Metal - Don't mean Rock'n Roll to me" in seine Songs. Vor Wut haute Cash einmal in der Grand Ole Opry, dem konservativen Country-Mekka, während eines Konzerts alle Bühnenlampen kaputt, flog raus, hinterließ schon in den 1950ern Berge von Hotelzimmermobiliartrümmern, zeigte auch den verfickten Labelcheckern und Radioignoranten auf einer eigens gemieteten Magazinseite 1997 den Stinkefinger und fühlte sich auf der Bühne im grauseligen Knast Folsom oder San Quentin wohler, als bei den üblichen karlmoikartigen Countryklienten: "Nachdem ich einige Male im Gefängnis gesessen hatte, sagte ich mir, die Polizei sei mein größter Feind." - Ultras, schaut auf diesen Mann. Durchkreuzt du mit Cashs Musik im Zug dieses schreckliche Deutschland zu irgendwelchen Auswärtsfahrten, kannst du ab und an erahnen, was Freiheit bedeuten könnte. Dir wird klar, dass sie nicht in diesem Land kauert, sondern irgendwo am Horizont. Und du begreifst, dass jede Auswärtsfahrt ein Ritual ist, diesen Horizont zu erreichen. Ein pathologisch masochistisches Ritual, da du dein Ziel innerhalb dieses Schweinesystems Fußball nie erreichst. Denn jedes Ritual, jede Abhängigkeit muss deiner Freiheit im Weg stehen. Wenn du es verstehst hinzuhören und dabei Country zu werden, lässt Cash dir auch das bewusst werden: deine Furcht vor der Freiheit, den illusionären Ersatz, das Symbol, das du dir zusammen gezimmert hast: den so oft überstrapazierten "Mythos" St. Pauli.

Ohne Cash im Halfter wäre ich ganz sicher vor den Baum gefahren.

   Wie sehr hatte mir Cash immer geholfen, wenn ich damals aus Duisburg mit dem Auto nach Hamburg zu meiner Liebsten in die Simon-von-Utrecht-Straße fuhr, um dann, nach ein wenig Nestwärme, mit ihr zusammen zu unserer gemeinsamen Liebe, dem FC St. Pauli zu gehen. Wie oft legte ich im Auto beinahe truckerklischeehaft Johnny Cash ein, damit er meine zufallenden Augen wieder aufklappte und mich zu ihr brachte: "I keep a close watch on this heart of mine / I keep my eyes wide open all the time", sang er mich für sie wach: "Because your mine / I walk the line."

   Einmal rief mich die Süße um sechs Uhr früh an. Sie kam gerade aus dem "Letzten Pfennig" und hatte den Sonnenaufgang mitgebracht. Sie erzählte einen halbstündigen Wasserfall, was alles passiert war und dass sie mich liebt. Als ich dann antworten wollte, hörte ich ein Rumpeln am anderen Ende. Und nach drei Sätzen merkte ich, dass sie nicht mehr am Hörer war. Angst. - Unglücklich nach dem Alkoholexzess hintenüber gefallen? Plötzlich ein Fremder in der Wohnung? Was...? Mir blieb keine Wahl als der Sprung ins Auto und auf nach Hamburg. Hatte zuvor nächtelang geschrieben und getrunken, getrunken und geschrieben. Ohne Cash im Halfter wäre ich ganz sicher vor den Baum gefahren. Solche Fahrten fingen immer mit Fink an: "Ich tu all meine Sachen in eine Kiste und besorg mir einen Fahrschein zu dir. / Ich hab mir ein Jacket ausgeborgt und am Friedhof eine Blume besorgt." Nach dem ersten Sekundenschlaf dann coverten June Carter und er "Jackson": "We got married in a fever / hotter than a pepper sprout."

   Als ich ankam, klingelte ich Sturm bei ihr und sie öffnete - es war ja zu ahnen -sichtlich irritiert, vollkommen verschlafen und schön, den Hörer noch in der Hand. Sie hatte mir halt ihre Geschichte am Telefon erzählt und war, davon ausgehend, dass meine Antwort langweiliger würde, völlig erschöpft und wohlig betrunken eingeschlafen. Einen halben Tag durften wir uns in die Arme nehmen, bis ihre Liebe und Johnny Cash mich wieder sicher über die Autobahn zurück ins Ruhrgebiet lotsten. Sein Rockabilly ist seitdem immer mit diesen Fahrten zu St. Pauli verbunden - Boom-Chicka-Boom - und mit den Gefühlen, wie es war, sich mehr und mehr in diese großartige Frau zu verlieben.

   Niemand kann so tränentreibend tief wie Johnny Cash "I won't back down" von Tom Petty singen und nicht wissen, dass es seitdem zu meiner Hymne im Kampf um den Stehplatz wurde: "In a world that keeps on pushing me around / will I stand my ground. / And I won't back down." Cash covert das, weil es ihn was angeht und weil es um ihn geht. Und weil er patchworkt, würde er verstehen, dass meine Erinnerungen fließen, wenn er mit ach so tiefer Stimme loslegt und immer noch tiefer werden kann. Auch für ihn flossen die Erinnerungen, als er z. B. "Five feet high and rising" über die Flutkatastrophe in seiner Kindheit schrieb. Er würde verstehen, dass er für mich nicht nur der "Man in Black", sondern auch der "Man in Brown-White" ist - weil nämlich meine Geschichte es so will. Der "wandelnde Widerspruch", wie Kris Kristofferson einst Johnny Cash nannte, hatte zwei entscheidende Fehler: das christliches Gemüt und den kruden Verfassungspatriotismus. Cash würde vielleicht kontern, dass mein Fehler der FC St. Pauli sei und dies mindestens alles aufwiege. Okay, da tun wir uns nichts. Und so ist dies ein persönlicher Text. Auf den ersten Blick. Denn im Grunde ist alles nur ein Beispiel für eine situationenverbundene Anwendung von Cashs Musik.

   Jetzt ist es Herbst. John R. Cash ist seiner Liebe June Carter, zu der er aufblickte wie sie zu ihm, nach einem halben Jahr ins Grab gefolgt. Ewige Jagdgründe, cry, cry, cry. Er hatte sich aus dem Krankenhaus entlassen, um noch an ein paar Songs zu arbeiten. Johnny Cash hat sich immer in einem wunden Leben geaalt, dass den Tod griffbereit hielt. Ohne jemals zu vergessen, eines auszustrahlen: "There need to be changes / everywhere you go".

gerd

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