Das Internet macht mein St. Pauli kaputt!

   Im Jahre 1982 besuchte ich eines meiner ersten Heimspiele am Millerntor gegen den VFB Lübeck. St. Pauli spielte damals in der Oberliga und kaum einer nahm diesen nahezu bankrotten Verein ernst. Hm, verblüffende Parallelen zur Situation am Anfang dieser Saison sind nicht von der Hand zuweisen. St.Pauli siegte haushoch mit 6:1, doch was mir vielmehr in Erinnerung geblieben ist, war der kleine Haufen Schläger, damals noch nicht Hools genannt, der in den Lübecker Anhang lief und eine wüste Prügelorgie anzettelte, da man zu der Zeit noch komplett durch die Stehplatzränge des Millerntors spazieren konnte. Und? Hat sich irgendjemand in den nächsten

   Wochen darüber aufgeregt? Wahrscheinlich schon, aber es wurde nicht in der anonymen Öffentlichkeit des Internets breitgetreten und niemand wurde "zu einer Stellungnahme dieser Geschehnisse" gezwungen. Heute braucht nur ein Skinhead am Hafen an einer verschlossenen Tür rütteln oder ein St. Pauli-Fan einem anderen in der Ahrensburger Fußgängerzone körperliche Züchtigung androhen und schon gibt es von Unbeteiligten, die zu diesem Zeitpunkt mehrere, wenn nicht gar hunderte von Kilometern entfernt waren so sehr auf die Fresse, als hätten sie alles von oben aus beobachtet und sind unsere oberste judikative Fan-Instanz auf diesem Planeten.

   Um eines gleich klarzustellen und damit nicht gleich einige Leser das Heft wegen Duldung von Gewalt oder ähnlichem Quatsch zur Seite legen: auch ich fand die Aktion an der Cap San Diego mehr als überflüssig und finde es vollkommen daneben, dass sich Fans untereinander wegen differierender Supportansichten aufs Maul hauen. Aber ich maße mir bestimmt nicht an, ein Urteil über solche Aktionen zu fällen, ohne die Begleitumstände zu kennen.

   Dabei fing doch alles mal so viel versprechend und wohlwollend als Informations- und Diskussionsmedium mit Disclaimer-Regeln an. Um hier nur mal ein paar, für mich aber wichtige Regeln aus Absatz V (nicht geduldete Beiträge) zu nennen:
B. Minderheiten (und dazu zähle ich einzelne Fan-Gruppierungen und Fanclubs; Anm. des Autors) verleumden oder diskriminieren
c. beleidigenden Inhalt haben
h. vorsätzlich gepostet werden, um eine Diskussion zu behindern

"Das Forum ist ne bessere Klowand"

   Das St.Pauli-Forum der Fans ist zwar bei weitem noch nicht so polemisch und prollig, wie das offizielle des Vereins, als Beispiel mal dieses Posting über den letzten ÜS ("Ok, einverstanden. Ist nicht wirklich gelungen. den übersteiger allerdings als das "grösste" zu bezeichnen, kann ich nicht nachvollziehen. 80% politische Agitation, will ich nicht lesen, nicht beim sport. wenn die bürschchen pubertäre probleme haben, sollen die das mit sich ausmachen. ich will solche negativ geschichten absolut nicht lesen. nicht mal umsonst. und schon gar nicht für irgendeinen betrag. dann lieber die vorausberichte der presse. und die sind ebenfalls manchmal eher eine zumutung, allerdings ohne politische Anmache."), ist aber leider auf dem besten Wege, sich von einem Info- und Duskussionsforum in ein Wichtigtuer-, Ankläger- und Posting-Schinder-Forum zu verwandeln. Am treffendsten im Zusammenhang mit überflüssigen, ach so witzig gemeinten Kommentaren finde ich das Forum-Zitat "Das Forum ist ne bessere Klowand". Es ist zwar richtig, grobes Fehlverhalten von Fans, Funktionären, Spielern, usw. zu hinterfragen und anzuprangern, wer aber gleich in der Threaderöffnung eine unbestätigte, diskriminierende Wertung von Sachverhalten darstellt, wie es beispielsweise im CSD-Thread praktiziert wurde, hineinschreibt, verstößt aber per se bereits gegen die Disclaimer und führt eine Diskussion ad absurdum. Gerade weil dieser Thread von einem unregistrierten HSVer eröffnet wurde, sollte man doch erst mal abwarten, wie viel Wahrheitsgehalt in diesem Beitrag steckt und nicht so einen unreflektierten Blödsinn rausrotzen("denn so etwas gehört nicht zum FC St.Pauli, sondern irgendwo hin, wo sie sich dann auch heimisch fühlen, eventuell Hansa Rostock oder so etwas in der Art!"), wie dies ein regelmäßiger Forum-Schreiberling tat. Darüber hinaus hat sich dieser Schreiberling auch noch im HSV-Forum für das Verhalten "dieser" St. Pauli-Fans entschuldigt.

"Skinheads und Northside prügeln sich durch den Aachen-Sonderzug"

   Dann werden urplötzlich Fangruppierungen (z.B. Skinheads, USP, Northside) Beispiele von Gewaltaktionen angehängt, die gar nicht stattgefunden haben können, so á la "Skinheads und Northside prügeln sich durch den Aachen-Sonderzug". Dieses Pauschalisieren und Vorverurteilen hat gerade im letzten Jahr stark zugenommen, so als suchen einige "Party-Fans" nach einer Erklärung, warum die Stimmung während eines zweifachen Abstieges schlechter geworden ist, damit man auf der Arbeit seinen HSV-Kollegen Ausrede für einen abebbenden Millerntor-Roar hat. Ist natürlich der einfachere Weg, anstatt selber Toleranz gegenüber anderen Fanverhalten walten zu lassen und mal wirklich zu hinterfragen, warum sich was geändert hat. Ihr Paadie-Maker könnt diesen Scheiß ja ruhig weiterhin Euren Freunden, Kollegen und Verwandten erzählen, damit aber einen Thread unnötig aufzuplustern, finde ich aber vollkommen daneben. Nach jedem Spieltag gibt es mindestens einen Thread bzgl. USP. Man kann ja über Ultras denken, was man will. Aber ihnen permanent für alles die Schuld in die von Bengalos verkohlten Schuhe zu schieben ist ja wohl der absolute Gipfel der Diffamierung. Beispiele? Aber natürlich doch! Gepöbel mit anschließender Eskalation im Osnabrücker Bahnhof, Zielloses Verprügeln von St. Pauli-Fans in Ahrensburg ("Ich habe gerade einen Anruf bekommen, dass..."), Erstellen von gaaaanz gemeinen Tapeten gegen Bayern (es ging um den Ausschuss von Fanclubs), ach ich habe keinen Bock mehr, noch mehr zu nennen!!! Wie sich der kritische Umgang untereinander verändert hat, merken wir beim ÜS daran, dass wir keine Leserbriefe mehr erhalten, sondern uns unsere Kritik aus dem Forum ziehen müssen. Genau so schlimm wie das Vorverurteilen von Vorkommnissen ist das sinnlose zerlabern von Threads, damit man seinen Namen endlich mal öffentlich im Internet sieht, auch wenn man durch sein Pseudonym relativ anonym ist. Der Netzmeister schrieb mal so schön: "was auch in der aktiven fanszene passiert ist, wäre ohne internet nicht passiert. denn meiner einer würde immer noch keine sau kennen!" Auch wenn ich diesen Satz jetzt mal vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen habe, steckt in diesem doch der Grund vieler sinnentleerten Postings. Ein ehemaliges Halb-Redaktionsmitglied schrieb mal einen Artikel, den die Redaktion so nicht abdrucken wollte. Statt darüber intern zu diskutieren, wurde dieser Artikel im Forum veröffentlicht. Den Grund hierfür dürft ihr Euch selbst ausmalen. Es gibt eine schöne Rubrik im Forum, die sich Klönschnack / Laberecke nennt, da könnt ihr LeoManzies, Captain-Kirks, T.A.Ls, T-Shirt-Verkäufer oder wie ihr auch immer heißt, schreiben, was ihr wollt. Oder erreicht ihr dort etwa nicht die Aufmerksamkeit, die ihr mit Eurem Gelaber erhaschen wollt?

Nicht mal mehr untereinander zollt man sich den nötigen Respekt...

   Ein weiteres geistiges Armutszeugnis des derzeitigen Forum-Niveaus zeigt sich durch die persönlichen Beleidigungen und gruppenspezifischen Pauschalisierungen, die ebenfalls immer mehr zunehmen. Selbst wenn registrierte HSV-Fans versuchen (ok, oft gelingt es ihnen ja nicht ;O)), objektiv sich über Fußball, Fans und Rivalität zu unterhalten, wird grundlos die braunweiße Hasskappe aufgesetzt und rumgeprollt, dass sich die Balken biegen. Wenn selbst User, wie z.B. Upanster es schaffen, sich auf einer zivilisierten, nicht schwarz-weiß-blau gefärbten Diskussionsgrundlage zu unterhalten, sollte man dies doch eher mit Respekt begrüßen, anstatt permanent zu schreiben, dass sie sich in Ihr Forum verpissen sollen. Aber damit nicht genug! Nicht mal mehr untereinander zollt man sich den nötigen Respekt, ohne Polemik sich über Vereinspolitik, Choreografien, Mannschaft oder ähnlichem zu unterhalten. Manchmal frage ich mich, ob dies am mangelnden Intellekt liegt oder ob die Poster dies einfach nur witzig finden, durch persönliche Attacken Threads zu zerstören. Auch dies sind eigentlich Verstöße gegen die Disclaimer, nur kann man gar nicht so viel Unsinn löschen, wie von den Postern geschrieben wird. Was allerdings gelöscht wird und wer vom Board ausgeschlossen wird, entscheidet scheinbar der Webmaster im diktatorischen Stile ganz allein. Oder warum beleidigt man User mit PNs solange, bis sich ein ganzer Fanclub entscheidet, das St. Pauli-Forum zu boykottieren, wie es im Falle des Fanclubs Fidelitas geschehen ist? Dem Beispiel des Forum-Boykotts haben sich inzwischen mehrere aktive Fanclubs angeschlossen, das Niveau des Forums auf absehbarer Zeit merklich anheben wird.

   Natürlich bin ich ein Befürworter der offenen Kommunikation und eben deshalb aufmerksamer Verfolger des Forums. Der Sinn, sich kurzfristig Informationen und Stimmungen / Strömungen aus dem Internet zu ziehen ist ja auch vollkommen richtig. Aber solange ich mich für zwei, drei aussagekräftige Sätze 25-30 Seiten voller Gepöbel, verschiedene Smilies und soooo lustige Kommentare durchwursteln muss, werde ich meine Informationen aus geschlossenen Newsgroups, persönlichen E-Mails, Telefonketten oder Verbalkommunikation von Angesicht zu Angesicht ziehen. Es liegt an den Forum-Usern, dem Webmaster in der Funktion des objektiven Disclaimer-Kontrolleurs und vor allem Respekt und Toleranz gegenüber anderen, das Forum wieder zu einer Kommunikationsplattform aller St. Pauli-Fans zu machen!

Hoffnungsvoll Euer OhneArme

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